Brief Nr. 168 · 9. November 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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168

L. L.

Es handelt sich hier1 wieder und aufs Neue um das bayrische Luthertum, das auf eine «breite Front»2 aller derer, die nicht mehr |402 geradezu zum Reibi und zu den D. C. halten wollen, hinarbeitet. Eben redet Meiser3, und zwar völlig trostlos. Ich hatte während des Mittagessens gute Unterhaltungen mit Breit und Pressel4; aber ich fürchte, daß hinter ihnen ganz andere Tendenzen stehen, die Barmen-Dahlem faktisch aufheben wollen. Die Mehrheit ist hier nicht auf der Seite dieser Reaktion. Umso weniger ist es abzusehen, wie es nun zu irgend einer Klärung kommen soll. Vielleicht nicht anders als mittelst einer Selbständigmachung des Nordens und Westens. Wie eine arbeits- und kampffähige Leitung der Kirche unter Berücksichtigung des weichen, weichen, weichen «Anliegens» der Bayern5 zustandekommen soll, ist mir ganz dunkel. Wenn ich nichts Anderes telegraphiere, komme ich |403 morgen zur gewohnten Stunde. Noch läßt es sich nicht übersehen, ob und wie wir hier fertig werden.6 Gruß!

D.
K.

Sachfußnoten

1
Sitzung des Reichsbruderrates der Bekenntnissynode der DEK am 9.11.1934 im Burckhardthaus Berlin-Dahlem. Die Einladung war am 7.11. im Auftrag von Präses K. Koch ergangen (KBA 9334.1058). Siehe zum Folgenden G. Niemöller (Hrsg.), Die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Barmen, I. Geschichte, Kritik und Bedeutung der Synode und ihrer Theologischen Erklärung (AGK 5), Göttingen 1959, S. 138f. 📖; W. Niemöller, Von der Dahlemer Synode bis zur Gründung der ersten Vorläufigen Kirchenleitung, in: ders., Wort und Tat im Kirchenkampf. Beiträge zur neuesten Kirchengeschichte (ThB 40), S. 120-145, bes. S. 126-131. 📖 Der 9.11.1934 gilt W. Niemöller als der «Tag der Wende», «an dem die Bruderschaft aufhört, weil fremde Persönlichkeiten auftreten und fremde Gesichtspunkte das Feld erobern. Der Siegeslauf der Bekennenden Kirche ist beendet. Es folgt ein mühseliges und langsames Weiterschreiten.» (S. 126 📖)↩
2
In den Gesprächen der voraufgegangenen Novembertage war es zu einem «Vorschlag» in fünf Sätzen gekommen, welcher dem Reichsbruderrat am 9.11.1934 vervielfältigt vorlag. Danach sollte u. a. der Rat der DEK mit Zustimmung des Bruderrates ein Notregiment einsetzen. Während der Diskussion um diesen «Vorschlag» wurde zur Herstellung eines solchen kirchlich-legitimen Regiments auch gefordert, daß auf die noch nicht zur BK gehörenden Kreise ebenfalls Rücksicht zu nehmen sei: «die ‹Front müsse verbreitert› werden» (Niemöller, Wort und Tat, S. 128 📖).↩
3
Laut Sitzungsprotokoll vom 9.11.1934 erklärte der bayerische Landesbischof Meiser u. a.: «2. Das Anliegen der Barmer und Dahlemer Front fängt an, das Anliegen weiterer Kreise zu werden, die sich nicht ohne weiteres der Bekenntnissynode unterstellen werden. Das geht bis in die DC hinein. Wir müssen uns freuen, wenn wir bis in diese Kreise vorgestoßen sind.» Unter 3.: «Der Bruderrat ist für Süddeutschland nicht ohne weiteres tragbar, da man dort ein Kirchenregiment will. […] Es gibt Kreise, die sich nicht unter den Rat stellen würden, wohl aber unter ein Notkirchenregiment» (Verantwortung für die Kirche. Stenographische Aufzeichnungen und Mitschriften von Landesbischof Hans Meiser 1933-1935, Bd. 1: Sommer 1933 bis Sommer 1955, bearbeitet von H. Braun und C. Nicolaisen [AKZG, Reihe A, Bd. 1], Göttingen 1985, S. 351, Anm. 14 📖; s. Besier, S. 35 📖; Meier I, S. 515 📖).↩
4
Auch Pressel sprach sich für eine «Verbreiterung» aus, da für ihn Volkskirche heiße, «alle zu umfassen, die innerlich zu Barmen und Dahlem stehen, wenn sie sich auch nicht offen bekennen» (Meier I, S. 515 📖). – Wilhelm Pressel (1895–1986), 1929 Studentenpfarrer in Tübingen, 1933-1945 Oberkirchenrat und Mitglied des OKR in Stuttgart, 1934 Mitglied des Lutherischen Rates, 1936 des Rates der EKLD (Lutherrat), 1936 des Reichsbruderrates, 1945-1950 Leiter des Evangelischen Hilfswerkes in Württemberg, 1950-1961 Spitalpfarrer; 1935 Ausschluß aus der NSDAP wegen Kritik am «Führer», an der Partei und an der Reichskirche sowie wegen Ablehnung des Diensteides für Geistliche auf der Deutschen Evangelischen Nationalsynode 1934.↩
5
Barth befürchtete, «daß ‹hinter dem bayerischen Anliegen die Vermittlung steht und eine mittlere Linie herauskommt›» (Niemöller, Wort und Tat [s. oben Anm. 1], S. 130 📖).↩
6
Die Sitzung des Reichsbruderrates begann laut Protokoll um 10.30 Uhr und endete um 20.10 Uhr, «ohne zu einem Ergebnis oder zu einem Beschluß gekommen zu sein» (Niemöller, Wort und Tat, S. 129f. 📖).↩