Brief Nr. 202 · 25. Juni 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Lieber Karl!

Darauf habe ich mich die ganzen Tage gefreut, daß ich meinen Geburtstag damit «feiern» würde, dir zu schreiben. Es ist ganz still im Hause: Die Kinder sind in der Schule, Nelly in der Stadt, und nur Hertha hantiert leise im unteren Stockwerk. Ich aber sitze – an deinem Schreibtisch, die Jalousien sind herabgelassen, und draußen brütet die Hitze. Und immer wieder gehen meine Gedanken ein Jahr zurück. Da waren wir noch an der Dogmatik, und jedesmal nach der Vorlesung |491 habe ich dir ein solches Schälchen frischer Erdbeeren mitgenommen, wie Nelly mir heute eines zum Frühstück spendierte. – Es ist viel zu erzählen, so daß ich gar nicht recht weiß, wo beginnen. Vielleicht ganz einfach und ganz bescheiden mit heute. Dieses «Heute» begann um Mitternacht im Bett, wo ich ganz langsam und sehnsüchtig deinen Brief las, der seit Nachmittag auf meinem Nachttisch gewartet hatte. Die Worte auf der Rückseite «Zum 25. Juni 1935» veranlaßten mich, ihn nicht, wie das Herz wollte, sofort zu öffnen. Außerdem war das auch technisch nicht ganz einfach, denn ich hatte keine Minute allein. Davon später. – Nun aber war ich also allein und sehr und ganz bei dir. Ich dank dir vielmals, daß du mir einen so langen und lieben Brief geschrieben hast. Das war das Schönste, was sich ereignete, und alles Andere nur noch ein Nachspiel. Immerhin: Das Nachspiel war in seiner Art auch sehr lieblich. Um 7 Uhr öffnete sich die Tür zum Studierzimmer und herein traten mit einem Riesenstrauß selbstgepflückter Mohn- und Kornblumen Hansjoggeli, Matthis und die kleine Lore1, die einige Tage bei uns ist, während ihre Mutter in Barmen einen Unterweisungskurs für Bibelstunden mitmacht. Sie waren so lieb, die drei, und Joggeli stellte mir noch ein winziges selbstumwickeltes rotes Drahtmännlein, das eine grüne Ähre hält, aufs Bett, das so fröhlich aussah und über das er vor allem so unüberwindlich fröhlich lachte, daß mir ganz vergnügt wurde. Matthis Thema war entschieden feierlicher, er überreichte mir ein noch gestern abend spät gemaltes Bild: Gustav Adolfs Tod. Und die kleine Lore streckte mir ganz schüchtern einen selbstgefertigten Serviettenring entgegen. – Das war Alles sehr, sehr schön. – Nachher kam Nelly mit dem so ersehnten 1. Band der Forsyte Saga2, einer Bastdecke (irgendwie stand dieser Geburtstag unter dem Zeichen des «Bastes»), Pralinen und lieber Post von den Freunden aus München, meiner Familie und Frl. Seifert, die noch voll ahnungsloser Hoffnung ist. Von Emmy kam eine sehr schöne Photographie des Johannes aus dem Grünewaldbild3 und Asmussens Galaterbrief4, von Steck sauber getippt seine Rezension |492 dieses Buches5. – H. Traub hatte hier übernachtet, und auch von ihm wurde ich noch mit einem Buch bedacht. Du siehst, ich bin in dieser Hinsicht ganz beschämend verwöhnt worden! –

