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Barth an v.K. in Bonn
Berglisonntagnachmittag. Ich sitze am Tisch hinter dem Haus, während alle
Anderen in Liegenstühlen und sonst der Ruhe pflegen. |484 Am Waldrand oben haben sich
Gerty
und die gestern eingetroffene Leine Eyth1 eingerichtet. Darum bin ich hier. Ganz
allein, aber fröhlichen Herzens, weil ich nun ruhig an m. L. schreiben
werde.
Ja so is es nun in
diesem merkwürdigen Jahr, daß du deinen Geburtstag dort feierst und ich hier nur
von Weitem dabei sein und an dich denken kann. Dreimal zwölf Jahre alt bist du
nun, während ich eben sieben mal sieben Jahre alt geworden bin. Die kräftige
Symbolik dieser Zahlen kann dir unmöglich entgehen. Es ist ganz klar, daß in
diesem Jahr Alles ein wenig außergewöhnlich zugehen muß. Du bist mir in den
schwierigen Zeiten, die hinter uns liegen, und insbesondere in deinem nun
vollendeten 36. Lebensjahr eine ganz besonders liebe, treue und kluge Lollo
gewesen, und dafür wollte ich dir heute hauptsächlich gedankt haben. Laß uns auch in den nun
kommenden Entwicklungen immer aufs Neue – und wäre es auch unter kleinen
heftigen Streitigkeiten, wie nur wir sie so haben können! – fest und
unbeweglich zusammenstehen und immer wieder unverzagt weiterrudern. Es wird
sich, wenn wir nur die letzte Zuversicht nie fahren lassen, Alles irgendwie
klären und in die Reihe stellen, wenn es auch immer wieder ganz anders gehen
wird, als man ersorgt oder erhofft hatte. Es wird wohl nicht anders möglich
sein, als daß wir den Preis für unser nun einmal nach allen Seiten so seltsames
Leben ganz gehörig bezahlen müssen mit allerlei Bekümmernissen und
Bedrücktheiten, die Anderen erspart bleiben. Aber was wollen wir? – das ist nun
einmal unser Leben, gegen das wir nicht murren können, wie wir es uns auch nicht
nehmen lassen könnten.
Und nun hoffe ich nur, daß es am Dienstag dort auch ein wenig freundlich für
dich sein möchte. Alle, die um die Bedeutung des Tages wissen, werden ja sicher
auch dort das Ihrige dazu tun, und wenn dir trotzdem noch etwas fehlen sollte,
dann denk du ein bißchen nach Basel, wo ich an diesem Tag herumlaufen werde, um
dies und das mit der Fakultät
(Lektionskatalog, Lehrauftrag) in Ordnung zu bringen. Ich werde dann in Gedanken
doch immer wieder in Bonn sein und mir unterdessen das ganze Basel unter dem
Gesichtspunkt ansehen, |485 daß es nun inskünftig zum Rahmen
auch der so ganz unvergleichlichen Existenz und Tätigkeit von Lollo bestimmt
ist. Ich bin restlos überzeugt davon, daß alle guten und bedeutenden Menschen
dort wie überall binnen Kurzem einsehen werden, mit wem sie es zu tun haben, und
daß es dir dann dort wie überall an Ausblicken und Ausläufen nach allen Seiten
nicht fehlen wird. Lollo von Kirschbaum, geb. den 25. Juni 1899 in Ingolstadt.
Eine schlechthin entscheidende Tatsache, wie immer sie astrologisch zu deuten sein mag. Das, was ich dir
zum Geburtstag schenken möchte, werden wir dann, wenn du wieder hier bist,
gemeinsam einkaufen gehen.
Der gestrige Tag war ja nun recht dramatisch. Ich war nach Tisch mit Richard2 allein zu Hause (Rudi nach
Schiltach gefahren, Gerty und «Grete»3
nach Zürich), und ich saß müde und zufrieden nach vollbrachtem Morgenritt am Waldrand, als ein
sympathischer junger Mensch aus dem Dorf das Telegramm4
brachte, das ich dann zuerst mit dem jäh aus dem Schlaf erwachten Richard, dann mit dir am
Telephon, dann ebenso mit Eduard und mit meiner Mutter besprochen habe.
