Brief Nr. 197 · 21. Juni 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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197

Liebe Lollo!

Meine Gedanken haben dich gestern den ganzen Tag den Rhein hinunter begleitet.1 Nun bist du so weit weg, und ich sitze, rauche und klappere ganz allein hier im Törli.

Ich verbrachte den Tag mit der Abfassung eines gemessenen Briefes an Brunner2, dann mit Briefen an Lukas Christ3 und Eduard4. Von Niesel ist eine in ihrer Schulmeisterlichkeit etwas unerfreuliche Antwort eingetroffen, die die Sache inhaltlich jedenfalls auch nicht weiter führt.5 Und dann kam die Sendung von Bleibtreu mit seiner Nachschrift der Urteilsverkündigung. Du wirst sie ja durch ihn selber kennen lernen und sehen, daß sie doch wirklich recht schlimm ist. Die Frage, was die Leute mit dem «Freispruch»6 nun eigentlich meinten |477 und wollten, erhebt sich dringender als je. Der juristische Grund dazu erscheint mir so weit hergeholt, daß ich fast nicht annehmen kann, daß er wirklich ausschlaggebend7 gewesen sei. Und fast alles Übrige ist ja negativ und in der Form noch unfreundlicher als das Kölner Urteil.8 Aus Berlin kam auch gestern und heute keine Antwort.9 Am Abend saßen wir plaudernd und lesend drüben an der bekannten Stätte.

Heute ist etwas Übles geschehen: ich habe mir ein Loch in das gelbe Jeggjen gebrannt und da ist keine Fräulein Seifert, die dazu Rat und Hilfe wüßte. Richard meint schnöde, das komme von der Knechtschaft der Leidenschaft.

478 Was aber wird morgen geschehen? Morgen vormittag werden wir reiten! Liebe Lollo, ich rate dir doch dringend, in Bonn noch einmal eine Reitstunde oder zwei zu nehmen, um dich wieder in Form zu bringen, damit du nachher hier auch gleich mit Freuden mittun kannst. Bitte tu mir’s zu Liebe, auch wenn’s dich im Augenblick nicht lockt.

Heute abend aber dürfen wir ins Kino und uns einen französischen Film ansehen.

Als weiterer Sport wurde übrigens gestern abend das Schießen mit einem Luftgewehr aufgenommen. Frieder (!) obsiegte, während ich immerhin gleich viel wie Rudi und mehr als der Gardefüsilier Karwehl konnte.

Sag, du könntest mir doch das Buch über Mazarin10 hieher mitbringen. Ich lese eben den aus München mitgebrachten Richelieu11 und würde diese Fortsetzung gerne zur Kenntnis nehmen. Bitte bring mir auch das Kuvert mit den Vorträgen, Protokollen etc. für St. Gallen12.

Wie mag es dort gehen? Du bist gewiß reichlich beschäftigt und in Anspruch genommen, aber dennoch weder aggressiv noch ungeduldig, sondern voll jener Lindigkeit, die ich dir so anschaulich und aufmunternd vorlebe.

Eben erwarte ich Eberhard13 aus Bubendorf zu einem Gespräch über Kohlbrügge und über kavalleristische Möglichkeiten.

