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von Kirschbaum an B. in Grindelwald
Die schöne Gelegenheit, übermorgen Eduard einen Brief an dich mitzugeben, soll nicht unbenützt
bleiben. Ich will versuchen, dir ein wenig gesammelter noch meine Oeynhausener
Eindrücke wiederzugeben, als dies neulich abend im Zimmer des Viktoriahotels
möglich war. Es war ja so seltsam, an allen diesen Stätten nun leibhaftig
umherzuwandeln, an denen ich dich im Geiste so oft begleitet hatte. In
demselben Frühstückszimmer herzklopfend den Tageslauf zu beginnen, das
Herzklopfen durch einen kräftigen Kaffee unterstützend, in demselben
Sitzungszimmer Gespräche über Karl Barth zu führen, bei demselben Portier
Nachfrage zu halten, wie es denn mit Post für Zimmer 39 bestellt sei, und
jedesmal, wirklich jedesmal am Abend einen Gruß zu finden! –
441Als wir ankamen am Montag abend nach einer reichlich trüben Fahrt durch die
wenig schöne Gegend, die in einem Gemisch von Regen und Schnee wirklich auch
noch ihre wenig anmutigste Seite zeigte und die mich das Opfer sehen ließ,
das du mit deinem Hier-bei-uns-Bleiben auch nach dieser
Seite bringen würdest
(Wuppertal ist nicht schön), fand ich dank deiner Schilderung und dank einer
glänzenden Lichtreklame (!) mühelos den Weg zum Hotel. Kaum aber hatten wir
dort ein gemütliches Zimmer bezogen und eben uns ein wenig eingerichtet,
klopft es: Die Damen möchten bitte herunter kommen ins Auskunftsbüro der
Rüstwoche. Frl. Seifert fuhr zusammen: «Jetzt werde ich wieder
fortgeschickt!» Die Gute, sie hatte die ganzen Tage zu kranken an einem fast
gesteigerten Bewußtsein ihrer Illegitimität!! (Wer tut das
sonst auch manchmal??) Unten trat ein freundlicher, sehr jugendlicher Mann
uns entgegen, verbeugte sich: Pastor Thimme1. Ist eine der beiden Damen vielleicht Frl. v.
Kirschbaum? Für Sie ist nämlich ein Freiquartier bestellt in der
Schubertstraße bei Pastor X. – Ich glaubte dieses freundliche Angebot nicht
ausschlagen zu dürfen, holte mein Köfferlein und bestieg ein Auto, begleitet
von einer kleinen Führerin. Konfirmandinnen hatten sich zu diesem Zweck
erboten, da der ostfriesische Chauffeur einer mildtätigen Dame, die ihr Auto
zur Verfügung gestellt hatte, weder Weg noch Steg in Bad Oeynhausen kannte!! Das Auto
rollte und rollte, die Straßen wurden lichter, die Häuser hörten schließlich
auf, der Kurpark lag dunkel am Wegrand. Mir wurde etwas schwindlig zumute.
Wie sollte ich jeweils des Nachts nach den Sitzungen hier herausgelangen??