Hauser, der nun
verabredungsgemäß zu benachrichtigen war, war nicht zu erreichen. So bekam er
einen Eilbrief5, den ich in der Abendkühle um 6 Uhr selber zum unteren
Bahnhof befördert habe und der ihn heute erreicht haben wird. Du wirst die
Gewichtigkeit meiner Frage nach Neuigkeiten hinsichtlich der Bekenntniskirche empfunden
haben. Mein erster Gedanke war natürlich der, ob nun von dorther doch noch
irgend etwas erwartet werden müsse. Dein klares Nein bestätigte mir dann doch,
was ich eben auch sofort empfand, daß weitere Experimente oder gar das Warten
auf solche nun nicht mehr in Betracht kämen. Abends um zehn Uhr kam dann noch
ein Telephon von Immer6, der mir ein Telegramm durchgab,
das sie mir von dort aus schicken wollten:
486 «Bahn frei für Hochschule für reformatorische Theologie. Rehoboth
1. Mose 26,22».
Das scheint ja nun darauf hinzuweisen, daß sie dort auf einmal wieder auf dieses
andere Projekt7
zurückgekommen sind, nachdem ich ja von dem Ergebnis der rheinischen Bruderrats-Sitzung vom Samstag vor acht Tagen auch kein Wort mehr
gehört habe8. Ich glaube trotz Rehoboth nicht, daß es angesichts
dieser Unklarheit des Wollens angebracht gewesen wäre, noch einmal zugunsten der
von dieser Seite zu erwartenden Projekte zu temporisieren. Übrigens war ich,
gerade als das Telegramm kam, beschäftigt mit der Lektüre der Augsburger Beschlüsse9 und des Hesseschen10 und der Bayrischen Berichte11 dar|487über. Mir
ist nach wie vor Verschiedenes, was da geschehen und gesagt worden ist, nicht
nur dunkel, sondern direkt bedenklich, und ich kann nicht nur den Bayrischen
Jodler, sondern auch das
Hessesche
Hallelujah12 durchaus
nicht verstehen. Gerade in dieser triumphierenden und offenkundig der
allgemeinen Versöhnung entgegensteuernden Bekenntniskirche hätte mein Platz nur als
dauernder Störefried sein können, und diese Rolle dürfte sich nun eben überlebt
haben, wie ich umgekehrt auch einen Ruf gerade von dieser – der
über Barmen und Dahlem nach Augsburg
gesteuerten Bekenntniskirche nicht als giltig bzw. gebieterisch hätte anerkennen
können. Es dürfte schließlich |488
dazu kommen, daß man sich nach dieser «Verfügung» des Ministers wohl nicht mehr ohne
grobe Illusion hätte vorstellen können, daß eine freie Fortsetzung meiner
Tätigkeit draußen physisch möglich sein werde. Wir haben nun die Dinge gerade im
letzten entscheidenden Augenblick nicht mehr eingehend zusammen beraten können.
Aber ich kann mir kaum denken, daß du sie wesentlich anders siehst oder daß du
nachträglich doch noch zu einem anderen praktischen Ergebnis gekommen sein
solltest.
Was nun die zunächst nötigen technischen Handlungen hinsichtlich der
Wohnungssuche, des Umzugs etc. betrifft, so erwarte ich die Mitteilung der Pläne und
Vorschläge, mit denen ihr wohl bereits ausgiebig und – der Himmel gebe es! – in
leidlichem Einverständnis beschäftigt seid. Ob ich nicht doch auch noch einmal
heraus kommen sollte? Die Anwesenheit irgend eines «Herrn» könnte dort
gelegentlich wünschenswert sein. Aber dieser Herr könnte ja auch der Knabe Markus sein, dessen Semester
bald einmal zu Ende geht. Keinen Falles soll sich Nelly allein gelassen fühlen. Und
keinen Falles sollst du dich dort mit Geschäften überanstrengen, die von Gottes
und Rechts wegen meine Sache wären. Nun, über das alles wirst du mir klug und
weise deine Gedanken mitteilen, und je nachdem komme ich dann gesaust oder nicht
gesaust.
Es ist merkwürdig genug, daß nun diese entscheidungsvollen Tage für mich hier so
ganz unter dem Zeichen des Pferdes
stehen! Es kam so, daß Gerty
Richard und mich eines
morgens mit der Nachricht überraschte, sie habe von sich aus in Erfahrung
gebracht, wie es mit diesen Tieren in Horgen stehe. Und siehe, es stand sehr
gut, so daß wir uns gestern früh fröhlich ein erstes Mal in Marsch setzten.
