Brief Nr. 200 · 23. Juni 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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200

Lieber Karl!

Gestern war ich in Gedanken fast ununterbrochen daran, dir zu schreiben. Dein Telefon1 kam mitten in einem Schwarzen Kaffee mit H. W. Landgrebe. Ja, nun ist es also so. Die Notiz in der Kölner2 wirst |482 du noch in Bubendorf bekommen haben. Sachlich ist es nun eigentlich doch Alles deutlich geworden, was wir deutlich haben wollten3, und wie die Kirche und wie vor allem die Theologieprofessoren nun weiter Versteck spielen wollen4, ist mir unklar.

Für dich bin ich eindeutig froh; froh, daß du heraus darfst aus dem Kessel, und froh, daß du nun flott an die notwendige Arbeit kannst. Das Naheliegendste ist nun die Wohnungssuche. Hast du Marguerite wohl bereits um eine Vorsuche gebeten? Nelly wird zusehends nervöser, und es wird wohl das Beste sein, sie reist in den nächsten Tagen |483 hinunter und sucht selbst. Du kannst ja dann beim letzten Wort dabei sein und dich vorher ein wenig absentieren und schonen. Wenn du dann nur deutlich machst, welche Wünsche wir hinsichtlich dieser Wohnung haben. – Es geht hier bis jetzt ruhig und gut, und ich bin innerlich eigentlich zu stark beansprucht mit dem Fortgang, als daß ich in den äußeren Dingen nun nicht fast erleichtert Nelly ihren Lauf lasse. Hier will ich dann schon auf dem Posten sein, auch hinsichtlich des Packens und vor Allem hinsichtlich der Einleitung der ganzen Sache bei den Behörden etc. Ob ich den Tanz bis zuletzt mitmache und nicht, wenn Nelly von Basel zurück ist, wieder zu dir aufs Bergli eile, lasse ich mir allerdings offen. Denn das Letzte machen ja im Grunde dann doch die braven Packer, und es ist dann vielleicht besser, man schont sich gegenseitig!!

Heute morgen hörte ich eine gute Predigt von Traub. Mit den Studenten sprach ich auch, und vielleicht fahre ich doch noch zu Hesse nach Elberfeld. Sein Sohn5 riet mir zu.

Dank für deinen Brief und die Reiterkarte. Welch schöne Aussicht, mit dir durch den Wald zu reiten!

Ich bin nicht traurig, Karl, oder doch ein bißchen traurig, aber nicht ungetröstet. Behüt dich Gott. Ich habe dich sehr lieb. Verzeih, wenn ich flüchtig schreibe, gleich kommen Frau Wolf6 und Frau Schlomka.

Grüße Alle.

Deine
L.

Matthis jubelt! Und Joggeli ist mein Trost, nein, ein Trost!

Sachfußnoten

1
Am 22.6.1935 notierte von Kirschbaum in ihrem Taschenkalender: «Telephon aus Zürich. Karl. Er hat folgendes Telegramm von Rust erhalten: Erbetene Unterredung gegenstandslos, da ich Ihre Entlassung nach § 6 d. Berufsbeamtengesetzes verfügt habe. Der Reichswissenschaftsminister. Nun ist es entschieden. – Nachm[ittag] mit Lore Schlomka. Karls Stimme klang froh. Nun ist es gut.» (vgl. Prolingheuer, S. 199 📖) Tatsächlich verfügte Rust nicht die Entlassung, sondern die Versetzung in den Ruhestand (vgl. a.a.O., S. 198f., Anm. 23 und 25).↩
2
Die Kölnische Zeitung vom Samstag, dem 22.6.1935, brachte unter der Überschrift «Professor Barth im Ruhestand» 📖 zunächst die Nachricht: «Der Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Rust, hat den ordentlichen Professor der Theologie, Dr. Karl Barth (Bonn), auf Grund des Paragraphen 6 des Berufsbeamtengesetzes in den Ruhestand versetzt.» Dann folgte der vom Deutschen Nachrichten-Büro am 22. 6. verbreitete presseamtliche Kommentar: «Wie erinnerlich, hatte Professor Barth seinerzeit die bedingungslose Leistung des Eides auf den Führer und Reichskanzler verweigert. Das preußische Oberverwaltungsgericht hat in einer Bestrafung Barths durch Kürzung des Gehalts in Höhe von einem Fünftel auf die Dauer eines Jahres eine hinreichende Sühne für sein Verhalten erblickt. Damit ist die disziplinarische Seite der Angelegenheit abgeschlossen. Der nationalsozialistische Staat kann aber einen Beamten, der nicht bereit ist, den Eid auf den Führer und Reichskanzler sofort bedingungslos zu leisten, nicht mehr aktiv weiter verwenden. Hierbei bleibt völlig außer acht, ob diese Bedingungen religiöser, allgemein-weltanschaulicher oder sonstiger Art sind. Wer den Eid nur unter innern Vorbehalten schwört, wird niemals von sich sagen können, daß er jederzeit und unter allen Umständen rückhaltlos für Führer und Staat einzutreten in der Lage ist. Dies aber ist die erste an einen Beamten des nationalsozialistischen Staates gerichtete Forderung. Auf die durch den Reichs- und preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nunmehr erfolgte Entscheidung, Professor Barth in den Ruhestand zu versetzen, hat demgemäß die religiöse Überzeugung Barths keinen Einfluß ausgeübt. Es war vielmehr lediglich die Tatsache maßgebend, daß ein Angriff auf den Eid einem Angriff auf den Staat gleichkommt und der Staat einen solchen Beamten aus dem aktiven Dienst entlassen muß.» (vgl. JK, Jg. 3 [1935], S. 627 📖; Prolingheuer, S. 199 📖).↩
3
Nun war klar, daß es um den Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staates ging. Schon am 14.1.1935 hatte von Kirschbaum an Barths Verleger Lempp nach München geschrieben: «Wie störend wäre es da jetzt, wenn die Kirche Stellung nehmen müßte zu dem Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staates. So dreht man die Sache ab auf eine persönliche, was sich aber nur deshalb schwer machen lassen wird, weil es K. B. auch in den beiden anderen Punkten: Hitlergruß und jenen Äußerungen ganz um das Gleiche ging, nämlich um die Freiheit der Kirche gegenüber dem Staate. Nun muß er eben an diesen beiden Punkten die Sache klären.» (KBA 9235.11)↩
4
Wenige Tage später, am 30.6.1935, sprach Barth in seinem Schreiben an H. A. Hesse dieses «Versteckspiel» gegenüber dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch an: Die Bekenntniskirche «denkt noch gar nicht daran, daß sie, ein ‹Wort an die Obrigkeit› richtend, auch noch etwas anderes auszusprechen haben könnte als die mit der Beteuerung ihrer politischen Zuverlässigkeit begründete ‹inständige› Bitte um die Erhaltung ihres durch die Reichsregierung garantierten Bestandes und daß ihr Gebet für die von Gott gesetzte Obrigkeit seine Echtheit darin erweisen müßte, daß es, wo sie die Lüge und das Unrecht zum Prinzip erhoben sieht, eines Tages auch zu dem in den Psalmen vorgesehenen Gebet um Befreiung von einer fluchwürdig gewordenen Tyrannei werden könnte. Sie hat für Millionen von Unrecht Leidenden noch kein Herz.» (Offene Briefe 1909–1935, S. 348f. 📖; Prolingheuer, S. 349 📖).↩
5
Eduard Hesse, Sohn von Hermann Albert Hesse.↩
6
Asta Wolf, Ehefrau von Ernst Wolf. ↩