Die Kleine meinte getrost: «Oh, da gehen Sie quer durch den Park, dann ist
es gar nicht mehr so schrecklich weit!» Schließlich sah man am Horizont noch
ein Häuslein liegen. «Das ist es.» Ich klopfte dem Chauffeur: «Bitte, fahren
Sie mich wieder zurück ins Hotel. Ich |442 will
lieber ein Zimmer dort mieten.» Brummend machte er kehrt, und etwas
verstimmt nahm Pastor Thimme
meinen eigenmächtigen Entschluß zur Kenntnis, während Frl. S. glücklich war über die
Wiedervereinigung. – Um 8 Uhr gingen wir in den Hohenzollerhof, wo die
Eröffnung der Tagung stattfinden sollte. Kein Mensch war da, nur ein junger
Pfarrer ging mit uns zur Türe hinein. Der Boy fragte: Gehören die
Herrschaften zur Tagung? – Ich jedenfalls, meinte der Pfarrer
im Vollgefühl seiner männlichen Würde. Wir auch, sagte ich
kühner, als mir zumute war. Und dann warteten wir in weichen Sesseln. Nach
und nach füllte es sich, bekannte Gesichter tauchten auf: Fricke/Frankfurt, Schipper und sogar der kleine
Wolf vom Studentenbruderrat
hier2. Mit ihm entflohen
wir dann in die Stadtkirche, wo Asmussen predigte. Bis zum letzten Raum war die Kirche
gefüllt, und Asmussens klare schöne Stimme teilte das Nötige mit über den
Grund der Gemeinde. Es war ein Abend aus einer Folge von Belehrungsvorträgen
über die Grundelemente der Gemeinde. Zurückgekehrt fanden wir einen
gefüllten Saal, alle Größen des Kirchenkampfes: Beckmann, Held3 und wie sie alle heißen. Auch Dr. Stoevesandt war zu sehen und vor
allem, vor allem der liebe, gute Heinrich
Vogel. Pfr. Weber, als Vertreter von Koch, übernahm knapp und gut die Begrüßung. Dann folgte die
Berichterstattung aus den verschiedenen Gebieten, merkwürdig nichtssagend
(ausgenommen Schipper) und von
Hannover geradezu aufreizend
episkopal. Heinrich Vogel saß
schräg vor mir mit so traurig-verlassenem Gesicht, daß ich ihm – er hatte
mich noch nicht gesehen – einen Zettel zuwarf: «Herr Pfarrer, Ihr
Marsch4 ist herrlich!
|443 K. B. läßt Sie grüßen. L. v. K.» Sein Gesicht
hellte sich auf, und er lachte ganz herzlich und leise. Als um ½11 Uhr dann
der Letzte sein Sprüchlein gesagt hatte und wir aufstanden, ergab es sich,
daß ich noch mit Schipper,
Vogel, Jannasch/Lübeck und Horst Michael sitzen blieb und in ein langes
Gespräch mit ihnen kam über deine Situation und deine weitere Entscheidung.
Vogel war sehr offen und ganz
bereit, mir zuzustimmen, daß jedes unbedingte Dich-festlegen-Wollen unrecht
sei. Er meinte, zu Anfang habe er das getan, aber er habe da sich lockern
lassen. – Horst Michael
begleitete das Ganze mit schneidend geistreichen Bemerkungen, ein wenig von
sich überzogen, aber scharfsichtig und belebend. – Um Mitternacht trennten
wir uns, und auf dem Zimmer fand ich Frl. S. bereits in friedlichem Schlummer. – Der andere Tag fand
uns um 9 Uhr versammelt in einem etwas trüben und vor allem etwas sehr
kalten Saal. Aber in der Bereitschaft, mit der Kirche in der Verfolgung
alles zu leiden, fanden wir uns damit ab. Asmussen eröffnete und verlas alle Namen, und dann kam halt
unaufhaltsam auch der meine, als Vertreterin von – – Bonn. Man sang ein Lied, man betete gemeinsam den
84. Psalm, das Vaterunser, eine kleine Morgenandacht, die sich jeden Tag in
derselben Weise wiederholte. Dann kam eine Stunde Bibelarbeit, an den drei
Tagen geleitet von Albertz,
einem Reformierten. Das war eigentlich an den drei Tagen eher enttäuschend,
und ich gestand mir leise, daß wir im Seminar in solchen Fällen sehr viel
