913
1. Juli 1935
ich danke dir für die Zusendung deines ganz ausgezeichneten, seltenen, kirchengeschichtlich wichtigen Briefes an Hesse1. Dieser Zusammenfassung bedurfte es gerade! Nun ist alles klar dargetan, soweit man das in solcher Lage überhaupt zu tun vermag. Ich bin überaus dankbar und froh um dieses Dokument. Wir haben es mit bewegtem Herzen gelesen, und ich werde es mindestens Koechlin und wohl auch Hartenstein zeigen. Es wird sicher seinen Dienst auch draußen tun. Man hätte alles nicht besser, verantwortlicher und zugleich menschlich bewegter und offener sagen können. Der Schritt nach Basel ist wie gedeckt durch dieses Wort. Er war es in der Sache ja durchaus, aber man hört es mit innerem Aufatmen an, was in dieser Sache dich getrieben und geleitet hat.
Hast du eigentlich schon mit Basel etwas Schriftliches gewechselt? Ist deine Besoldungsangelegenheit geordnet? Ich möchte dir noch einmal sagen, du solltest und dürftest bis auf Fr. 18.000 gehen, auf keinen Fall unter jene 17.500.2 Ich würde an deiner Stelle jedenfalls auch noch ge|914nau fragen, wie hoch dein sicher erforderlicher Einkauf in die staatliche Beamtenpensions- und Witwenkasse komme. Und wenn, was ich vermute, hier beträchtliche Summen in Frage kommen, solltest du für das erste Jahr zum mindesten dir eine Extrazulage über die weiterlaufende Besoldung hinaus geben lassen. Das hielte ich für eine mögliche Forderung. Sollte darauf nicht eingegangen werden, so müßtest du die Besoldung als solche höher ansetzen lassen. Über diese Dinge solltest du doch vielleicht mit Hauser noch einmal persönlich verhandeln. Da die Ferien nahe vor der Tür stehen, am nächsten Samstag beginnen sie für alle Basler Schulen, würde ich an deiner Stelle nicht allzulange zuwarten mit diesen Abmachungen. Rund 14.000 Fr. solltest du noch über das Haus hinaus zum Leben haben. Sonst gibt’s doch wieder eine Knorzerei3. Auf große Kolleggelder wirst du nicht rechnen können. Sagen wir 500 Fr. pro Semester. Ich weiß nicht, ob nicht schon das zu hoch gegriffen ist. Denn ich fürchte, die deutschen Studenten werden einfach |915 nicht kommen können, sicher nicht in namhafter Zahl, und sicher nicht als zahlungsfähige Leute. Denk, fürs Missionsfest wurden die Tübinger und Heidelberger einzeln gesiebt, jeder mußte noch einen besonderen Instruktionskurs mitmachen, wo ihm eingedrillt wurde, was er allenfalls den Schweizern zu antworten habe. Es wurde ihnen verboten, am Abend noch selbständig zu diskutieren, es waren Spitzel und Gestapoleute unter sie eingestreut. Das wird dir und vor allem Karl Ludwig Schm. gegenüber noch ganz anders eingerichtet werden. Und die Studenten aus anderen Völkern werden diesen Ausfall nicht wettmachen. Einzig die Schweizer werden in größerer Zahl einrücken.
Hast du die blöden Sprüche der Jungreformierten gelesen? Ich lege dir die Nummer bei.4 Gr. ist Grob selber.5 Eine windige Gesellschaft, wa? Noch etwas: dein Satz im großen Vortrag: «in Zürich wird das Evangelium übergangen»6 wurde hier, wie ich von verschiedensten Sei|916ten hören mußte, als eine neue und gespitzte Anödung7 von Emil verstanden. Ich hatte an diese Möglichkeit beim Anhören nicht von ferne gedacht. Aber wenn’s denn geht, ändere ihn doch im Druck ab, sonst heißt es sofort, du seiest förmlich drauf aus, Emilen zu verfolgen.
Im übrigen herrscht hier einfach Freude über deine Berufung und Zustimmung zum Tun der Regierung, die diesmal richtig großzügig gehandelt habe. Es wird alles sehr gut werden. Die Nachrichten hat es jetzt also auch geputzt im Dritten Reich.8 Es weist alles darauf hin, daß draußen neue schwierige Zeiten anbrechen und daß du im rechten, das heißt im letzten Moment noch herausgegangen bist. Ich glaube nicht, daß du irgendwie hättest standhalten können. Und wie viel schwieriger wäre dann der Rückzug zu uns geworden.
Grüße Ruedis vielmal und herzlich! Am Samstag fahren wir also ans Meer.9 Hoffentlich ist die Hitze im Süden auszuhalten. Wie wird es mit «Onkel Willy»10 werden? Ich fürchte jetzt schon sein allzulautes Gerede. Er ist ein Wackerer, aber …
Sei selber herzlich gegrüßt!