Brief Nr. 156 · 29. September 1934 – kein Datum

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

378

156

Lieber Karl!

Die Druckbogen1 habe ich bekommen, gelesen und bringe sie sogleich zu Lempp. Schön, daß das herauskommt. Und der «Grupper»?2 –

Wie geht es dir in Bern? – Gestern nachmittag war ich also bei Steck. Er hatte einen rührenden Kaffeetisch gerichtet, und wir hatten es gut zusammen. Das große bevorstehende Ereignis ist natürlich dein Kommen. Wäre es dir recht, wenn wir an dem einen Abend deines Hierseins (ich denke 9. X.) die kleine Arbeitsgemeinschaft von Steck versammelten? Mit den älteren Pfarrern wirst du schwerlich zusammenkommen wollen, und die jungen, deine Schüler, sind alle in dieser kleinen Arbeitsgemeinschaft. Vielleicht könntest du ihnen weiterhelfen und Dörr den Unterschied von Gesetz und Gebot3 klarmachen, |379 was bis jetzt nicht gelungen scheint. Schreib mir eine Karte, ob ich das vorarrangieren darf. Es gäbe einen großen Jubel, auch bei Emmy und Hertha!! –

Ich schicke dir als Drucksache nebst Kochs Broschüre4 den Brenner5 . Der Aufsatz von Zangerle6 wird dich interessieren. Gollwitzer sandte ihn, und die Jungen waren alle sehr angetan. Mir scheint bei aller Anerkenntnis der darin vorhandenen Einsichten die Festlegung auf den Begriff des «Einzelnen»7 etwas fatal. Bleibt er damit nicht auf der Schaukel, während bei gründlicherer Beachtung des Heiligen Geistes dieser Rahmen erst die notwendige Sprengung erführe? – |380 Morgen höre ich Sammetreuther predigen. Der Kommissar8 ist noch nicht erschienen. Jäger soll bei Epp9 abgeblitzt sein, desgleichen Wolf Meyer! –

Im übrigen helfe ich mir durch. Von Frl. Freiling10 hatte ich auch – ganz überraschend – einen [wa]rmen11, sehr lieben Dankesbrief. – Am Montag nachmittag um 3 h habe ich ein Rendez-vous mit Vater Traub12. – Hast du viel Post vorgefunden in B[ern]?? Was machst du mit Hesse?13 – Leb wohl, Karl.

Ich habe große Sehnsucht.

Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Vermutlich die Druckbogen zu Heft 12 und Heft 13 der ThExh 📖 (s. oben S. 370, Anm. 5). Die von Barth inzwischen gelesenen Bogen waren nun bei von Kirschbaum zur zweiten Kontrolle eingetroffen.↩
2
Frage nach der Fertigstellung des Manuskriptes von Barths Streitschrift Nein! Antwort an Emil Brunner  (erschienen als ThExh 14, München 1934) 📖. Vgl. oben S. 365, Anm. 1.↩
3
In seiner Ethik-Vorlesung (Ethik I. Vorlesung Münster Sommersemester 1928, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1930, hrsg. von D. Braun [Gesamtausgabe, Abt. II], Zürich 1973 📖) hatte Barth dargelegt, daß das Gesetz, in dem uns «menschliche Autorität» begegnet (S. 94), (nur) eine der drei Formen des göttlichen Gebotes darstellt (vgl.S. 86-101).↩
4
Siehe oben Nr. 155, Anm. 7.↩
5
«Der Brenner 📖» war eine von 1910-1954 von Ludwig Ficker (1880–1967) in Innsbruck herausgegebene Kulturzeitschrift (1940 als «schädliches und unerwünschtes Schrifttum» verboten). Seit 1926 widmete sich die Zeitschrift einer stark visionär ausgerichteten Erörterung theologischer Zeitfragen.↩
6
I. Zangerle, Zur Situation der Kirche, in: Der Brenner, 14. Folge, 1933/34, S. 42-81 📖. Diese 14. Folge des «Brenner» erschien in 1. Auflage zu Weihnachten 1933, in 2. Auflage nach Pfingsten 1934, da die Zeitschrift in kurzer Zeit einen starken Zuwachs gewann. Möglicherweise bezieht sich von Kirschbaum auf diese 2. Auflage.↩
7
Der österreichische katholische Erwachsenenbildner Ignaz Zangerle geht von dem Ereignis aus, das s. E. einen wichtigen Meilenstein in dem allmählichen Gestaltwandel der Katholischen Kirche darstellt: «die Verkündigung der ‹Katholischen Aktion›» durch den Papst unmittelbar nach der Machtergreifung des italienischen Faschismus. In dieser «Katholischen Aktion» sieht er «die volle kirchliche Mündigerklärung des Laien» (S. 45 📖). So muß die Kirche «die Gläubigen als die vom Heiligen Geist für ihr weltheiligendes Amt Gestärkten – Gefirmten! – in die Welt hinein entlassen wie in ihren ersten Zeiten, kann sie nicht mehr durch unmittelbaren Einfluß auf die Gestaltung der öffentlichen weltlichen Ordnung vor der äußersten Bewährung im Hier und Heute bewahren» (S. 46). Denn «dem sich immer mehr auswachsenden Ungeheuer der modernen ‹Nation› und den in ihr vereinigten Massenmächten der Zivilisation hält nur mehr der aus der Unmittelbarkeit des Glaubens lebende und wirkende ‹Einzelne› stand» (S. 47). Zangerle stellt die Frage, ob es «Vermessenheit ist, zu glauben, daß gerade unserem schuldbeladenen und schwergeprüften Volke» (dem deutschen Volk in Österreich und im Reich) «sein Teil an der menschlichen Vorbereitung der neuen gnadenhaften Herrlichkeit der Kirche aufgegeben sein könnte? Daß all sein Leiden um die Kirche am Ende nur der heilsgeschichtlichen Aufgabe zu dienen hätte, jene Einzelnen hervorzubringen, die die Kirche zur Auferbauung ihrer neuen Gestalt noch brauchen wird?» (S. 57f.).↩
8
Siehe oben S. 374, Anm. 5.↩
9
Franz Xaver Epp (1868–1946), stellte 1919 das Freikorps auf, das seinen Namen trug und in München mithalf, die Räterepublik zu zerschlagen, trat 1928 der NSDAP bei, seit 9.3.1933 Reichskommissar in Bayern, seit 10.4.1933 Reichsstatthalter.↩
10
Elisabeth Freiling (1908–1999), erstes theologisches Examen im September 1934, seit 1934 Mitglied des Verbandes evangelischer Theologinnen und der BK, 1937 zweites Examen in der rheinischen BK, danach Reisedienst für Frauenhilfe in den Kirchenkreisen Moers und Dinslaken, 1945 Ordination in Dinslaken, danach Reisedienst für weibliche Jugendarbeit in Rheinland-Süd, 1954-1970 Dozentin am Katechetischen Seminar in Wuppertal-Elberfeld, später Düsseldorf.↩
11
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
12
Gottfried Traub (1869–1956), Vater von Hellmut Traub, wohnte in München-Solln; bis 1911 Pfarrer in Schwäbisch-Hall und Dortmund, 1912 aus dem Pfarrdienst u. a. wegen seiner Verteidigung C. Jathos entlassen, 1913-1918 preußischer Landtagsabgeordneter, 1914-1919 Herausgeber der «Eisernen Blätter», 1919-1929 Redakteur der gleichnamigen Wochenschrift, 1921-1925 Chefredakteur der München-Augsburger Abendzeitung.↩
13
Hesse hatte am 6.9.1934 Barth darum gebeten, «das doppelte Opfer zu bringen» und sich für «eine Moderamenssitzung um den 15. Sept. herum» und für «einen Reformierten Konvent oder eine Hauptversammlung des Reformierten Bundes in den ersten Oktobertagen» Zeit zu nehmen (KBA 9334.879). Barth antwortete am 10.9. vom Bergli, daß er «die Theol. Existenz heute! 📖 nun doch und gleich in einer Reihe von Heften fortzusetzen» gedenke, und bat deswegen, ihn zu entschuldigen: «Bin ich erst wieder in Bonn, so werden Sie mich zu allen guten Taten aufs Neue bereit finden, auch zu Sitzungen!!» (KBA 9234.286). Wahrscheinlich bezieht sich von Kirschbaums Frage also auf Barths mögliche Teilnahme an einer Sitzung im Oktober.↩