gründlicher bei Exegesen zu Werke gehen, als dies hier der Fall war. – Gegen
Ende trat – – Georg in den Saal,
der bald darauf mit seinem Vortrag über «Alte und neue Kirche, Reformation
und Restauration»5 begann. Dieser Vortrag war nach meiner Ansicht
trotz gerade glänzender geistiger Jonglierkunststücke eine Katastrophe. Ich
blieb einfach tiefbetrübt auf dem Schauplatz zurück. |444 Zunächst wehrte er die Begriffe Reformation und Restauration
als untheologische und unmögliche ab. Was er dazu sagte,
war ordentlich und theologisch wohl einwandfrei. Ganz verhängnisvoll aber
wurde es im zweiten Teil, wo er sich eine Auseinanderreißung von Bekennen
und Bekenntnis leistete, die
mir nach dem Vorangegangenen einfach schlechthin unverständlich war und die
zugunsten einer solchen Überbetonung des
Bekenntnisses geschah, daß, wäre nicht schon
der Vorgang als solcher unmöglich, dies wirklich noch eine besondere Prüfung
war. – Obendiek6, der das gleiche Thema nach ihm behandelte, machte es
gut. Vielleicht hast du es dir seinerzeit noch strenger exegetisch gedacht,
als du ihm den Rat gabst, aber es war nichts dazu zu bemerken, nur
vielleicht dies, daß seine Art des Vortrags wirklich so
weitgehend der Anmut entbehrt, daß es schon hart an
Das-Licht-unter-den-Scheffel-Stellen geht [vgl. Mt. 5,15]. Aber es tat wohl in
der Straffheit und Sauberkeit der Gedankenführung und der Lauterkeit der
Bemühung. – Dann gemeinsamer Mittagstisch, neben mir Schipper, uns gegenüber Humburg und Fiedler. Wir hörten nicht
uninteressante Dinge über Marahrens und die Situation in Berlin. M. scheint kreuzunglücklich, will
lieber heute wie morgen gehen. Er habe wörtlich zu Humburg gesagt: «Ach, werfen Sie mich
doch zum alten Eisen, ich tauge ja doch nichts mehr!» Solche Aussprüche
rühren natürlich Humburgs
wirklich gutes, aber für die schlimmen Zeiten vielleicht doch zu weiches
Herz. Fiedler ist strammer,
jünger, geballter. Er sagte, seine Frau habe gesagt, er habe sich seit dem
Zusammenbruch nach Dahlem zu einem
unglücklichen Manne entwickelt. Und in der Tat, er sieht seltsam gealtert
und schlecht aus. An deiner Sache ist er brennend interessiert und sagte mir
sofort, er wolle in diesen Tagen noch mit mir darüber sprechen. – Ganz
unvermutet kam Georg: Trinken wir
einen Kaffee zusammen? – Ich war bereit. Wir hatten nicht
lange Zeit. Er war merkwürdig aufgeschlossen und liebevoll da, sprach von
dir als von dem einzigen wirklichen Freund, den er je gehabt habe, sprach
von all dem, was ihm schwer war. Darum war ich sehr froh, hatte aber immer
im Hintergrund die Angst: Ich darf trotz|445dem nicht schweigen über den Vortrag. Und dann sagte ich ihm
alles, was dazu zu sagen war, sehr vorsichtig, aber ich glaube, ohne jede
Zudeckung. Ich mußte ihm sagen, daß dieser Vortrag dich nur hätte aufs
schwerste betrüben können und deiner gegenwärtigen theologischen Arbeit einfach als
unversöhnlicher Gegensatz gegenüberstehe. Er nahm das bekümmert, aber
eigentlich gut zur Kenntnis. Durch Schipper wurden wir dann jäh unterbrochen. Es geht mir alles
noch sehr, sehr nach. Wenn man ihn doch abhalten könnte, sich zu verrennen in so seltsame
Versteifungen, wie z. B. auch diese, daß er dich bzw. die Reinheit deiner
Lehre gegen dich
schützen müsse, denn du stehest im Begriff, jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen
die Sünde der Religiös-Sozialen7 zu
begehen. Ich lachte ihn aus, ich sagte ihm, er sei aus einem Rechtsanwalt
ein Staatsanwalt geworden, er solle doch davon ablassen, das sei nicht gut.
