Brief Nr. 130 · 4. Juli 1933

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L.L.!

Eine Zwischenmeldung! Wie ich denn augenblicklich zwischen allerhand Möglichkeiten bin: wartend auf einen Telephonanruf von Hesse oder von Dibelius oder von beiden. Eben ist drüben wieder Sitzung. Mein Aufenthalt hier ist auf alle Fälle nützlich, das merke ich jetzt doch. Ich habe mit Bonhoeffer1 zu Mittag gegessen, und dabei konnte Vieles bereinigt werden hinsichtlich der J. Ref.2 [Im Neben|305zimmer wohnt eine Sängerin, die eben in lang hinrollenden Klängen das Largo von Händel ertönen läßt!]3 Und nun habe ich mich eben bei Dibelius angemeldet. Die Zeit wird also gut benützt. Aber wie lange wird sie dauern? Wenn es nötig wird, werde ich dir eben rechtzeitig telephonieren, daß eventuell auch die zweite Hälfte der Woche abzusagen ist. Weißt du, man kann es ja auch als ein Stück unfreiwilliger Vor-Ferien betrachten. Denn die Luft ist hier wirklich besser als in Bonn! Daß ich das Zimmer mit dem guten H[esse] teilen muß, ist ja ein bißchen bedrängend – es ließ sich technisch nicht anders machen –, dafür sehe ich schadenfroh zu, wie er am Morgen im Hemd Turnübungen macht, um nicht allzu vollschlank zu werden. – Eben kommt deine Sendung, die ich nun an den «alten Herrn»4 weitergebe. Man weiß ja wirklich noch immer nicht, ob nicht dies alles für die Katze ist, weil es irgend einer neuen «Welle» gefällt, Alles kaputt zu machen. Und wenn ich sehe, daß es für mich zu blöd wird, weiter mitzutun, fahre ich mit dem nächsten Zug ab. Aber noch ist’s nicht so weit. Kommt denn gar keine Post für mich? Und warum hast du deiner Sendung so gar kein herzliches Wort beigelegt? Ich bin doch so allein. Aber ich gehe sehr sicher über die gefährlichen Straßen… Möchte ich doch Alles so tun, daß du an meiner Stelle es auch gutheißen könntest! Grüße Alle, Alle! Und erzähle mir ein wenig, was sie machen und wie es dort aussieht. Heil Hitler!5

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Barth und Bonhoeffer waren sich schon in den Jahren 1931/32 einige Male – auch auf dem Bergli – begegnet (Busch 📖; vgl. oben S. 231, Anm. 5; zur Beziehung Bonhoeffers mit Barth vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse, München 19835, S. 216-228 📖).↩
2
Barth war gegenüber der «Jungreformatorischen Bewegung», in welcher Bonhoeffer mitwirkte (vgl. D. Bonhoeffer, Berlin 1932-1933, hrsg. von C. Nicolaisen und E.-A. Scharffenorth, Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 12, Gütersloh 1997, S. 64-66.92–94 u. ö. 📖; vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer, a.a.O., S. 331f. 📖), mißtrauisch. In seiner wenige Tage zuvor erschienenen Schrift Theologische Existenz heute! hatte er gegenüber den «Jung-Reformatorischen» verlauten lassen: «Sie stehen zu den ‹Deutschen Christen› nicht in einem klaren und radikalen, nicht in einem ernst zu nehmenden kirchlich-theologischen Gegensatz.» ([ZZ.B 2], München 1933, S. 30 📖)↩
3
Eckige Klammern im Original.↩
4
Reichspräsident von Hindenburg (s. dazu oben S. 300f., besonders S. 301, Anm. 16).↩
5
«Der deutsche Gruß» bzw. das «Heil Hitler», mit dem Barth hier ironisch schließt, wurde am 22.7.1933 zur allgemeinen Pflicht für Beamte, Behördenangestellte und -arbeiter im Dienst (s. T. Allert, Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste, Frankfurt am Main 2005 📖).↩