Brief Nr. 170 · 29. November 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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170

L. L.

Pummchen1 wird dir erzählt haben von unserer gemeinsamen (!) Reise2 und von meiner Predigt gestern abend3. Nachher hatte ich die |407 Sitzung mit den Ostfriesen und Bentheimern4 und nachher eine Moderamenssitzung5, nach der ich erst um 1½ Uhr zu Bett kam. In diesem Diakonissenmutterhaus, in dem auch die Tagung6 stattfindet, werde ich von freundlichen Diakonissinnen mit einer Spezialaufmerksamkeit verpflegt, die ich7 sonst nur von L. und etwa von Frau Karwehl8 erfahren habe. Geweckt wurde ich heute in der Weise, daß |408 ein vierstimmiger Jungfrauenchor vor meiner Türe einen schönen Lobgesang anstimmte. Und das Frühstück durfte ich im Zimmer der Oberschwester einnehmen. Sie heißt Schwester Martha9, und darum hängt an der Wand ein Spruch: «Jesus hatte Martha lieb» [Joh. 11,5]. Du kannst dir vorstellen, daß ich bei dem allem und auch beim Anblick dieses gegenüberliegenden Heims10 viel an dich denken muß. – Die Tagung ist im Gang.11 Obendiek12 hält eben seinen Vortrag und macht es gut. In Berlin geschehen wunderliche Dinge: Hossenfelder ist wieder eingesetzt als Oberkirchenrat.13 Das Kabinett Marahrens hat schon mehrere zweideutige Schritte14 getan. Und die Regierung – anerkennt keines von diesen beiden «Kirchenregimentern»15

Es grüßt dich und Alle

Dein
K.

409[Am Rand der Abbildung:] Auf dem Balkon liegen tagsüber die Säuglinge und schreien bald einzeln, bald im Chor, daß es eine Freude ist.