Er war nachdenklich und schien aufgeschlossen. – Am Nachmittag in der
Diskussion wurde aber Asmussen
gegenüber all das, was ihn von
uns trennt theologisch, so grell deutlich, daß ich nur mit Traurigkeit daran
denken kann, und umso mehr eigentlich, weil eine gewisse persönliche Nähe
diesmal nicht zu leugnen und von ihm gesucht war. – Asmussen verlor dann
vielleicht auch ein wenig zu jäh die Haltung und schrie es förmlich hinaus,
die Lutheraner
möchten doch bitte, bitte lieber gleich sagen, sie seien nicht mehr gewillt,
die Linie von Barmen zu halten,
statt sie zu erweichen bis zur Unkenntlichkeit. Es ging den ganzen
Nachmittag um die Gültigkeit der Barmer Erklärung und ihre
Anerkennung als Bekenntnis,
eine Fragestellung, die ich einfach für verkehrt halte, da man doch nie die
Möglichkeit, sondern immer nur die Wirklichkeit eines Bekenntnisses anerkennen kann. Vogel tat sein Bestes. Er ist
theologisch vorsichtiger als Asmussen, hat freilich menschlich weniger Gewicht. Von der formalen Frage nach der Gültigkeit ging es im
Gespräch über zu der Frage nach Amt und Gemeinde, und dabei traten eben
seltsame Dinge zutage bei den Lutheranern, die mich im Verlauf der
Tagung
noch oft und eigentlich steigernd erschreckten. Sie behaupten zäh, die
communio sanctorum sei nicht konstitutives Element der Kirche. Das ging so weit, daß am
letzten Tage der eine und schlimmste der Hannoveraner* es fertig brachte zu
sagen: Es sei |446 letztlich grundsätzlich
gleichgültig für ihn, ob ein Mensch unter der Kanzel sitze und zuhöre oder
nicht. Die Kirche sei auch ohne diesen Menschen auf dem Plan.
Nachts. Lieber Karl, ich mußte lange unterbrechen.
Matthislein wollte ins Bett
gebracht sein unter langen Gesprächen über Barmen-Basel.
(Ich glaube, die Leute in Elberfeld wissen nicht, daß ich
existiere. Sonst könnten sie das nicht wollen!! Sag doch selbst, ich bin
doch in Barmen eine unmögliche
Gestalt!!) Ich tröstete ihn. Es wird Basel werden. – Und mitten hinein kam dein Anruf aus
Grindelwald. Lieber Karl. Er hat mir Sehnsucht gemacht, soweit sie nicht schon
vorhanden war. –
Aber wie schön, daß du es gut hast, daß du durch den
Schnee und die herrliche Luft laufen darfst. Bleib doch, so lange es nur
geht. –
19. Jan. 1935.
Inzwischen ist ein neuer Tag angebrochen. Gestern abend,
als ich die gemütliche Erzählung fortsetzen wollte, kam H. W. Landgrebe und wollte seinerseits
erzählt haben. Und da er als Hausgenosse diesen Anspruch schließlich erheben
kann, hielt ich ihm stand. Dann kam noch ein
Telefon von Traub, der
anscheinend in der Synode im Verein mit dem sichtlich sehr guten Pfarrer Boué8 erhebliche Dinge durchdrückt hinsichtlich deiner
Angelegenheiten (Eidesfrage
und Barmen)9, die nun in
seiner Formulierung von drei Pfarrern in der Rheinischen Synode vorgebracht werden sollen. Er ist stolz und beunruhigt
zugleich wie immer in solchen Fällen, und die Formulierung soll also hier
heute mittag unmittelbar vor meiner Abreise nach Köln noch – – Gnade
finden. – Aber dann war ich müde, und sehr erkältet von dem eiskalten Saal
in Oe. mußte ich ins Bettlein kriechen. Und heute sieht es leider nicht so
aus, als könnte ich diesen Brief noch so zu Ende führen, wie er gedacht war.
