Brief Nr. 155 · 27. September 1934 – kein Datum

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Mein lieber Karl!

Deine Karte aus Zürich1 kam gestern und war mir so beruhigend nach der Fiebermeldung aus Florenz. Hab Dank! Gestern abend um 10 h rief Wolf mich an, und ich eilte (zum Erstaunen meiner Familie!) zu ihm ins Bahnhof-Hospiz. Gemessen an dem Grade meiner Sehn|376sucht waren seine freundlichen Mitteilungen über Rom etwas kärglich und ließen mich in meinem Verlangen, von dir zu hören, etwas darben. Aber ich war doch froh um Alles, was ich hörte, und um das Bild, das er mir zeigte von euch Vieren auf dem schönen Hintergrund von Florenz.2 – Um 11 h traf Stecks kleiner Arbeitskreis dann noch ein mit Hertha und Emmy und doch auch Herrn Dörr3, einem sehr netten Mann, der dich grüßen läßt. Steck brachte mich nach Hause, gut und aufgeschlossen, und morgen nachmittag werde ich bei ihm sein zu einer Kaffeestunde. Hertha fiel mir etwas schwer vor den Männern, während Emmy sachlich und unbestechlich blieb. –

Heute vormittag war ich bei Lempp. Langes Gespräch über die Lage4 mit anfänglich sehr deutlichen Äußerungen meinerseits. Aber dann im Weiterreden ging es so gut wie eigentlich noch nie mit ihm. Er hat gelernt in diesem Jahr und ist doch ein grundanständiger Mensch. Von Georg, bei dem er vor kurzem war, distanziert er sich sachlich, und auch sonst würde dich Manches freuen an seiner Haltung, selbst |377 wenn sie nicht stark ist. – Es ist überhaupt seltsam, wie Bayern sich jetzt hält. Man munkelt, sowohl Wolf Meyer5 (der Nachfolger von Meiser werden will) wie Jäger hätten hier verspielt und hätten unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Die jungen Pfarrer sind ununterbrochen unterwegs und sammeln die Gemeinden, die beteiligter sind, als sie zu hoffen wagten. –

Im übrigen fällt mir das Leben hier eher schwer, und ich warte auf den 8. Oktober. Nelly sandte mir eine große Korrespondenz von Pechmann zu, die hier auf dich wartet. Köstlich, wie der alte Herr nach allen Seiten zürnende Briefe schreibt, an Frick, an Kittel, an Althaus, nach Bethel, und tröstende an Wurm und Meiser.6 Man kann sich freuen an seiner Offenheit und Deutlichkeit. – Eine Broschüre |378 von Koch «Der Sieg der Kirche»7 kam auch und geht an dich weiter. Trotz mancher Unklarheit doch ein Schritt weiter!! –

