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von Kirschbaum an B. in
Bern
Deine Karte aus Zürich1 kam
gestern und war mir so beruhigend nach der Fiebermeldung aus Florenz. Hab Dank! Gestern
abend um 10 h rief Wolf
mich an, und ich eilte (zum Erstaunen meiner Familie!) zu ihm ins
Bahnhof-Hospiz. Gemessen an dem Grade meiner Sehn|376sucht waren seine
freundlichen Mitteilungen über
Rom etwas
kärglich und ließen mich in meinem Verlangen, von dir zu hören, etwas darben.
Aber ich war doch froh um Alles, was ich hörte, und um das Bild, das er mir zeigte von euch Vieren auf dem
schönen Hintergrund von
Florenz.2 – Um 11 h traf Stecks kleiner Arbeitskreis dann noch ein
mit Hertha und Emmy
und doch auch Herrn Dörr3, einem
sehr netten Mann, der dich grüßen läßt. Steck brachte mich nach Hause, gut und
aufgeschlossen, und morgen nachmittag werde ich bei ihm sein zu einer
Kaffeestunde. Hertha fiel mir
etwas schwer vor den Männern, während Emmy sachlich und unbestechlich blieb. –
Heute vormittag war ich bei Lempp. Langes Gespräch über die Lage4 mit anfänglich sehr deutlichen Äußerungen meinerseits. Aber
dann im Weiterreden ging es so gut wie eigentlich noch nie mit ihm. Er hat
gelernt in diesem Jahr und ist doch ein grundanständiger
Mensch. Von Georg, bei dem er vor
kurzem war, distanziert er sich
sachlich, und auch sonst würde dich Manches freuen an seiner Haltung, selbst |377 wenn sie nicht stark ist. – Es ist
überhaupt seltsam, wie Bayern sich jetzt hält. Man munkelt, sowohl Wolf Meyer5 (der
Nachfolger von Meiser werden
will) wie Jäger hätten hier
verspielt und hätten unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Die jungen
Pfarrer sind ununterbrochen unterwegs und sammeln die Gemeinden, die beteiligter sind, als sie
zu hoffen wagten. –
Im übrigen fällt mir das Leben hier eher schwer, und ich warte auf den 8.
Oktober. Nelly
sandte mir eine große Korrespondenz von Pechmann zu, die hier auf dich
wartet. Köstlich, wie der alte Herr nach allen Seiten zürnende Briefe schreibt,
an Frick, an Kittel, an Althaus, nach Bethel, und
tröstende an Wurm und Meiser.6 Man kann sich freuen an seiner
Offenheit und Deutlichkeit. – Eine Broschüre |378 von Koch «Der Sieg der
Kirche»7 kam auch und geht an dich
weiter. Trotz mancher Unklarheit doch ein Schritt weiter!! –
Behüt dich Gott. Ich bin fast nie allein und habe mir die paar Minuten stehlen
müssen. Ich bin so froh um deine Grüße und Zeichen. Ich gehöre ganz, ganz, ganz
zu dir.