Brief Nr. 190 · 23. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebe Lollo!.

Was höre ich? Der andere Liebling krank, richtig krank? Und offenbar auf seine, d. h. nach Schwester Elisens1 Art krank, d. h. so, daß er zwischenhinaus im Zimmer herumläuft, telephoniert, Post erledigt usw.? Nein, dieser Gedanke erfüllt mich nun doch mit rechter Unruhe. Es war einfach zu viel, zu viel für dich in dieser Woche, in der ich so ganz meiner Erholung gelebt habe, und ich komme mir sehr schlecht vor dabei, hier nun so ausgeruht herumzulaufen, während die kleine Lollo zu Hause fiebert und sich nicht Sorge trägt2, infolgedessen aufs Neue fiebert, natürlich keinen Arzt zuzieht, dazwischen Gespräche mit ihren Freunden führt, über Deutschlands Schicksal nachdenkt, nichts ißt usw. und bei dem allem nach Eduards Wort immer «durchsichtiger» wird3. Bitte, bitte tu nun dennoch Alles, was du kannst, um wieder gesund zu werden und dich, du Unentbehrliche, der Kirche und doch auch deinem Karl zu erhalten. Wirst du es mir versprechen? Schau, wenn du mir nicht gehorchtest, würde ich nachher trotz deiner nächstens «kirchenmütterlich» zu nennenden Würde ein sehr ernstes Wort mir dir reden müssen, so unangenehm dir das immer wäre.

461 Vorläufig will ich dir glauben, daß du meiner Bitte nachkommst, und dir ein wenig erzählen, wie es hier weiterging. Am Montag, nachdem die beiden Karten abgegangen waren, habe ich mit Nil und Pfr. Treier von Gsteig4 einen großen Marsch angetreten, auf dessen Höhepunkt wir vor einer Älplerhütte im tiefen Schnee hoch oben an der Sonne eine Feld-Mahlzeit (Wurst, Brot, Glühwein) einnahmen, angesichts einer unbeschreiblichen Aussicht auf Gletscher und Berge. Nachher sind wir auf kleinen Schlitten holterdipolter die Abhänge herunter gefahren, wobei die zwei erfahrenen Gebirgspfarrer kopfüber in den Schnee flogen, Karl aber, umsichtig steuernd wie immer, ungefährdet unten ankam. Es war sehr schön.

Gestern Dienstag abend bin ich dann mit Nil nach Interlaken gefahren zu einem kleinen Religionsgespräch5 in einem Kreis von Pfarrern, Lehrern und anderen Männern und Frauen, an dem ich richtig Freude hatte. Es ist schon richtig, daß das Blatt sich auch in der Schweiz zu wenden beginnt. Gewiß ist Alles nüchterner und wird es auch bleiben. Aber proportionell ist der Ernst, mit dem gesprochen und gehört wird, nicht geringer. Ich fühlte mich jedenfalls sofort zu Hause, und es wäre dir sicher nicht anders gegangen. Ein 74jähriger Lehrer war da, extra aus dem Habkerntal herabgestiegen6 (drei Stunden), ein alter Kohlbrüggianer, der von weitem über das Wuppertal genau Bescheid weiß, obwohl er nie dort war. Er sagte lachend, er sei immer konservativ gewesen und sehe nun, daß er wieder «in der Mode» sei. Tatsächlich gibt es in jener ganzen Gegend fast nur noch Pfarrer «unserer» Richtung, nachdem dort vor 30 Jahren lauter «Reformer» gehaust hatten, und die Gemeinden scheinen zu folgen.|

462 Denk, ich glaube, mein Freund Nil würde dir nach kurzer Bekanntschaft ebenfalls sehr recht sein. Er ist erstaunlich in der Möglichkeit, auf allen Feldern auf dem kürzesten Weg zum Ziel zu kommen und «Gesundheit» mit echter Bewegtheit zu verbinden. Nein, nein, die kl. Lollo dürfte und würde da nicht in das Geschrei: «fremd, fremd, fremd!» ausbrechen, mit dem sie ihren Karl manchmal zu erschrecken pflegt. (Ich lege dir hier noch ein weiteres Bild bei vom Bob-Rennen: Meine auffallende Aufmerksamkeit gilt einem solchen Renn-Schlitten.7 Karl hat so etwas eben noch nie gesehen.) Gestern nacht habe ich in Gsteig bei Pfr. Treier übernachtet. Das ist auch ein alter «Helveter»8, der nun umso besser geworden ist. Und heute um 10 Uhr bin ich wieder hier eingetroffen, sehr gut aussehend, wie man findet. Am Samstag werde ich nun das Vorträglein9 über die Bekenntniskirche halten und am Sonntag abend für Kari Bibelstunde in jener Katakombe, in der du auch einmal warst. Am Montag morgen geht’s dann nach Basel, am 1. Februar unweigerlich heim zu meiner dann hoffentlich genesenen kl. Lollo.