Behüt dich Gott. Ich bin fast nie allein und habe mir die paar Minuten stehlen müssen. Ich bin so froh um deine Grüße und Zeichen. Ich gehöre ganz, ganz, ganz zu dir.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
Abbildung 49 bei Busch, S. 252 📖.↩
3
Der Regierungspräsident des bis 1937 zum Land Oldenburg gehörenden Regierungsbezirks Birkenfeld (vgl. Bw.Th. II, S. 682 mit Anm. 1 📖) Walter Dörr (1879–1964) wurde im September 1932 von der nationalsozialistischen Regierung Oldenburgs wegen angeblichen Landesverrates seines Amtes enthoben. Er lebte seit dem Frühjahr 1933 in Tutzing bei München und widmete sich juristischen Studien (vgl. Bw.Th. III, S. 286f.604f. 📖).↩
4
Nach einem Zugriff durch die Gestapo auf den Christian Kaiser Verlag in München mußte dessen Inhaber, A. Lempp, am 27.7.1934 Barth mitteilen, «daß neben anderen Veröffentlichungen sämtliche bisher erschienene Hefte der ‹Theologischen Existenz heute 📖› beschlagnahmt worden seien». Künftig seien sämtliche Manuskripte der Politischen Polizei vorzulegen (Scholder II, S. 280) 📖. Aufgrund dieser Mitteilung sah Barth am 29.7. das Ende für ThExh gekommen, da er nicht bereit war, seine «Manuskripte vorher irgendeinem ungebildeten Menschen zur Ansicht» vorzulegen (ebd.; vgl. dazu den Editionsbericht von H. Stoevesandt zu K. Barth, Kommentar zur Barmer theologischen Erklärung [Fragment], in: EvTh, Jg. 36 [1976], S. 568-571 📖). Am 13. 9. teilte er freilich seiner Leserschaft mit: «Vor die Wahl gestellt, entweder überhaupt nichts mehr zu sagen oder aber jene Beziehungen [scil. auf das, was der Monat oder das Vierteljahr gerade gebracht hat] vorläufig nur noch halblaut oder gar nicht mehr sichtbar zu machen, wähle ich – nicht ohne Bedauern, aber auch nicht ohne Humor – das zweite. Die Leser werden nun das, was ich noch drucken lassen darf, mit um so größerer Aufmerksamkeit lesen» (K. Barth, Der Christ als Zeuge [ThEx h 12], München 1934, S. 3 📖; vgl. Scholder II, S. 281.↩
5
Wolf Meyer-Erlach (1891–1982), 1918-1929 Pfarrer in Fessenheim, 1929-1933 in Heidingsfeld bei Würzburg, im Sommer 1933 Beitritt zu den Deutschen Christen, im November Wechsel zu deren radikalerem Thüringer Flügel, protestierte in seiner Schrift Kirche oder Sekte, Weimar 1934 📖, leidenschaftlich gegen die 1. These der Barmer Erklärung, 1.11.1933–1945 (Entlassung) o. Professor für Praktische Theologie und Universitätsprediger in Jena, ab 1950 Pfarrer in Wörsdorf (Taunus); vgl. Bw.Th. I, S. 423.427 📖 u. ö. (s. Namenregister).↩
6
Brief von Pechmanns vom 13.9.1934 mit Beilagen (Briefwechsel von Pechmanns mit G. Kittel und ein Brief von Pechmanns an M. Rade); s. Fr. W. Kantzenbach (Hrsg.), Widerstand und Solidarität der Christen in Deutschland 1933-1945. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf aus den Papieren des D. Wilhelm Freiherrn von Pechmann (EKGB 51), Neustadt 1971, S. 93f. und S. 86f.92f.94f. 📖 Ein weiterer Brief bzw. weitere Briefe von Pechmanns an Barth mit Abschriften oder Durchschlägen von Briefen an den Reichsinnenminister Frick, an P. Althaus, an das Christliche Tageblatt «Aufwärts» in Bielefeld-Bethel und an die Bischöfe Wurm und Meiser ist bzw. sind nicht erhalten (vgl. a.a.O., S. 101 [Nennung Barths als Empfänger eines Briefes von Pechmanns an Althaus] und S. 89f.95f.97f.98f.). – Wilhelm Freiherr von Pechmann (1859–1948), der sich in seinem Brief vom 25.11.1934 an Barth im Blick auf seine Lektüre der Schriften Barths als dessen «lernbegierigen und dankbaren alten Schüler» bezeichnet (a.a.O., S. 169), war 1924-1930 Präsident der Bayerischen Landessynode und des Deutschen Evangelischen Kirchentages. In einem Offenen Brief an Reichsbischof Müller vom 2.4.1934 hatte er aus Protest «gegen die Vergewaltigung der Kirche» den Austritt aus der DEK erklärt, da sie aufhöre, «Kirche zu sein». Wortlaut des Briefes a.a.O., S. 80f., JK, Jg. 2 (1934), S. 336f., vgl. S. 338 📖.↩
7
Hans Ehrenberg (Hrsg.), Der Sieg der Kirche. Ein Zeugnis aus der Bekennenden Gemeinde. Mit einem Vorwort von Präses D. Koch, Wuppertal-Barmen 1934. 📖↩