20. Juni 1935

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich sende dir hier zur Unterrichtung Einiges aus meiner Kuriermappe. Wie mag dich Alles anschauen: Mein in der Tat lotzenzorniger Brief an Niesel2, die auf einmal wieder feierlich gesprächig gewordenen Deutschen3, Emil und Lukas und was ich ihnen geantwortet ha|910be4. Der zweite Brief von Niesel5 ist ja eine zünftige Schulmeisterei, |911 die mich als solche ärgert. Oder bin ich nun doch bereits wieder Jona unter dem Kürbisbaum [vgl. Jona 4]6, der sich mit Recht so anprosten7 lassen muß? Schreibe mir bald deine Meinung darüber. Zunächst hülle ich mich nun auch ein bißchen in Schweigen.

Wir waren also im Süden mit Karwehls, haben in Mailand das mondäne Nachtleben in einem hängenden Garten auf gleicher Höhe neben dem Dach des Domes in Augenschein genommen, haben dann den Dom wieder einmal gründlich von unten und oben besichtigt, haben ein ausgezeichnetes Mittagessen eingenommen, haben einen schönen Abend mit Helmi Vischer samt Maria am Ufer gegenüber von Lu|912gano gehabt und sind endlich durch alle 76 Windungen der Gotthardstraße wohlbehalten wieder hieher zurückgekehrt.

Der Minister Rust hat sich noch nicht geregt.8 Und die deutschen Zeitungen bringen die Nachricht über das Gerichtsurteil nicht. Ich weiß nicht, was soll das bedeuten9, und richte mich nun auf eine weitere Wartezeit hier ein.

Heute morgen ist Lollo für eine Woche nach Bonn gefahren, teils aus persönlich-familiären, teils aus technischen Gründen, teils um an Ort und Stelle (z. B. auch in Wuppertal) die nötigen Erkundigungen einzuziehen und Erklärungen abzugeben.10

Soeben erhalte ich die Nachschrift meines Anwalts über die mündliche Urteilsbegründung.11 Holla, da sieht nun doch Alles viel mieser aus, als es nach dem bloßen Resultat erscheinen konnte. Ich lege sie dir ebenfalls bei, dazu noch einige weitere Stimmen von draußen, damit du ein Bild hast, wie ich nun wieder umdröhnt bin. Dazu aber doch auch eine recht ordentliche Stimme von drinnen, nämlich die des Dr. |913 Frey12, an dem ich eigentlich — kennst du ihn? — Wohlgefallen gefunden habe. Gelt, du schickst mir Alles bald wieder.