Heute ist nun auch Rudi, der gestern noch
sehr muderig13,
skeptisch und ungelockt auf die ganze Sache schaute, mitgekommen, und siehe da,
er vor Allem ist heute morgen hocherfreut und mit der Parole «Das wämmer no meh
mache!»14 zurückgekehrt. Die Tierlein sind natürlich alle ein bißchen munterer als unsere braven
Manegegäule in Bonn, aber doch nicht so hitzig wie jener Dragoner von 193215, und
verschiedene (es ist |489 ein ganzer kleiner Stall voll da!)
durchaus auch zum Tragen zarter Damen fähig und willig. Du mußt nur ein
bißchen Freude, Mut und Gewöhnung mitbringen, so erwarten dich
in dieser (auch in dieser!) Hinsicht hier schönste Dinge. Ich selbst fühle mich
wie neu geboren, seit ich das wieder habe, und ganz zweifellos wird das auch dir
zur Stärkung, zum Ausgleich der inneren Funktionen, zum seelischen Frieden etc.
etc. dienen. Darum – aber ich will jetzt die bewußte Mahnung, die ich heute früh
noch auf einer Karte an Nelly wiederholte, nicht noch ein sechstes Mal zu Papier bringen.
Ich sage dir, der Wald ist noch einmal so schön, nun man ihn wieder in der
beschwingten Eile dieser Tierlein
durchschreiten, durchtraben, durchgaloppieren kann. Ich reite übrigens einen
Schimmel. Gerty hat mir ein neues
gelbes Jeggjen
geschenkt! Heute um 6 Uhr fahre ich nun nach Bubendorf16.
Die Stimmung der Gesellschaft hier ist, von den üblichen kleinen Stauungen
abgesehen, sehr befriedigt und befriedigend. Wir sind eben dabei, Richard zu überreden, daß er
doch noch diese Woche hier bleibe. Ich verstehe mich wirklich sehr gut mit
ihm.
Am Freitag abend haben wir übrigens einen sehr guten französischen Film gesehen, der zu nachdenklichen
Gesprächen Anlaß gab, weil man wohl die ganze (oder doch fast die ganze)
Rechtfertigungslehre darin veranschaulicht finden konnte.
Ich freue mich aber trotz allem auf die Bücher. Und überhaupt auf die nun wieder
in greifbare Nähe gerückte regelmäßige und positive Arbeit. Es wird schön sein, wenn wir unser
Studierzimmer erst wieder aufgebaut haben und an unsere nächsten Aufgaben gehen
können.
Liebe Lollo, wie geht es dir? Ich habe noch gar nichts von dir bekommen und
werde nun wegen Bubendorf noch länger warten müssen, bis mich etwas erreicht.
Ich wüßte vor Allem so gerne, wie es mit deinem inneren Frieden und
Gleichgewicht steht, dessen ganze Bedrohtheit in dieser Lage und unter den
Umständen dieses Augenblicks mir sehr klar ist. Was machen und sagen Träublein, Frau
Schlomka und alle
Getreuen? Sollte ich nicht schon zum Abschiednehmen noch einmal dorthin kommen?
Es kommt mir so seltsam vor, auf einmal denken zu müssen, daß ich sie alle
vielleicht für sehr lange |490 nicht mehr sehen soll. Ich
würde mich freilich auch dann durch dich aufs Beste bei ihnen vertreten
wissen.
Du hast mir einmal gesagt, daß du die Schweiz auch lieb haben werdest. Ich war so
froh, daß du das sagen konntest, und bin nun, da die Würfel so gefallen sind,
erst recht froh. Denn was wäre mir die ganze Schweiz, wenn du sie dauernd mit
Grimm und Geringschätzung betrachten müßtest?
Von Eduard hörte ich eben
telephonisch, daß es im Bericht der deutschen Depeschenagentur heiße, ich sei in
«Ruhestand»17 versetzt. Dieser Ausdruck ergötzt mich über die Maßen.
Grüße Nelly und die Büblein! Und natürlich alle die schon erwähnten Lieben
Getreuen!
An dem Zurückgelassenen freue ich mich immer wieder. Leider ist unter meinen
Händen ein kleiner Schaden daran entstanden.