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Barth an v.K. in Bonn
Was höre ich? Der andere Liebling
krank, richtig krank? Und
offenbar auf seine, d. h. nach Schwester Elisens1
Art krank, d. h. so, daß er zwischenhinaus im Zimmer herumläuft, telephoniert,
Post erledigt usw.? Nein, dieser Gedanke erfüllt mich nun doch mit rechter
Unruhe. Es war einfach zu viel, zu viel für dich in dieser Woche, in der ich so
ganz meiner Erholung gelebt habe, und ich komme mir sehr schlecht vor dabei,
hier nun so ausgeruht herumzulaufen, während die kleine Lollo zu Hause fiebert
und sich nicht Sorge trägt2, infolgedessen aufs Neue fiebert,
natürlich keinen Arzt zuzieht, dazwischen Gespräche mit ihren Freunden führt,
über Deutschlands Schicksal nachdenkt, nichts ißt usw. und bei dem allem nach
Eduards Wort immer
«durchsichtiger» wird3. Bitte,
bitte tu nun dennoch Alles, was du kannst, um wieder gesund zu werden
und dich, du Unentbehrliche, der Kirche und doch auch deinem Karl zu erhalten. Wirst
du es mir versprechen? Schau, wenn du mir nicht gehorchtest, würde ich nachher
trotz deiner nächstens «kirchenmütterlich» zu nennenden Würde ein
sehr ernstes Wort mir dir reden müssen, so unangenehm dir das
immer wäre.
461 Vorläufig will ich dir glauben, daß du meiner Bitte nachkommst, und dir ein
wenig erzählen, wie es hier weiterging. Am Montag, nachdem die beiden Karten abgegangen
waren, habe ich mit Nil und Pfr.
Treier von Gsteig4 einen großen
Marsch angetreten, auf dessen
Höhepunkt wir vor einer Älplerhütte im tiefen Schnee hoch oben an der Sonne eine
Feld-Mahlzeit (Wurst, Brot, Glühwein) einnahmen, angesichts einer
unbeschreiblichen Aussicht auf Gletscher und Berge. Nachher sind wir auf kleinen
Schlitten holterdipolter die Abhänge herunter gefahren, wobei die zwei
erfahrenen Gebirgspfarrer kopfüber in den Schnee flogen, Karl aber, umsichtig
steuernd wie immer, ungefährdet unten ankam. Es war sehr schön.
Gestern Dienstag abend bin ich dann mit Nil nach Interlaken gefahren zu einem kleinen Religionsgespräch5 in einem
Kreis von Pfarrern, Lehrern und anderen Männern und Frauen, an dem ich richtig
Freude hatte. Es ist schon richtig, daß das Blatt sich auch in der Schweiz zu
wenden beginnt. Gewiß ist Alles nüchterner und wird es auch bleiben. Aber
proportionell ist der Ernst, mit dem gesprochen und gehört wird, nicht geringer.
Ich fühlte mich jedenfalls sofort zu Hause, und es wäre dir sicher
nicht anders gegangen. Ein 74jähriger Lehrer war da, extra aus dem Habkerntal
herabgestiegen6 (drei Stunden), ein alter
Kohlbrüggianer, der von weitem über das Wuppertal genau Bescheid
weiß, obwohl er nie dort war. Er sagte lachend, er sei immer konservativ gewesen
und sehe nun, daß er wieder «in der Mode» sei. Tatsächlich gibt es in jener ganzen
Gegend fast nur noch Pfarrer «unserer» Richtung, nachdem dort vor 30 Jahren
lauter «Reformer» gehaust hatten, und die Gemeinden scheinen zu folgen.|
462 Denk, ich glaube, mein Freund Nil
würde dir nach kurzer Bekanntschaft ebenfalls sehr recht sein. Er
ist erstaunlich in der Möglichkeit, auf allen Feldern auf dem kürzesten Weg zum
Ziel zu kommen und «Gesundheit» mit echter Bewegtheit zu verbinden. Nein, nein,
die kl. Lollo dürfte und würde da nicht in das Geschrei: «fremd, fremd, fremd!»
ausbrechen, mit dem sie ihren Karl manchmal zu erschrecken pflegt. (Ich lege dir
hier noch ein weiteres Bild bei
vom Bob-Rennen: Meine auffallende
Aufmerksamkeit gilt einem solchen Renn-Schlitten.7 Karl hat so etwas eben noch nie gesehen.)
