Brief Nr. 151 · 22. September 1934

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Rom

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151

Liebster Karl!

Wo bin ich? In der Birnbaumstube in deinem Bett. Es ist 7 h morgens, heute mittag geht es um 1 h ab Zürich nach Lindau und Weiler zu meinem Bruder1, am Montag zu Emmy nach Kempten, am Dienstag dann nach München. Ich muß das alles nehmen wie einen großen bitteren Schluck. Der Gedanke an die Vorgänge in Kirche und Politik zerren so an einem, daß mit Mühe nur die Ruhe für die Familie zu leisten ist. Ruedi meint, Müller und Jäger würden wohl stürzen über die törichte Äußerung der deutschen «Reichskirche», die speziell für die Saarabstimmung verheerend sei.2 Und wer mögen die «Prominen|369ten»3 sein, die mit Hitler sprechen dürfen? Hoffentlich doch auch Asmussen oder Koch und nicht nur die «Bischöfe». – Nicht wahr, wenn du nach Deutschland reisest4, lässest du es mich rechtzeitig wissen? Ich glaube ja, eine überstürzte Heimreise hat jetzt keinen Sinn. Viel nötiger werden sie dich brauchen, wenn die Ablösung erfolgt ist und die Bekenntniskirche auf eigenen Füßen stehen muß. –

Gestern abend kamen Gerty und ich aus dem Engadin zurück. Es ist sehr schön gewesen, landschaftlich ganz wunderschön, und auch menschlich gingen noch wohltuende Aspekte auf. Mein Rat an Gerty konnte nur dahin lauten: Mach dich frei von Karl! – Sie lebt in einer viel zu großen Abhängigkeit von dir, und darum läßt sie sich auch so fast abnormal verletzen. Gelt, du bist da einig mit mir und meinst ja doch auch immer, sie solle dir selbständiger und dann gelöster begeg|370nen? – Es scheint ihr geholfen zu haben. – Und dann am Abend lag dein Brief da und deine Karte. Darauf hatte ich schon den ganzen Tag gewartet und war so froh darüber. Vielen Dank. Wie bin ich froh darüber, daß es dir gut geht in Rom. Macht es dich nicht zu müde, die Tage so zu füllen und abends zu arbeiten? – Die Druckbogen aus München5 sind eingetroffen. Ich schicke sie nach Bern. Vielleicht kann ich sie noch durchlesen. – Und ein paar Briefe schicke ich dir hier. Das Anliegen von Frl. Seifert ist wohl überholt.6 Schreibe lieber nicht über den Eid7. Zudem ist ihre Adresse ja jetzt schon nicht mehr |371 bekannt. Nelly hat sie noch gesehen in Bonn nach einer Bekenntnisversammlung. Ich fand von ihr einen langen und eigentlich munteren Brief gestern vor. Es scheint dort Alles zu laufen. –

Ach gelt, einen so langen Brief wie «Dora» kann ich nun eben nicht mehr schreiben. Aber ich bin ganz bei dir. Und es ist mir so leid nachträglich, daß ich am Schluß noch einmal es dir schwer machte hier. Ich habe dich so lieb, Karl.

Deine
L.

Gestern auf der Heimreise, als die Zeitungsnachrichten mich quälten, habe ich mir immer das Lied vorgesagt, das du mir in deinem letzten Fieberlein so lieb aufsagtest: Befiehl du deine Wege …8
Grüße du bitte die drei Mitreisenden!Ruedi bestieg mit Ruth den – – Montblanc!! Sie lassen dich alle grüßen.

