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von Kirschbaum an B. in Grindelwald
Bad Oeynhausen, 16.1.19351 [II]
Eigentlich sollte ich im Kurhaus sitzen und einer Einladung
von Präses2
Folge leisten. Die ganze Gesellschaft ist drüben. Aber ich war reichlich
müde – es ist doch wieder neun Uhr abends geworden –, und dann wollte ich
dir auch einmal ein bißchen ausführlich schreiben. Denn in Bonn werde ich dann ja sogleich wohl
auch nicht dazu kommen, wenn es wirklich Samstag nach Elberfeld gehen soll.
Also zuerst: Es ist ganz wunderschön, daß jedesmal, wenn ich müde
aus dem Sitzungszimmer komme und beim Portier mein Auge fragend über die
Postfächer gleitet, ein Gruß von dir unter Zimmer 39 liegt. Jetzt eben dein
Brief aus Bern mit dem guten von
Lukas Christ. Ich danke dir
sehr, sehr dafür. Es ist, wie wenn du wüßtest, daß ein wenig
Trostbedürftigkeit hier doch vorhanden ist. Heute um zwölf Uhr – wir tagten
emsig – dachte ich ganz plötzlich an deine Abreise aus Bern. Nun bist du in Grindelwald und findest dort meine
etwas bekümmerte Karte von gestern. Inzwischen ist ein Tag vergangen, wieder
ein Tag mit viel, viel Reden. Ich will damit nicht sagen: unnützem Reden.
Und ich will damit noch weniger sagen, daß ich nicht doch sehr froh darum
bin, das hier mitmachen zu dürfen. Das Thema |429
«Staat und Kirche» stand
heute zur Diskussion, ein geradezu verblüffend simpler Vortrag von Pfr.
Schmidt3-München, der alle, aber auch alle
Unmöglichkeiten des Luthertums enthielt, und ein ausgezeichneter
von de Quervain4 beschäftigten uns
am Vormittag nach einer wirklich auch guten Bibelarbeit von dem Reformierten
Albertz5.
De Quervain hob das Niveau
spürbar, es war auch notwendig, und, was mehr ist, er machte die Sache erst
im eigentlichen Sinn ernsthaft und rückte sie in den Bereich der
existentiellen Entscheidung. Ich war ihm sehr dankbar. – Nachher ergriff noch Fiedler das Wort zu einer guten und
klaren Ausführung. Um drei Uhr ging man zum
gemeinsamen Mittagessen. Asmussen
frug, ob er sich zu mir setzen dürfe, Karwehl hatte dies schon vorher getan, und schließlich kam
auch noch Dr. Stoevesandt. Da
wurde das ein munteres und gutes Reden, das wir im Anschluß an das Essen
noch bei einem Kaffee fortsetzten. Asmussen mußte in einen Ausschuß gehen, und statt seiner
setzte sich Voget6 zu uns, ich glaube, ein Bruder
des anderen Uelsener7, und mit ihm, Karwehl und Stoevesandt haben wir dann sehr ernsthaft
über Gemeindearbeit gesprochen, und ich vergaß fast, daß ich kein
Pastor war. |430
Stoevesandt ist nett zu mir,
sehr offen und gut. Überhaupt, sie sind alle nett zu mir.
Mit Heinz Vogel8
ist es in den zwei Tagen eine ganz richtige Kameradschaft geworden, und er
fragt mich vor seinen Voten fast, wie wenn du es wärest. Das beschämt mich
ganz. Er ist ein gutes und tapferes Vögelchen. Selber das Wort zu ergreifen,
halte ich nicht für angebracht, wohl aber beteilige ich mich an den
Abstimmungen. Wenn jeweils die Diskussion sich teilt in einen lutherischen und
reformierten Konvent und die
Reformierten den Saal verlassen, wird mir das Herz schwer. Karl, was ist das
mit den Lutheranern? Sie sind fürchterlich, besonders die
Bayern und Hannoveraner. Und
ausgerechnet das ist mein Blubo9!!! Eine kleine Minderheit: Asmussen, Vogel, Karwehl kämpft verzweifelt dagegen an. Sie tun mir in der
Seele leid. Denn die Armen gehören wirklich eher zu den Reformierten als zu diesen lutherischen Brüdern. Mir selbst geht es ja auch
so. Diese Unklarheit, um nicht zu sagen Unaufrichtigkeit in der
Argumentation. Das kam heute geradezu klassisch zutage bei dem Thema Staat. Aber vielleicht
sind wir zu anspruchsvoll, vielleicht ist es schon ganz viel, was sie an
Ketzereien nicht mehr sagen. Der 13. Januar10 blieb in der Versammlung ohne jeden
Kommentar!! Deine Furcht in dieser Hinsicht ist un[begrün]det11. Und das ist vielleicht sehr viel, wenn wir ein
Jahr zurückdenken. Aber daß die Spaltung in der lutherischen Kirche früher oder
später einmal offen ausbricht, das scheint mir nach diesen zwei Tagen ganz
deutlich. Es ist ja alles so seltsam in Dunkel gehüllt im Augenblick.
