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von Kirschbaum an B. in
Basel
Auch die Sonntagspost hat mir einen Brief von dir gebracht. Dafür bin ich dir
sehr dankbar. Man spürt ihm an, daß du in Bern wieder viel mehr im Hin und Her der
Fragen steckst und die ganze Unruhewelle wieder an dich brandet, die in Grindelwald einen
Augenblick lang dich nicht so laut erreichte. Laß dir das bißchen Erholung nicht
ganz schnell wieder zerstören. Daß du gern nun klaren Weg vor dir
sehen möchtest, das verstehe ich. Aber gerade da scheint noch ein wenig
Geduld gefordert. Du siehst aus Hu[mburg]s Brief1 an mich, daß sie dort die Waffen
noch nicht strecken und so lange kannst und darfst du es ja wohl auch nicht. –
Eine andere Frage ist die, ob du die Entscheidung Barmen/Basel nicht
vorher, wenigstens bedingt treffen kannst. Vielleicht ist es gut, wenn du dann gerade am Sonntag schon
die Reformierten in Ba. siehst
und sprichst. Immer wird
sehr froh sein, daß du die Predigt übernimmst. –
Hesses Brief kam
heute morgen «Zur Krisis im Reichsbruderrat»2. Ich schicke ihn dir noch, weil er dir
vielleicht für deine Entscheidung zum Fünferrat nicht unwichtig ist. –
473Lieber Karl, wegen mir mußt du dir keine Sorgen machen. Ich habe
gestern sogar schon die Briefe geordnet, die immer noch da lagen und komme durch
die völlige Ruhe schneller in die Höhe, als ich dachte. Wenn morgen N. wieder
heimkommt, wird es wieder viel anstrengender sein. Ich wollte so, sie blieben
bei dem schönen Schneewetter noch länger dort! – Daß du an Bockemühl3
berichtigend schriebst, beruhigt mich sehr. Ich hatte auch den
Eindruck: Jetzt gleitet die Sache ganz ab!, war aber zu müde, schriftlich lang
zu erklären, und ließ nur eine kleine Warnung an Nelly ab. –
Prof. Wolf kommt am
Mittwoch wohl rasch zu dir nach Basel. Ich mußte ihm gestern deine Karte
vorlesen, die Leute stolpern immer wieder an der Schrift. – Er meinte, das
Schönste wäre, wir könnten zusammen im Rheingold nach Süden eilen!! Nein, aber
bis Koblenz komme ich dir am Freitag entgegen und freue mich darauf. Du nimmst
sicher den 11 h Zug ab Basel, der ist um 6 h dort. Ist dir das recht? –
Gestern mittag war Eras da und
saß dann noch ziemlich lange bei mir. Sie gehen jetzt unter sich deine Predigtübungen4 durch, und wir
diskutierten die Frage der Katechismus-Predigt5, die Lic. Gräber6 ihnen als erlaubt und
unter Umständen geboten darstellte. Dann erzählte er mir noch interessant vom
Dänen Prenter.7 Mein sachliches
|474 Mißtrauen scheint doch irgendwie bestätigt. Er ist
ein kluger, aber labiler Geist. – Eras selbst ist sehr nett. Er kommt am nächsten Samstag
mittag wieder und freut sich sehr auf dich.
Der Tag begann heute für mich mit einem pädagogischen Problem: Matthis’ Kirchgang. Er war ganz von sich aus gerüstet dazu,
frühstückte aber so seufzend mit mir, daß ich ihn fragen mußte, was los sei.
«Ach, es ist doch schrecklich, daß ich nur in die Predigt gehe, weil ich dem
Kindergottesdienst davonlaufen möchte, und im Grunde ginge ich am liebsten weder
hierhin noch dorthin.» – Ich habe ihn dann da gelassen. Ob es recht war, weiß
ich nicht. Aber es widerstrebt mir zu sehr, den Kirchgang so zu verhängen. –
Grüße Eduard und Marguerite, natürlich auch Fränzeli und Max. Und hab gute Tage
in Basel. Ob du Ruedis noch einmal siehst? – Behüt dich Gott, Karl.
Bald sehen wir sicher Alles wieder klar vor uns. – Es grüßt
dich