Brief Nr. 128 · 3. Juli 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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128

L.L.

Verwundert über die Wege des Schicksals, aber gefaßt und getrost finde ich mich also auf einmal in einer Pension von Berlin W oder Charlottenburg und warte der Dinge, die da kommen sollen.1 Hesse mußte gleich weiter aufs Kirchenbundesamt und wird mich von dort aus, wenn Not an Mann kommt, anrufen. Der Gute ist der Kirchenpolitik im bisherigen Stil müde, will mit den D. Chr.2 nichts mehr zu schaffen haben, hat auch genug von Freund G. (Niebuhrstr.)3, und nun soll ich ihm gewissermaßen als theologisches Korsett dienen. Ich will mein Bestes tun – wenn es überhaupt etwas zu tun gibt! Denn noch kann es sehr wohl so sein, daß die braven Kirchenonkels von den erbosten Ketzern einfach angeschnaubt und nach Hause geschickt werden. Andererseits erzählt man sich [eben kam ein erstes Telephon meines Chefs4!]5, daß infolge energischer Einwirkungen auf Hind[enburg] und Hitl[er] Alles auch noch ziemlich anders laufen könnte. Den Schluß von Bodelschwinghs6 Brief7: «Gott wird sich so verhal|295ten, daß du dich wundern wirst»8 deutet man in Berlin nüchtern dahin: er meine, daß er (nachdem er damals «das innere Ja»9 gehört) endlich und zuletzt doch noch Bischof werde. Es scheint hier wirklich Alles ein wenig wüst zugegangen zu sein und noch zu gehen. Aber ich will es mir nun einmal aus der Nähe betrachten. Hesse meldete mir übrigens soeben, daß der Reichsinnenminister Frick10 das Dreimän|296nerkollegium11 (im Gegensatz zu der Auflösungsordre von Müller12) als noch bestehend anerkenne. – H[esse] und ich haben uns heute erst in Hamm getroffen. Wir haben im Speisewagen gut gespiesen, und ich bin so fröhlich und erquickt, als man es auf so seltsamem Weg nur sein kann. Morgen früh höre ich hoffentlich von dir. Grüße Nelly, die Kinder, Träublein und alle guten Menschen.

Dich grüßt
Dein
K.

