Brief Nr. 194 · 26. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Bern

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194

Lieber Karl!

Eben war Pastor Immer da bei mir. Wir sprachen von der Haltung der fünf ausgetretenen «Brüder» aus dem Bruderrat1, die ja vor der nächsten Reichsbruderratssitzung am 5.2. sich klar werden müssen, ob sie mittun wollen oder nicht. Immer gefiel mir gut in dem, was er |471 sagte. Er meint, ihr solltet hineingehen mit dem ganz konkreten Willen und Wunsch zur Einberufung einer Synode. Ihr dürftet aber nicht die Vorläufigkeit eures Austritts ohne synodalen Beschluß zu einem Zustand machen. – Am Sonntag nun ist in Barmen Vertrauensmännertagung2, an der du – – eine Predigt halten sollst3, und am Abend solltet ihr Fünf dann zusammensitzen und Alles einmal durchsprechen. – Wie denkst du darüber? Es scheint mir ja auch nicht ratsam, jetzt alle Viere einfach von sich zu strecken und der Sache ihren Lauf zu lassen, darin muß ich I. recht geben. Sollte die Synode sich für August I.4 entscheiden, dann, so meint I., hättet ihr auf legitime Weise den Abschied. Hesse ist anscheinend seiner Meinung. – Nun weiß ich, wie ungern du dich wieder in den Bruderrat begibst, aber lohnte es nicht das Gespräch zu fünft am Sonntag abend auf jeden Fall noch, und willst du Immer direkt oder mir hierher Nachricht geben, ob du bereit bist dazu?5

Ich lasse diese Zeilen mit Eilboten noch nach Bern gehen.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 405, Anm. 13.↩
2
Siehe Pr. 1921-1935, S. 403f 📖; vgl. Prolingheuer, S. 134 📖.↩
3
Siehe oben S. 469, Anm. 3.↩
4
August Marahrens. – Die Vorläufige Kirchenleitung unter Landesbischof Marahrens arbeitete auf eine Lösung des Konflikts hin, in der Marahrens eine zentrale Rolle zukommen sollte. Davon wird Immer berichtet haben. In dem dann am 26.1.1935 dem Reichsinnenministerium unterbreiteten Vorschlag für «die baldige Überwindung des Kirchenkampfes und die Befriedung der DEK» war an Stelle der Reichskirchenregierung eine «Kirchenverweserschaft» mit ­Marahrens als «Kirchenverweser» in leitender Stellung vorgesehen. Da damit der Reichsbischof ausgeschaltet werden sollte, erhielt der Vorschlag nicht die Zustimmung Hitlers (vgl. Meier II, S. 36f 📖).↩
5
Die Frage wegen der Benachrichtigung Immers ist am linken Briefrand mit doppelten Strichen markiert.↩