Brief Nr. 181 · 16. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Grindelwald

427

181

L. K.

Nun beginne ich mit Mut den 2. Tag. Frl. S[eifert] streikt etwas und bleibt zwei Stunden länger liegen. Aber wenn schon, denn schon. – Gestern abend dauerte es noch bis 12 h nachts im Plenum, dann noch Ausschüsse. Zur Diskussion stand die Gültigkeit der Ba. Erklärung1. Die Reformierten sehr gut. Die Lutheraner stritten allein bis zum Abendessen, dann weiter bis etwa ½10 h. Asmussen und Merz gerieten sehr aneinander. A. [fuh]r2 ihn an: «Sagt lieber gleich, wir wollen Barmen fallen lassen.» Es drohte ein völliger Zusammenbruch bei ihm. Er ist grenzenlos allein, nur Vögelchen3 hilft mit flatternden Kräften. Er und ich waren gestern abend recht niedergeschlagen. Dann, später im Bett, habe ich mich freilich gefragt: Wo in aller Welt wird wohl so erbittert theologisch gestritten als eben hier in D[eutschland] jetzt? Es ging ja um lauter theologische Fragen, bei denen die Lu[theraner] eben sichtlich gebunden sind durch ihre Bekenntnisbestimmtheit. Georg sieht in der Barmer Erkl[ärung] geradezu eine Aufforderung zu dieser Haltung. Die Unklarheit über das Grundsätzliche des Bekenntnisses ist groß. Ach, überhaupt, du fehlst bitter. Anderseits bin ich froh für dich. Es macht jetzt grenzenlos traurig: ein auf Sand gefahrenes Schiff. – Sehr freundlich sind sie alle zu mir, und etwas von dem scheuen Respekt, der dich umgibt, ist im Abglanz da um dieses dein «schweigendes Zeichen»4. Dein Name fällt sicher vorsichtiger, als er es ohne das täte!!

Ob der Samstag in E[lberfeld]5 das Ende hier bedeutet? Mir ahnt es. Dann muß es eben sein. Ich werbe hier in jedem Gespräch um Ver|428ständnis für deine eventuelle Entscheidung für Basel. Vogel ist gut darin, Andere nicht. Einmal fuhr ich sie an: «Zum Donnerwetter, wenn ‹Blubo›6 gilt, dann gilt es in seinen Grenzen eben auch für B.!!» Leb wohl. Es ist so schön, dich in der Winterstille da oben zu wissen. Erhol dich gut. De Quervain läßt dich grüßen.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Siehe zur Barmer Theologischen Erklärung vom 31.5.1934 oben S. 357–360.↩
2
Durch Lochung teilweise unleserlich.↩
3
Heinrich Vogel.↩
4
Von Kirschbaums Anwesenheit als Zeichen der Abwesenheit Barths; vielleicht eine Anspielung auf das stumme Zeichen des Zacharias, über das Barth in den Vier Bibelstunden über Luk. 1 (ThExh 19), München 1935, S. 14f. 📖, gehandelt hatte.↩
5
Siehe unten S. 452f.↩
6
Anspielung auf die nationalsozialistische Blut- und Boden-Ideologie. Siehe oben S. 398, Anm. 13.↩