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von Kirschbaum an B. auf dem Bergli
Darauf habe ich mich die ganzen Tage gefreut, daß ich meinen Geburtstag damit
«feiern» würde, dir zu schreiben. Es ist ganz still im Hause: Die Kinder sind in
der Schule, Nelly
in der Stadt, und nur Hertha
hantiert leise im unteren Stockwerk. Ich aber sitze – an deinem
Schreibtisch, die Jalousien sind herabgelassen, und draußen brütet die Hitze.
Und immer wieder gehen meine Gedanken ein Jahr zurück. Da waren wir noch an der
Dogmatik, und jedesmal nach der Vorlesung |491
habe ich dir ein solches Schälchen frischer Erdbeeren mitgenommen, wie Nelly mir heute
eines zum Frühstück spendierte. – Es ist viel zu erzählen, so daß
ich gar nicht recht weiß, wo beginnen. Vielleicht ganz einfach und
ganz bescheiden mit heute. Dieses «Heute» begann um Mitternacht im
Bett, wo ich ganz langsam und sehnsüchtig deinen Brief las, der seit Nachmittag
auf meinem Nachttisch gewartet hatte. Die Worte auf der Rückseite «Zum 25. Juni
1935» veranlaßten mich, ihn nicht, wie das Herz wollte, sofort zu
öffnen. Außerdem war das auch technisch nicht ganz einfach, denn ich hatte keine
Minute allein. Davon später. – Nun aber war ich also allein und
sehr und ganz bei dir. Ich dank dir vielmals, daß
du mir einen so langen und lieben Brief geschrieben hast. Das war das
Schönste, was sich ereignete, und alles Andere nur noch ein
Nachspiel. Immerhin: Das Nachspiel war in seiner Art auch sehr lieblich. Um 7
Uhr öffnete sich die Tür zum Studierzimmer und herein traten mit einem
Riesenstrauß selbstgepflückter Mohn- und Kornblumen Hansjoggeli,
Matthis und die kleine Lore1, die einige
Tage bei uns ist, während ihre Mutter in Barmen einen Unterweisungskurs für Bibelstunden mitmacht.
Sie waren so lieb, die drei, und Joggeli stellte
mir noch ein winziges selbstumwickeltes rotes Drahtmännlein, das eine grüne Ähre
hält, aufs Bett, das so fröhlich aussah und über das er vor allem so
unüberwindlich fröhlich lachte, daß mir ganz vergnügt wurde. Matthis Thema war entschieden feierlicher, er überreichte mir ein
noch gestern abend spät gemaltes Bild: Gustav Adolfs Tod. Und die kleine
Lore streckte mir
ganz schüchtern einen selbstgefertigten Serviettenring entgegen. – Das war
Alles sehr, sehr schön. – Nachher kam Nelly mit dem so ersehnten 1. Band
der Forsyte Saga2, einer Bastdecke (irgendwie stand dieser Geburtstag unter dem
Zeichen des «Bastes»), Pralinen und lieber Post von den Freunden aus München,
meiner Familie und Frl. Seifert, die noch voll
ahnungsloser Hoffnung ist. Von Emmy kam eine sehr schöne Photographie des Johannes aus
dem Grünewaldbild3
und Asmussens
Galaterbrief4,
von Steck sauber getippt
seine Rezension |492 dieses Buches5. – H. Traub hatte hier übernachtet,
und auch von ihm wurde ich noch mit einem Buch bedacht. Du siehst, ich bin in
dieser Hinsicht ganz beschämend verwöhnt worden! –
Und nun gehen meine Gedanken immer wieder nach Basel und suchen dich auf deinen
Wegen dort. Ob Marguerite schon an der Wohnungssuche ist? Nelly will morgen
nach Basel fahren, ruft aber heute abend vorher noch an, ob es nicht verfrüht
ist. Nein, es wäre nicht gut gewesen, wenn sie das nicht selbst
hätte machen können. Ich habe das oft hier ganz deutlich gesehen. Sie ist nicht
schlecht dran und lebt im Gedanken an Basel sichtlich auf. Wenn das dort
vorhält, so wird in dieser Hinsicht das Leben dort vielleicht eher
leichter. Und mein innerer Friede? Denk, es geht auch mir nicht
schlecht. Ich sehe die Situation hier doch je länger je mehr als eine, die dich
fast notwendig ausschließt. Und das macht mir das Gehen leichter, als es noch
vor ½ Jahr hätte sein können. «Augsburg» erscheint mir
doch als das – wenigstens vorläufige – Grab von «Dahlem». Und daß die
guten
Wuppertaler6 das nicht merken, kann zwar
nichts an ihrer persönlichen Anständigkeit und Lauterkeit und Treue zu dir
ändern, aber zeigt doch, wenn man es nüchtern betrachtet, daß auch dort kein
Boden für dich ist im Augenblick. Die junge Generation sieht den Schaden von
«Augsburg» weithin. (Niemöller, mit dem Traub sprach, nicht.
Ob Asmussen, weiß ich nicht!)