Vielleicht vollziehen sich da unter Krämpfen ganz wichtige Entscheidungen
gerade in dieser lutherischen Kirche. Nur wir sehen es noch
nicht. – Die Reformierten
sind sehr gut, geschlossen, konzentriert, streng besinnlich auf die Schrift. Da werden keine Kompromisse mehr gemacht. Am wenigsten gut
vielleicht die Herren aus dem Kirchenregiment Niesel und Humburg, und zwar darin weniger gut,
daß sie als Vielbeschäftigte über die Szene gehen, während Immer12, Obendiek, de Quervain, Albertz redlich Arbeit
|431 leisten. – Präses Koch begrüßte mich heute sehr
freundlich und gab mir einen ganz herzlichen Gruß an dich auf. Er mutet
während der Sitzung auch seltsam apathisch an, während sein Geschäftsführer
Weber13
es ordentlich macht. Ich schreibe treu mit,
und vielleicht kann ich dir nächste Woche einige Leseblüten schicken. – Frl.
S[eifert] ist nicht so gut
mit drin, sowohl menschlich – ich suche möglichst, sie nicht allein zu
lassen, aber andererseits lasse ich mich auch rufen von denen, die mit mir
über dich sprechen wollen – und sachlich ist sie doch nicht genug vertraut
mit der theologischen Terminologie, um nicht sehr angestrengt zu sein und
ein wenig mutlos dann und wann zu werden. Dazu kommen aus der Nähe einige
merkwürdige und etwas ältliche Besorgtheiten in gesundheitlicher Hinsicht,
die sie hemmen. Aber wenn wir allein sind, haben wir es gut und friedlich.
Sie läßt dich sehr grüßen.
Ein gutes Gespräch hatte ich heute auch mit Karwehl. Das ist ein vortrefflicher Mann, sehr besorgt über
seinen Schwager Georg14. Wir haben uns gut verständigen können. Aber von
dem allen muß ich dir dann später noch erzählen. –
Vogel meinte heute abend, es
sei doch gut, daß du dich nicht wieder mit ärgern müßtest. Du zögest
vielleicht den Schluß, hier deine Zelte abzubrechen. Ich lachte und sagte,
vielleicht auch das Gegenteil. Wenn das Schlachtpferd die Trompete hört,
horcht es auf!! – Nein, denk, trotz allem und allem (ich hatte heute abend
einen Magenkrampf vor Ärger über die Lutheraner, worüber |432
Vogel fast Tränen lachte): ich
würde doch nicht sagen können, daß hier nicht Kirche
kämpft, und zwar
eine doch und trotz allem auch von Karl Barth belehrte
Kirche. Es bleibt ein Rest, und um dieses Restes willen lohnt sich Alles.
Denk einmal zehn Jahre zurück: Wäre es möglich gewesen, daß da eine Schar
von 50-60 Pfarrern zusammensitzt und sich wirklich von morgens bis abends
den Kopf zerbricht über theologische
Fragen?
Damit tröstete ich heute morgen Asmussen, der ja gestern abend so elend war und so mutlos.
Er scheint immer gewillter, den offenen Zwiespalt in der lutherischen Kirche nicht mehr
länger zu verhüllen. Heute mittag sagte er zwar zu Voget: «Sie müssen aber nicht glauben,
daß ich eine heimliche Liebe zu Ihnen Reformierten habe», worauf ich ihm nur lachend
einwerfen konnte: Das sage man nie, wenn man eine heimliche Liebe habe. – –
Wir können es menschlich so gut miteinander, und ich mag ihn einfach gern,
wenn ich auch vielleicht in den Tagen theologisch oder besser vielleicht in
seiner theologischen Sprache das deutlicher sehe, was dich
manchmal etwas besorgt macht. Vogel ist da vorsichtiger.
Ach, lieber Karl, da erzähle ich dir so ein wenig unzusammenhängend und
zufällig von all dem bunten Treiben um mich herum. Es ist ja nur, weil du
immer und überall dabei bist. Frl. S. liegt schon im Bett. Ich gehe jetzt mit diesem Brief an
die Bahn. Eben habe ich noch mit de
Quervain zu Abend gegessen. Ein seltsames Männlein,
menschlich so unruhig und unsicher und theologisch einfach gewaltig heute.
Er kommt immer wieder zu mir, ist dann aber wie zerstreut und abwesend, so
daß ich große Mühe im Gespräch habe. Jetzt reist er heim. – Die Nachrichten
von dem Klatsch über uns reicht[en] nicht aus zu einer echten Beunruhigung
bei mir. Die lutherischen Brüder wirken in dieser Hinsicht
verstockend auf mich, besonders der gute, ach nein, auch wieder gar nicht
gute Pfr. Schmidt aus München. Was sind das für Leute. Er
sagte wörtlich: Und das sage ich ganz offen: ich bin für eine handfeste
Ethik!! Asmussen polemisiert viel
gegen die Schöpfungsordnungen, de
Quervain dito. Sie wissen, warum. Mißversteh mich nicht, ich
weiß schon, daß das nichts mit uns zu tun hat. Aber ein bißchen Gerede ist vielleicht noch lange, lange nicht das
Schlimmste.