Die Post brachte den deinigen. Hab vielen herzlichen Dank! Es ist mir alles
recht (gelt, ich werde ganz unwahrscheinlich sanftmütig?), und ich begegne
deinem Wunsch nach Rückkehr an strenge dogmatische Arbeit mehr als du dir
vielleicht vorstellst. Dazu hat Oe. ganz wesentlich beigetragen, und das |447 war es eben eigentlich, worüber ich dir noch ausführlich
schreiben wollte. – Daß du am 1. heimkommen willst, ist ganz unerwartet
schön, ich hatte mich innerlich auf längere Zeit einzurichten versucht. Wirklich nur versucht!! – Eben telefonierte ich mit
D. Hesse und meldete mich
offiziell in Elberfeld an für
heute abend.10 Ich möchte nicht gerne so dort einbrechen. Er war sehr
freundlich und sagte, er fände es ausgezeichnet. – Wie ich dir gestern schon
schrieb, spielt aber nun gleichzeitig hier eine wichtige Sache. Fiedler kommt zu einem Vortrag in der
Bek. Gem. heute abend und sagte mir in Oe., er wolle dann gerne mit
Bleibtreu sprechen und ich
sollte doch zusehen, dabei zu sein. Ich habe lange geschwankt, aber ich habe
mich – vielleicht nicht nur aus Pflichtgefühl!! – nun doch für Elberfeld entschieden. Fiedler ist nämlich der Ansicht, daß
man im Augenblick die juristischen Schnitzer der Gegenseite unbedingt
ausnützen müßte (die illegale Veröffentlichung des Vorsitzenden formal und
den Vernebelungsversuch material11) und war darum mit deiner Notiz in den B. N.12 nicht ganz einverstanden, weil sie sich
trotz allem Protest zu stark schon auf diesen Boden stellt. Mag er nun recht
haben oder nicht – Bl[eibtreu] ist
sehr viel pessimistischer – , er hat auf jeden Fall eine Fülle von Erfahrung
in den Beziehungen Kirche und Staat hinter sich und hat dazu das
große Plus einer unbedingt sauberen theologischen Einsicht, wie mir sein
Vortrag in Oe.13 zeigte. So daß mir scheinen will, es kann nur gut sein,
wenn er sich kümmert um die Sache und Bl. berät. Morgen vormittag
im Hause von Horst wird das
Gespräch stattfinden. Horst
meinte, ich sollte mit dem Frühzug aus Elberfeld herüberfahren, aber ich
habe mich nicht gebunden (vielleicht geschieht es doch), sondern habe mit
Bl. verabredet, daß er nach dem Gespräch mittags in Köln mit Eduard, Ruedi und mir zusammenstößt, so daß diese dir mündlich oder
in einer raschen schriftlichen Niederlegung das Ergebnis melden können.
Sollte F. nach Kenntnisnahme der
Urteilsbegründung, die wir ihm aushändigen, die Sache anders
sehen und Revision für unnütz halten, dann kann diese jederzeit mit deinem
Einverständ|448nis zurückgezogen
werden. Aber ich glaube, es ist gut, wenn du noch auf diesen Bericht
wartest, wie ich dir gestern abend am Telefon sagte. – (Übrigens sagte ich
Horst eben, daß du am 1. heimkommst. Nun wird er dich nicht mit einem Schreiben bedrängen, sondern
warten.)
Wölflein läßt dich sehr grüßen.
Morgen abend feiern wir: er, Traub und ich zusammen die Geburt des Sohnes. Er ist so gut
aufgeschlossen und freundschaftlich. Und weißt du, wer mit uns reiten will?? Goeters!! Er habe schon die wildesten
Pferde gebändigt in seinem Leben, behauptet er. – –
Nun aber zurück zu Oeynhausen. Es steht also so, daß ein sachliches
Protokoll erstellt werden wird mit kurzen Wiedergaben der Vorträge und
ausführlicheren der Diskussionsreden, so daß du das dann alles lesen kannst.
