Brief Nr. 150 · 22. September 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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150

D. l. L.!

Der gestrige Tag war so inhaltsreich und erhebend, daß ich dir rasch einen Gruß schicken muß, bevor ich mein Morgengeschäft in Sachen «Grupper»1 antrete. Wir haben gestern Folgendes geleistet:

1. Die faschistische Ausstellung2 besucht: eine Schreckenskammer, in der man mit Gefühlen nach D[eutschland] denkt, die du dir vorstellen kannst, aber wirklich sehr instruktiv und interessant für die gänzliche unkomplizierte Roheit, in die Europa offenbar zu versinken im Begriff steht.

2. Das Nationalmuseum besehen: Lollo, eine ganz herrliche Sache, die wir uns damals unmöglich hätten entgehen lassen dürfen. Wegen dieses Museums allein und schließlich wegen einiger weniger Stücke dieses Museums, ich hätte fast gesagt: allein wegen der Venus von Cyrene hätte es sich schon gelohnt, nochmals hieher zu fahren, und |366 wird es sich lohnen, daß du mit mir auch nochmals herkommst. Denk, ich habe gestern angesichts dieser Dinge (von denen ich dir einige Proben beilege – nicht kann ich leider beilegen, was ich an farbigen Glassplittern von einer ganz fabelhaften Ausführung und Wirkung gesehen habe!!) plötzlich das «Altertum» entdeckt – das, was Goethe so umschmiß3, und was Schiller in den «Göttern Griechenlands» besungen hat4. Es ist Alles so, und ich bin froh, daß sich mir diese Perspektive endlich auch noch geöffnet hat. Ich hätte gestern wohl heulen können über den ganzen halb versunkenen und zerschlagenen Reichtum, der mich da auf einmal anschaute, und mein Vorsatz ist fest, dich auch wieder hieher zu bringen, wo man eben wirklich (Goethe hatte auch darin recht!) an der Quelle ist5. An diese Quelle müssen und werden wir uns in naher oder ferner Zeit (aber lieber in naher!) gemeinsam setzen.

3. In den Katakomben und an der Appischen Straße gewesen. Das Christliche dort drunten leuchtete mir aber sehr viel weniger ein als das Heidnische am Morgen und droben in der Campagna! Wir sind in zwei lustigen Pferdefuhrwerken dort hinausgefahren, und ich habe mir vorgenommen, bei diesem späteren Rombesuch mit dir ebenfalls in einem solchen Wägelein in Rom herumzufahren. Das Auto ist hier kitschig, und zu Fuß wird man, wie wir es nun ausprobiert haben, bald sehr müde.

3674. In den Thermen des Caracalla gewesen. Alles genau, gründlich und gedankenvoll besehen und bestaunt. Wie merkwürdig, sowohl die Erbauer als auch diejenigen, die das alles so systematisch kaputt geschlagen haben und doch nicht ganz kaputt machen konnten.

5. Im Kino den Garibaldi und seine Leute von 1860 gesehen6 und so von dem italienischen Risorgimento einen lebhaften Eindruck bekommen.

6. In einem Ristorante an der Fontana Trevi mit ihrem mächtigen Wasserrauschen zu Nacht gegessen und vielen weißen Frascati getrunken. Dazu ein intensives Gespräch über die Jungfrauengeburt7 mit Peter und Wölflein, welch letzterer auch ganz munter wurde, kleine Äuglein bekam und geneigt ist, das Leben und die Welt mit mir sehr schön zu finden.

Nun bricht ein neuer Tag an. Peter hat die teils üble, teils vorteilhafte Gewohnheit, am Morgen in aller Frühe (6 Uhr) schon zu ­erwachen und mich mit zu wecken. Dem «Grupper» kommt das jedenfalls zu Gute. – Wir sollten einmal zusammen etwa zwei Monate mindestens hier leben; ich bin hier aufnahme- und vielleicht auch leistungsfähiger als sonst, und Alles spricht dafür, daß wir hier existieren sollten. Zu meinen Füßen sehe ich die Spanische Treppe und dort drüben den Janiculus und St. Peter. Daß es ein drittes R[eich] gibt, kann man von hier aus kaum fassen!

