285
125
von Kirschbaum an B. in
Bern
fünf Stunden habe ich mit Gerty in der Sonne sitzend
die Lage erwogen. Die Resultate dieser langen Erwägungen, in denen wir uns
gemeinsam durch die ganze Wirrnis zu tasten suchten, möchte ich dir kurz
andeuten. – Der Brief von D. St[oevesandt]1 war mir heute morgen und ist mir noch ein
sehr bewegendes Eingreifen in unsere Situation. Du wirst ihm ja auch abspüren,
daß er aus sehr ernsthaften (wenn auch vielleicht nicht sehr gründlichen)
Überlegungen heraus geschrieben ist und vor allem aus einem sehr warmen Impuls
für N., |286 der als solcher ja auch zu seinem Recht kommen muß. Was
es mir schwer macht, ihn als ein gültiges Wort anzunehmen, ist
einmal dies, daß er mit Voraussetzungen rechnet, die zwar bei D. St.
zutreffen mögen und sie vielleicht autorisieren, dir so in den Weg zu treten,
nicht aber bei N.
Und was mir ihn geradezu verhängnisvoll erscheinen läßt, ist dies, daß er N.’s Weigerung, auf
deinen Plan einzugehen, geradezu zur Mission macht. Dieser letzte Gedankengang
ist mir erst durch Gerty ganz deutlich geworden, die aus den Gesprächen mit N. entnahm, daß sie
im Grunde darauf warte, daß ihr jemand sage, daß sie aus
letzten Gründen nicht von dir dürfe. Das ist nun also geschehen, und
zwar eben von einem Menschen, der das sehr gut sagen kann. Nun ist mir auch sehr
klar, was Nellys
Brief die gewisse Ruhe gab und was sie mit dem «ernsthaften Grund» sagen
wollte. – Lieber Karl, was dazu zu sagen ist, das wirst du dir
selbst sagen. Der Brief war mir darum bewegend, weil er geradezu klassisch
die Stimme aller «Gutgesinnten» darstellt, die sich ja sicher
im Chor erheben wird. Und er hat mir deutlicher als alles Bisherige die
ungeheure Schwierigkeit dieses Weges gezeigt, auf dem nicht nur die
beschwörenden Hände St.’s, sondern noch ganz
anderer Leute warten. Ausschlaggebend und bestimmend für mich kann und wird nur
sein, ob du innerlich zu dem nun eingeschlagenen Weg stehen kannst. Wenn du
entschlossen bist, ihn zu gehen, gehe ich mit. Wenn er dir aber durch diese oder
jene Stimme doch wieder fraglich werden sollte, so darfst du sicher sein (und
das wollte ich dir im Gedanken an eine mutlose Äußerung der letzten Woche noch
einmal ausdrücklich sagen), daß ich auch da mitgehe, und zwar nicht nur
äußerlich. Es erleichtert die Situation nicht, daß N. nun diese Position
bezogen hat als gleichsam von Gott in räumliche Nähe verordnet. Aber ich bin
überzeugt, wenn du das nicht auch so sehen mußt, daß du dann D. St. und
ihr gegenüber wohl das Wort finden wirst, dies von dir zu weisen. Zumal mir in
den beiden Briefen von St.2 der Weg der
Scheidung falsch, d. h. nicht deinem Verständnis dieses Weges
entsprechend verstanden scheint. Und ein wenig erschütternd ist mir, wie wenig auch von
D. St.
die innere Gemeinsamkeit verstanden wird, um die du in deinen Briefen geworben
|287 hattest*. – Aber das muß jetzt alles so sein. Diese
Stimme mußte ertönen. Und vielleicht ist es gut, daß sie gleich am
Anfang ertönt. Ist es nicht doch so, daß St. nun auch im besten und feinsten Sinn das
Christentum zur Lebensgestaltung brauchen und daß D. St., wenn sie von der
«Notgemeinschaft»3
spricht, das meint, wie ja auch N. es immer meint? Und daß du da
notwendig versagen mußt und ich auch? Das, was wir unter Versagen meinen, fällt ja vielleicht damit irgendwie zusammen, und doch, und
doch – – – Ach, lieber Karl, der Wunsch von N., daß wir jetzt «ausruhen», ist
illusorisch. Wir werden vielleicht jahrelang, vielleicht ein Leben lang
nicht ausruhen. Aber das ist ja auch nicht das
Wichtigste. –
Deine Stimme am Telefon klang auch so freudlos. Oder bist du nur befangen dort?
Ich rufe morgen abend jetzt nicht an, weil das nun heute geschah. –
Die Nachricht aus Berlin4
ist erfreulich, aber auch das wird den Auftakt bedeuten zu viel
Schwerem. – Lieber Karl, ich bin müde und sehr traurig, aber
ich habe dich lieb.
* sondern wie sie dich pädagogisch behandeln zu müssen
glauben!
(Zeig meine Briefe bitte nicht deiner Mutter. Sie mißversteht mich ja doch auch nur, wie mir das ja
auch in den Briefen von D. St. entgegentritt. Du
Armer, «blende» ich dir wirklich die Augen?5 Und treibt es (lies Lollo) dich jetzt
wirklich hemmungslos in diese Richtung?6) |288
Eben waren zwei Studenten, Stählin7 und sein Freund, zwei Stunden bei mir. Nun schnell
auf die Post!!