Gestern nacht habe ich in Gsteig bei Pfr. Treier übernachtet. Das ist auch ein alter «Helveter»8, der nun umso besser geworden ist.
Und heute um 10 Uhr bin ich wieder hier eingetroffen, sehr gut aussehend, wie
man findet. Am Samstag werde ich nun das Vorträglein9 über
die Bekenntniskirche halten und am Sonntag abend für Kari
Bibelstunde in jener Katakombe,
in der du auch einmal warst. Am Montag morgen geht’s dann nach Basel, am 1.
Februar unweigerlich heim zu meiner dann hoffentlich genesenen kl. Lollo.
Du Liebes, Gutes, wie habe ich mich gefreut über deinen großen
ausführlichen Brief. Dem Parallelbrief von Eduard10 war ja noch
deutlicher zu entnehmen, wie glänzend du deine Sache in Barmen gemacht
haben mußt. Und so war es allen Anzeichen nach auch in Oeynhausen. Nicht
so gern habe ich gelesen, daß du dich nun endgültig für ein Luthertum entschieden
hast, das sich schließlich nur noch dadurch auszeichnet, daß man den Reformierten sagt, daß man
doch nicht zu ihnen, sondern trotz Allem zu Marahrens, Georg, Schmidt usw. gehöre. Was wird dabei
aus mir? Was soll ich dazu sagen? Aber ich sehe schon, daß sich da Dinge
zugetragen haben, die ich noch nicht so überschaue und die du mir dann haarklein
erklären mußt. Du weißt ja, wie offen ich bin auch für irrationale
Möglichkeiten. Niesel wollte
mich auf den 18.-20. Februar zu einer Tagung nach Dahlem und zu einem Vortrag
über das Abendmahl gewinnen. Aber ich habe ihm nun unter Verweis auf meine
bevorstehende Utrechter Tätigkeit abgesagt. |463 Lollo, kann und muß es
die Deutsche Bekenntniskirche nun nicht doch tatsächlich ohne mich machen? Ich
meine: ohne meine direkte Mitwirkung? Irgend etwas in mir ist nicht nur des
Kleinkampfs als solchen, sondern vor allem auch der Luft von unverwüstlichem
Mißtrauen müde, das mir dort schließlich und endlich doch auch ein
Asmussen entgegenbringt.
Humburg meint es gut, und
sein Brief bewegt mich menschlich wohl, hat mir aber den üblen Geschmack, den
ich damals von Oe.
mitbrachte11, nicht wegnehmen können. Wie mich
überhaupt die guten Reformierten
in dieser Sache nicht recht trösten können. Warum halten sie
eigentlich so gewaltig an der Berufung12 fest? Ich werde weder
aus deinem noch aus Eduards Brief klug darüber. Von hier aus gesehen scheint
sie eine nicht nur aussichtslose, sondern gefährliche Sache – gefährlich
ohne Verheißung. Oder in was soll die bestehen? Du siehst, ich
bin bekümmert, wenn ich an die deutschen Dinge denke. Du wirst es nicht weniger
sein. Wärest du doch hier, um mir mündlich Alles zu sagen, wie du es siehst! Es
ist sichtlich Zeit, daß ich heimkomme. Oder hättest du mich vielleicht in Basel
abholen sollen? Mir ist, ich könnte dich nicht früh genug wiedersehen und
-hören. Maury und Visser ’t Hooft haben
sich angekündigt für diese Tage. Dann wird auch Genf13
nochmals zur Sprache |464 kommen. Aber das kommt
kaum mehr in Betracht. Liebe Lollo, ich grüße dich mit allen, allen
guten Gedanken!
(Ich gehe heute abend mit Markus in die Zofingia, auch das noch!!!)
Nein, ich verschweizere nicht, aber… !