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Barth an v.K. in Bonn
Ja, da sitze ich nun eben inmitten des großen aufgeregten Berlin, sollte und möchte dir erzählen und erklären, bin
auch ganz voll von Eindrücken und weiß doch kaum wo anfangen. Meine «konkrete
Situation» ist die, daß ich hier in dieser Pension sitzend oder ab- und
zugehend, immer wieder für Hesse bereit sein muß zu allerhand Verständigungsgesprächen. Es
würde mich ja wohl jucken, auch direkt eingreifen zu dürfen, aber es ist gewiß
besser so; denn ich sehe deutlich genug, was für eine klebrige
versuchliche Sache die eigentlichen Verhandlungen sind. Gestern abend war ich
bei Jacobi2 mit Fricke, Niemöller, Bonhoeffer u. A. zusammen und vernahm auch dort allerhand. Ich will
dir einige bisherige Ergebnisse zusammenstellen, die du ruhig auch an K. L. S., Fritz
Lieb
und wer immer nachfragen darf, als authentisch weitergeben magst.
1. Der Widerstand gegen die Maßnahmen der letzten Woche3 scheint in ganz Preußen (aber in der Mitte und im Osten
viel stärker
|298 als [am] Rhein!) sich sehr lebhaft geregt zu haben. Es
ist am letzten Sonntag zu allen möglichen mehr oder weniger
würdigen und klugen Oppositionshandlungen gekommen.4 Hier ist ein
Pfarrer zwischen Predigt
und Abendmahl von einem SA-Standartenführer verhaftet worden, mußte aber abends 6 Uhr auf
Befehl von Hindenburg wieder
entlassen werden.5 Die J. R. sind ganz systematisch am
Werk6, und |299 auch Dibelius hat ein richtiges «Büro». Natürlich droht dem allem
Unterdrückung, aber die Regierung scheint zurückhaltender zu werden in der
Unterstützung der D. Chr.
angesichts der Fülle von Widerspruch. Ein hiesiger, sonst ganz
unbedeutender kl[einer] Pfarrer hat es mit Erfolg riskiert, Hitler inmitten seiner Garde in einem Hausflur
anzureden: «Herr Reichskanzler, geben Sie der evangelischen Kirche ihre Freiheit
wieder!» und ihn 20 Minuten lang im Gespräch festzuhalten.7 Es passiert überhaupt allerhand Tapferes und Gutes, und man
kann im Blick darauf nur nach allen Seiten mahnen: Aushalten! Die Gleichschältlinge8 werden das Feld schwerlich behaupten und sicher zuletzt
mit Unehre dastehen. [K. L. S. kannst du melden, daß er in seine Sammlung von Gleichgeschalteten
|300 auch die Namen Erich Seeberg9 und Leonhardt Fendt10 aufnehmen könne.]11
2. Dem Brief von Hindenburg an Hitler kommt doch vielmehr
Bedeutung zu, als man von Weitem meinte.12 «Der alte Herr»
sei in gewaltiger Aufregung, lese die ganzen Stöße von Telegrammen, die ihm
zugehen, alle persönlich, greife je und je auch ganz direkt ein (so in dem Fall
jenes Pfarrers), und es seien
letzte Möglichkeiten zu erwarten, wenn man nicht auf ihn hören wolle.
Ebenso scheint Hitler in dieser
(nur in dieser?) Sache zu den Gemäßigten zu gehören. Meine Briefe13
|301 (und auch die Broschüre14) waren also ziemlich kairosgemäß15. Die Sendung an Hindenburg mache ich
auf dringenden Rat von Hesse, obwohl ich mir nicht arg viel davon verspreche.16
3. Die rechtliche Situation hat sich insofern verändert, als der
Reichsinnenminister Frick die
Kirche, d. h. konkret das Dreimännerkollegium, wieder offiziell als Verhandlungspartner
neben den D. Chr. anerkannt hat und getrennt mit diesen zwei
Gruppen verhandelt.17 Damit ist der merkwürdige Monismus18 Staat = Kirche = D. Chr., wie er letzte Woche bestand, wieder
aufgelöst, und es ist wenigstens wieder Luft da und die Möglichkeit, den Mund
aufzutun.
4. Unter den D. Chr. selbst scheint allerhand Unstimmigkeit zu
bestehen zwischen der radikalen Gruppe
(Hossenfelder19) und einer |302
zahmeren
(Müller).20 Die letztere macht
seltsame Versuche, sich mit den J. Ref. anzuschmusen. Das gelang
bisher nicht.21 Doch sollen dabei nach dem, was sowohl Hesse als die Leute
gestern abend sagten, die Brüder Heckel
eine sehr zweideutige Rolle spielen.22
Du kannst dir ja denken, in welcher Richtung ich in allen diesen Dingen am Rad
zu drehen versuche, soweit mir dies in meiner seltsamen indirekten Teilnahme
möglich ist. Immerhin: ich habe gestern abend beim Nachtessen bei Bratwurst und
Bier
Hesse eine kleine
Ansprache über hl. Schrift, Tradition, Natur und Geschichte eingeprägt, die er
dann (während ich zu Jacobi
ging) dem Beauftragten der Regierung und dem Dreimännerkollegium gehalten hat, und wiederum habe ich bei den
J. Ref.
dreingefunkt, was das Zeug hielt, und bekam bald den Beistand von Fricke23 und Bonhoeffer
und auch von Jacobi. Es ist also vielleicht (mehr kann man ja
unmöglich sagen) schon sinnvoll, daß ich da bin. Wann ich zurückkomme? Ja, wenn
ich |303 das wüßte! Ich sagte H[esse] eben, er müsse mich entlassen,
sobald ich entbehrlich erscheine, bloßer Schlachtenbummler wolle ich auf keinen
Fall sein. Bitte sieh doch die Lutherpredigten und den Calvinkommentar über Luk. 6,36–42 nach
und notiere mir das Wichtige, damit meiner Predigt für Sonntag24 etwas vorgearbeitet
ist. – Und vielleicht schreibst du aus diesem Brief das sachlich Wichtige ab für
Eduard, Rudis und
meine Mutter. – Wie mag’s an der Siebengebirgstraße aussehen? Ich denke
sehr wohl an Alles, woran zu denken ist, und plötzlich bin ich dann wieder dort.
Aber es scheint wirklich der Wille des Himmels zu sein, daß ich nun für eine Weile
hier bin.
Rust hat 1925 den Römerbrief gelesen, und darum hat er mich im Frühjahr
gehalten.25 O weh, wie wenig
merkte man letzten Donnerstag von dieser Lektüre!!26
Du kannst auch den Studenten etc. über das, was ich dir hier schreibe, ruhig berichten.
Grüße sie alle und grüße das ganze Haus.
Grüß Gott, Lollo!
Eben kommt dein Brieflein27 samt dem von Klingemann28.
Unser Stoltenhoff29 und Gen. Sup.
Weirich30 von Westfalen
halten sich auf|304fallend schlecht. Man
sollte sich am Rhein schon klarmachen, daß der Osten viel mehr Schneid
hat!!