Schipper und ich wollen das
in freundlicher Arbeitsgemeinschaft schaffen: er den ersten und dritten Tag,
ich den zweiten.14 An diesem zweiten Tag stand das Thema
Staat und Kirche zur Diskussion nach den beiden Vorträgen von
Schmidt/München15 und de
Quervain16. Der zweite war, wie ich dir schon schrieb,
ausgezeichnet und hat das ganze Zusammensein darum überhaupt erst zu einem
sinnvollen werden lassen, weil er es aus dem bloßen Diskutieren in den Ernst
der Entscheidung hob. Es ist ja merkwürdig und etwas mir gänzlich
Unbekanntes, weil um dich her Unmögliches, wie weitgehend die Leutchen auch
jetzt noch sich mit einer Welle von Reden schützen können dagegen, daß es
wirklich ernst wird. Der kleine zappelige de
Quervain (was ist das für ein seltsamer Mann, Karl, auch
persönlich. Immer wieder tauchte er neben mir auf, setzte sich bei Tisch zu
mir, um dann vollkommen abwesend und zerstreut zu sein) hat das geleistet,
und das Erschrecken in den Gesichtern war ganz spürbar und fast an den
Vorgang erinnernd, der sich um dich herum zu ereignen pflegt. Am Nachmittag
im lutherischen Konvent sank dann freilich das Niveau rasch wieder. Asmussen war dafür, einfach zu erklären,
daß wir Lutheraner
nicht in der Lage wären, ein eindeutiges gemeinsames Wort in dieser Sache zu
finden, und zwei Formulierungen nebeneinanderstellten. Es kam dann
schließlich doch |449 noch anders, und wir einigten
uns mit den Reformierten auf
eine. Es war nämlich die Aufgabe dieser Konvente, jeweils eine Formulierung
zu erstellen, die dann in gemeinsamer Diskussion zusammen verglichen und
verarbeitet werden sollte zu der endgültigen Fassung. Und da war es nun
jedesmal eigentlich erschütternd zu sehen, wie einmütig, wie konzentriert,
wie entschlossen die Reformierten zurückkehrten (Stoevesandt auch unter ihnen!) und wie zerrissen, fast
feindselig aufgespalten wir Lutheraner sie empfangen mußten. Es
ist für mich das Ergebnis dieser Tage, oder eines der Ergebnisse dieser
Tage, daß ich niemals mehr sagen könnte, man müsse reformiert werden, sondern daß ich eigentlich die ganze
Bedeutsamkeit dieses Konfliktes im Luthertum gerade dahin verstehen muß, daß
man nun erst recht
Lutheraner sein muß, wenn man es schon einmal
ist. Heil allen, die es nicht sind. Aber in diesen so merkwürdig zu
Randgestalten gewordenen Gestalten wie Asmussen, Vogel,
wie weithin deine Schüler, scheint sich mir etwas ganz Wichtiges zu entscheiden.
Sie nämlich tragen im Grunde die Last des Kampfes gegen diese böse, böse
Ketzerei im eigenen Lager, die aus dem Bekenntnisstand der Kirche die
Wirklichkeit der Kirche ableitet und die mit einer Sicherheit und ja, ich
kann eigentlich nur noch einmal sagen: bösen, bösen Unerschrockenheit den
Heiligen Geist verleugnet. Asmussen weiß, warum er so verzweifelt um die
congregatio sanctorum kämpft. Es ist, als wollte in diesen Lutheranern die Kirche, die, das läßt sich nicht leugnen und das ist der
Unterschied zu vor einem Jahr, die weltliche Dämonie abgewiesen hat (der
Mythus ist gebrochen, und nur aus Ängstlichkeit wird er von den Schwachen
noch behutsam behandelt!!), aber nun der viel schlimmeren geistlichen
erliegen17,
wie wenn sie im Kampf um ihre Freiheit sich in einem fürchterlichen Maße
Selbstzweck geworden wäre. Nicht Christus gilt es, sondern die
Kirche. Gewiß, sie sagen alle: Wir meinen die
Kirche Jesu Christi, aber (kommt dann) in der bekenntnisbestimmten Kirche, und dann setzt die
eigentliche Leidenschaft ein. Und da ist es nun schade, daß Asmussen, der unbedingt nach meiner Einsicht sich da für Notwendigstes wehrt, in
seinen Formulierungen merkwürdig sorglos sein kann. Und sich darin dann
manchmal Blößen gibt, die er den Anderen, die innerlich eine Front |450 bilden (von Merz bis zu dem tristen Schmidt und wie sie alle heißen) nicht bieten sollte.
Vogel ist da sicherer, weil
er rhetorisch schlichter ist, nein, vielleicht nicht weil,
sondern und.
