Brief Nr. 154 · 26. September 1934

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Liebster Karl!

Ich war so froh, gestern abend deinen Brief und deine Karte1 aus Rom vorzufinden. Und zu hören, daß es dir so gut geht und du so schöne Eindrücke dort hast. Daß du mich daran teilhaben lässest, dafür bin ich dir dankbar und habe mir die Bilder (sie sind wirklich schön!) genau besehen. Du mußt mir dann noch viel erzählen. Ach ja, gelt, wir beschauen uns das dann noch einmal zusammen! Aber jetzt freut es mich für die drei, die das mit dir erleben dürfen, und besonders für Wölflein wird das eine enorme Sache sein. Heute fahrt ihr heim. Morgen kommt er vielleicht hier durch. Ich will doch versuchen, ihn zu treffen. –

Der Wandertag mit Emmy war gut und ruhig, während der Sonntag in Weiler sehr triste Aspekte bot. Davon mündlich. Hier läßt sich Alles freundlich an. Aber ich freue mich nun auf den 8. Oktober. Die Zeit wird lang. Findest du nicht auch?? – Die Eingliederung der reformierten Kirche stand hier groß in der Zeitung2, wie überhaupt die |374 Einigung der deutschen evangelischen Kirche3, ein «Geschenk für die ganze Christenheit»4. – Was mag werden? Manchmal meine ich, es laufe Alles weiter zunächst, auch Bonn. Bayern steht in Erwartung des Kommissars, bzw. in geschlossener Ablehnung.5 Die Rede von Meiser6 vom Balkon war in Wahrheit anders, Emmy hat sie gehört. |375 Aber von dem allen mündlich. Die Haltung hier scheint ordentlich. Ich hoffe Steck bald zu treffen, ebenso Lempp. –

Ach, wie mag es dich erquickt haben, den Kopf so ins Freie zu stecken. Ich bin so froh für dich. Das wird auch die Dogmatik zu spüren bekommen. –

Leb wohl, guter, lieber Karl. Du weißt ja, daß ich hier nicht lange Briefe schreiben kann. Aber du weißt auch, daß ich möchte und daß ich dich so lieb habe wie nur je. –

Deine
L.

Grüße Trudi.

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
Die Münchner Neuesten Nachrichten, Jg. 87, Nr. 262 vom 25.9.1934, berichteten auf S. 2 unter der Überschrift «Weiterer Schritt zur Befriedung in der Deutschen Evangelischen Kirche» 📖, daß der Rechtswalter Jäger «im Benehmen mit dem reformierten Mitglied des geistlichen Ministeriums die erste Ausführungsverordnung zum Kirchengesetz zur Sicherung des reformierten Bekenntnisstandes vom 9.8.1934 erlassen» habe. «Die Ausführungsbestimmungen regeln die Gesetzgebung in der Evangelisch-Reformierten Landeskirche der Provinz Hannover. Dem Landeskirchentag wird ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht eingeräumt, denn nach reformierter Auffassung stellt der Landeskirchentag selbst die Leitung der Kirche dar» (vgl. S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf. Das Ringen des Reformierten Bundes, des Coetus reformierter Prediger und der reformierten Landeskirche Hannover um den reformierten Weg in der Reichskirche [SVRKG 113], Köln 1994, S. 210f. 📖).↩
3
Die Münchner Neuesten Nachrichten hoben ebd. hervor, mit «der am Sonntag erfolgten Einführung des Reichsbischofs» habe eine «jahrhundertelange, auf dieses Ziel zulaufende Entwicklung ihren Abschluß gefunden». Am 11.7.1933 hatten «sich die deutschen evangelischen Kirchen in Fortführung und Vollendung der durch den Deutschen evangelischen Kirchenbund eingeleiteten Einigung zu einer einigen Deutschen evangelischen Kirche» (DEK) verbunden (s. die Präambel der DEK-Verfassung vom 11.7.1933: JK, Jg. 2 [1934], S. 76f. 📖). Diese Einigung versuchte besonders der am 12.4.1934 in das Geistliche Ministerium der DEK eingetretene Rechtswalter A. Jäger durch eine skrupellos fortgeführte Politik der «Eingliederung» von Landeskirchen in die eine «Reichskirche» mit «Verordnungen» durchzusetzen. Der Verfassungsausschuß der DEK ließ amtlich als «Kundgebung des Reichsbischofs» am 23.7.1934 mitteilen, daß die «im wesentlichen vollzogenen und im übrigen bevorstehenden Eingliederungen der Landeskirchen in die Deutsche Evangelische Kirche» nichts anderes seien «als eine Durchführung und Ausführung der geltenden Reichskirchenverfassung» (s. JK, Jg. 2 [1934], S. 631-633).↩
4
Vermutlich bezieht sich von Kirschbaum auf den Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten, Jg. 87, Nr. 259 vom 23.9.1934, S. 2 📖, über die zweite Reichstagung der Deutschen Christen in Berlin. Am 22.9. hatte dort Landesbischof Beermann aus Danzig Grüße überbracht und gesagt, «eine einzige Evangelische Reichskirche erscheine den Auslandsdeutschen als ein von Gott geschenktes Wunder».↩
5
Entsprechend einer Verordnung des Rechtswalters Jäger vom 3.9.1934 sollte Bayern in die Reichskirche eingegliedert werden (JK, Jg. 2 [1934], S. 728f. 📖). Nachdem Bischof Meiser schon am 1.7. aufgefordert worden war, in Eingliederungsverhandlungen einzutreten, hatte die bayerische Landessynode am 23.8. auf einer außerordentlichen Tagung einstimmig erklärt, daß eine Eingliederung «zur Zeit» nicht in Frage komme (a.a.O., S. 723f.). Zur Verordnung vom 3.9. erklärte der bayerische Landeskirchenrat, sie sei «nicht als rechtsgültig anzuerkennen» (a.a.O., S. 766; vgl. die «Kundgebung» des Landesbischofs und des Landeskirchenrats vom 15.9.1934, a.a.O., S. 806-809). Nach dieser Zurückweisung mußte die Einsetzung eines «geistlichen Kommissars» gemäß Artikel 6 der Verfassung der DEK vom 11.7.1933 erwartet werden.↩
6
In der in Nürnberg erscheinenden vom fränkischen NS-Gauleiter J. Streicher herausgegebenen «Fränkischen Tageszeitung» war in einer Sonderausgabe vom 15./16.9.1934 ein Schmähartikel gegen den bayerischen Landesbischof erschienen. Der Artikel beschuldigte ihn der «planmäßigen Volksverhetzung und Volksverwirrung» und forderte «die sofortige Entfernung des wortbrüchigen und treulosen Landesbischofs D. Meiser». Daraufhin zogen am Sonntag, dem 16.9.1934, im Anschluß an einen Gottesdienst mit Meiser in der Münchner Matthäuskirche «Tausende von Kirchenbesuchern», die ihm schon vor der Kirche «die Treue und das Vertrauen der Gemeinde» kundgegeben hatten, in die Arcisstraße zum Gebäude des Landeskirchenamtes, von dessen Balkon aus Meiser nach einer stürmischen Begrüßung eine kurze Ansprache hielt. Seine Ansprache klang nach dem Bericht in «einem warmen Bekenntnis zum deutschen Volk und seinem Führer» aus. Die Versammelten antworteten darauf mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied und zogen «mit dem deutschen Gruß» «an dem Herrn Landesbischof vorüber» (s. den Bericht Die Vorgänge in München, Nürnberg und Augsburg am 16. und 17. September, in: JK, Jg. 2 [1934], S. 809-813, dort S. 811 📖).↩