Brief Nr. 179 · 15. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Grindelwald

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179

L. K.

Zu dem langen Bericht langt es nicht. Wir tagen ununterbrochen, von morgens 9 h an.1 Jetzt ist es 8 h abends, und es geht wohl |424 noch bis tief in die Nacht. Ich habe mich zum lutherischen Konvent gehalten. Ach ja – – der Fragen, die angeschnitten werden, sind so viele, daß keine ordentlich dran kommt. Übrigens: Wir sind die einzigen weiblichen Wesen, was manchmal auch toll ist. Frl. Seifert läßt dir sagen, sie fühle sich so deplaciert als möglich, aber sie wankte und wich nicht!! – In der Mittagspause allein mit Georg. «Gespräch». Er ist irgendwie doch ein Armer. Theologisch nicht gut, ich habe ihm das auch unumwunden gesagt. – Treu eingerahmt bin ich von Heinrich Vogel2 und Schipper3. Gestern abend langes Gespräch mit Jannasch-Lübeck4, Vogel, Horst Michael5 und Schipper über dich. Es war nötig. – Heute kam deine Karte. Wie schade um den Brief. Gibst du ihn nicht Eduard mit am Samstag? Ich will gern nach Elberfeld mitkom|425men. Hier verteile ich Auszüge aus dem Protokoll6 mit jenen bewußten politisch bedenklichen Äußerungen von dir. – Eben sitzen wir bei Tisch. Mir gegenüber Humburg und Fiedler, neben mir de Quervain. – Sachlich schreibe ich dir lieber ausführlich im Zusammenhang. – Ich habe jetzt keinen ruhigen Augenblick. – Erhol dich gut. Herzlichen Gruß

D.
L.

Sachfußnoten

1
Auf der Theologischen Arbeitstagung, die vom Reichsbruderrat der BK vom 15.-17.1.1935 in Bad Oeynhausen als Rüstzeit für kirchliche Führer aus den hinter der Vorläufigen Leitung der DEK stehenden Landeskirchen und Bekenntniskirchen veranstaltet wurde. Die Themen der Tagung: 1. Alte und neue Kirche (Restauration oder Reformation); 2. Staat und Kirche; 3. Volkskirche und Freikirche (JK, Jg. 3 [1935], S. 147f. 📖; s. das Dokumentationsheft der Tagung: Reformation oder Restauration, hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen 1935 📖; vgl. die Thesen in: Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage, Bd. 3: Das Jahr 1935, hrsg. von K. D. Schmidt, Göttingen 1936, S. 50f. 📖; vgl auch Lichtenfeld, S. 512f. 📖).↩
2
Heinrich Vogel (1902–1989), 1927-1945 Pfarrer in Odeberg (Mark Brandenburg) und Dobbrikow, zugleich ab 1935 Dozent an der «illegalen» Kirchlichen Hochschule der BK in Berlin, von 1937 bis zu ihrem Ende 1941 auch ihr Leiter, ab 1946 Professor an der Kirchlichen Hochschule in Westberlin und Professor an der Humboldt-Universität in Ostberlin. Siehe H. Vogel, Freundschaft mit Karl Barth. Ein Porträt in Anekdoten, Zürich 1973 📖.↩
3
Fritz Schipper (1910–1945), Theologiestudium in Tübingen, Leipzig und Bonn, 1933 Auslandsvikariat in Wien, danach Pfarrdienste in Bad Zwischenahn, Oldenburg und Varel, ab 1939 Pfarrer der BK in Bremen, bereits 1939 im Kriegsdienst, verstarb 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft in Zichenau/Polen.↩
4
Wilhelm Jannasch (1888–1966), Dr. theol., seit 1921 Hauptpastor in Lübeck, Mitglied der Jungreformatorischen Bewegung in Lübeck, agitierte bei den Kirchenwahlen vom 23.7.1933 für die Liste «Evangelium und Kirche», 1934 nach Zwangspensionierung im Dienst der BK (mehrfach durch Gestapo-Haft unterbrochen), 1937 Geschäftsführer des Pfarrernotbundes, seit 1939 Pfarrer der Bekenntnis-Gemeinde Berlin-Friedenau, ab 1945 Mitglied der Kirchenleitung von Berlin-Brandenburg, ab 1946 o. Professor für Praktische Theologie in Mainz.↩
5
Horst Michael (1901–1983), Journalist, Kirchenberichterstatter der «Täglichen Rundschau» Berlin, Korrespondent englischer Blätter, Publizist der «Münchner Neuesten Nachrichten», Mitglied des Bruderrates von Berlin-Brandenburg.↩
6
Siehe oben S. 422, Anm. 4 und Anm. 5.↩