Brief Nr. 124 · 14. April 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum auf dem Bergli

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L.L.!

Noch ist nicht viel zu erzählen, aber du sollst morgen doch nicht ohne einen Gruß von mir sein. Es gab gestern auf dem Berner Bahnhof dann noch einmal ein Sichverfehlen, aber schließlich kam alles zurecht, und das Gemeinschaftsleben von Mutter und Sohn konnte wieder einmal beginnen mit seinen schönen und auch mit seinen etwas schwierigeren Seiten. Wir haben, wie vorauszusehen war, bis um Mit|284ternacht über Alles geredet. Auch sie hatte einen etwas ruhigeren Brief von N., auf den hin sie nun natürlich geneigt ist, zu weiterem Abwarten zu raten. Der Gedanke an die Scheidung erfüllt sie mit allen möglichen großen und kleineren, inneren und äußeren Sorgen. Aber noch läßt sich nicht sagen, wo unsere Gespräche schließlich hinführen werden. Genug, daß sie sich vorläufig in einem im Ganzen guten und offenen Sinn führen lassen.

Wir haben heute morgen eine schwache Predigt von Pfr. Bäschlin1 gehört, einem Mann, mit dem ich noch studiert habe, der aber seither sehr verworren gelebt haben muß als Pfarrer. Bewegend war mir eigentlich nur das Lokal, die Nydeggkirche, in der ich einst die in ihrer Art gewaltigen Predigten von Aeschbacher2 gehört, in der ich konfirmiert3 und dann doch auch … getraut4 worden bin. Nachher waren wir an der Schwarztorstraße. Die Kinder haben mich ganz besonders stürmisch begrüßt. Der kleine Thomas5 ist ein nettes Büblein, das aber augenblicklich an einem Ausschlag leidet. Auf der Straße begrüßte mich – – – Herr Lüthy6, und soeben habe ich ein Telephongespräch mit Röthlisberger gehabt. Er geht nächsten Mittwoch ins Examen, und weil dies hier eine öffentliche Angelegenheit ist, werde ich nicht versäumen, mich dazu zu setzen, umso mehr, da auch von Tscharner geprüft werden wird. Ob ich den Berner Kollegen bei diesem Anlaß ebenso willkommen sein werde, die Frage kann ruhig auf sich beruhen. Ich bin nun eben da!!

Das Radio ist bereits eingebaut und läßt häufig seine Stimme ertönen, was allerlei für sich hat als kl[eine] Unterbrechung von Gesprächen.

285Morgen bekomme ich also deine Briefe, hoffentlich mit eingehendem Kommentar von dir.

Grüße alle Lieben dort. Das Osterprogramm wird nun in voller Abwickelung begriffen sein, hoffentlich so, daß Rudi nicht schwermütig darüber wird! Heute vor acht Tagen um diese Zeit sausten wir wohl durch das so wohlriechende Genua.7

Ich h. d. unentwegt l.

Dein
K.

Heute abend kommen Kari und Trudi zum Nachtessen. Ob du wohl zum Kirchenbesuch kommst in diesen Tagen? Ich wollte so gerne mit dir gehen können.

Sachfußnoten

1
Friedrich Karl Bäschlin (1882–1965), 1908-1914 Pfarrer in Biberist-Gerlafingen (Kt. Solothurn), 1914-1920 in Thierachern (Kt. Bern), 1920-1945 an der Nydeggkirche in Bern.↩
2
Robert Aeschbacher (1869–1910), 1895-1907 Pfarrer an der Nydeggkirche, 1907-1910 am Münster in Bern, Schüler und später naher Freund von Fritz Barth. Zu Aeschbachers Einfluß auf den Entschluß Barths zum Theologiestudium vgl. Busch, S. 42f. 📖↩
3
Am 23.3.1902 durch R. Aeschbacher.↩
4
Am 27.3.1913 durch A. Keller.↩
5
Thomas Lindt (geb. 1932), Sohn von Karl und Gertrud Lindt, später Pfarrer in Reichenbach und Sigriswil (Kt. Bern).↩
6
Vermutlich Ernst Lüthi aus Stalden bei Bern, ein Künstler, der später in Bonn bei Barth studierte.↩
7
Vom 6.4. bis 9.4.1933 waren Barth, von Kirschbaum und das Ehepaar Pestalozzi mit ihrem Sohn Frieder nach Italien und Frankreich gereist.↩