Sachfußnoten

1
Maximilian Eduard Karl von Kirschbaum.↩
2
Reichsbischof Müller hatte am 18. September 1934 in einer Rede in Hannover, über die die Basler Nachrichten, Jg. 90, Nr. 257 vom 20.9.1934, S. 2, unter der Überschrift «Der Reichsbischof droht der Bekenntnisbewegung» 📖 berichteten, eine «romfreie deutsche Kirche» gefordert, was in der damals noch unabhängigen saarländischen Presse sowie im saarländischen Katholizismus zahlreiche Proteste hervorrief. «Der Saarländische ‹Generalanzeiger› erschien am 20. September mit der dreispaltigen Schlagzeile: ‹Die Maske fällt! Kampfansage Hitlers an den Katholizismus.› 📖 Und darunter hieß es: ‹Der Führer kündigt durch den Mund seines Reichsbischofs seine kirchenpolitischen Ziele an: Eine romfreie Einheitskirche.» (Scholder II, S. 320 📖) Der pfälzische Gauleiter und Saarbevollmächtigte Josef Bürckel hatte darum unmittelbar nach der Rede des Reichsbischofs im Blick auf die am 13.1.1935 bevorstehende Abstimmung über die Wiedereingliederung des Saarlandes in das Deutsche Reich Hitler aufgefordert, sich von Müller zu distanzieren, und von Müller hatte er sogar verlangt, seinen Verzicht auf die Einsetzung als Reichsbischof gegenüber Hitler kundzutun (vgl. Schneider, S. 210f. 📖; Scholder II, S. 320f.). Jäger, seit dem 12.4.1934 rechtskundiges Mitglied des Geistlichen Ministeriums in der Reichskirchenregierung mit dem Titel «Rechtswalter», mußte in der Tat am 29. Oktober 1934 dem Reichsbischof sein Amt zur Verfügung stellen (Scholder II, S. 353). Müllers schwindender Einfluß wurde deutlich, als Hitler bei der Einführung des Reichsbischofs am 23.9. kein Grußwort sprach, erst recht, als er den für den 25.10. geplanten Empfang mit der Vereidigung des Reichsbischofs absagte und statt der deutschchristlichen Kirchenführer auf den 30.10. die Landesbischöfe Wurm und Meiser, deren Hausarrest aufgehoben wurde, und Landesbischof Marahrens nach Berlin einlud (vgl. Schneider, S. 211; Scholder II, S. 354f.).↩
3
Unter der Überschrift «Greift Hitler persönlich in den evangelischen Kirchenkonflikt ein?» berichteten die Basler Nachrichten, Jg. 90, Nr. 257 vom 20.9.1934, S. 2 📖, United Press erfahre «aus zuverlässiger Quelle»: «das persönliche Eingreifen Hitlers in den deutschen Kirchenkonflikt steht […] binnen kürzester Frist bevor. Hitler wird schon in den nächsten Tagen eine Konferenz von prominenten Persönlichkeiten der evangelischen Kirche nach Berlin einberufen und man wird in dieser Sitzung den Versuch unternehmen, das Schisma von der evangelischen Kirche abzuwenden». Eine solche Konferenz fand jedoch nicht statt.↩
4
Barth reiste erst am 8.10.1934 – mit einem Aufenthalt in München – nach Bonn zurück (vgl. unten S. 394).↩
5
Wahrscheinlich die Korrekturabzüge der Hefte 12 und 13 der ThExh von K. Barth: Der Christ als Zeuge 📖bzw. Der Dienst am Wort Gottes 📖, beide München 1934. Die Vorworte beider Hefte sind mit dem 13.9.1934 datiert.↩
6
Die Anfrage Käthe Seiferts vom 16. September 1934 (KBA 9334.906) bezog sich auf folgenden Vorgang: Das von der «Nationalsynode» am 9. August 1934 beschlossene umstrittene Gesetz über den «Kircheneid» wurde durch die «Verordnung über die Vereidigung der kirchlichen Beamten vom 13. September 1934» teilweise aufgehoben (s. JK, Jg. 2 [1934], S. 672f. und S. 765f., vgl. S. 820 📖; Scholder II, S. 266f.292 📖). In dieser von Reichsbischof Müller und Rechtswalter Jäger erlassenen Verordnung wird festgestellt, daß die kirchlichen Beamten «öffentliche Beamte» und demnach «gemäß dem Gesetz über die Vereidigung der Beamten und Soldaten der Wehrmacht vom 20. August 1934» zu vereidigen sind. K. Seifert, die sich vermutlich im Schwarzwald im Urlaub befand, las davon in den Basler Nachrichten, Jg. 96, Nr. 252 vom 15./16.9.1934, 1. Beilage, S. 5 📖, und fragte Karl Barth, «ob man als Kirchenbeamter dem Kirchenregiment einen Eid, der für die öffentlichen Beamten und die Soldaten der Wehrmacht zugeschnitten ist, leisten soll». ­- Käthe (Katharina) Seifert (1896–1979), seit 1.1.1927 Angestellte beim Präsidium der Rheinischen Provinzialsynode, seit 4.1.1934 Angestellte (auf Lebenszeit) im Rheinischen Provinzialsynodalverband, 1948 in den Dienst der Evangelischen Kirche im Rheinland übernommen. Seifert stand seit 1926 in regelmäßigem Kontakt mit K. Barth und später auch mit Ch. von Kirschbaum.↩
7
Barth hatte bereits im Sommer auf dem Bergli von dem für alle Beamten zu leistenden Eid gehört, der nach dem Tod Hindenburgs (2.8.1934) bzw. nach der Ämtervereinigung des Kanzlers und des Präsidenten durch Hitler (19.8.1934) gefordert wurde. Vom ersten Augenblick an war ihm schon in der Schweiz klar, «daß ich sowie mich diese Forderung erreichen werde, so konkret und aktuell wie nur möglich in den status confessionis versetzt sein werde. […] Ein Eid auf Hitler nach nationalsozialistischer und also maßgeblicher Interpretation bedeutet, daß sich der Schwörende mit Haut und Haar, mit Leib und Seele diesem einen Manne verschreibt, über dem es keine Verfassung, kein Recht und Gesetz gibt […]. Ein Vorbehalt bei diesem Eid ist nicht nur nicht selbstverständlich sondern unmöglich.» (Brief Barths an H. von Soden vom 5.12.1934, Prolingheuer, S. 271 📖).↩
8
Siehe Paul Gerhardts Lied RG [1998] 680; EG 361 🎵.↩