Sachfußnoten

1
Emmy Lentrodt.↩
2
Am Mittwochvormittag, dem 28.11.1934, reiste Barth – ohne um Genehmigung nachgesucht zu haben (Prolingheuer, S. 55 📖; vgl. oben S. 357, Anm. 1) – nach Detmold.↩
3
Die Predigt Barths bzw. der Abendgottesdienst am 28.11.1934 in der Detmolder Marktkirche bildete den Schnittpunkt zweier Versammlungen, die im Diakonissenmutterhaus abgehalten wurden: einer «Rüstzeit von Pastoren und Ältesten» und der Mitgliederversammlung des Reformierten Bundes. Barths Predigt eröffnete die eigentliche Mitgliederversammlung. Da Barth unmittelbar zuvor (am 26.11.) von seiner Professur suspendiert und dies bereits vom folgenden Tage an in der Presse publiziert worden war (s. unten S. 410, Anm. 7), kam dem öffentlichen Auftreten Barths in Detmold besondere Bedeutung zu (Pr. 1921-1935, S. 357f., Anm. 1 📖). Seine Predigt über Jer. 17,5–10 erschien (zusammen mit zwei weiteren Predigten Barths) in Heft 17 der Schriftenreihe «Theologische Existenz heute» 📖: K. Barth, Drei Predigten (ThExh 17), München 1934, S. 18-25 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 357-367 📖.↩
4
Auf briefliche Bitten von Pastor Anton Rosenboom aus Neuenhaus im Kreis Grafschaft Bentheim hatte sich Barth zu einem Treffen mit den «‹Protestanten› der [Evangelisch-reformierten] Landeskirche [Hannover]» in Detmold bereit erklärt. Dabei ging es um die Frage, wie diese Gruppe «unsere Landeskirche zu einer klaren und eindeutigen Haltung» im Kirchenkampf bewegen könnte (Brief vom 13.11.1934 [KBA 9334.1086], vgl. Brief vom 6.11.1934 [KBA 9334.1054]; s. auch Lekebusch [s. oben S. 373, Anm. 2], S. 212 📖).↩
5
Am Nachmittag des 28.11.1934 tagte in Detmold das Moderamen des Reformierten Bundes. «Barth nimmt als sein Mitglied an der Sitzung teil, auf der vornehmlich Angelegenheiten der bevorstehenden – mehrfach verschobenen – Mitgliederversammlung des Reformierten Bundes besprochen werden.» (Prolingheuer, S. 58 📖)↩
6
Die am 29. und 30.11.1934 tagende Mitgliederversammlung des Reformierten Bundes fand «nach dem Sturz des in Dahlem gewählten Rates der Deutschen Evangelischen Kirche und der daraufhin erfolgten Austritte der drei Repräsentanten des Reformierten Bundes, H. A. Hesse, K. Immer und Barth, aus dem Reichsbruderrat […] großes Interesse weit über den Bereich der reformierten Gemeinden Deutschlands hinaus» (Prolingheuer, S. 58 📖; zu den vier Sätzen des «Detmolder Beschlusses», die Barths theologische Handschrift erkennen lassen, s. a.a.O., S. 59f.).↩
7
Mskr.: «mir»; Korrektur vom Hrsg.↩
8
Margarete («Grete») Karwehl, geb. Riedner, verw. Doell (1890–1973), Schwester von Karoline («Line») Merz, seit 1921 Ehefrau von Barths Osnabrücker Freund Richard Karwehl.↩
9
Die mit von Kirschbaum später bekannte Martha Coerper (1895–1968), seit 1926 Oberin des Diakonissenhauses in Detmold, erhielt in der christlich-sozialen Frauenschule der Inneren Mission in Berlin ihre Ausbildung. Vgl. den Bericht von der Feier zu ihrer Einführung in: RKZ, Jg. 76 (1926), S. 294 📖.↩
10
Auf der Karte abgebildet: «Marienheim. Säuglings- und Mütterheim des Diakonissenmutterhauses in Detmold, erbaut 1928».↩
11
Siehe den Bericht W. Kolfhaus, Von der Mitgliederversammlung des Reformierten Bundes in Detmold, in: RKZ, Jg. 84 (1934), S. 414f. 📖↩
12
Harmannus Obendiek (1894–1954), Lic. theol., 1931-1954 Pfarrer in Wuppertal-Barmen, 1931-1941 zugleich Dozent an der Theologischen Schule in Wuppertal-Elberfeld, 1945-1954 Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal.↩
13
Die Nachricht war unzutreffend: J. Hossenfelder kehrte nach seiner am 21.12.1933 «auf zwei Jahre befristeteten Beurlaubung nicht wieder in den aktiven Dienst des Evangelischen Oberkirchenrates zurück» (Meier I, S. 273 📖). «Hossenfelder blieb Pensionsempfänger» (Meier II, S. 179). 📖↩
14
So trat die am 22./23.11.1934 neuentstandene «Vorläufige Kirchenleitung» (VKL) schon am 23.11. mit einer «kirchenamtlichen Kundgebung» im «Gehorsam gegen den Herrn der Kirche, in Liebe zu unserem Volk und in Treue gegen Führer und Obrigkeit» an die Öffentlichkeit. Darin wußte sie sich «getragen vom Vertrauen des gesamten im Kampf um Bekenntnis und Verfassung stehenden evangelischen Deutschland» (JK, Jg. 2 [1934], S. 1003f 📖.; vgl. Klügel, S. 176f. 📖) – Nach Barths Information war die «erste Tat von Marahrens», daß er (den zeitweiligen «Adjutanten» von Reichsbischof Müller) «Pastor Schirmacher, den ‹Treuhänder› Jesu Christi bei der Inneren Mission bestätigte» (Prolingheuer, S. 264 📖).↩
15
Gemeint sind die VKL und der bisherige Reichsbruderrat der DEK, der «die verfassungsmäßigen Rechte der Nationalsynode bis zu deren Neubildung wahrnehmen» sollte (Klügel, S. 176f 📖.). Eine «im Januar 1935 nachgesuchte Anerkennung der Vorläufigen Leitung durch die Reichsregierung wurde niemals ausgesprochen.» (W. Niemöller, Wort und Tat [s. oben S. 401, Anm. 1], S. 139 📖; vgl. G. Schäfer, Die evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 4: Die intakte Landeskirche 1935-1936, Stuttgart 1977, S. 32 📖).↩