Brief Nr. 177 · 14. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Oeynhausen

419

177

L.L.

Ich habe mich über die heute morgen in Basel von dir empfangenen Nachrichten überaus gefreut. Du hast alle Eigenschaften eines umsichtigen Generalstabschefs. Unterdessen hast du aus den B. N. von heute (14. Jan. Nr. 12) gesehen, daß ich es dann doch für richtig hielt, eine kleine Gegenmaßregel zu ergreifen.1 Hoffentlich hat sie sich |420 mit euren Absichten nicht gekreuzt. Aber es mußte angesichts der Anfrage durch die B. N.- Redaktion sofort gehandelt werden, und da ich Kaspers2 ganz aus dem Spiel ließ, sondern mich nur an die Akten hielt, wird die Sache wohl unverfänglich sein. Der Hinweis auf die Saarabstimmung3 stammt natürlich nicht von mir. – Heute morgen war ich bei Regierungsrat Hauser4 und fand ihn durchaus aufgeschlossen für die Möglichkeit, daß ich zunächst draußen5 bleibe, wobei mir Basel als Rückzugslinie gesichert bleiben solle. Hier fand ich einen diesmal sehr ernsthaften Brief von Lukas Christ, der sich nach der Verhandlung vom Samstag ebenfalls sehr beweglich zeigt.6 Die Situation ist nun hier tatsächlich nach beiden Seiten in einer guten Weise gelockert. Aber am Samstag und Sonntag sollen dann also in deiner Gegenwart in Elberfeld die Gesichtspunkte von hüben und drüben auch noch direkt verglichen werden.7 Ich hoffe, daß dann ein guter Entscheid so oder so möglich werden wird. ­- Übrigens geht hier eine kleine Wolke von Geschwätz über «uns» durchs Land, ausgehend von einem Brief von N. an eine Freundin in Bern und von Vreneli |421 bzw. von dem geheimnisvollen Freund Dr. Grossmann8 . Ich kann das Zeug nicht tragisch nehmen, werde aber eine Rückfrage an N. richten, die da vielleicht in der Tat nicht gerade glücklich operiert hat. Laß dir nur keine weiteren grauen Haare wachsen deshalb! Was mag sich jetzt dort ereignen?! Ich fahre am Mittwoch 12 Uhr hier weg und bin 1440 in Grindelwald. Die angekündigte Post von dir fand ich hier noch nicht vor; sie wird morgen kommen. Das Herz ist wach.9 In Treue fest10

Dein
K.

Grüße alle guten Menschen und gib mir bald eingehenden Bericht über deine dortige Existenz!

Sachfußnoten

1
Die Basler Nachrichten (Jg. 91, Nr. 12) berichteten am 14.1.1935 auf ihrer Titelseite «Zum Fall Barth» 📖 mit einem Hinweis auf die Mitteilung der Kölnischen Zeitung vom 12. 1. (s. oben S. 414, Anm. 1) «über die Angelegenheit Prof. Karl Barth» und gaben dazu in drei Punkten eine Erläuterung «von unterrichteter Seite» über den Gang des am 26.11.1934 gegen Barth eingeleiteten Dienststrafverfahrens. Die von Barth stammenden Darlegungen, die in Deutschland mehrfach abgedruckt wurden (vgl.JK, Jg. 3 [1935], S. 147 📖), machen deutlich, daß die Behauptung, die Frage der Eidesleistung habe im Prozeß gegen Barth nur eine «untergeordnete Rolle» gespielt, nicht zu belegen ist.↩
2
Wenn es sich nicht um ein Versehen handelt, benutzte Barth den Namen im Plural vermutlich, um damit die Anklagebehörde insgesamt zu bezeichnen (s. oben S. 418, Anm. 17).↩
3
Die Basler Nachrichten hatten in Sperrdruck darauf hingewiesen, daß der Bericht der Kölnischen Zeitung «unmittelbar vor der Saarabstimmung» erschienen war, und damit angedeutet, daß er vermutlich dazu beitragen sollte, den Eindruck zu verwischen, daß das Verfahren gegen Barth Teil einer antikirchlichen Haltung des nationalsozialistischen Staats sei (vgl. zur Rolle dieser Frage bei der Abstimmung im Saargebiet oben S. 368f., Anm. 2).↩
4
Fritz Hauser (1884–1941), 1911-1917 Mitglied im Großen Rat des Kantons Basel-Stadt, 1918-1941 Mitglied der Basler Kantonalregierung und Vorsteher des Erziehungsdepartements, 1919-1941 Nationalrat, bedeutender Schweizer Sozialdemokrat.↩
5
D. h. in Deutschland.↩
6
Lukas Christ erklärte Barth in seinem Brief vom 13.1.1935 sein partielles Schweigen während der Besprechung vom 12. 1. (s. oben S. 368f., Anm. 2): Er könne niemanden zum Opfer verpflichten und somit auch nicht von Barth verlangen, sich in Deutschland «vielleicht ins Gefängnis stecken oder tot schießen» zu lassen. «Wir können nur eines. Wir können, wenn du draußen bleibst, im Glauben, daß das für dich das einzig Richtige ist, hinter dir stehen und dich mit unseren Gebeten begleiten.» (KBA 9335.56)↩
7
Siehe unten S. 452f.↩
8
Nicht ermittelt.↩
9
Vgl. Hld. 5,2. Auf die Frage der National-Zeitung (Basel), Jg. 92, Morgenblatt Nr. 591 vom 21.12.1934, «Welches Buch des Jahres halten Sie für wesentlich?» 📖 nannte Barth u. a. Das Herz ist wach. Briefe einer Liebe, hrsg. von M. B. Kennicott, Tübingen 1934 📖.↩
10
Siehe oben S. 364, Anm. 7.↩