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite
Dein

Sachfußnoten

1
Originalbrief nicht erhalten; der Abdruck erfolgt nach einem Durchschlag.↩
2
Barths Brief an Niesel vom 15.6.1935 ist abgedruckt bei Prolingheuer, S. 333f. (Zitat S. 882, Anm. 8 📖); zum «Lotzenzorn» s. oben S. 146, Anm. 20. ↩
3
Gemeint sein könnten folgende Briefe und Dokumente: Brief W. Niesels, geschrieben i.A. des Rates der Kirche der altpreußischen Union vom 13.6.1935, in dem er Barth über eine Sitzung des Rheinischen und Westfälischen Bruderrates am 15.6. informiert, dessen Beschluß und Stellungnahme Barth hoffentlich abwarten könne, bevor er seine Entscheidung treffe. «Denn wenn die andere Berufung auch sofort an Sie ergehen sollte, so wird man Ihnen für Ihre Entscheidung doch einigen Spielraum lassen» (weiteres Zitat in Anm. 5). — Telegramm der Vertrauensleute der Bruderschaft rheinischer Hilfsprediger und Vikare vom 14.6.1935: «Die … Bruderschaft … grüßt in herzlicher Verbundenheit und erwartet, daß Sie sich einem an Sie ergehenden Lehrauftrag der Bekenntniskirche unbedingt offen halten. Hellbardt» (Zitat nach Original; Abdruck einer — fehlerhaften — Abschrift bei Prolingheuer, S. 195 📖). — Brief P. Humburgs vom 15.6.1935, in dem er Barth zu erklären suchte, warum er als Vorsitzender des rheinischen Bruderrates nicht vor dem 14.6. eine Berufung ausgesprochen hatte, obwohl ihm das «von den Wuppertaler Brüdern nahegelegt» worden war: «Nach meiner Meinung konnte Ihnen nur an einer ganz offiziellen Berufung des Rheinischen Bruderrates (mit dem preußischen Rat) liegen. Diese Berufung, soweit sie denn bisher in Umfang und Form vorstellbar ist, liegt nach meiner Meinung völlig klar vor in dem einstimmigen Beschluß der Rheinischen Synode vom 30. April. Was im Blick auf die Durchführung dieses Entschlusses Friedr. Graeber u. a. eingeleitet haben, ist mir nicht bekannt. Graeber wollte dies alles wohl allein machen ohne offizielle Kenntnisgabe an die Rheinische Synode (vorläufig). Als ich am Dienstag [= 11.6.] von der Reise nach Augsburg (und Stuttgart) zurückkehrte und nun erfuhr, daß noch vor dem 14. eine ‹Berufung› geschehen sollte oder erwünscht wäre, war es technisch unmöglich, eine Beschlußfassung von Rheinland und Westfalen herbeizuführen vor dem Sonntag [= 16.6.]. Dafür war alles von Fr. Graeber vorbereitet. Nach dem gestrigen Urteil haben wir nun beschlossen, erst Ihre Besprechung mit dem Minister oder Ihre Entscheidung abzuwarten, da erst dann eine Gestalt der zu erfolgenden Berufung gefunden werden kann; sonst stoßen wir in die Luft. Nun habe ich wohl empfunden, daß Sie die Berufung vor dem gestrigen Tag gern gesehen hätten, damit daraus klar würde, daß wir ganz unabhängig von dem Gerichtsspruch an Ihrer Weiterarbeit unter uns festhalten. Mir ist nun einfach nicht in den Verstand zu bringen, daß das noch irgendjemand irgendwie zweifelhaft sein kann. Wir haben Sie ohne eine Sekunde Diskussion als unseren Abgeordneten zur Reichssynode gewählt und jenen anderen Beschluß ohne Diskussion einstimmig gefaßt darüber. Die Ausführung ist Sache der Bruderräte und ist allerdings dann im Blick auf die in Betracht kommenden Möglichkeiten zu gestalten.» (Vgl. auch Humburgs Bericht über die rheinischwestfälischen Besprechungen zur Frage von Barths Berufung in einem weiteren Brief an diesen vom 25.6.1935 bei Aschermann/Schneider, S. 301f. 📖; Abdruck von Barths Antwort vom 5.7. und Humburgs ausführliche Rückantwort vom 11.7.1935 bei Prolingheuer, S. 352f.354-357). — Brief von Lic. M. Graeber vom 17.6.1935, geschrieben i.A. der «Pfarrerbruderschaft des Gaues Wuppertal», worin er Barth deren Freude über den Ausgang der Revisionsverhandlung aussprach, ihn bat, die Arbeit in der rheinischen Kirche wieder aufzunehmen, und die rheinische Bekenntnissynode aufforderte, Barth dazu alle mögliche Unterstützung zu geben. — Antwort von Moderamen und Synodalausschuß des Reformierten Bundes auf Briefe Barths an Niesel (s. Anm. 2) und H. A. Hesse vom 15.6.1935, beschlossen auf einer gemeinsamen Sitzung beider Gremien