Die Bruderschaft der Vikare in Düsseldorf sprach es offen aus.7 Und sie ist es auch, die ehrlich
nach dir ruft und bei der weithin eine große Verbitterung gegen die
Beken|493nende Kirche einsetzt, daß sie dich nicht halten
konnte. Die Jungen selbst sind ja noch ohnmächtig. Gestern nachmittag saß vier Stunden (!) der junge
Hesse bei mir. Ich habe ihm
nicht ohne Mühe entrungen, Humburg, der mit den Studenten am Donnerstag abend anläßlich des
Semesterschlusses das Abendmahl
feiern will, nicht die Abendmahlsgemeinschaft zu kündigen. Das geht ja doch auch
nicht. Er ist immer wieder ein Stürmer und denkt nicht in
kirchlicher Verantwortung. Ich habe ihm das gesagt, und er nahm
das sehr gut auf und an. Das ganz Schwere für alle diese Leute ist es, jetzt
hindurch zu finden zwischen Resignation und Sektiererei. Und sie sind jung und
sehr allein gelassen. Das klagte er auch. Vielleicht kommt er
im Winter nach Basel. Ich habe ihm sehr zugeraten. Er muß tüchtig
arbeiten. Sehr lehrreich erzählte er von Söhngens Vorlesung.8 Er sprach über Brunners Büchlein «Vom hl.
Geist»9. «Meine Herren, wenn Sie in
Gewissensnot sind in Heilsfragen, dann lesen Sie dieses Büchlein. Da ist Alles
aufs Beste gesagt. Brunner kann sich nur auf Grund einer Verzerrung des
Katholizismus noch davor
schützen, Katholik zu sein. Tatsächlich ist er es. Und es ist herrlich, wie hier
das simul iustus et peccator10 der Reformation preisgegeben und zu
biblisch-neutestamentlicher Wahrheit zurückgegangen wird. Barth steht bei den
Reformatoren, Brunner aber hat
die Schrift für sich.» – Was
sagst du nun?? Hesse teilt es
Brunner selbst mit.
Gestern abend hielt Traub
Jona-Bibelstunde, wieder sehr
gefüllt gedanklich, aber sein Vortrag macht mich leise unglücklich, besonders
bei Müdigkeit und großer Hitze. Es griff mir ans Herz, da die Reste
unserer Sozietät11 zu finden, die nun außer dieser Speise so
gut wie nichts mehr geboten bekommen. Sie sagen mir, das sei alttestament|494lich das Einzige, was sich lohne, und haben sich eine
Reihe von Nachschriften bestellt. – Am Freitag schließt das Semester. Von Weber und Hannele sah ich
noch nichts. Es hat ja auch nicht mehr viel Sinn, sie aufzusuchen, oder doch?
Wie sich die Leute nun wohl verhalten nach dieser eindeutigen Antwort des Staates?
Vor allem Wölflein? Er
hat ohnehin einen Konfliktsfall wegen der Prüfungen, und ich glaube immer, es
putzt auch ihn noch12. –
Ob du hierher kommen sollst? Ich glaube eigentlich nicht. Du kannst
real sehr wenig helfen bei den Umzugsvorbereitungen und
bedeutest für Herthas an sich
nicht ganz geringe Arbeit doch eine erhebliche Mehrbelastung. Abgesehen davon
kannst und sollst du deine Kraft an Besseres wenden. Das Wichtigste ist, daß
bald die Wohnung in Basel gefunden ist, daß wir hier zum 1.
Juli kündigen können.
Tust du das dann sofort? Nelly ruft dich, wenn sie in den
nächsten Tagen in Basel suchen sollte, dann vor dem endgültigen Abschluß noch
herüber. Du kommst auf diese Weise sehr glimpflich davon. Ich würde dann hier
noch möglichst erledigen, was eben zu erledigen ist, und dann vielleicht
vor dem endgültigen Aufbruch das Weite suchen. Frau Schlomka und Traub helfen gern
in den letzten Tagen, in denen ja die Packer die eigentliche Arbeit leisten. Das
Einpacken der Bücher überwache ich noch selbst. Wir könnten dann den Transport
ruhig auf dem Bergli abwarten und nur zum Einräumen hinüber fahren
nach Basel. Ich
hoffe, Alles rolle sich so prompt ab, daß Nelly Mitte Juli mit den Buben in
Ferien fahren kann. Findet sich die Wohnung auf 1. Juli nicht, dann würde ich
sehr raten, erst auf 1. September oder 1. Oktober zu suchen,
damit nicht die ganze Ferien- und für Joggeli sehr
nötige Erholungszeit gestört wird. Wie denkst du darüber? – Ob es ratsam ist, Markus herauszuschicken,
frage ich mich sehr. Ich sehe nicht ganz, was er helfen kann, und ein «Herr» an
sich ist wirklich nicht nur nicht nötig, sondern vielleicht sogar
eine Arbeitsbelastung. Aber du kannst ja darüber mit Nelly noch in Basel reden. – Bis
jetzt liefen alle diesbezüglichen, d. h. umzugsbezüglichen Erwägungen ohne
Herren, im Gedenken an deine treuen Ermahnungen!! -
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Reitstunden? Ja, ich denk dran, welche
zu nehmen. Soll ich rasch noch eine Karte erreiten? Jeden Tag eine Stunde? –
Weißt du, an was ich noch denk? Doch noch einmal nach Bethel zu Georg zu fahren und vielleicht
dabei auch rasch Heinrich Scholz zu besuchen. Was meinst du dazu? Ich bin sehr unsicher, ob es
geraten ist.
Lieber Karl, inzwischen sind die Kinder und ist auch Nelly heimgekehrt. Das heißt, die
Ruhe ist gestört. Die «Sparerwägungen» sind fast das Schwierigste. Sag ihr doch auch
laut und deutlich, daß Basel den Umzug vergütet. – Ob
R. Karwehl bleiben
konnte? Ich möchte es dir wünschen. – Ging in Bubendorf alles gut?13 Ich habe doch leise besorgt
hingedacht. –
Und sonst? «Sonst» wäre noch viel zu sagen.