1. Juli 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

913
Lieber Karl,

ich danke dir für die Zusendung deines ganz ausgezeichneten, seltenen, kirchengeschichtlich wichtigen Briefes an Hesse1. Dieser Zusammenfassung bedurfte es gerade! Nun ist alles klar dargetan, soweit man das in solcher Lage überhaupt zu tun vermag. Ich bin überaus dankbar und froh um dieses Dokument. Wir haben es mit bewegtem Herzen gelesen, und ich werde es mindestens Koechlin und wohl auch Hartenstein zeigen. Es wird sicher seinen Dienst auch draußen tun. Man hätte alles nicht besser, verantwortlicher und zugleich menschlich bewegter und offener sagen können. Der Schritt nach Basel ist wie gedeckt durch dieses Wort. Er war es in der Sache ja durchaus, aber man hört es mit innerem Aufatmen an, was in dieser Sache dich getrieben und geleitet hat.

Hast du eigentlich schon mit Basel etwas Schriftliches gewechselt? Ist deine Besoldungsangelegenheit geordnet? Ich möchte dir noch einmal sagen, du solltest und dürftest bis auf Fr. 18.000 gehen, auf keinen Fall unter jene 17.500.2 Ich würde an deiner Stelle jedenfalls auch noch ge|914nau fragen, wie hoch dein sicher erforderlicher Einkauf in die staatliche Beamtenpensions- und Witwenkasse komme. Und wenn, was ich vermute, hier beträchtliche Summen in Frage kommen, solltest du für das erste Jahr zum mindesten dir eine Extrazulage über die weiterlaufende Besoldung hinaus geben lassen. Das hielte ich für eine mögliche Forderung. Sollte darauf nicht eingegangen werden, so müßtest du die Besoldung als solche höher ansetzen lassen. Über diese Dinge solltest du doch vielleicht mit Hauser noch einmal persönlich verhandeln. Da die Ferien nahe vor der Tür stehen, am nächsten Samstag beginnen sie für alle Basler Schulen, würde ich an deiner Stelle nicht allzulange zuwarten mit diesen Abmachungen. Rund 14.000 Fr. solltest du noch über das Haus hinaus zum Leben haben. Sonst gibt’s doch wieder eine Knorzerei3. Auf große Kolleggelder wirst du nicht rechnen können. Sagen wir 500 Fr. pro Semester. Ich weiß nicht, ob nicht schon das zu hoch gegriffen ist. Denn ich fürchte, die deutschen Studenten werden einfach |915 nicht kommen können, sicher nicht in namhafter Zahl, und sicher nicht als zahlungsfähige Leute. Denk, fürs Missionsfest wurden die Tübinger und Heidelberger einzeln gesiebt, jeder mußte noch einen besonderen Instruktionskurs mitmachen, wo ihm eingedrillt wurde, was er allenfalls den Schweizern zu antworten habe. Es wurde ihnen verboten, am Abend noch selbständig zu diskutieren, es waren Spitzel und Gestapoleute unter sie eingestreut. Das wird dir und vor allem Karl Ludwig Schm. gegenüber noch ganz anders eingerichtet werden. Und die Studenten aus anderen Völkern werden diesen Ausfall nicht wettmachen. Einzig die Schweizer werden in größerer Zahl einrücken.

Hast du die blöden Sprüche der Jungreformierten gelesen? Ich lege dir die Nummer bei.4 Gr. ist Grob selber.5 Eine windige Gesellschaft, wa? Noch etwas: dein Satz im großen Vortrag: «in Zürich wird das Evangelium übergangen»6 wurde hier, wie ich von verschiedensten Sei|916ten hören mußte, als eine neue und gespitzte Anödung7 von Emil verstanden. Ich hatte an diese Möglichkeit beim Anhören nicht von ferne gedacht. Aber wenn’s denn geht, ändere ihn doch im Druck ab, sonst heißt es sofort, du seiest förmlich drauf aus, Emilen zu verfolgen.

