Brief Nr. 191 · 24. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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191

Lieber Karl!

Da liege ich halt immer noch auf der Nase. Es ist nicht mehr schlimm, aber auf meine zwei Beine gestellt, bin ich ein wackeliger Kunde. – Aber du mußt dich nicht ängstigen. Ich halte ganz schön still, und Frau Pfarrer Landgrebe pflegt mich rührend, wahrscheinlich ist es ganz gut, daß ich einmal ein paar Tage im Bett sein muß. – Von außen läuft nicht viel. Alle wichtige Post geht an dich weiter. ­Dem Brief von Bockemühl1 liegt wohl ein kleines Mißverständnis zugrunde hinsichtlich Eduards und meiner «Enttäuschung». Aber es kann nichts schaden, wenn sie der B. K. Beine machen. – Was in Kohlfurterbrücke beraten und besprochen wird, dafür kann ich nicht gut stehen. Das muß seinen Lauf nehmen. – – Die Predigt in Cronen|465berg2 kannst du schwerlich auch noch schaffen. Es häufen sich die Anfragen bereits. Am 10. wollen dich die Studenten gerne hier in Fricks Kirche.3 Vom 11.-16. sind Prüfungen. Darüber schreibt Wolf dir. Er war gestern da und hat einen Nachmittag lang in deinem Zimmer an der Weimarana gearbeitet. Das war sehr seltsam, da Jemanden nebenan arbeiten zu hören, einen Lichtschein zu sehen, und es war nicht K. Ich war ganz froh, als er fertig war. – –

Wie geht es dir in Bern? Ich sprach mit Eduard über die vielen «Sorgen» deiner Mutter. Er meint, das sei eine für viele ältere Schweizer typische Haltung. Vielleicht kannst du ihr doch ein wenig helfen? –

Von Lili kam ein guter Brief.4 Sie war in der Tat im Begriff abzugehen. Nun aber traf mein Anruf zusammen mit eigenen Bedenken. Sie will umsatteln und Theologie studieren. – Ich bin sehr froh darüber. Die Gute, sie hat es auch schwer und täuscht die Anderen so leicht durch ihr Lebhaftsein.

466 Heute morgen kam die Grindelwald-Zeitung.5 Hab vielen Dank. Die zweite gab ich an Joggeli weiter. ­- ­Denk, die kleine Lore Schlomka ist sehr krank, mußte in die Klinik eingeliefert werden. Frau Schl. ist sehr besorgt.6 Ich sah sie die ganzen Tage nicht. Über eine Karte von dir wäre sie gewiß froh (Helmholtzstr. 40).

Ob du meinen großen Brief bekommen hast? Als ich den Schluß schrieb in Köln, drehte sich mir schon Alles vor den Augen. Stimmte es denn noch?? – Grüß die Buben. – Träublein war heute früh rasch da. Er hat jetzt drei Wochen das volle Pfarramt. Das ist viel, aber Schwester Helene ist zufrieden mit ihm. Da macht er es sicher ordentlich. Zu mir ist er rührend. –

Matthis besucht mich zweimal am Tage und hält mich auf dem Laufenden über sein Wohlergehen und seine Wünsche. Er ist so seelenvergnügt, wenn er seine Ruhe hat; will am Samstag zum dritten Mal in Wallenstein! «Es war halt so schön.»

Leb wohl, sehr lieber Karl. Am 1., wenn du heimkommst, ist Alles wieder gut.

Es grüßt dich

deine
L.

Am Montag will N. wiederkommen. Sie rief gestern abend an. Es geht ihr anscheinend gut dort.
War Maury schon da? Laß dir von ihm den Brief von Emil Brunner7 zeigen. Unerhört. Da ist kein «Nein»8 zu schroff. Lili schickte mir eine Abschrift.
467 Bleibtreu schickte uns wunderbare gelbe Narzissen, und von Träublein stehen schöne weiße Tulpen da, fast schon ein Stücklein Frühling.

