Brief Nr. 196 · 28. Januar 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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Liebe Lollo!

Kurz vor der Abreise von hier nach Basel sollst du noch rasch einen Gruß haben. Ich habe eben deinen zweiten Eilbrief bekommen und an Immer geschrieben, daß ich mich für Sonntag abend für jene Besprechung bereit halte. Es ist sicher sinnvoll, wenn die Fünf einmal zusammenkommen. – Der Vortrag1 vorgestern und die Predigt2 gestern sind in befriedigender Weise vor zahlreichem Volk von Statten gegangen. Und wer traf gestern zum Mittagessen hier ein?! Der liebe Rudi auf seinem singenden Auto mitten durch Frost und Schneesturm! Er war außergewöhnlich gut aufgelegt, und wir hatten gute Stunden, obwohl er nachher inmitten zahlloser junger Leute des ihm so unsympathischen Alters (2 von uns, 2 Madiswiler, 1 Lindt – alle mit |475 langen Armen und Beinen herumsitzend!) den Tee trinken mußte. In Zürich war eben die Geburtstagsfeier seines Bruders, die zu besuchen er gerne Gerty überließ. Am Abend kam dann auch noch Peter, auch er im Besitz eines Brunner-Briefes, in welchem der gute Emil ganz bestimmt die Überzeugung ausdrückt, daß durch meine neueren Predigten bestimmt kein Mensch «bekehrt» werde, während er bestimmt «das Wort Gottes» verkündige. Es wird irgendwie schlimmer mit ihm.|

Denk ich habe nun fast acht Tage lang an der Krankheit gelitten, die man mit der Präposition διά3 zu bezeichnen pflegt, vermutlich durch Erkältung. Seit gestern ist sie durch energisch wirkende Mittel zum Stehen gebracht. Hier bekommst du zwei weitere Bildlein von mir aus Grindelwald. Das Liegende ist im Freien vor einer Hütte bei wunderbarster Luft, Beleuchtung und Aussicht gemacht.4 In jener Hütte wollte ich mit L. wohnen dürfen. Das andere Bild zeigt mich (leidlich «sportlich», nicht?) mit Pfr. Treier.5 Beachte auch die Eiszapfen! Und im Hintergrund den Gletscher! Ich mache heute in Olten ein paar Stunden halt, um Pfr. Keller6 zu treffen, der mich dringlich zu sprechen wünscht. Hoffentlich nicht über Familienverhältnisse!! Heute wird also Nelly wieder in Bonn eintreffen. Sag ihr meinen Gruß! Geht es dir jetzt bestimmt wieder besser? Rudi war ganz erfüllt von deiner Sicherheit und Tüchtigkeit, wie sie in Elberfeld7 an den Tag getreten seien. Ich konnte nur bestätigend nicken und für die Zukunft noch größere Dinge dieser Art in Aussicht stellen. Gelt, du trägst nun als Rekonvaleszentin sehr Sorge zu dir!

Ich werde allzu Vieles unerledigt mit nach Hause bringen. Meine Zeit war eben sehr in Anspruch genommen. Von Kari Lindt bekam ich zwei Bände Scripta theologica von Henricus Alting8, einem deutschen Reformierten zu Anfang des 17. Jahrhunderts, eine schöne Verbesserung meiner Sammlung.

476Ach du, ich freue mich so, dich wieder zu sehen. Mitten in allen Sachlichkeiten habe ich dich so schrecklich l. und möchte stracks zu dir kommen. Freust du dich auch ein bißchen auf den …?

Dich grüßt

Dein
K.