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von Kirschbaum an B. in Rom
Im Törli – Samstag, 22.9.1934
Wo bin ich? In der Birnbaumstube in deinem Bett. Es ist 7 h morgens, heute
mittag geht es um 1 h ab Zürich nach Lindau und Weiler zu meinem Bruder1,
am Montag zu Emmy nach
Kempten, am Dienstag dann nach München. Ich muß das alles nehmen wie einen großen bitteren Schluck.
Der Gedanke an die Vorgänge in Kirche und Politik zerren so an einem, daß mit
Mühe nur die Ruhe für die Familie zu leisten ist. Ruedi
meint, Müller und Jäger würden wohl stürzen über
die törichte Äußerung der deutschen «Reichskirche», die speziell für die Saarabstimmung verheerend
sei.2 Und wer mögen die «Prominen|369ten»3 sein, die
mit Hitler sprechen dürfen? Hoffentlich doch
auch Asmussen oder Koch und nicht nur die «Bischöfe». –
Nicht wahr, wenn du nach Deutschland reisest4, lässest
du es mich rechtzeitig wissen? Ich glaube ja, eine überstürzte Heimreise hat
jetzt keinen Sinn. Viel nötiger werden sie dich brauchen, wenn die Ablösung
erfolgt ist und die Bekenntniskirche auf eigenen Füßen stehen muß. –
Gestern abend kamen Gerty und ich aus dem Engadin zurück. Es ist sehr schön
gewesen, landschaftlich ganz wunderschön, und auch menschlich gingen noch
wohltuende Aspekte auf. Mein Rat an Gerty konnte nur dahin
lauten: Mach dich frei von Karl! – Sie lebt in einer viel zu großen
Abhängigkeit von dir, und darum läßt sie sich auch so fast abnormal verletzen.
Gelt, du bist da einig mit mir und meinst ja doch auch immer, sie solle dir
selbständiger und dann gelöster begeg|370nen? – Es scheint
ihr geholfen zu haben. – Und dann am Abend lag dein Brief da und
deine Karte. Darauf hatte ich schon den ganzen Tag gewartet und war so
froh darüber. Vielen Dank. Wie bin ich froh
darüber, daß es dir gut geht in Rom. Macht es dich nicht zu
müde, die Tage so zu füllen und abends zu arbeiten? – Die Druckbogen aus
München5 sind eingetroffen. Ich schicke sie
nach Bern. Vielleicht kann
ich sie noch durchlesen. – Und ein paar Briefe schicke ich dir hier. Das
Anliegen von Frl. Seifert
ist wohl überholt.6
Schreibe lieber nicht über den Eid7. Zudem ist ihre Adresse ja jetzt schon nicht mehr |371 bekannt. Nelly hat sie noch gesehen in Bonn
nach einer Bekenntnisversammlung. Ich fand von ihr einen langen und eigentlich
munteren Brief gestern vor. Es scheint dort Alles zu
laufen. –
Ach gelt, einen so langen Brief wie «Dora» kann ich nun eben nicht mehr schreiben. Aber ich bin
ganz bei dir. Und es ist mir so leid nachträglich, daß ich am
Schluß noch einmal es dir schwer machte hier. Ich habe dich so lieb, Karl.
Gestern auf der Heimreise, als die Zeitungsnachrichten mich quälten, habe ich
mir immer das Lied vorgesagt, das du mir in deinem letzten Fieberlein
so lieb aufsagtest: Befiehl du deine Wege …8
Grüße du bitte die drei Mitreisenden!Ruedi bestieg mit Ruth den – – Montblanc!! Sie lassen dich alle grüßen.