Am letzten Abend sagte Asmussen
mit erhöhter Stimme zu der Versammlung: Ich verbitte mir, daß es mir
abgesprochen wird, Lutheraner zu sein. Ich bin Lutheraner, und ich verbitte mir,
daß nur die als Lutheraner anerkannt werden sollen, die von Rostock oder
Erlangen ein placet haben. Ja, ich halte sogar dafür, daß ich Lutheraner
bin, der auf der Grundlage der C. A.
📖 steht, während sie sich von Art.
VII18 scheiden. – Aber
nun erhebt sich die seltsame Frage, wenigstens im faktischen Zusammentreffen
der theologischen Äußerungen und Ergebnisse: Wo liegt der Unterschied, der
notwendig trennende Unterschied zwischen diesen
Lutheranern im
Sinne Asmussens und den Reformierten? Ich weiß, man
kann diese Frage nicht formal erheben. Aber wird nicht z. B. H. Gollwitzers Arbeit19 da
sehr seltsame Dinge ergeben, wenigstens nach den uns bekannten Auszügen?
Sieh, es war in Oeynhausen dauernd so, daß zwischen Asmussen, Vogel, Schipper etc. auf der einen und den Reformierten auf der anderen Seite kein Dissensus gegeben war und daß wirklich Asmussen dieser
Tatsache zum Trotz behaupten mußte: «Ich gehöre nicht zu
euch, sondern zu den Anderen. Ich bin Lutheraner.» Humburg flüsterte mir am ersten
Nachmittag einmal während einer Rede von Asmussen zu: «Er gibt sich verzweifelte Mühe, Lutheraner zu sein.» Und in der Tat,
es war so. Ich sagte das Asmussen nachher, da lachte er nur und meinte dann
eben zu Voget, wie ich dir schon
schrieb, «die Reformierten
sollten nicht glauben, er habe eine heimliche Liebe zu ihnen», was Voget mit
leisem Lächeln quittierte und ich mit der Bemerkung: Heimliche Liebe gesteht
man nie. –
Was ich dir nun gestern auf der Karte andeutete mit dem seltsamen zweiten
Stadium, in das mir der Kirchenkampf getreten scheint, |451
der20 sich unendlich viel
grundsätzlicher austragen muß als der von 1933 und 34, weil er nun eben
wirklich ein innerkirchlicher Kampf ist, das hat mich sehr ruhig gemacht im
Hinblick auf Basel. Es könnte sein, daß du dort, vielleicht
im Kampf mit Brunner,
wirkungsvoller mitsprichst als hier im Nahkampf. Es könnte
sein. Eine Festlegung auf das Reformiertentum innerhalb Deutschlands würde dich auf jeden Fall
mehr verbauen als die nationale Grenze. Wenigstens scheint es mir nach
dieser Woche so. Asmussen
hat, so glaubte ich ihn verstehen zu müssen, ähnliche Gedanken darüber und
vielleicht auch noch eine fast ängstliche Abwehr aus konfessionellen
Gründen, sich zu eng mit dir zu liieren. Wenigstens wollte es mir fast so
scheinen. Er sagte allerdings auch das: Die Schande, die es für uns alle
bedeutet, wenn K. B.das Land verläßt, ist nicht gut zu machen. –
Ja, das sind nun alles nur so hingeworfene Brocken, die dir nicht viel sagen
können, aber die dir die Richtung zeigen, in der meine Gedanken über das
alles laufen. Ich denke bei dem allen an das, was du einmal im Seminar
sagtest, daß es letztlich in all diesen Kämpfen vielleicht um eine neue
Erkenntnis des Heiligen Geistes gehe. Und das
scheint mir eben hier in den drastischeren Formen und drüben in den ruhigeren
des Brunnerkampfes dasselbe zu
sein. Oder irre ich mich? Auf jeden Fall, das steht fest: du mußt dich
zurückhalten aus diesen Kleingefechten und mußt wieder daran gehen, im
Großen die Richtung zu zeigen und in unermüdlicher dogmatischer Belehrung zu
helfen. Das ist nötiger als alles Andere. –
Wie mag es nun heute abend werden?
Eduard rief gestern noch an.
