Brief Nr. 192 · 25. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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Lieber Karl!

Nur damit du ihn noch auf dem Gurtenhäuschen bekommst, kommt dieser Brief als Eilbrief. Also keine Aufregung bei Jung und Alt, es ist nichts passiert!! –

Ich wollte dir nur noch sagen, daß es mir wirklich besser geht und daß ich diesen Brief sogar schon an deinem Schreibtisch schreibe. Sodann wollte ich dir danken für deinen lieben Brief vom Mittwoch (die Post braucht schrecklich lang von Wabern!), sodann habe ich einige kleine Beschwerden:

a) ich bin nicht krank wie Schwester Elise, sondern habe mich ganz folgsam und ganz dankbar von Frau Pfarrer pflegen lassen (die das wirklich versteht!!).

b) ich glaube, du hast mich mißverstanden hinsichtlich Asmussen, aber das erkläre ich dir mündlich.

c) ich sehe auch keinen Sinn in der Revision. Im Gegenteil, ich würde denken, auch die notwendige Klärung läßt sich besser von draußen geben. Das Problem ist wirklich nur: Wie befriedigt man die Reformierten und ferner auch die jetzt scheinbar mobil gewordenen gutwilligen Kräfte der B. K., denen ich übrigens nicht sehr viel zutraue.

Ich habe die ganzen Tage und Nächte immer wieder darüber nachgedacht: ich kann keinen Sinn mehr sehen in der Berufung. Fi[edlers] Gründe sind nicht stark. Und der zu zahlende Einsatz ist sehr groß: Ungewißheit bis vielleicht Anfang, Mitte April, ein Sommer noch einmal ohne geregelte Arbeit. – - Lohnt sich das? Aber nun bist du bald wieder hier, und wir können das durchsprechen. – Seit dem Abend in Barmen1 bin ich hier abgelöst. Solchen Eindruck hat man oft |468 in Bildern: ich sehe dich nicht dort. Es ist gar nicht deine Luft. Und die faktische Basis so schmal und so von außen bedroht, daß man schon hundertprozentig wissen müßte: das muß es jetzt sein!, um es zu wagen. – Wenn sie sich nur nicht so schrecklich anklammerten, die guten Leutlein dort. Das macht die Entscheidung so schwer. Und sie wissen natürlich, warum sie es tun! – Haben sie nicht Alles in Allem doch auch ein bißchen zu wenig Humor? –

Das Bildlein mit dem Rennschlitten habe ich sehr gern. Und dein Freund gefällt mir auf beiden Bildern sehr gut. Nein, ich werde nicht sagen: fremd, fremd. Ach, lieber Karl, was hast du für Sorgen!! – Gern würde ich dich in Basel abholen. Aber es ist doch ein bißchen weit und teuer. – Von Kaiser kam übrigens bzw. rollt heran ein fettes Sümmchen. –

Was trifft eben von Frl. Seifert ein?? Ein Paar solche Prachthandschuhe, wie sie selbst welche trägt, für mich gestrickt. Ist das nicht lieb von ihr? – Von Nelly kam ein vergnügter Brief aus Kohlfurterbrücke. Der Szenenwechsel tut ihr sichtlich gut. –

Leb wohl, lieber Karl. Meine Briefe taugen nicht viel in diesen Tagen. Aber sie sagen dir doch, daß ich bei dir bin mit meinen Gedanken und daß ich mich sehr freue auf den 1.!

Deine
L.