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von Kirschbaum an B. in Bern
Endlich einmal eine Stunde allein zu Hause, die erste in
dieser ganzen Zeit. Ich habe dir zwar nichts Besonderes zu sagen, aber doch
so sehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit dir, daß ich eben komme. – Heute
morgen war ich mit Emmy bei
ihrer jungen Schwägerin, der Frau meines Zahnarztes Kurt
1. Da lief ein herziges Bürschlein von zwei
Jahren umher, ein anderes von fünf Monaten lag im Wagen, träumte mit großen
blauen Augen vor sich hin, lächelte und spielte mit seinen Händchen und den
ganz braungebrannten Füßlein. Ach du, das wird doch bis ans Ende der Tage
wehtuend sein, daß unser Kindlein nie da sein wird. –
Aber ich will’s wieder vergessen. –
Heute bist du in Madiswil bei
deinen und ich hier in München bei meinen
Verwandten. Alles ein
bißchen sinnlos – –-. Nein, nein, ein |393 Besuch
bei meiner Mutter ist
aussichtsloser als je. Sie ist diesmal gar nicht sehr gut zu mir, und ich
bin eigentlich in Gedanken dran, auch diesen kleinen Rest von
«Familienpflege» vielleicht einmal längere Zeit zu suspendieren. Ich erreiche sie zu wenig, um
ihr helfen zu können, und mich an ihr müde zu reiben, ist
etwas sinnlos. – Sehr schön war es gestern bei meiner alten Tante. Ich erzähle dir davon. Ich habe
leider sehr weinen müssen bei ihr, und zwar darum, weil sie mein Ringlein –
dein Ringlein –,in die Hand nahm: «Wer hat dir den
gegeben?» Und als ich sagte «der Karl» – da schwieg sie lange, und dann
sagte sie (sie spricht schon ganz langsam und schwer): «Wie nett!» Das ist
das erste
freundliche Wort, das von meiner ganzen Familie «dazu»
fiel, und darum mußte ich wohl weinen. Und dann fuhr sie fort:
«Sag deinem Karl, ich sei vorbereitet – auf den Tod nämlich» und dann ganz
ängstlich: «Wenn Gott es annimmt.» – Ich werde sie kaum je wiedersehen.
-
Ich habe gedacht, daß du wohl nicht länger als den Dienstag2
hier sein wirst? Wenn
du nun im Hospiz wohnst – ich will mit Lempp noch darüber sprechen – , fahre ich dir vielleicht nicht entgegen, denn dann können wir den Montag abend ja
gut ganz oder teilweise allein haben. Bis Lindau ist es
eben doch teuer. Am Dienstag abend wird sich dann der Kreis versammeln,
vielleicht nebst Putz3 und
Ellwein. Und am Mittag
würdest du wohl – und vielleicht darf ich auch – bei Lempp essen und alles Nötige mit ihm
besprechen. Ob du Sammetreuther
auch sehen willst (und Meiser??),
steht dir dann ja frei. Und Georg
ebenfalls. – In der Kirchensache scheint mir im Moment ein fauler Friede näher zu
liegen als Katzenhagel. Aber ich kann mich irren. –
394 Von einem schönen Shakespeare
kann ich dir noch erzählen: «Viel Lärm um nichts
📖». Ich war mit Emmy
dort, und es war die heiterste
Stunde dieser Zeit hier. – Mit Hertha hatte ich auch einen freundlichen Nachmittag, an dem
ich ihr versuchte die Aktualität der Offenbarung zu erklären. – Morgen
wollen Emmy, sie und ich uns
noch einmal vereinigen. Und an dem Abend mit dir wird sie auch zugegen
sein.
Guter lieber Karl, ich bin nicht mutlos. Nur so ein bißchen traurig
allein. – Aber
dem Winter mit dir gehe ich trotz Allem getrost entgegen.
Und auf den Anti-Grupper
freue ich mich sogar. Ist
Br[unner] nicht ein bißchen
schwach, daß er nun der Antwort so vorbeugen will? Fast kann er einen
dauern. –
Grüße deine Schwester.
Vielleicht habe ich mich geirrt in ihrem Verstehen, aber ich habe das
Gespräch auf dem Bergli mit ihr
in guter und in dankbarer Erinnerung. Wenigstens hat sie mich einmal
liebevoll angehört. –
Deine schönen Karten freuen mich den ganzen Tag. Und dein Brief. Lieber Karl. Ich war so froh, daß du «Basel» inEduards Haus bestehen
durftest. Dann bist du doch nicht allein.
Behüt dich Gott.