Meint er wohl, ich versteife mich auf Barmen? Ich bin weit davon. Um 5 Uhr treffe ich sie in Köln, am Abend
holt de Quervain uns ab und
bringt uns zum Abendessen ins Predigerseminar, dann zur Besprechung zu Halstenbach. –
Nun will ich noch die Druckbogen21 lesen und dann Eduard mitgeben. Wenn ich nicht ganz fertig werde, mußt du
entschuldigen. Ich versuche es möglichst. –
452Alles Andere dann mündlich. Die guten Berner22, haben sie nichts Besseres zu denken und zu tun?? Ich kann es nicht ernst nehmen. Nelly habe ich beruhigt.
Es grüßt dich u. h. d. s. l.
Von einigen guten persönlichen Begegnungen in Oe. erzähle ich dir dann noch, dazu gehören auch die etwas
problematischen: Jannasch und
Voget, die mir beide
gefielen. – Stoevesandt ist
erquickend und «fabelhaft», aber wirklich nicht belastet
mit Reflexionen, vielleicht doch zu wenig.
Elberfeld, Sonntag 20. Januar, morgens. – Ich sitze in
einem feudalen Zimmer des «Kaiserhofes» und warte, daß Ruedi und Eduard mich zum Frühstück abholen. Dann
geht es in die Kirche zu D. Hesse, dann nach Köln zu Dr. Bleibtreu. - Der Abend gestern mit den Reformierten (bei Halstenbach24) hat wohl das gezeigt, daß die Ent|453scheidung wirklich so schwer ist, wie sie dir fällt, und daß beide Teile das jetzt sehen. Eduard
hat gut gesprochen, aber auch die Reformierten haben sich gut
gehalten und mit keiner Wimper gezuckt nach bruchstückweiser Verlesung der
Urteilsbegründung. Auch deine L.hat mehrmals das Wort ergriffen
und gegen Humburg sogar einen
Angriff auf die Vorläufige Kirchenleitung eröffnet. Ich muß sagen: das ist ein sehr ordentlicher
Mann. Er schreibt dir wohl in
der nächsten Zeit. – Mit Eduard und Ruedi habe ich es sehr schön und fühle mich ihnen von Herzen verbunden. Wir haben in der ganzen Sache wohl keinen Augenblick
gegeneinander gedacht. –
Jetzt predigst du.25 Ich denke daran. Gestern abend wählte Hesse vor der Verlesung bei Tisch
jenes Wort, auf das hin wir am 1. Januar 1929
den Entschluß faßten, daß ich ganz zu dir käme: «Herr Gott Zebaoth, tröste
uns, laß uns dein Antlitz leuchten, so genesen wir.» [Ps. 80,4].26 Das hat mich sehr bewegt.27 – – Eduard berichtet dir sicher in Basel von dem Gespräch, von
mir findest du hier dann ein Protokoll28.
Köln Mittag. Herr Bleibtreu ist hier eingetroffen nach seiner Unterredung mit
Dr. Fiedler, sitzt
augenblicklich neben mir, nachdem wir mit Ruedi,Eduard und Wolf zu Mittag aßen, und sagt mir die
nötigsten dir mitzuteilenden Dinge aus dem Gespräch:
1. Fiedler ist unbedingt für Durchführung der
Berufung, und zwar deshalb, weil damit die
Möglichkeit der Verteidigung gegen die politische Diffamierung gegeben ist,
auch wenn der Erfolg unsicher ist.
2. Er hält auch dafür, daß sachlich
Alles daran gewandt werden muß, daß auch bei den zwei anderen
Anschuldigungspunkten nachgewiesen wird, daß es um ein theologisches und nicht politisches Anliegen
geht, daß es also im Ganzen um eine Sache in drei Punkten
geht. –
3. Er hält es für ratsam, zur Verbreitung der schriftlichen Urteilsbegründung eine Unterredung in Berlin einzuberufen
mit führenden Kirchenjuristen, an der du teilnehmen
sollst. Die Juristen, an die er |454 gedacht hat:
Flor, Kotte29, Mensing30, Holstein31 und Döring32 (zwei
Rechtsanwälte in Berlin) und v. Soden (?). Sollte das nicht möglich sein, dann will
Fiedler
allein zu dir.
* «Bruder
Klügel»23