Im übrigen herrscht hier einfach Freude über deine Berufung und Zustimmung zum Tun der Regierung, die diesmal richtig großzügig gehandelt habe. Es wird alles sehr gut werden. Die Nachrichten hat es jetzt also auch geputzt im Dritten Reich.8 Es weist alles darauf hin, daß draußen neue schwierige Zeiten anbrechen und daß du im rechten, das heißt im letzten Moment noch herausgegangen bist. Ich glaube nicht, daß du irgendwie hättest standhalten können. Und wie viel schwieriger wäre dann der Rückzug zu uns geworden.

Grüße Ruedis vielmal und herzlich! Am Samstag fahren wir also ans Meer.9 Hoffentlich ist die Hitze im Süden auszuhalten. Wie wird es mit «Onkel Willy»10 werden? Ich fürchte jetzt schon sein allzulautes Gerede. Er ist ein Wackerer, aber …

Sei selber herzlich gegrüßt!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Barths Brief an H. A. Hesse vom 30.6.1935 mit einem kritischen Rückblick auf den Weg der Bekennenden Kirche, insbesondere auf ihre Bemühungen und ihr Zögern, ihn in Deutschland zu halten. Auf den durch Thurneysen dem Karl Barth-Archiv übergebenen Durchschlag des Briefes hatte Barth über der Angabe des Adressaten mit Bleistift geschrieben: «L.E.! Dies zur Kenntnisnahme für dich und zur Mitteilung an solche, denen es nützlich sein kann. / Dein K.». — Abdruck des Brieftextes in: Coetus-Briefe, S. 69–75 📖; Prolingheuer, S. 345–350 (mit zahlreichen Druckfehlern). 📖 ↩
2
Am 22.6.1935 hatte Rust Barth in einem zum Bergli geschickten Telegramm mitgeteilt: «Erbetene Unterredung gegenstandslos, da ich Ihre Entlassung nach Paragraph sechs des Berufsbeamtengesetzes verfügt habe. Der Reichswissenschaftsminister Rust.» Den Telegrammtext übermittelte Barth sofort telephonisch nach Bonn, wo ein auf den 21.6.1935 datiertes Schreiben Rusts, in dem er Barths Versetzung in den Ruhestand — nicht Entlassung, wie im Telegramm irrtümlich erwähnt — verfügt hatte, noch nicht eingetroffen war (vgl. Prolingheuer, S. 197–199 📖; das dort S. 198 im Ausschnitt zitierte Schreiben vom 21.6. befindet sich nicht im Karl Barth-Archiv). Damit war Barths Entscheidung, den Ruf nach Basel anzunehmen, gefallen. (Ch. von Kirschbaum, von Barth über diese Wende telephonisch informiert, notierte unter dem 22.6. in ihrem Taschenkalender: «Nun ist es entschieden. Karls Stimme klang froh. Nun ist es gut.») Zwei Stunden nach Ankunft des Telegramms teilte Barth dessen Wortlaut Regierungsrat Hauser mit und erklärte «zugleich …, daß ich bereit bin, einem an mich ergehenden Ruf an die Universität Basel Folge zu leisten. Es würde die Situation nach verschiedenen Seiten sehr erleichtern, wenn es möglich wäre, diesen Ruf möglichst sofort ergehen zu lassen und eventuell gleich zusammen mit meiner Annahme-Erklärung zu veröffentlichen» (Eilbrief vom 22.6.1935). Hauser antwortete, am 25.6. habe der Basler Regierungsrat «auf unsern Antrag» beschlossen, Barth «einen Lehrauftrag für systematische Theologie und Homiletik zu erteilen unter gleichzeitiger Verleihung von Titel und Rechten eines ordentlichen Professors» (Brief an Barth vom 27.6.1935). Bereits am 25.6.1935 hatten die Basler Nachrichten in der Rubrik «Basel» unter Berufung auf das Erziehungsdepartement gemeldet: Professor Barth an die Basler Universität gewählt ([Regierungsratsverhandlungen, Sitzung vom 25. Juni], BN, Jg. 91 [1935], Nr. 171 📖). Am 6.9.1935 setzte der Basler Regierungsrat Barths Dienstantritt rückwirkend auf den 1.8.1935 fest und beschloß für ihn ein Jahresgehalt in Höhe von 18.000 Franken bei einer Lehrverpflichtung von 8-10 Wochenstunden (Kopie des Beschlusses im Karl Barth-Archiv).↩
3
Hier: «mühsames Durchkommen».↩
