Brief Nr. 184 · 18. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Grindelwald

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184

L. K.

Nur schnell die Nachricht, daß ich heute nacht um ½12 h wieder hier eingetroffen bin, empfangen von Wölflein (seit zwei Tagen glücklicher Vater eines Sohnes!), Träublein und erst noch Schulze z. W.1! |439 Wir saßen noch bis zur letzten Bahn, und ich erzählte von Oe[ynhausen], und sie erzählten von dem inzwischen eingetroffenem bösen Dokument2, das ja in deinen Händen ist. ­- Fi[edler] in Oe[ynhausen] sprach mit mir darüber. Er kommt morgen abend hierher und spricht mit Bl[eibtreu].- Leider kollidiert das mit Elberfeld, F. hätte mich gern dabei gehabt. Aber ich gehe nun doch nach E., treffe G[erty] und Ruedi morgen nachmittag in Köln. Sie bringen dir deine Post von hier mit, wohl auch einen Brief von Horst3, der dich unbedingt hier haben möchte, was ich strikte untersage!! – Nelly und Joggeli sind heute mittag nach Kohlfurterbrücke gefahren für einige Tage.4 Matthis und ich hausen allein. Ich will versuchen, heute abend dir noch einen etwas ausführl[icheren] Brief über die Situation in Oe[ynhausen] zu schreiben, die mich doch noch unentwegt beschäftigt. – Wie geht es dir? Die Post bringt nichts Erhebliches. Schlinks Manuskript5 habe ich direkt an Kaiser gesandt. Die Druckbogen von Heft 19 📖 bekommst du via Eduard. – Die Schweizer Studenten traf ich heute in der Stadt (Rensch6, |440 Guidon7, Wiess8). «Oh, wenn er nur nach Basel käme», sagten sie mit derselben Inbrunst, wie die Deutschen: «Oh, wenn er nur in Barmen bliebe!» – Es ist rührend. Ich glaube nicht mehr an d[as] Hierbleiben. In dieser Hinsicht war Oe[ynhausen] sehr lehrreich, nicht als Resignation, aber als Eröffnung neuer Perspektiven. Davon mehr im Brief. Der theologische Kampf ist sicher in ein zweites und viel grundsätzlicheres Stadium getreten, in dem die lokale Nähe fast belanglos wird. Wenigstens scheint es mir so.

Es grüßt dich
deine
L.

Sachfußnoten

1
Auf Initiative von P. Schulze zur Wiesche und O. Bleibtreu hin legte Barth gegen das Urteil im Disziplinarverfahren vor der Dienststrafkammer des Kölner Verwaltungsgerichts Revision beim Oberverwaltungsgericht in Berlin ein (Prolingheuer, S. 145-147 📖). – Paul Schulze zur Wiesche (1905–1987), Dr. iur., mit Barth befreundeter, seit 1934 in Düsseldorf niedergelassener Rechtsanwalt, Mitglied des Landesbruderrates und Leiter der Rechts- und Verwaltungsabteilung der Rheinischen Bekenntnissynode, hatte später Kontakte zum Widerstandskreis um H. von Dohnanyi und D. Bonhoeffer.↩
2
Die schriftliche Urteilsbegründung, s. oben S. 415, Anm. 4.↩
3
Friedrich Horst (1896–1962), 1921-1935 Stiftsinspektor, seit 1930 apl. a. o. Professor für Altes Testament in Bonn, 1935 durch die NSDAP aus dem Amt vertrieben, 1936-1948 Pfarrer in Steeg bei Bacharach/Rhein, 1947 Gast-Professor, 1948-1959 a. o. bzw. o. Professor in Mainz. – Horst stellte sich gemeinsam mit H. E. Weber und E. Wolf nach der Vernehmung von M. Eras, S. Hajek, H. Quistorp und K. Krämer am 17.1.1935 wegen der Protesterklärung vom 7.12.1934 (vgl. Prolingheuer, S. 76f. 📖, und oben S. 423, Anm. 9) vorsichtshalber als Verteidiger zur Verfügung. Horst wollte anscheinend in diesem Zusammenhang und vor allem im Blick auf eine für den 20.1.1935 geplante Besprechung mit O. Bleibtreu und E. Fiedler über das weitere juristische Vorgehen in Barths Verfahren Barth um seine Anwesenheit in Bonn bitten. Nach einem kurz darauf erfolgten Gespräch mit von Kirschbaum, die ihm erklärte, daß Barth früher als erwartet schon am 1. Februar wieder nach Bonn zurückkommen werde, verzichtete er auf seinen Brief an Barth (s. unten S. 447f.).↩
4
D. h. zur Familie Hugo Putsch.↩
5
Siehe oben S. 417, Anm. 12.↩
6
Wahrscheinlich Fritz Rentsch (1911–1982), 1940-1948 Pfarrer in Walperswil (Kt. Bern).↩
7
Fortunat Guidon (1910–2000), 1936-1939 Pfarrer in Castiel und Samedan, 1939-1948 in Samedan (Kt. Graubünden), 1948-1958 in Seon (Kt. Aargau), 1958-1966 in Gossau (Kt. Zürich), 1966-1975 in Saas (Kt. Graubünden).↩
8
Wahrscheinlich Martin Wyss (1911–1989), 1938-1950 Pfarrer in Steffisburg (Kt. Bern), 1950-1956 in Zürich-Unterstrass, 1956-1976 in Lerchenfeld/Thun (Kt. Bern).↩