am 18.6., Barth mitgeteilt in einem Brief Hesses vom selben Tag. Darin brachten sie ihr «schmerzliche[s]» Empfinden darüber zum Ausdruck, daß Barth nicht rechtzeitig von der Bekenntniskirche gerufen worden sei, und gestanden ein, die Reformierten hätten diese Angelegenheit «ganz anders … betreiben sollen». Dieses Versäumnis sei u. a. auf «bestimmte Umstände» zurückzuführen, «die einerseits einer Berufung im Wege standen und unter denen andererseits doch versucht worden ist, eine solche Berufung zu betreiben und zu erreichen». Ohne einer erhofften mündlichen Aussprache mit Barth vorgreifen zu wollen, wollten sie aber Barth fragen, ob er von der Bekenntniskirche nicht zuviel erwartet habe oder gar etwas, «was eine Kirche auf Erden als eine Kirche der Sünder uns niemals bieten wird. Sie kennen unseren Kreis dafür, daß wir diese Frage nicht aus der Haltung eines Kompromisses heraus stellen oder uns gar eine fatalistische Bejahung des nun einmal sündigen Zustandes der Menschen bestimmt. Wir fragen vielmehr in kirchlicher Verantwortung: Wer ist die Bekenntniskirche? Ist nicht gerade sie ein armer Haufe, der wirklich — aber nun auch wirklich — nicht aus der eigenen Kraft, sondern von der Barmherzigkeit Gottes lebt? Und wird es jemals für die Bekenntniskirche so sein, daß sie in sich selbst etwas anderes als nur Moorboden darstellt und daß wir gerade mit und in ihr gerufen sind, auch durch die Enttäuschung, die sie uns bereitet, uns allein auf den ewigen Fels zu gründen, welcher ist Christus und sein Wort?» In diesem Sinne sprachen die Gremien ihre Hoffnung auf Barths Bereitschaft zur weiteren Mitarbeit in der Bekennenden Kirche aus.↩
4
Brunner gratulierte Barth zu dem Urteil und bat ihn um ein Verständigungsgespräch, das unnötige Mißverständnisse vermeiden helfen solle. Er könne sich sogar eine theologische Disputation vor seinem theologischen Seminar, vielleicht im Beisein von Thurneysen und G. Spörri, vorstellen (undatierter Brief mit Notiz «(15. Juni 1935)» von Barths Hand). In seiner Antwort erklärte sich Barth gerne zu einem Gespräch, auch vor dem Seminar, bereit, sofern es eine offene Möglichkeit der Klärung und nicht eine Verharmlosung der Gegensätze bedeute (Brief an Brunner vom 20.6.1935). Vgl. Bw.Br., S. 276–283 📖. — L. Christs Brief an Barth vom 15.6.1935 war die Antwort auf einen Brief Barths vom 13.6. über seinen Eindruck von Christs Verhalten bei einer Diskussion in Bern über sein Unterrichtsbuch (vgl. oben S. 877, Anm. 11): Er sei wohl «etwas bedrückt auf dem Schauplatz zurückgeblieben», doch für die an ihn gerichteten Fragen müsse Christ Verständnis haben (Brief Barths an Christ vom 13.6.1935). Christ bestätigte, er sei tatsächlich «etwas belämmert», aber auch verärgert über manche Fragen gewesen. Die Teilnehmer hätten «nun vor dem Meister ihre Rechtgläubigkeit und theologische Pfiffigkeit dadurch beweisen wollen, daß sie mir alles mögliche und unmögliche vorhielten». Über den Prozeßausgang sei er zugleich erfreut und betrübt, weil Barth nun doch in Deutschland bleiben werde (Brief vom 15.6.1935). Barth antwortete, sein Schicksal sei noch offen. Vor allem stellte er seinen Eindruck von der Berner Diskussion Christs Beurteilung gegenüber. — Nach Barths Erinnerung seien die Einwände sachlich und formell einwandfrei gewesen; Christ möge sie lieber auf ihre Rechtmäßigkeit hin überprüfen, anstatt sich zurückzuziehen und die anderen zu heißen, es besser zu machen (Brief an Christ vom 20.6.1935).↩
5