Sei mir gegrüßt und grüße auch Nelly, die Büblein, Hertha und alle guten Menschen. Einen vorläufigen Bericht über deine Tätigkeit würde ich mit großem Beifall aufnehmen.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Vom 21.5. bis zu ihrer Abreise nach Bonn am 20.6.1935 hielt sich von Kirschbaum – mit einigen Reiseunterbrechungen – auf dem Bergli auf (vgl. Bw.Th. III, S. 912, Anm. 10 📖).↩
2
Bw.Br., S. 279-283 📖. In seinem Brief an E. Brunner vom 20.6.1935 bedankte sich Barth für die Zusendung von E. Brunner, Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth, zweite, stark erweiterte Auflage, Tübingen 1935 📖, und erklärte sich zu einem Gespräch bereit, um das ihn Brunner gebeten hatte.↩
3
Siehe Bw.Th. III, S. 910, Anm. 4. 📖 ↩
4
Bw.Th. III, S. 908-913. 📖 ↩
5
Siehe die Auszüge aus dem Brief Niesels vom 18.6.1935, der am Schluß seines Briefes aus Jona 4 zitiert, in Bw.Th. III, S. 910f., Anm. 5 und 6. 📖 ↩
6
Am 14.6. fand in Berlin das Revisionsverfahren statt. Gleichentags meldete O. Bleibtreu telephonisch aus Berlin das Urteil: «Auf die Berufung des Angeschuldigten wird das Urteil der Dienststrafkammer bei der Regierung in Köln vom 20.12.1934 aufgehoben. Das Verfahren wird bezüglich der Anschuldigungspunkte 2 und 3 der Anschuldigungsschrift eingestellt. Wegen des Anschuldigungspunktes 1 wird der Angeschuldigte mit Gehaltskürzung in Höhe von einem Fünftel auf die Dauer eines Jahres bestraft.» (Prolingheuer, S. 195 📖)↩
7
Tskr.: «ausschlaggegeben»; Korrektur vom Hrsg.↩
8
Laut Bleibtreus Nachschrift der mündlichen Urteilsbegründung stellte der Senat fest, daß das Verfahren in Punkt 2 und 3 (Hitlergruß und Äußerungen bei Pfarrer Jacobi) «mangels Vorliegens eines ordnungsmäßigen Einleitungsbeschlusses bzw. mangels ordnungsmäßiger Ingangsetzung des Verfahrens» eingestellt werden müsse. In Punkt 1 (Eid) «liegt nach Ansicht des Senates für die Zeit seit dem 18.12.34», d. h. seit Barths Schreiben vom 18.12.1934 (s. Prolingheuer, S. 90f. 📖), «beim Angeschuldigten kein Dienstvergehen vor». Der Senat stellte jedoch fest, daß das Verhalten «des Angesch. in der Eidesfrage in der Zeit vor dem 18.12.34» «mit irgendwelchen religiösen, kirchlichen oder theologischen Gründen nichts zu tun gehabt» habe. «Es hat sich vielmehr dabei um den Ausfluß einer Widersetzlichkeit gegen den Staat gehandelt, die bei dem Angesch. stark hervortritt und sich auch sonst bei ihm gezeigt hat.» Im Blick darauf erscheine «die erkannte Strafe» wegen des Anschuldigungspunktes 1 «angemessen». «Der Senat fügte zum Schluß hinzu, der Angeschuldigte möge sich aber merken, daß er das Vertrauen, das der Staat nun noch einmal durch seine Belassung im Amt in ihn setze, nicht nochmals mißbrauchen dürfe. Sollte er sich in Zukunft erneute Widersetzlichkeiten zuschulden kommen lassen und dadurch insbesondere seine Pflichten als Jugenderzieher abermals verletzen, so müßte er in einem neuen Disziplinarverfahren unter allen Umständen mit seiner Dienstentlassung rechnen.» (KBA; vgl. Prolingheuer, S. 362-368).↩
9
Unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Berliner Urteilspruches vom 14.6.1935 hatte Barth telegraphisch bei Minister Rust in Berlin um eine Unterredung gebeten, in der er ihn «vor die Frage stellen» wollte, «ob er mich so wie ich bin, fernerhin haben wolle oder nicht» (Brief an W. Niesel vom 15.6.1935, Prolingheuer, S. 334 📖).↩
10
In Barths Bibliothek ist noch vorhanden: K. Federn, Mazarin, München 1922 📖.↩
11
Vermutlich K. Federn, Richelieu (Menschen, Völker, Zeiten, Bd. 16), Wien/Leipzig 1926 📖. Allerdings ist in Barths Bibliothek nur noch vorhanden: C. J. Burckhardt, Richelieu. Der Aufstieg zur Macht, 4.-6. Tausend, München 1935 📖.↩
12
Für Barths Vortrag am 24.9.1935 in der Versammlung des Schweizerischen Reformierten Pfarrvereins in der St. Mangenkirche in St. Gallen. Barths Vortrag Das Bekenntnis der Reformation und unser Bekennen erschien in dem ebenso betitelten Heft 29 der ThExh, München 1935, S. 4-31 📖.↩
13
Rolf Eberhard (s. oben S. 205, Anm. 2).↩