Brief Nr. 180 · 15. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Oeynhausen

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Liebe Lollo!

Seit ich heute morgen am Radio das Abstimmungsergebnis1 hörte, sitze und laufe ich wie geschlagen herum. Wieder hat sich Deutschland – und diesmal offenkundig in Freiheit2 – dieser Sache verschrieben und befindet sich, wie am Radio dauernd vernehmbar, in größtem Jubel darüber. Es macht so müde und elend, daran zu denken. Und alle die Reden, die ich am Samstag in aller Aufrichtigkeit und, wie du aus Christs Brief3 siehst, nicht ohne Erfolg gehalten über die Notwendigkeit, dort auszuharren, werden mir nachträglich so fad im Mund angesichts der Tatsache, daß dieses Volk nun einmal doch unbelehrt und unbelehrbar [in]4 sein Verderben rennen will. Wie mag |426 sich dieser Tag auf euer Zusammensein und Beraten in O[eynhausen] auswirken? ­Ich denke immer wieder dorthin, sehe dich mit der Bibel und den Bekenntnisschriften vor dir im Bruderkreis sitzen und frage mich, ob der Geist der Rede schon über dich gekommen ist. – Wir hatten gestern einen freundlichen Abend hier: Peter, Kari, Markus, Mama und ich, bei dem sogar Studentenlieder gesungen wurden! Markus befindet sich in gewisser Spannung zu seinen Onkeln: Teils weil er wohl tatsächlich oft etwas vorschnell, altklug in Vertretung seines Vaters Urteile fällt, teils weil er mit Recht gegen eine gewisse allzu schweizerische Abwertung deutscher Probleme tapfer Front macht. Er wirkt in seiner weißen Mütze5 sehr adrett und niedlich. Weißt du, wer sehr wenig dafür ist, daß ich nach Basel gehe? Mein Bruder Heinrich, den ich am Sonntag besuchte, um von ihm zu vernehmen, daß er vor der «Dynamik» meiner Tätigkeit – eine «Stadtgemeinde» wie Basel dürfe nicht so erschüttert werden – richtig Angst hat: Schwächere Geister würden von mir an die Wand gedrückt werden, obwohl sie doch auch manche Anliegen hätten usw.! Eduard raste, als er von diesem Gespräch hörte. Denk, die Post, die du mir hieher senden wolltest, ist noch nicht gekommen. ­Das Material für die Broschüre6 mag dort liegen bleiben, wo es liegt. Sollte es nicht besser sein, wenn ich mich aus diesem ganzen Streit wieder herausziehe? Aber den Reisner7 bekomme ich gerne. Peter scheint es gestern gelungen zu sein, das Gespräch über «uns» an einer entscheidenden Stelle zu stoppen. Hoffentlich auf die Dauer. Sonst muß es eben weitergehen. Diese Sache gehört hier wirklich zu meinen kleineren Sorgen.

Ich muß noch viel Anderes schreiben. Von Grindelwald aus komme ich dann wieder, sobald es geht. Möchte ich doch bald viel von dir zu hören bekommen. In der ganzen Schweiz liegt tiefer Schnee. Ob du dich nicht vielleicht am Sonntagabend von Rudi mitnehmen lässest in dieses Land?

Dein (sehr Dein)
K.

Sachfußnoten

1
Siehe zur Abstimmung über die Rückgliederung des Saarlandes in das Deutsche Reich oben S. 423, Anm. 6. ↩
2
D. Muskalla, NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel. Gleichschaltung – Neuordnung – Verwaltung (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung 25), Saarbrücken 1995, S. 50 📖 resümiert freilich: «Sicherlich hatte die Abstimmungskommission» des Völkerbundes «für einen ungestörten Wahlablauf sorgen können sowie für die technische Seite einer freien Entscheidung selbst; doch hatte sie die zahlreichen Beeinflussungen der Wähler, vor allem durch die Organe der nationalsozialistischen Seite, nicht zu unterbinden vermocht.»↩
3
Zum Brief von Lukas Christ s. oben S. 420, Anm. 6. ↩
4
Durch Lochung unleserlich.↩
5
Die Mütze der Berner Studentenverbindung «Zofingia» (s. V.u.kl.A. 1905-1909, S. 85f. 📖).↩
6
Siehe oben S. 413, Anm. 2. ↩
7
Siehe oben S. 413, Anm. 3. ↩