Du Liebes, Gutes, wie habe ich mich gefreut über deinen großen ausführlichen Brief. Dem Parallelbrief von Eduard10 war ja noch deutlicher zu entnehmen, wie glänzend du deine Sache in Barmen gemacht haben mußt. Und so war es allen Anzeichen nach auch in Oeynhausen. Nicht so gern habe ich gelesen, daß du dich nun endgültig für ein Luthertum entschieden hast, das sich schließlich nur noch dadurch auszeichnet, daß man den Reformierten sagt, daß man doch nicht zu ihnen, sondern trotz Allem zu Marahrens, Georg, Schmidt usw. gehöre. Was wird dabei aus mir? Was soll ich dazu sagen? Aber ich sehe schon, daß sich da Dinge zugetragen haben, die ich noch nicht so überschaue und die du mir dann haarklein erklären mußt. Du weißt ja, wie offen ich bin auch für irrationale Möglichkeiten. Niesel wollte mich auf den 18.-20. Februar zu einer Tagung nach Dahlem und zu einem Vortrag über das Abendmahl gewinnen. Aber ich habe ihm nun unter Verweis auf meine bevorstehende Utrechter Tätigkeit abgesagt. |463 Lollo, kann und muß es die Deutsche Bekenntniskirche nun nicht doch tatsächlich ohne mich machen? Ich meine: ohne meine direkte Mitwirkung? Irgend etwas in mir ist nicht nur des Kleinkampfs als solchen, sondern vor allem auch der Luft von unverwüstlichem Mißtrauen müde, das mir dort schließlich und endlich doch auch ein Asmussen entgegenbringt. Humburg meint es gut, und sein Brief bewegt mich menschlich wohl, hat mir aber den üblen Geschmack, den ich damals von Oe. mitbrachte11, nicht wegnehmen können. Wie mich überhaupt die guten Reformierten in dieser Sache nicht recht trösten können. Warum halten sie eigentlich so gewaltig an der Berufung12 fest? Ich werde weder aus deinem noch aus Eduards Brief klug darüber. Von hier aus gesehen scheint sie eine nicht nur aussichtslose, sondern gefährliche Sache – gefährlich ohne Verheißung. Oder in was soll die bestehen? Du siehst, ich bin bekümmert, wenn ich an die deutschen Dinge denke. Du wirst es nicht weniger sein. Wärest du doch hier, um mir mündlich Alles zu sagen, wie du es siehst! Es ist sichtlich Zeit, daß ich heimkomme. Oder hättest du mich vielleicht in Basel abholen sollen? Mir ist, ich könnte dich nicht früh genug wiedersehen und -hören. Maury und Visser ’t Hooft haben sich angekündigt für diese Tage. Dann wird auch Genf13 nochmals zur Sprache |464 kommen. Aber das kommt kaum mehr in Betracht. Liebe Lollo, ich grüße dich mit allen, allen guten Gedanken!

Dein
K.

(Ich gehe heute abend mit Markus in die Zofingia, auch das noch!!!)
Nein, ich verschweizere nicht, aber… !

Sachfußnoten

1
Nach Angabe von Fr. Zellweger-Barth Schwester Else Prins.↩
2
= nicht genügend an sich und ihre Gesundheit denkt.↩
3
Vgl. Bw.Th. III, S. 816 📖.↩
4
René Treier (1904–1975), 1928-1946 Pfarrer in Gsteig bei Interlaken (Kt. Bern), 1946-1959 an der Oekolampad-Kirche in Basel, 1959-1975 Leitung des Diakonissenhauses Siloah in Gümligen (Kt. Bern).↩
5
Über dieses Gespräch erschien in der Interlakener Lokalzeitung die Leserzuschrift eines Gesprächsteilnehmers (Oberländisches Volksblatt, Jg. 73 [1935], Nr. 13 vom 24.1.1935 📖). Barth sprach demnach zwei Stunden lang «zu einem kleinen Kreis Geladener über aktuelle religiöse und kirchliche Fragen» (vgl. Bw.Th. III, S. 825f., Anm. 1 📖).↩
6
Vermutlich Gottfried Schmocker, Oberlehrer und Organist in Habkern, das in einer breiten Talmulde nördlich von Interlaken auf über 1000 m gelegen ist.↩
7
KBA 9103.18 und KBA 3223.↩
8
Die «Helvetia» ist die zweitälteste Studentenverbindung der Schweiz; sie entstand 1832 durch Abspaltung von der «Zofingia», der Barth angehörte.↩
9
Siehe unten S. 469, Anm. 4.↩
10
Brief E. Thurneysens vom 21.1.1935, in: Bw.Th. III, S. 815-824 📖.↩
11
Am 3.1.1935 hatte in Bad Oeynhausen der Reichsbruderrat getagt und sich u. a. auch mit dem «Fall Karl Barth» befaßt (vgl. oben S. 409, Anm. 1, sowie S. 410, Anm. 7). Dabei erklärte Barth zur Frage einer Berufung gegen das Urteil der Dienststrafkammer bei der Regierung in Köln vom 20.12.1934: «Ich habe kein Interesse an dieser Berufung. Im nationalsozialistischen Staat mußte das Urteil so ausfallen. Es ist Aberglaube zu meinen, daß es Richter gibt, die anders urteilen können. […] Aber wenn der Bruderrat mich auffordert, Revision einzulegen, will ich es tun.» Der Bruderrat beschloß eine solche Aufforderung, teilte aber den Empfängern des Protokolls mit, daß der Bruderrat diesen Beschluß «als vertraulich behandelt wissen will» (Prolingheuer, S. 114 📖). Humburg erklärte in seinem Brief an Barth vom 21.1.1935 (KBA 9335.83), die Bitte um Vertraulichkeit sei «nur so zu verstehen» gewesen, «daß man Ihre Sache nicht belasten wollte durch die Opposition, die von staatlichen Stellen etwa gegen die Bekenntnisfront gerichtet sein würde» (vgl. Bw.Th. III, S. 820f. 📖).↩
12
Bw.Th. III, S. 822f. 📖 ↩
13
Zu dem Plan, Barth für eine Lehrtätigkeit an einem in Genf neu zu schaffenden Ökumenischen Seminar zu gewinnen vgl. K. Barth ­- W. A. Visser ’t Hooft, Briefwechsel 1930-1968 einschließlich des Briefwechsels von Henriette Visser ’t Hooft mit Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum, hrsg. von Th. Herwig (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2006, S. 20-27 📖.↩