H. Traub hat heute geschrieben.
Sein Pfarrer hat sehr gut von dir gesprochen: B., der uns alle wach
gerüttelt hat, ohne den überhaupt der Kirchenkampf nicht möglich geworden
wäre!! Träublein ist ganz |433 glücklich. Er ist doch ein guter Mensch und
liebt uns treu. – Morgen abend fahre ich heim, bin um 12 Uhr in Bonn. Aber vorher ist noch ein strenger
Tag
mit Vorträgen und Diskussionen. Thema: Bekenntniskirche, Freikirche, Volkskirche.15 – Da mag es lustig werden mit Hannover und Bayern, sofern das
letztere überhaupt vertreten ist. Die Leutlein sind nicht gekommen, wie wohl
überhaupt das ganze Unternehmen etwas gegen die Bischofsbewegung zu verstehen ist als Stärkung des
Bruderratselementes. Heute wurden große Bilder von dir verkauft, die neulich in Detmold16 entstandenen vergrößert. Das war sehr merkwürdig für
mich, als ich so offiziell plötzlich diese Bilder auf dem Tisch liegen sah!! Hellbardt17 hatte den Verkauf
übernommen. –
Nun bist du in Grindelwald,
weit weg von hier. Aber ich bin so nah bei dir. Und ich bin in diesen Tagen
so selbstverständlich unter deinen Fittichen all diesen Menschen gegenüber,
daß mich das ganz dankbar macht, Ihnen und dir, vor allem
dir, gegenüber.
Mit der Notiz in den Basler Nachrichten18 sind wir alle sehr einverstanden. Humburg will die Sache nicht ruhen
lassen. De Quervain sprach heute
sehr scharfe Worte über die Behandlung deiner Angelegenheit von der «Vorläufigen»19 (man nennt sie nur mehr die Vorläufige, und
zwar ganz offiziell in den Aussprachen). Auf eindeutiges Zudirstehen darfst
du unbedingt bei den Reformierten zählen und bei den heimatlosen Lutheranern. Die
vollbäckigen trauen dir nicht, und mit Recht!! – Der Gedanke der Fr. Fakultät20
kommt in einer Man|434telnote auch zu den
Beschlüssen dieser Tage, die du bald formuliert lesen kannst. Im
wesentlich[en] läuft dies ganze Unternehmen auf eine
Feststellung des Tatbestandes hinaus: Wer steht treu zu Barmen-Dahlem und ist zuverlässig in dieser Hinsicht? – soviel ist mir
in den zwei Tagen klar geworden. Quantitativ wird das Ergebnis dabei auf
ganz Deutschland sicher nicht groß sein, obwohl Herr von Arnim 21 gestern mit
unnachahmlicher aristokratischer Würde zu Georg sagte: Was wollen Sie eigentlich immer mit Ihrer
lutherischen Kirche von Bayern?? Sie ist vielleicht, nein höchstens so groß wie die der
Kurmark, also ein Bruchteil unserer preußischen Landeskirche. Und die steht
unerschüttert zu Barmen!! – Das löste
Heiterkeit in der ganzen Versammlung aus, und Georg hat ja dann auch Humor genug, um
mitzulachen. Aber über Georg
müssen wir noch reden. Es war erschütternd, gerade weil er menschlich so
offen war wie seit vielen Jahren nicht mehr und es einfach aus ihm herausbrach,
daß er dich liebt und daß er ja keinen wirklichen Freund mehr hat. Aber
theologisch ist er traurig dran. Er ließ sich von mir seinen Vortrag
kritisieren, hörte zu und hörte es ganz aufgeschlossen, als ich sagte:
Georg, du bist aus einem
Rechtsanwalt ein Staatsanwalt geworden. Und das ist schlimm. – Er bat
förmlich darum, daß wir beide ihn nicht aufgeben. Und nachher in der
Versammlung sagte er doch wieder diese merkwürdig versteiften lutherischen Dinge.
Er glaubt das tun [zu] müssen. Wenn man ihm nur das
ausreden könnte. Wie er auch glaubt, dir widerstehen zu müssen, weil du
jetzt dir selbst untreu werdest und in die Sünde der Religiös-Sozialen22 fallest.
Mißverständnis über Miß|435verständnis!
Damit hatte er auch R. Karwehl
ganz verwirrt, und wir waren beide froh, das in einem Gespräch heute klären
zu können.
Frl. S. schläft. Ich will
abbrechen, obwohl ich mich ungern trenne. Verzeih, wenn alles ein bißchen
durcheinander geht in dem Brief. Der Kopf summt mir noch, der Magen schmerzt
noch etwas, aber das Herz ist wach [vgl. Hld. 5,2]. Ja, das ist es. – Hab es gut mit
deinem Freund, fall ja nicht in
eine Gletscherspalte und schreib mir einmal wieder. Wenn du da wärest, würde
viel passieren.