Brief Nr. 193 · 25. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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193

Liebe Lollo!

Es langt heute nur zu wenig. Maury und Visser ’t Hooft waren da. Wir haben uns für den Fall Basel – der Fall Genf als solcher schied aus – dahin verständigt, daß ich dann von Basel aus bisweilen wie jetzt in Utrecht1 an Freitagen oder Samstagen eine Reihe von Vorlesungen in Genf2 halten würde. Das scheint mir ein tragbarer Kompromiß. Ich |469 habe in diesen Tagen eine Menge von Korrespondenz erledigt. Die Predigt in Barmen am 3. Februar nehme ich an.3 Alles Andere ist schon abgesagt. Auch hier wollten immer noch mehr Hände nach mir greifen. Es ist aber an dem morgen zu haltenden Vortrag4 und an der Abendpredigt am Sonntag5 gerade genug. Auf diese Weise – Heft 176 hat eben allen möglichen Leuten Mut gemacht – könnte ich rasch zu einer Art Wanderprediger werden. Aber an dem ist es doch noch nicht. ­ Bockemühl hat auch die Absicht und den Schritt von D. Hesse ganz falsch verstanden7; ich habe ihn nun aufgeklärt. An Frau Doktor Schlomka8 habe ich auch geschrieben, auch an Steck ein paar ermunternde Worte, auch an Nelly, und so noch an viele Andere. Jede Post trägt Briefe und Karten von mir fort, aber immer noch ist das «Unerledigte» sehr dick. Wird es je dünn werden? Heute abend und nacht muß nun der Vortrag entstehen, nachher die Predigt. Lollo, ich leide doch alsgemach sehr an der Unentschiedenheit meiner Situation und wollte wohl, daß es, nachdem ich Eduard und dann dich noch einmal gesprochen, ernstlich zum Klappen käme.

Aber was hat das alles zu bedeuten neben der Tatsache, daß es dir zwar immer «besser» geht, du aber doch immer noch nicht auf «deinen zwei Beinen» (ach …!) stehen kannst? Was hat das zu bedeuten, und wo soll das hinführen? Stehe nur ja nicht zu früh wieder auf, und fahre mir auf keinen Fall, wie ich dir vorschlug, nach Basel entgegen. Es könnte dein Ende sein. Sondern schone und pflege dich in jeder |470 Weise. Wenn du erst richtig wieder beieinander bist, werden wir auf eine richtige Kur für dich denken müssen. Es geht auf keinen Fall an, daß du an meiner Seite dahinsiechst. Liebe Lollo, ich denke wirklich zärtlich und ängstlich an dich, und wenn es jetzt nicht gleich besser wird, breche ich hier Alles ab und komme zu dir.

Für den Augenblick muß ich leider das Umgekehrte tun: von dir Abschied nehmen. Mein Vortrag morgen zieht soviel Volk an, daß er von dem Schulsaal der Neuen Mädchenschule in die benachbarte Nägeligass-Kapelle verlegt werden muß. Und dabei muß dieser Vortrag jetzt erst entstehen, und zwar aus dem Handgelenk, da m. Sch. mir die Manuskripte nicht eingepackt hat. Ach du, du brauchtest auch nicht. Du darfst Alles. Jüngst, als jemand bei Tisch ein Glas Wein umwarf, haben wir, Markus und ich, so lebhaft an dich denken müssen. Nicht umsonst hast du schon in zartester Jugend jenes andere Gefäß zertrümmert und dir Schaden zugefügt. Tu’s doch ja nicht mehr!

­Liebe kl. Lollo, ich habe Alles an dir sehr lieb und am meisten dich selbst

Dein
K.

Gestern abend war ich bei Lindts mit den bekannten Freunden. Gilg hat eine Seminararbeit von Markus sehr gelobt: sie sei weit über dem Niveau eines zweiten Semesters. Am Mittwoch war ich in der Zofingia und erlebte eine Wiederkehr aller Dinge.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 436, Anm. 6.↩
2
Vgl. unten S. 535, Anm. 19.↩
3
Gehalten am Rheinisch-Westfälischen Gemeindetag «Unter dem Wort» in der Gemarker Kirche zu Wuppertal-Barmen am 3.2.1935 über Mt. 8,23–27 (K. Barth, Vier Predigten [ThExh 22], München 1935, S. 23-35 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 403-417 📖).↩
4
Der Vortrag «Der Weg der Bekenntniskirche 1934» 📖 wurde am 26.1.1935 in der Kapelle an der Nägeligasse in Bern gehalten. Barths handschriftliche Notizen (KBA 11091) und eine Nachschrift dieses Vortrages (KBA 11093) sind erhalten. Der Vortrag erscheint in der Gesamtausgabe, Abteilung III.↩
5
Gehalten im Gemeindesaal der Heilig-Geist-Gemeinde in Bern am 27.1.1935 über Röm. 12,17–18 (Vier Predigten [ThExh 22], München 1935, S. 11-22 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 391-403 📖).↩
6
K. Barth, Drei Predigten (ThExh 17), München 1934 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 342-378 📖.↩
7
Siehe oben S. 464.↩
8
Siehe oben S. 466. Das Schreiben ist nicht erhalten.↩