Brief Nr. 183 · 17. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebe Lollo!

Mucki1 ist hier in einem wahren Märchenland: unwahrscheinlich hohe und steile Berge, Farbenmöglichkeiten bei Sonnen- und Mondschein, wie ich noch nie sie sah, Schnee, Schnee, Schnee, in welchem man prächtig stampfen und sich verluften2 kann, indem man aber sofort bis ans Knie oder darüber einsinkt, wenn man vom gebahnten Pfad abweicht, eine große Stille und Ruhe, trotz allerhand sportelnden Engländern und anderen Fremdlingen. Mitten darin das gemütliche, wenn auch etwas schwer heizbare Pfarrhaus meines Freundes3, der da, umgeben von einer netten Frau und vier munteren Kinderlein, ein innerlich und äußerlich sehr bewegtes Leben führt. Ich hörte gestern abend eine Abendpredigt von ihm in einem eine Stunde entfernten Schulhaus und war eigentlich restlos befriedigt. Er verbindet mit der richtigen Theologie und Predigtweise eine sehr gemütvolle Beziehung zu den Bergen und Menschen, zur Kunst (er malt und musiziert mit Hingabe!) und zu allen möglichen Menschen. Was wird gesche|436hen? Ich werde am kommenden Sonntag über Johannes 2,1–11 (Hochzeit zu Kana) predigen4, um ihn etwas zu entlasten, um seine Gemeinde meinerseits zu begrüßen und um selber nicht in eine fleischliche Feriengemächlichkeit zu verfallen. Also: ich bin hier, wenn nicht alle Zeichen trügen, gut aufgehoben, und du magst bis auf Weiteres beruhigt an mich denken. – Noch etwas Anderes ist geschehen: Ich habe es übernommen, in den Monaten Februar und März jeweils am Freitag von 3-5 in Utrecht achtmal zwei Vorlesungen über «Hauptprobleme der Dogmatik» (im Anschluß an das Symbolum Apostolicum)5 zu halten. [*] Weißt du, ich möchte aus dem Stadium der Untätigkeit und der Gelegenheitsvorträge und der Verhaftung an den Kirchenstreit allmählich wieder heraus und zu meiner Arbeit zurück. Ich muß dann eben achtmal diese kleine Reise nach Holland machen.6 Wegen des Berliner Prozesses7 und wegen Fränzelis Hochzeit8 habe ich bereits Verschiebungen des Programms in mögliche Aussicht gestellt. Aber ich konnte und mochte dieses Angebot ordentlicher Arbeit nicht ausschlagen und denke, daß du meinen Entschluß (ich wälzte ihn lange hin und her) gewiß genehmigen wirst.

Heute morgen kam deine Karte aus O[eynhausen] vom 15. Die Post wird hier nur morgens um 9 Uhr und dann um 12 Uhr ausge|437tragen. Eiliges müßte mir schon durch Eilboten mitgeteilt werden. Wie schade, daß du mir nicht mehr schreiben konntest. Ich bin ganz ungemein gespannt auf weitere Nachrichten, nicht zweifelnd daran, daß du den Leuten dort erhebliche Eindrücke verschaffst. Gelt, du schreibst mir dann sehr bald und sehr ausführlich, wie es gewesen is.

Ich weiß wohl, was oder wer mir hier fehlt. Wer überwacht hier meine Vitaminversorgung? Niemand. Wer richtet mir hier Kragen und Krawatte? Niemand. Wer rast mir hier gelegentlich etwas vor? Niemand. Wer wirft hier ab und zu ein kostbares Geschirr zur Erde? Niemand. Wer verhindert hier meinen Abfall in die Zonen schweizerischer Bürgerlichkeit? Niemand. Wer erklärt mir hier, wie es der liebe Gott eigentlich gedacht hat punkto Ordnungen etc.? Niemand. Wer begleitet mich hier liebend, lachend, weinend, lehrend, protestierend …? Niemand. Wer ist hier kraft seines ganzen seelisch-leiblichen Bestandes, kraft seines Stimmleins, kraft der Konturen seiner Gestalt und kraft der wechselnden Farben seiner Kleider, kraft der 921 Möglichkeiten seines Gesichts und seiner Haltung, kraft des Reichtums seines Herzens und Verstandes, kraft der Energie seines Willens und kraft der Tiefe seines Gemüts meine Freude? Wer? Niemand, niemand! Ja, so is es.

Ich habe mir vorgenommen, am Mittwoch 23. nach Bern zurück, am Montag 28. nach Basel, am 1. Februar nach Bonn zu fahren. Ist’s so richtig?