Für heute steht auf dem Programm: der Lateran und am Nachmittag eine Fahrt nach Ostia.

Vale! Vivere non necesse est, Romae una cum Lolone mea vivere necesse est.8

368 Ich weiß eine Figur, die im Unterschied zu der Venus von Cyrene auch noch ein herziges kluges Köpflein hat und die mir darum doch noch besser gefällt.

Mit einem tiefen Seufzer der Wehmut, der Freude und der Sehnsucht

Dein
K.

Gestern kam deine Karte! Dank! Aber Peter bekommt jeden Tag einen Brief.
Ich habe nur von mir geschrieben. Wie, wie, wie magst du «dran sein»?! Heute fährst du nach München …! Grüße alle guten Menschen!

Sachfußnoten

1
«Grupper» ist eine Anspielung auf Brunners Mitwirkung in der «Oxfordgruppenbewegung». Siehe E. Brunner, Meine Begegnung mit der Oxforder Gruppenbewegung (1932), in: ders., Ein offenes Wort. Vorträge und Aufsätze 1917-1962, eingeführt und ausgewählt von R. Wehrli, Bd. 1, Zürich 1981, S. 268-288 📖; ders., Die Kirchen, die Gruppenbewegung und die Kirche Jesu Christi, Berlin 1936 📖. – Barths Bedenken gegenüber der «Oxfordbewegung» ist fixiert in seinem Aufsatz Kirche oder Gruppe?, in: EvTh, Jg. 3 (1936), S. 205-213 📖. – Siehe zu Barths «Morgengeschäft» oben S. 362, Anm. 3.↩
2
Die «Mostra della Rivoluzione Fascista», die im «Palazzo delle Esposizioni» in Rom von 1932 bis 1934 zu sehen war, zeigte die Entwicklung Italiens von 1914 bis zur faschistischen Machtübernahme mit dem «Marsch auf Rom» 1922.↩
3
Vgl. z. B. aus Goethes Briefen aus Rom an Charlotte von Stein: «Es dringt zu eine große Masse Existenz auf einen zu, man muß eine Umwandlung sein selbst geschehen lassen, man kann an seinen vorigen Ideen nicht mehr kleben bleiben und doch nicht einzeln sagen, worin die Aufklärung besteht.» (17.1.1787) «Komm ich leiblich und geistlich davon, überwältigt meine Natur, mein Geist, mein Glück diese Krise […]» (20.1.1787). Italienische Reise, Rom, 21.2.1787, zum «Vorwurf, daß ich mir in meinen Briefen widerspreche»: es ist mir «selbst sehr wahrscheinlich, denn ich werde von ungeheuern Mächten hin und wider geworfen, und da ist es wohl natürlich, daß ich nicht immer weiß, wo ich stehe».↩
4
Fr. von Schiller, «Die Götter Griechenlands» 📖 (1788 verfaßte Elegie auf ein verklärtes griechisches Altertum).↩
5
Goethe spricht in einem verwandten Bild von «dem großen Ozean», aus dem er vor seiner Abreise aus Rom «noch einige Schalen» «geschlürft» haben werde, «und mein dringendstes Bedürfnis wird befriedigt sein» (Brief an den Freundeskreis in Weimar vom 6.1.1787).↩
6
Schwarzweißfilm "1860" von Alessandro Blasetti aus dem Jahre 1934 📖. – Giuseppe Garibaldi (1807–1882), italienischer Nationalheld; kämpfte seit 1848 für die Einigung Italiens; führte 1860 den «Zug der Tausend» an, eroberte Sizilien und Neapel. Seine Versuche, Rom für Italien zu erobern, schlugen jedoch fehl.↩
7
Vgl. dazu «Das Wunder der Weihnacht» (§ 15,3) in KD I/2, S. 187-221 📖. Siehe oben S. 180, Anm. 4.↩
8
Abwandlung der lateinischen Sentenz «Navigare necesse est, vivere non est necesse» («Schiffahrt zu treiben ist notwendig, zu leben ist nicht notwendig»), die auf die Worte zurückgeht, mit denen Pompejus seinen wegen eines schweren Sturms zaudernden Seeleuten den Befehl zum Auslaufen gab (s. Büchmann, S. 385 📖).↩