Brief Nr. 162 · 4. Oktober 1934

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl!

Endlich einmal eine Stunde allein zu Hause, die erste in dieser ganzen Zeit. Ich habe dir zwar nichts Besonderes zu sagen, aber doch so sehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit dir, daß ich eben komme. – Heute morgen war ich mit Emmy bei ihrer jungen Schwägerin, der Frau meines Zahnarztes Kurt 1. Da lief ein herziges Bürschlein von zwei Jahren umher, ein anderes von fünf Monaten lag im Wagen, träumte mit großen blauen Augen vor sich hin, lächelte und spielte mit seinen Händchen und den ganz braungebrannten Füßlein. Ach du, das wird doch bis ans Ende der Tage wehtuend sein, daß unser Kindlein nie da sein wird. – Aber ich will’s wieder vergessen. –

Heute bist du in Madiswil bei deinen und ich hier in München bei meinen Verwandten. Alles ein bißchen sinnlos – –-. Nein, nein, ein |393 Besuch bei meiner Mutter ist aussichtsloser als je. Sie ist diesmal gar nicht sehr gut zu mir, und ich bin eigentlich in Gedanken dran, auch diesen kleinen Rest von «Familienpflege» vielleicht einmal längere Zeit zu suspendieren. Ich erreiche sie zu wenig, um ihr helfen zu können, und mich an ihr müde zu reiben, ist etwas sinnlos. – Sehr schön war es gestern bei meiner alten Tante. Ich erzähle dir davon. Ich habe leider sehr weinen müssen bei ihr, und zwar darum, weil sie mein Ringlein – dein Ringlein –,in die Hand nahm: «Wer hat dir den gegeben?» Und als ich sagte «der Karl» – da schwieg sie lange, und dann sagte sie (sie spricht schon ganz langsam und schwer): «Wie nett!» Das ist das erste freundliche Wort, das von meiner ganzen Familie «dazu» fiel, und darum mußte ich wohl weinen. Und dann fuhr sie fort: «Sag deinem Karl, ich sei vorbereitet – auf den Tod nämlich» und dann ganz ängstlich: «Wenn Gott es annimmt.» – Ich werde sie kaum je wiedersehen. -

Ich habe gedacht, daß du wohl nicht länger als den Dienstag2 hier sein wirst? Wenn du nun im Hospiz wohnst – ich will mit Lempp noch darüber sprechen – , fahre ich dir vielleicht nicht entgegen, denn dann können wir den Montag abend ja gut ganz oder teilweise allein haben. Bis Lindau ist es eben doch teuer. Am Dienstag abend wird sich dann der Kreis versammeln, vielleicht nebst Putz3 und Ellwein. Und am Mittag würdest du wohl – und vielleicht darf ich auch – bei Lempp essen und alles Nötige mit ihm besprechen. Ob du Sammetreuther auch sehen willst (und Meiser??), steht dir dann ja frei. Und Georg ebenfalls. – In der Kirchensache scheint mir im Moment ein fauler Friede näher zu liegen als Katzenhagel. Aber ich kann mich irren. –

394 Von einem schönen Shakespeare kann ich dir noch erzählen: «Viel Lärm um nichts 📖». Ich war mit Emmy dort, und es war die heiterste Stunde dieser Zeit hier. – Mit Hertha hatte ich auch einen freundlichen Nachmittag, an dem ich ihr versuchte die Aktualität der Offenbarung zu erklären. – Morgen wollen Emmy, sie und ich uns noch einmal vereinigen. Und an dem Abend mit dir wird sie auch zugegen sein.

Guter lieber Karl, ich bin nicht mutlos. Nur so ein bißchen traurig allein. – Aber dem Winter mit dir gehe ich trotz Allem getrost entgegen. Und auf den Anti-Grupper freue ich mich sogar. Ist Br[unner] nicht ein bißchen schwach, daß er nun der Antwort so vorbeugen will? Fast kann er einen dauern. –

Grüße deine Schwester. Vielleicht habe ich mich geirrt in ihrem Verstehen, aber ich habe das Gespräch auf dem Bergli mit ihr in guter und in dankbarer Erinnerung. Wenigstens hat sie mich einmal liebevoll angehört. –

Deine schönen Karten freuen mich den ganzen Tag. Und dein Brief. Lieber Karl. Ich war so froh, daß du «Basel» inEduards Haus bestehen durftest. Dann bist du doch nicht allein.

Behüt dich Gott.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Dr. Kurt Wilhelm Lentrodt, praktischer Arzt und Zahnarzt.↩
2
Barth kam von Bern her am Montag, dem 8.10.1934, in München an und fuhr am Mittwoch, dem 10.10., nach Bonn zurück.↩
3
Eduard Putz (1907–1990), 1933 theologischer Hilfsreferent im Landeskirchenrat München; 1934 zur vorübergehenden Dienstleistung bei der 1. VKL nach Berlin abgestellt, 1935-1954 Pfarrer in Fürth, seit 1954 Dekan in Erlangen. Mitglied der NSDAP seit 1923, gründete 1927 den NS-Studentenbund Tübingen; ordentliches Mitglied der 1. Bekenntnissynode der DEK in Wuppertal-Barmen, als Mitglied der theologischen Kommission Mitunterzeichner der Synodalvorlage der Barmer «Theologischen Erklärung» (Prolingheuer, S. 249 – 251 📖 vgl. E. Putz, Warum Bekenntnisgemeinschaft?, in: JK, Jg. 2 [1934], S. 834-847 📖).↩