Vorgestern habe ich einen Brief an Nelly geschrieben, u. A. wegen der bewußten Gerüchte.9 Über diese Sache mußte ich mit – Adolf Keller10 korrespondieren11, der mich deswegen angeredet hatte. Sie |438 habe schon vor einem Jahr gerumort. Verdrießlich! Aber mit einer ebenso festen wie klugen Haltung wird ihm so Gott will zu begegnen sein. Das berühmte «Flechten und Weben»12 ist mir bei dieser Sache wieder einmal sehr anschaulich geworden. Die Haupt-Rednerin in der Angelegenheit heißt auch noch Gygax13 (Frau Pfarrer Gygax in Langnau im Kt. Bern, was haben wir ihr zu Leide getan??!).

Leb wohl, kleine Lollo; ich bin sicher, daß du dort Alles sehr gut machst.

I. h. d. s. l.

Dein
K.

Was wird noch geschehen? Ich werde am Samstag 26. in Bern in der Schule von Dr. Bäschlin vor der Lehrerschaft, den oberen Klassen samt denen des Freien Gymnasiums und einem weiteren geladenen Kreise einen kleinen Vortrag halten über «Der Weg der deutschen Bekenntniskirche im Jahre 1934».14 Was wird aber nicht geschehen? Ich werde nicht im Berner Münster predigen und ich werde vor der Basler Studentenschaft keinen Vortrag halten.

* Beginn am 8. Februar. Es handelt sich um eine Vertretung.

Sachfußnoten

1
Ein wechselseitiger Kosename zwischen Barth und von Kirschbaum.↩
2
= verschnaufen, sich erholen.↩
3
Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Basel bei E. Thurneysen hielt sich Barth für einige Tage in Grindelwald bei Martin Nil auf (Busch, S. 271 📖).↩
4
Predigt über Joh. 2,1–11. Gehalten in Grindelwald (Kanton Bern) am 20.1.1935, in: K. Barth, Vier Predigten (ThExh 22), München 1935, S. 3-10 📖; wieder abgedruckt in Pr. 1921-1935, S. 383-391 📖. – Das «Echo von Grindelwald», Jg. 41, Nr. 7 📖, berichtete am 25.1.1935: «Es war ein Ereignis für die Gemeinde, daß am letzten Sonntag Karl Barth in unserer Kirche predigte. Eine recht anschauliche Gemeinde hatte sich denn auch zum Gottesdienst eingefunden. […] Jedenfalls sprechen wir Karl Barth den herzlichen Dank aus, daß er, während einer so kurzen Erholungszeit, bei uns gepredigt hat; es war nicht nur ein Freundesdienst, es war ein Dienst an der Gemeinde.»↩
5
Siehe K. Barth, Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik dargestellt im Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis. 16 Vorlesungen, gehalten an der Universität Utrecht im Februar und März 1935, München 1935 📖.↩
6
Ab 8.2.1935 fuhr Barth Woche um Woche freitags nach Utrecht «zum Vortrag von je zwei Abschnitten, um gleich anschließend wieder zurückzufahren» (Busch, S. 272 📖).↩
7
Das Berufungsverfahren wurde schließlich am 14.6.1935 vom Berliner Oberverwaltungsgericht entschieden (Busch, S. 274 📖; vgl. Prolingheuer, S. 178.195 📖).↩
8
Am 7.3.1935 in der Basler St. Jakobskirche.↩
9
Im Blick auf die mögliche Berufung Barths nach Basel waren in der Schweiz bereits Gerüchte über sein «Leben zu dritt» in Umlauf gekommen (s. oben S. 420f. und vgl. Bw.Th. III, S. 827f., Anm. 1 📖).↩
10
Adolf Keller (1872–1963), 1904-1909 Pfarrer an der Deutschen reformierten Gemeinde in Genf, 1909-1924 in Zürich, seit 1924 erster Generalsekretär der Europäischen Zentrale für kirchliche Hilfsaktionen (vgl. Namenregister von Bw.Th. I 📖 und II 📖). Keller kannte Barth bereits von dessen Vikariat 1909-1911 in der deutschsprachigen Gemeinde in Genf her und hatte ihn und Nelly Barth am 27.3.1913 in der Nydeggkirche in Bern getraut (s. Busch, S. 64.83 📖).↩
11
Aus der Korrespondenz in dieser Sache sind nur Kellers Briefe vom 16., 21. und 25.1.1935 erhalten (KBA 9335.67, KBA 9335.84 und KBA 9335.105).↩
12
Aus Fr. von Schillers Gedicht «Würde der Frauen» 📖:
«Ehret die Frauen! sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.»
↩
13
Die Ehefrau von Franz Gygax (1898–1965), seit 1927 Pfarrer in Langnau.↩
14
Siehe unten S. 469, Anm. 4.↩