Sachfußnoten

1
In seinem Brief vom 22.1.1935 (KBA 9335.92) schrieb Peter Bockemühl im Rückblick auf die Zusammenkunft am 19.1. (s. oben S. 452f.) von seiner Ablehnung der Initiative H. A. Hesses «zu einer Berufung [Barths] an die Theolog. Schule Elberfeld». «Ich glaube aus den Mienen und Äußerungen von Pfr. Thurneysen und Fräulein von Kirschbaum und aus den Unterredungen mit Ihrer Frau Gemahlin ersehen zu haben, daß bei Ihnen auch das Gefühl der Enttäuschung vorhanden ist, daß nicht ernstlich der Versuch gemacht wurde, die Bruderräte (oder gar die Synoden!) aufzurufen» zur Gründung einer Freien Fakultät. «Und daß ebenso Ihnen der Rückzieher auf die schmale reformierte Basis» der Theologischen Schule in Wuppertal-Elberfeld «nicht passend ist». Es gebe jedoch weiter Bestrebungen, «daß die Kirche etwas tut und daß die Möglichkeit für eine Arbeit mit lutherischen Kräften zusammen geschaffen wird».↩
2
Im gleichen Brief bat Bockemühl Barth, in Bockemühls Gemeinde Cronenberg «am Sonntag, 10. Februar nachmittags einen Bekenntnisgottesdienst zu halten».↩
3
In seinem Brief vom 22.1.1935 (KBA 9335.91) erinnerte stud. theol. H. Giesen Barth daran, daß er seine Teilnahme an einem von der Rheinischen Bekenntnissynode organisierten praktisch-theologischen Kurs in Bad Godesberg am 10. Februar zugesagt habe, und bat Barth, die Tagung mit dem Gottesdienst in der Poppelsdorfer Kirche in Bonn einzuleiten. Friedrich Frick (1880–1952), 1925-1950 Pfarrer in Bonn, wolle dafür «die Kanzel freimachen». Barth konnte darauf nicht eingehen. Er hielt aber am Nachmittag des 10.2. eine Bibelstunde über die Tageslosung und den Lehrtext der Herrnhuter Brüdergemeine: Psalm 119,67 und Jakobus 4,6. Sie erschien in K. Barth, Das Evangelium in der Gegenwart (ThExh 25), München 1935, S. 8-17 📖; wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 417-428 📖. Die Ansprache wurde zum Abschied Barths von seinen Studenten. Darin erteilte er den Hörern seinen später berühmt gewordenen «letzten Rat: Exegese, Exegese, und nochmals Exegese!» (S. 17 bzw. S. 428). – Heinrich Giesen (1910–1972), 1936 Erste Theologische Prüfung in Wuppertal-Barmen, 1938 Studentenpfarrer in Bonn, ab 1940 Militärdienst, 1947-1950 Pfarrer in Köln, 1950-1961 Generalsekretär des DEKT, 1961-1972 Direktor der Berliner Stadtmission.↩
4
In ihrem Brief an von Kirschbaum vom 20.1.1935 berichtete L. Simon, die sich damals in Paris bei P. Maury aufhielt, von ihrem Entschluß, andere Möglichkeiten beiseite zu lassen und das theologische Fakultätsexamen abzulegen, um «in irgendeiner Form in der Kirche arbeiten oder helfen» zu können.↩
5
Im Oberländischen Volksblatt. Anzeiger von Interlaken, Jg. 73 [1935], Nr. 11 vom 19.1.1935, erschien unter der Überschrift «Prof. Karl Barth predigt in Grindelwald» 📖 ein Hinweis auf den Gottesdienst am 20.1. mit einem Photo und zwei längeren Ausschnitten aus den ersten beiden Heften der Reihe «Theologische Existenz heute».↩
6
Lore Schlomka (1895–1981) gehörte seit 1933 mit ihrer Tochter Lore (geb. 1927) zu den Bonner Freunden Barths und von Kirschbaums. Die Wortmeldungen Barths im Kirchenkampf weckten L. Schlomkas Interesse für theologische Fragen. Sie hörte Barths Vorlesungen und nahm an den Offenen Abenden teil. Eigentlich Ärztin, war sie später in der Evangelischen Frauenhilfe tätig.↩
7
Vgl. Karl Barth – Pierre Maury. Nous qui pouvons encore parler… Correspondance 1928-1956. Introduction, notes et traductions de B. Reymond, Lausanne 1985, S. 72, Anm. 145 📖.↩
8
Siehe oben S. 362, Anm. 3.↩