Brief Nr. 125 · 15. April 1933

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl,

fünf Stunden habe ich mit Gerty in der Sonne sitzend die Lage erwogen. Die Resultate dieser langen Erwägungen, in denen wir uns gemeinsam durch die ganze Wirrnis zu tasten suchten, möchte ich dir kurz andeuten. – Der Brief von D. St[oevesandt]1 war mir heute morgen und ist mir noch ein sehr bewegendes Eingreifen in unsere Situation. Du wirst ihm ja auch abspüren, daß er aus sehr ernsthaften (wenn auch vielleicht nicht sehr gründlichen) Überlegungen heraus geschrieben ist und vor allem aus einem sehr warmen Impuls für N., |286 der als solcher ja auch zu seinem Recht kommen muß. Was es mir schwer macht, ihn als ein gültiges Wort anzunehmen, ist einmal dies, daß er mit Voraussetzungen rechnet, die zwar bei D. St. zutreffen mögen und sie vielleicht autorisieren, dir so in den Weg zu treten, nicht aber bei N. Und was mir ihn geradezu verhängnisvoll erscheinen läßt, ist dies, daß er N.’s Weigerung, auf deinen Plan einzugehen, geradezu zur Mission macht. Dieser letzte Gedankengang ist mir erst durch Gerty ganz deutlich geworden, die aus den Gesprächen mit N. entnahm, daß sie im Grunde darauf warte, daß ihr jemand sage, daß sie aus letzten Gründen nicht von dir dürfe. Das ist nun also geschehen, und zwar eben von einem Menschen, der das sehr gut sagen kann. Nun ist mir auch sehr klar, was Nellys Brief die gewisse Ruhe gab und was sie mit dem «ernsthaften Grund» sagen wollte. – Lieber Karl, was dazu zu sagen ist, das wirst du dir selbst sagen. Der Brief war mir darum bewegend, weil er geradezu klassisch die Stimme aller «Gutgesinnten» darstellt, die sich ja sicher im Chor erheben wird. Und er hat mir deutlicher als alles Bisherige die ungeheure Schwierigkeit dieses Weges gezeigt, auf dem nicht nur die beschwörenden Hände St.’s, sondern noch ganz anderer Leute warten. Ausschlaggebend und bestimmend für mich kann und wird nur sein, ob du innerlich zu dem nun eingeschlagenen Weg stehen kannst. Wenn du entschlossen bist, ihn zu gehen, gehe ich mit. Wenn er dir aber durch diese oder jene Stimme doch wieder fraglich werden sollte, so darfst du sicher sein (und das wollte ich dir im Gedanken an eine mutlose Äußerung der letzten Woche noch einmal ausdrücklich sagen), daß ich auch da mitgehe, und zwar nicht nur äußerlich. Es erleichtert die Situation nicht, daß N. nun diese Position bezogen hat als gleichsam von Gott in räumliche Nähe verordnet. Aber ich bin überzeugt, wenn du das nicht auch so sehen mußt, daß du dann D. St. und ihr gegenüber wohl das Wort finden wirst, dies von dir zu weisen. Zumal mir in den beiden Briefen von St.2 der Weg der Scheidung falsch, d. h. nicht deinem Verständnis dieses Weges entsprechend verstanden scheint. Und ein wenig erschütternd ist mir, wie wenig auch von D. St. die innere Gemeinsamkeit verstanden wird, um die du in deinen Briefen geworben |287 hattest*. – Aber das muß jetzt alles so sein. Diese Stimme mußte ertönen. Und vielleicht ist es gut, daß sie gleich am Anfang ertönt. Ist es nicht doch so, daß St. nun auch im besten und feinsten Sinn das Christentum zur Lebensgestaltung brauchen und daß D. St., wenn sie von der «Notgemeinschaft»3 spricht, das meint, wie ja auch N. es immer meint? Und daß du da notwendig versagen mußt und ich auch? Das, was wir unter Versagen meinen, fällt ja vielleicht damit irgendwie zusammen, und doch, und doch – – – Ach, lieber Karl, der Wunsch von N., daß wir jetzt «ausruhen», ist illusorisch. Wir werden vielleicht jahrelang, vielleicht ein Leben lang nicht ausruhen. Aber das ist ja auch nicht das Wichtigste. –

Deine Stimme am Telefon klang auch so freudlos. Oder bist du nur befangen dort? Ich rufe morgen abend jetzt nicht an, weil das nun heute geschah. – Die Nachricht aus Berlin4 ist erfreulich, aber auch das wird den Auftakt bedeuten zu viel Schwerem. – Lieber Karl, ich bin müde und sehr traurig, aber ich habe dich lieb.

Deine
Lollo

* sondern wie sie dich pädagogisch behandeln zu müssen glauben!
(Zeig meine Briefe bitte nicht deiner Mutter. Sie mißversteht mich ja doch auch nur, wie mir das ja auch in den Briefen von D. St. entgegentritt. Du Armer, «blende» ich dir wirklich die Augen?5 Und treibt es (lies Lollo) dich jetzt wirklich hemmungslos in diese Richtung?6) |288
Eben waren zwei Studenten, Stählin7 und sein Freund, zwei Stunden bei mir. Nun schnell auf die Post!!

Sachfußnoten

1
D. Stoevesandt warb unter dem Eindruck ihres Gespräches mit Nelly Barth (s. oben S. 283, Anm. 2) in ihrem zwölfseitigen Brief vom 12.4.1933 bei Barth um Verständnis für die ablehnende Haltung seiner Frau zu einer Scheidung im Gegensatz zur Möglichkeit einer vorübergehenden Trennung. Siehe Auszüge aus diesem Brief in Bw.Th. III, S. 391, Anm. 3, und S. 392, Anm. 4 📖, und vgl. dazu die weiteren Ausführungen von Kirschbaums in ihrem Brief an E. Thurneysen von 17.4.1933 in: Bw.Th. III, S. 390–392.↩
2
Von Kirschbaum bezieht hier auch den Brief von K. Stoevesandt, ebenfalls vom 12.4.1933, ein; vgl. Bw.Th. III, S. 392, Anm. 4, und S. 399, Anm. 3 📖.↩
3
Gegenüber den Kindern und engen Vertrauten wurde offen von einer «Notgemeinschaft» zwischen K. Barth, Ch. von Kirschbaum und N. Barth gesprochen (vgl. dazu R. Marquard, «daß es Gnade ist, so dran zu sein.» Über die «Notgemeinschaft» Karl Barth, Charlotte von Kirschbaum und Nelly Barth anhand des Briefwechsels zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen 1930-1935, in: ThLZ, Jg. 126 [2001], Sp. 580-589 📖).↩
4
K. L. Schmidt hatte Barth am 13.4.1933 (KBA 9333.204) von einer vertraulichen Mitteilung des preußischen Hochschulreferenten wissen lassen, daß Barths Brief an den kommissarischen preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung B. Rust vom 4.4.1933 (s. unten S. 290, Anm. 5) «einen durchaus guten Eindruck im Ministerium gemacht habe» und er «eine entsprechende Antwort erhalten» solle (vgl. Briefe 1933, S. 112-114 📖).↩
5
Anspielung auf eine Wendung aus dem Brief von D. Stoevesandt.↩
6
Anspielung auf eine Wendung aus dem Brief von K. Stoevesandt.↩
7
Leonhard Stählin (1911–1942), studierte im Sommersemester 1932 bei Barth in Bonn und wechselte dann für zwei Semester nach Basel; 1934-1938 Verweser, Religionslehrer und Stadtvikar u. a. in München, 1938-1940 Assistent in Halle, ab 1940 Kriegsdienst.↩