Brief Nr. 195 · 27. Januar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth in Basel

472

195

Mein lieber Karl!

Auch die Sonntagspost hat mir einen Brief von dir gebracht. Dafür bin ich dir sehr dankbar. Man spürt ihm an, daß du in Bern wieder viel mehr im Hin und Her der Fragen steckst und die ganze Unruhewelle wieder an dich brandet, die in Grindelwald einen Augenblick lang dich nicht so laut erreichte. Laß dir das bißchen Erholung nicht ganz schnell wieder zerstören. Daß du gern nun klaren Weg vor dir sehen möchtest, das verstehe ich. Aber gerade da scheint noch ein wenig Geduld gefordert. Du siehst aus Hu[mburg]s Brief1 an mich, daß sie dort die Waffen noch nicht strecken und so lange kannst und darfst du es ja wohl auch nicht. – Eine andere Frage ist die, ob du die Entscheidung Barmen/Basel nicht vorher, wenigstens bedingt treffen kannst. Vielleicht ist es gut, wenn du dann gerade am Sonntag schon die Reformierten in Ba. siehst und sprichst. Immer wird sehr froh sein, daß du die Predigt übernimmst. – Hesses Brief kam heute morgen «Zur Krisis im Reichsbruderrat»2. Ich schicke ihn dir noch, weil er dir vielleicht für deine Entscheidung zum Fünferrat nicht unwichtig ist. –

473­Lieber Karl, wegen mir mußt du dir keine Sorgen machen. Ich habe gestern sogar schon die Briefe geordnet, die immer noch da lagen und komme durch die völlige Ruhe schneller in die Höhe, als ich dachte. Wenn morgen N. wieder heimkommt, wird es wieder viel anstrengender sein. Ich wollte so, sie blieben bei dem schönen Schneewetter noch länger dort! – Daß du an Bockemühl3 berichtigend schriebst, beruhigt mich sehr. Ich hatte auch den Eindruck: Jetzt gleitet die Sache ganz ab!, war aber zu müde, schriftlich lang zu erklären, und ließ nur eine kleine Warnung an Nelly ab. –

Prof. Wolf kommt am Mittwoch wohl rasch zu dir nach Basel. Ich mußte ihm gestern deine Karte vorlesen, die Leute stolpern immer wieder an der Schrift. – Er meinte, das Schönste wäre, wir könnten zusammen im Rheingold nach Süden eilen!! Nein, aber bis Koblenz komme ich dir am Freitag entgegen und freue mich darauf. Du nimmst sicher den 11 h Zug ab Basel, der ist um 6 h dort. Ist dir das recht? –

Gestern mittag war Eras da und saß dann noch ziemlich lange bei mir. Sie gehen jetzt unter sich deine Predigtübungen4 durch, und wir diskutierten die Frage der Katechismus-Predigt5, die Lic. Gräber6 ihnen als erlaubt und unter Umständen geboten darstellte. Dann erzählte er mir noch interessant vom Dänen Prenter.7 Mein sachliches |474 Mißtrauen scheint doch irgendwie bestätigt. Er ist ein kluger, aber labiler Geist. – Eras selbst ist sehr nett. Er kommt am nächsten Samstag mittag wieder und freut sich sehr auf dich.

Der Tag begann heute für mich mit einem pädagogischen Problem: Matthis’ Kirchgang. Er war ganz von sich aus gerüstet dazu, frühstückte aber so seufzend mit mir, daß ich ihn fragen mußte, was los sei. «Ach, es ist doch schrecklich, daß ich nur in die Predigt gehe, weil ich dem Kindergottesdienst davonlaufen möchte, und im Grunde ginge ich am liebsten weder hierhin noch dorthin.» – Ich habe ihn dann da gelassen. Ob es recht war, weiß ich nicht. Aber es widerstrebt mir zu sehr, den Kirchgang so zu verhängen. –

Grüße Eduard und Marguerite, natürlich auch Fränzeli und Max. Und hab gute Tage in Basel. Ob du Ruedis noch einmal siehst? – Behüt dich Gott, Karl. Bald sehen wir sicher Alles wieder klar vor uns. – Es grüßt dich

deine
L.

Sachfußnoten

1
Humburg schrieb am 26.1.1935 an von Kirschbaum (KBA 9335.108): «Ich bin in der Angelegenheit [scil. der Berufung gegen das Kölner Urteil] bemüht, soviel ich kann, und glaube, sagen zu können, daß auch Dr. Fiedler und Reichsgerichtsrat Flor die Sache mit ganzem Ernst in die Hand genommen haben.»↩
2
Zur Krise im Reichsbruderrat. Gedanken am 25. Januar 1935 (KBA 16778). Hesse forderte er am Schluß: «Praktisch wird es jetzt notwendig sein, daß wir in unserem Fünferkreis» uns «am Abend des 3. Febr. und wenn nötig auch noch am Montag, den 4. Febr. in Barmen oder Elberfeld zusammensetzen und unter uns Fünfen» über die Frage beraten, ob «die Abgesonderten» «ein geistliches Recht zur Absonderung hatten und ob sie überhaupt von sich aus aus dem Bruderrat austreten konnten». In der Konsequenz werde man dann «auf alle Fälle» «mit stärkstem Nachdruck die Einberufung einer Bekenntnissynode im Februar gemeinsam zu fordern haben». «Sie hat dann über die Haltung des Bruderrates und der von seiner Mehrheit beschlossenen Kirchenleitung zu entscheiden und muß sich darüber klar werden, ob die Bekenntnisgemeinschaft die Linie von Barmen und Dahlem weiter verfolgen will ­- oder nicht!»↩
3
Siehe oben S.  464 und S. 469.↩
4
Siehe oben S. 237, Anm. 10.↩
5
In seinen «Übungen in der Predigtvorbereitung» hatte Barth eingeprägt: «Die Predigt hat biblische Predigt zu sein.» Die Betonung «der Norm der in der Kirche geltenden Bekenntnisse» bedeute nicht, «daß es darum geht, die Bekenntnisse (Symbole, Augustana usw.) durchzupredigen» (s. K. Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt, Zürich 19852, S. 47.49 📖).↩
6
Lic. Martin Graeber (1886–1959), damals Pfarrer in Wuppertal-Barmen. Vielleicht ist aber Pfarrer Friedrich Graeber aus Essen gemeint (s. oben S. 341, Anm. 24), der im Rahmen der theologischen Kurse der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland in Wuppertal-Barmen Homiletische Übungen leitete.↩
7
Regin Prenter (1907–1990), studierte vom Wintersemester 1933/34 bis zum Wintersemester 1934/35 in Bonn; ab 1935 Pfarrer in Hvilsager, ab 1940 in Aarhus, ab 1945 o. Professor für Dogmatik und Symbolik in Aarhus – R. Prenter übersetzte die Nachschriften von Barths «Übungen in der Predigtvorbereitung» vom Sommersemester 1933 in Bonn: Professor D. Karl Barths Øvelser Praedikens Forberedelse. En homiletisk Øvelse afholdt ved Universetetet i Bonn Sommeren 1933. Bearb. og udg. af Werner Deggeller. Oversat til Dansk af Regin Prenter. (Trykt som Manuskript), København. Theologisk Oratorium, 1938. 📖↩