4
Wahrscheinlich handelt es sich um die aktuelle Nummer des Organs der von R. Grob geführten schweizerischen Jungreformierten (vgl. oben S. 40, Anm. 8), die im Rahmen der Rubrik «Politische Rundschau» auch über «die Zwangspensionierung Karl Barths» berichtete: Reformierte Schweizer Zeitung. Protestantisches Wochenblatt, Jg. 14 (1935), Nr. 26 vom 28.6.1935. 📖 Der Autor des Artikels — vielleicht R. Grob (s. unten Anm. 5), dessen Kürzel Gr. aber erst unter der unmittelbar anschließenden Rubrik «Aus dem Schweizerland» erscheint — lehnte den «Totalitätsanspruch des Staates» und dessen Forderung eines bedingungslosen Eides wie Barth ab, führte aber «diese Zwangspensionierung doch auch auf unbedachte politische Auslassungen des auf kirchlichem Gebiet so verdienten Mannes» zurück. Als Beispiel hierfür diente ihm Barths Bemerkung über die Befestigung der schweizerischen Nordgrenze (vgl. oben S. 887, Anm. 3). Zwar «wurde diese Bemerkung von den theologischen Gegnern Barths in Deutschland weidlich ausgenützt und in ihrer Bedeutung weit übertrieben. Immerhin würde wohl eine entsprechende Aussage eines vom Auslande her berufenen Professors in allen europäischen Ländern sehr starkes Mißbehagen auslösen, das einen solchen Gelehrten leicht unmöglich machen könnte.» Angesichts von Barths eindeutiger Position in der Eidesfrage bedauerten «seine theologischen Kampfgenossen in Deutschland, daß manche unnötige, wenn auch nicht bösartige politische Vernehmlassungen Karl Barths die Bemühungen außerordentlich erschwerten, für ihn um seiner kirchlichen Haltung willen wirksam einzutreten.»↩
5
Rudolf Grob (1890–1982), 1914–1953 Direktor der Schweizerischen Anstalt für Epileptische in Zürich, war Führer der schweizerischen Jungreformierten.↩
6
In seinem Berner und Basler Vortrag vom 3. und 4.6.1935 hatte Barth u. a. gesagt: «Das Evangelium lebt nicht davon, daß das Christentum die allgemeine Entwicklung, das Herz der führenden Politiker, die Gebildeten, die Jugend oder gar die Massen für sich hat. Und so kann das Evangelium auch nicht daran leiden, wenn das Christentum heute tatsächlich in London zur Attrappe gemacht, in Zürich übersehen, in Berlin verfälscht und in Petersburg verfolgt wird. Das Evangelium geht durch alle diese Möglichkeiten frei hindurch. Es ist die jeweilige Lage des Christentums sein Schauplatz, aber nimmermehr seine Bedingung, weder im Guten noch im Bösen» (unverändert abgedruckt in: K. Barth, Das Evangelium in der Gegenwart [ThExh 25], München 1935, S. 23 📖).↩
7
Vgl. oben 878, Anm. 13.↩
8
Unpersönlich gebraucht, bedeutet das Verb «butze» im Basler Dialekt «zerstören». — Unter Berufung auf eine Mitteilung der Schweizerischen Gesandtschaft berichteten die Basler Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 29./30.6.1935 von ihrem Verbot «bis auf weiteres … Damit ist das einzige der großen Schweizer Blätter, das bisher trotz oftmaliger Konfiskation die deutsche Grenze in der Regel noch passieren konnte, nun auch von einem Totalverbot erreicht. Dieses geht nach unserer Kenntnis auf den Propagandaminister Goebbels zurück, der unter dem starken Eindruck des völligen Versagens seiner kostspieligen bisherigen Vernebelungsbemühungen das deutsche Volk von jeder ausländischen Information in deutscher Sprache abzuriegeln gedenkt» (Verbot der Basler Nachrichten in Deutschland, in: BN, Jg. 91 [1935], Nr. 175 📖).↩
9
Im Sommer 1935 verbrachten die Familien Spoendlin und Thurneysen ihren Urlaub im italienischen Borgia Verezzi, einem kleinen Ort an der ligurischen Küste (briefliche Auskunft von Frau S. Spoendlin vom 28.7.1999).↩
10
W. Spoendlin.↩