Brief Nr. 199 · 22. Juni 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Lieber Karl!

Die Tage vergehen schnell. Schon am Abend meiner Ankunft war Lore Schlomka da. Gestern morgen kaufte ich mit Nelly in der Stadt ein wirklich schönes – das «schönscht» – Sommerkleid für sie. Nach Tisch kam Bleibtreu, erzählte haarklein, so daß ich schließlich erschöpft an die Bahn eilte und für den Abend zu Traub fuhr. Alles geht gut, und von Allem werde ich dir viel zu erzählen haben. Unser Bild von der Berliner Sache1 hat sich übrigens in nichts verändert. Wir hatten es schon am ersten Abend richtig verstanden. – Zu Hause sind die schwierigsten Klippen umschifft, und es scheint jetzt Alles im Klaren. Natürlich hofft N. auch auf eine baldige Klärung. Der entscheidende Referent am K. Min.2 ist aber gerade am Dienstag in Urlaub gefahren, und Kasper ist im Militärdienst, so daß die Stockung solche Gründe haben kann. – Morgen – Sonntag – werde ich in der Kaiserkirche eingeführt.3 Nachher will ich Webers aufsuchen. Am Montag eventuell nach Barmen.4 – Wie geht es dir, lieber Karl? Ich bin hier nur ganz vordergründlich, d. h. ich warte im Grunde aufs «Heimkommen». – Hoffentlich hast du die Briefe bald. Die N. T.-Kärtlein5 |481 suche ich noch und bringe sie im Koffer mit. – Einige Studenten traf ich in der Stadt (Giesen, Wolf). Sie lassen dich sehr grüßen. –

Leb wohl. Jetzt bringe ich Joggeli auf den Venusberg zu den Reichsjugendwettkämpfen. Ach, der Joggeli ist d[as] Schönste hier.

Grüße das Bergli, Alle.

Ganz deine
L.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 476, Anm. 6, und S. 477, Anm. 8.↩
2
D. h. am Preußischen Kultusministerium (Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung).↩
3
Am 2.6.1935 wurden nach dem Gottesdienst in der volkstümlich «Kaiserkirche» genannten Evangelischen Kirche am Kaiserplatz in Bonn (seit 1947 «Kreuzkirche») die in Nachwahlen neugewählten Presbyter und Gemeindeverordneten eingeführt. Von Kirschbaum war zu dieser Zeit noch auf dem Bergli. Da sie deshalb nicht teilnehmen konnte, war ihre Einführung in das Amt als Presbyterin (vgl. Prolingheuer, S. 215, Anm. 12 📖) anscheinend auf den 23. 6. festgesetzt worden. In welchem Rahmen sie stattfand, ist nicht bekannt. Von Kirschbaum besuchte am Sonntagmorgen den Gottesdienst in Bad Honnef, den H. Traub hielt.↩
4
Die Reise nach Wuppertal-Barmen erfolgte nicht.↩
5
Karten, auf denen sich Barth zu einer Liste von Stichworten (von «Abendmahl» bis «Zeugnis») konkordante Bibelstellen ausschrieb. Er schloß von diesem Vorhaben jedoch nur das Matthäus-Evangelium ab. Vgl. auch oben S. 77f, Anm. 2.↩