Niesel hielt Barths negative Einschätzung der bekenntniskirchlichen Bemühungen, ihn in Deutschland zu halten (in Barths Brief an Niesel vom 15.6.1935; s. Anm. 3), für einen «augenblicklichen Grimm … wir wollen hoffen …, daß Sie einer etwas anderen Auffassung von der Sache nicht ganz unzugänglich sind. Der Grimm darf ja wohl nicht dazu führen, daß man ungerecht wird.» Das Urteil, man habe «vonseiten der Bekenntniskirche in Ihrer Angelegenheit zum mindesten ein wenig gebummelt», lasse sich nach seinen neuesten Informationen so nicht aufrechterhalten. Graeber habe sich ja «sehr eifrig und persönlich aufopfernd» um seine Sache gekümmert und habe Humburg schließlich «zu seiner Freude mitgeteilt, daß Ihre Berufung gesichert sei. Dann kam die Augsburger Synode und die Reise von Hesse und Immer zu Ihnen [ein auf H. A. Hesses und Immers Wunsch hin kurzfristig arrangiertes Treffen mit Barth in Friedrichshafen am 6.6.]. Es ist sicherlich begreiflich, daß Sie erwas Schriftliches von uns in Händen haben wollten; aber da das, was ich Ihnen soeben kurz schilderte, bis kurz vor Pfingsten [= 9./10.6.] dauerte, konnte es doch für Sie nicht von allzu erheblicher Bedeutung sein, ob Ihre schriftliche Berufung an diesem oder jenem Tage in der Woche nach Pfingsten erfolgte», zumal die übergroße Arbeitslast der führenden Bekenntnisleute in Rechnung gestellt werden müsse. Auch sei nicht nur Barth seit November 1934 von einer gewissen Vereinsamung betroffen; doch hätten die Vereinsamten «die ganzen Monate hindurch bis jetzt sehr gute Kameradschaft gehalten … Daß wir Sie immer dabei haben wollten, ist Ihnen oft genug bezeugt worden.» Die dringende Bitte um Mitarbeit bei den Vorbereitungen zur altpreußischen Synode habe Barth aber «mehrmals abgelehnt. Was hätte werden sollen, wenn wir das alle getan und nur über unsere Vereinsamung geklagt hätten! … Wenn es ganz trostlos aussieht, pflegt Niemöller immer ‹in die Reichswehr einzutreten›, und Sie ziehen sich nach Basel oder auf das Gebiet der Dogmatik zurück. Das sind alles sehr gute und sehr wichtige Möglichkeiten, es fragt sich nur, ob wir es tun dürfen und die Kirche inzwischen Kirche sein lassen können. Ein augenblicklicher Grimm gibt uns dazu jedenfalls kein Recht …» (Brief vom 18.6.1935).↩
6
Aus Jona 4 hatte Niesel am Schluß seines Briefes vom 18.6. (s. Anm. 5) zitiert.↩
7
Siehe oben S. 52, Anm. 18.↩
8
Zum 14.6.1935 notierte Ch. von Kirschbaum in ihren Taschenkalender: «Endlich — abends 1/2 8h — kommt ein Telefon: Bleibtreu: Das Urteil wurde aufgehoben, d. Dienstentlassung abgewandelt in eine Geldbuße. Karl ist ganz blaß u. beschwert, alle sind erregt, Telefone an Nelly, nach Basel laufen, am Abend, ich kann nachts kaum schlafen. Wir beschließen, telegr. noch eine Audienz bei Min. Rust zu erbitten, um klar zu sehen.» (Der Wortlaut des Telegramms ist nicht erhalten.) Unter dem 15.6. notierte sie u. a. : «Weitere Telefone kommen: auch wir verhandeln noch einmal mit Bleibtreu. Er sieht die Lage eher pessimistisch, meint aber auch, daß ein Besuch bei Rust d. Klärung dient.»↩
9
Anfang des 1824 erstmals gedruckten Lore-Lei-Gedichtes von Heinrich Heine (Heinrich Heine Werke, Bd. I, Frankfurt a.M. 1968, S. 49 📖).↩
10
Da Barths Entscheidung, Deutschland zu verlassen, erst fiel, nachdem Rust ihn am 22.6.1935 in den Ruhestand versetze hatte (s. unten S. 913f., Anm. 2), stand Ch. von Kirschbaums Reise ursprünglich nicht im Zusammenhang mit Umzugsvorbereitungen. Zu ihrem Zweck notierte sie am 19.6.1935 in ihrem Taschenkalender: «[wir] beschließen, daß ich morgen nach Bonn fahre[,] um K. die nötigen Bücher zu packen u. nachzusehen, wie es steht …» Am 20.6. fuhr sie über Basel nach Bonn, wo sie N. Barth unterstützte und viele, meist private, Gespräche führte. Gespräche mit Wuppertaler Pfarrern vermerkte Ch. von Kirschbaum nicht in ihrem Taschenkalender. Ihre Rückreise verzögerte sich unerwartet bis zum 14.7., weil sie nach der Operation eines Furunkels zehn Tage im Krankenhaus liegen mußte.↩
11
O. Bleibtreus «Notizen betr. Termin vom 14.6.1935» (Typoskript mit handschriftlichen Korrekturen; 4 S.). Die offizielle Urteilsbegründung ging Barth erst Ende Juli 1935 zu (Dokumente im Karl Barth-Archiv; Abdruck der Urteilsbegründung bei Prolingheuer, S. 362–368, vgl. auch dort S. 195f.216f) 📖.↩
12
Wahrscheinlich Freys Brief vom 15.6.1935, in dem er Barth seine Freude über dessen Wiedereinsetzung aussprach. Nach seiner Überzeugung sei Barth in Deutschland am besseren Ort. Außerdem enthält der Brief Überlegungen zur Einrichtung eines Informationsdienstes über die kirchliche Lage in Deutschland für die führenden schweizerischen Blätter.↩