Sachfußnoten

1
Am 2.7.1933 hatte H. A. Hesse Barth nach Berlin gerufen, «wo über die Endgestalt der neuen Verfassung der ‹Deutschen Evangelischen Kirche› verhandelt wurde. Barth reiste jedoch enttäuscht vorzeitig wieder ab, nachdem er Hesses Haltung als zu nachgiebig empfunden hatte.» (Busch, S. 240 📖; vgl. den Brief Barths an W. Niesel vom 5.7.1933 in: Briefe 1933, S. 279-281 📖).↩
2
Die «Deutschen Christen» waren eine von dem Berliner Pfarrer J. Hossenfelder am 6.6.1932 offiziell gegründete «Glaubensbewegung», die von Anfang an einen dem Parteiprogramm der NSDAP entsprechenden parteipolitischen Charakter trug. In ihren «Richtlinien» bekannte sie sich zu «positivem Christentum» und «artgemäßem Christenglauben» und sah «in Rasse, Volkstum und Nation ‹von Gott geschenkt … Lebensordnungen›» (Meier I, S. 60f. 📖). Damals schon wurden der Antisemitismus und die Eugenik des Nationalsozialismus übernommen (vgl. ebd.).↩
3
W. Goeters in Bonn, Niebuhrstr. 25.↩
4
H. A. Hesse.↩
5
Eckige Klammern im Original.↩
6
Friedrich von Bodelschwingh (1877–1946), D. theol., 1910-1946 Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, Mitglied des Central-Ausschusses für die Innere Mission, 27.5.-24.6.1933 designierter Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche, 1934 Teilnehmer der Bekenntnissynoden der Deutschen Evangelischen Kirche.↩
7
Nach der am 24.6.1933 erfolgten «Einsetzung» A. Jägers als «eines Staatskommissars für den Bereich sämtlicher evangelischer Landeskirchen Preußens» gab Fr. von Bodelschwingh den ihm mit der Bestimmung zum Amt des Reichsbischofs «durch die Bevollmächtigten des Kirchenbundes» erteilten Auftrag gleichentags zurück: «Damit ist aber nicht der Auftrag hinfällig geworden, den ich aus Gottes Hand übernommen habe. Ich scheide nicht aus der innersten Verpflichtung, die mir die vergangenen Wochen auferlegt haben. Ich will gerne in diesem Sinn ein ‹Bischof und Diakon›, d. h. ein ‹Aufseher und Diener› der deutschen Kirche bleiben.» (Fr. von Bodelschwingh, Ein Wort an alle, die unsere Deutsche Evangelische Kirche lieben, in: JK, Jg. 1 [1933], S. 14f. 📖).↩
8
Das «Wort» von Bodelschwinghs endet mit diesen Zeilen aus der 8. Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von Paul Gerhardt (RG [1998] 680; EG 361) 🎵 (a.a.O., S. 15 📖).↩
9
Nach schwierigen Auseinandersetzungen wurde Fr. von Bodelschwingh am 27.5.1933 schließlich von einer klaren Mehrheit der Vertreter der deutschen evangelischen Landeskirchen zum Reichsbischof bestimmt (vgl. Scholder I, S. 412-421 📖). Danach wurde die Sitzung unterbrochen und von Bodelschwingh «eingeladen», «vor den versammelten Führern der Kirche zu erscheinen und die Frage zu beantworten, ob er das ‹Ja von Gott› habe und den Ruf annehmen will» (so der Bericht in der Täglichen Rundschau, Nr. 122 vom 28.5.1933 📖, laut dem vom Evangelischen Preßverband für Rheinland herausgegebenen «Zeitungsspiegel 📖», Nr. 44 vom 28.5.1933). Vermutlich gebrauchte von Bodelschwingh dann in seiner Antwort die Wendung vom «inneren Ja», als er «in feierlicher Sitzung» begrüßt wurde und erklärte, «sein Amt im Gehorsam gegen Gott aufnehmen» zu wollen (so die amtliche Mitteilung vom 27.5.1933 laut dem «Austauschdienst des Ev. Preßverbandes für Deutschland» «Die Kirchenfrage 📖», Nr. 77 vom 29.5.1933). Barth scheint davon durch einen Teilnehmer der Sitzung gehört zu haben.↩
10
Wilhelm Frick (1877–1946), 1930 thüringischer Innenminister (erster NSDAP-Minister einer deutschen Landesregierung), 1933-1943 Reichsinnenminister, 1943-1945 Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, im Rahmen der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt und am 16.10.1946 hingerichtet.↩
11
Siehe zur erst wenige Tage zuvor geäußerten Kritik Barths an der bisherigen Tätigkeit des «Dreimännerkollegiums»: K. Barth, Theologische Existenz heute! (ZZ. B 2), München 1933, S. 28-31; neu herausgegeben und eingeleitet von H. Stoevesandt (ThExh N. F. 219), München 1984, S. 64-70 📖. – D. Dr. Hermann Kapler (1867–1941), Präsident des Evangelischen Kirchenbundes und des Evangelischen Oberkirchenrates der altpreußischen Unionskirche, wurde am 25.4.1933 durch den Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß ermächtigt, «für die Gesamtheit des deutschen Protestantismus zu sprechen und zu handeln». Zu den Vorarbeiten für eine neue kirchliche Verfassung hatte er den lutherischen Landesbischof A. Marahrens von Hannover und den reformierten Pfarrer H. A. Hesse aus Wuppertal-Elberfeld berufen. Als Ziel der Arbeit dieses Dreiergremiums galt die Schaffung einer «bündischen deutschen Evangelischen Kirche auf der Grundlage des vorhandenen Bekenntnisstandes» (s. Meier I, S. 90f. 📖). Der Ausdruck «Kollegium» wurde damals oft gebraucht, ihm fehlte aber eine klare Rechtskonstruktion, da Marahrens und Hesse nur von Kapler «an seine Seite» berufen worden waren (s. Klügel, S. 30, Anm. 22 📖).↩
12
Ludwig Müller (1883–1945), seit dem 25.4.1933 von Hitler zu seinem Vertrauensmann und zum Beauftragten in Kirchenfragen mit dem besonderen Auftrag berufen, die Schaffung einer deutschen evangelischen Reichskirche zu fördern (vgl. Scholder I, S. 391-394 📖), ließ am Abend des 28.6.1933 das Kirchenbundesamt in Berlin von SA-Männern besetzen und übernahm mittels einer «Verfügung zur Behebung der Notstände in Kirche und Volk» selbst die Leitung dieser Behörde. Am darauf folgenden Tag entzog er dem «Dreimännerkollegium» das Mandat (s. Schneider, S. 138 📖).↩