Brief Nr. 178 · 14. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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L. K.!

Wo sitze ich? In der Imbißstube im Bahnhof Köln am Platz neben der Heizung!!2 Im Unterschied zu neulich kein Schnäpslein, sondern eine Bouillon vor mir. Nicht der einzige Unterschied!! – Um 1256 geht es nach Oe[ynhausen] weiter, um ½2 h steigt in Dü[sseldorf] Frl. Seifert ein. Meine Tasche ist schwer: Die zwei dicken Bekenntnisbände3 sind darin. Und einige Dokumente für alle |422 Fälle, auch das Protokoll jenes Gespräches im Hause Jacobi4, das sich doch noch einmal vorfand nach langem Suchen. Wenn es not tut, will ich die «politisch bedenklichen Äußerungen vortragen»5 – wenigstens hinter den Kulissen. Heute morgen habe ich dir etwas Post nachgesandt ohne persönliches Wort. Darum noch dies Grüßlein. Wie geht es dir, Karl? Mach dir das Herz nicht zu schwer mit der Entscheidung Ba[rmen]-Bas[el]. Das wird vielleicht, nein wahrscheinlich ganz konkret von hier aus gewiesen durch den weiteren Verlauf des «Falles B.». – Um den Preis einer Abschwächung in dieser Sache wollen wir d[ein] Hiersein doch keinesfalls erkaufen. Dann lieber Bas[el] und mit deutlichen Tönen. Wenn ich Hesse spreche, will ich ihm das auch andeuten. Aber vielleicht bedeutet auch die Revision nochmal eine Änderung. – Das Wichtigste ist, daß du dich jetzt erholst und, ob hier oder dort, wieder mit Freude beginnst. – |423 Morgen früh wirst du im Gurtenhäuslein am Sender das Resultat6 hören, ich vielleicht im Viktoria Hotel. –

Grüße deine Mutter und die Buben. –

Deine
L.

Die Studenten haben angefragt, ob sie deine Predigtübungen7 abschreiben lassen dürfen. Ich habe es erlaubt. Der lange Wolf8 kommt demnächst zu mir zu dem Gespräch über – Bodelschwingh. Das ist ein netter und guter Mensch. ­- Eras9 kommt Freitag Mittag.

Sachfußnoten

1
Versehentlich datiert 14.1.1934.↩
2
Von Kirschbaum und Barth trafen sich einige Male in «unserem Köln» im Bahnhofrestaurant (vgl. oben S. 94f.).↩
3
Die zweibändige Ausgabe Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, hrsg. vom Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß, Göttingen 1930 📖; vgl. unten S. 426.↩
4
Am 31.10.1933 kam es im Hause des Pfarrers an der Berliner Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche, Gerhard Jacobi, zu einer kleineren Vormittagsversammlung mit ca. 20 leitenden Personen des Notbundes und am Nachmittag zu einer größeren Versammlung. Über beide Versammlungen hat von Kirschbaum ein stenographisches Protokoll geführt (s. Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. und eingeleitet von E. Busch, Zürich 1998, S. 71-92 und S. 93-113 📖). Außerdem hat auch Erica Küppers über die Vormittagsversammlung einen Bericht abgefaßt, den sie am 11.11. als Text eines Rundbriefs an Freunde versandte (abgedruckt bei Prolingheuer, S. 236-240 📖, und in Reformationstag 1933, a.a.O., S. 64-70).↩
5
Die in dem Rundbrief von E. Küppers, dem sogenannten «Küppersbrief», wiedergegebenen «politisch bedenklichen Äußerungen» Barths waren in dem juristischen Verfahren «Belastungsmaterial» gegen Barth (vgl. Prolingheuer, S. 95.142.259f.322.367 📖) und wurden in der Kölnischen Zeitung vom 12.1.1935 nochmals hervorgehoben (vgl. oben S. 414, Anm. 1). Nach dem Rundbrief von E. Küppers hatte Barth am 31.10.1933 im Hause Jacobis u. a. gefragt: «was sagt die Kirche zu dem, was in den Konzentrationslagern geschieht? oder zu der Behandlung der Juden? oder zu allem, was im Namen der Eugenik unternommen wird? oder zum ‹totalen Anspruch› des Staates? […] oder zum Reichstagsbrandprozeß und seinen Hintergründen?» (Prolingheuer, S. 239; Busch, Reformationstag 1933 , S. 69f., vgl. S. 87 📖).↩
6
Der Versailler Vertrag bestimmte, daß das Saargebiet 1920 vom Deutschen Reich getrennt und mit einem Mandat des Völkerbundes unter französische Verwaltung gestellt werden sollte; nach 15 Jahren sollte eine Volksabstimmung über die Zukunft des Gebiets abgehalten werden, welche am 13.1.1935 stattfand. Das Ergebnis wurde am 15.1.1935 bekanntgegeben: 90,7% der Saarländer stimmten für die Rückgliederung in das Deutsche Reich, 8,9% für die Beibehaltung des Status quo, 0,4% für einen Anschluß an Frankreich. Siehe zur Bedeutung des Kampfes um die Saarabstimmung innerhalb des Protestantismus: JK, Jg. 2 (1934), S. 674.879. 📖↩
7
Siehe oben S. 237, Anm. 10.↩
8
Vermutlich Hans Heinrich Wolf (1911–1987), der im Wintersemester 1934/35 in Bonn studierte; 1940 Ordination, 1946-55 Dozent für Systematische Theologie in Bethel, 1955-1966 Direktor des Ökumenischen Instituts in Bossey, 1966-1979 Prof. für Systematische Theologie in Bochum.↩
9
Martin Eras wird am Freitag, dem 18.1.1935, von Kirschbaum über seine tags zuvor erfolgte Vernehmung durch den Universitätsrichter berichtet haben (s. Prolingheuer, S. 123f. 📖). Eras war einer der drei Verfasser einer studentischen Protesterklärung, die am 7.12.1934 gegen die Suspendierung Barths und die Einsetzung eines Vertreters verlesen worden war (a.a.O., S. 76f.; vgl. S. 81–84).↩