Und nun gehen meine Gedanken immer wieder nach Basel und suchen dich auf deinen Wegen dort. Ob Marguerite schon an der Wohnungssuche ist? Nelly will morgen nach Basel fahren, ruft aber heute abend vorher noch an, ob es nicht verfrüht ist. Nein, es wäre nicht gut gewesen, wenn sie das nicht selbst hätte machen können. Ich habe das oft hier ganz deutlich gesehen. Sie ist nicht schlecht dran und lebt im Gedanken an Basel sichtlich auf. Wenn das dort vorhält, so wird in dieser Hinsicht das Leben dort vielleicht eher leichter. Und mein innerer Friede? Denk, es geht auch mir nicht schlecht. Ich sehe die Situation hier doch je länger je mehr als eine, die dich fast notwendig ausschließt. Und das macht mir das Gehen leichter, als es noch vor ½ Jahr hätte sein können. «Augsburg» erscheint mir doch als das – wenigstens vorläufige – Grab von «Dahlem». Und daß die guten Wuppertaler6 das nicht merken, kann zwar nichts an ihrer persönlichen Anständigkeit und Lauterkeit und Treue zu dir ändern, aber zeigt doch, wenn man es nüchtern betrachtet, daß auch dort kein Boden für dich ist im Augenblick. Die junge Generation sieht den Schaden von «Augsburg» weithin. (Niemöller, mit dem Traub sprach, nicht. Ob Asmussen, weiß ich nicht!) Die Bruderschaft der Vikare in Düsseldorf sprach es offen aus.7 Und sie ist es auch, die ehrlich nach dir ruft und bei der weithin eine große Verbitterung gegen die Beken|493nende Kirche einsetzt, daß sie dich nicht halten konnte. Die Jungen selbst sind ja noch ohnmächtig. ­Gestern nachmittag saß vier Stunden (!) der junge Hesse bei mir. Ich habe ihm nicht ohne Mühe entrungen, Humburg, der mit den Studenten am Donnerstag abend anläßlich des Semesterschlusses das Abendmahl feiern will, nicht die Abendmahlsgemeinschaft zu kündigen. Das geht ja doch auch nicht. Er ist immer wieder ein Stürmer und denkt nicht in kirchlicher Verantwortung. Ich habe ihm das gesagt, und er nahm das sehr gut auf und an. Das ganz Schwere für alle diese Leute ist es, jetzt hindurch zu finden zwischen Resignation und Sektiererei. Und sie sind jung und sehr allein gelassen. Das klagte er auch. Vielleicht kommt er im Winter nach Basel. Ich habe ihm sehr zugeraten. Er muß tüchtig arbeiten. Sehr lehrreich erzählte er von Söhngens Vorlesung.8 Er sprach über Brunners Büchlein «Vom hl. Geist»9. «Meine Herren, wenn Sie in Gewissensnot sind in Heilsfragen, dann lesen Sie dieses Büchlein. Da ist Alles aufs Beste gesagt. Brunner kann sich nur auf Grund einer Verzerrung des Katholizismus noch davor schützen, Katholik zu sein. Tatsächlich ist er es. Und es ist herrlich, wie hier das simul iustus et peccator10 der Reformation preisgegeben und zu biblisch-neutestamentlicher Wahrheit zurückgegangen wird. Barth steht bei den Reformatoren, Brunner aber hat die Schrift für sich.» – Was sagst du nun?? Hesse teilt es Brunner selbst mit.

Gestern abend hielt Traub Jona-Bibelstunde, wieder sehr gefüllt gedanklich, aber sein Vortrag macht mich leise unglücklich, besonders bei Müdigkeit und großer Hitze. Es griff mir ans Herz, da die Reste unserer Sozietät11 zu finden, die nun außer dieser Speise so gut wie nichts mehr geboten bekommen. Sie sagen mir, das sei alttestament|494lich das Einzige, was sich lohne, und haben sich eine Reihe von Nachschriften bestellt. – Am Freitag schließt das Semester. Von Weber und Hannele sah ich noch nichts. Es hat ja auch nicht mehr viel Sinn, sie aufzusuchen, oder doch? Wie sich die Leute nun wohl verhalten nach dieser eindeutigen Antwort des Staates? Vor allem Wölflein? Er hat ohnehin einen Konfliktsfall wegen der Prüfungen, und ich glaube immer, es putzt auch ihn noch12. –

Ob du hierher kommen sollst? Ich glaube eigentlich nicht. Du kannst real sehr wenig helfen bei den Umzugsvorbereitungen und bedeutest für Herthas an sich nicht ganz geringe Arbeit doch eine erhebliche Mehrbelastung. Abgesehen davon kannst und sollst du deine Kraft an Besseres wenden. Das Wichtigste ist, daß bald die Wohnung in Basel gefunden ist, daß wir hier zum 1. Juli kündigen können. Tust du das dann sofort? Nelly ruft dich, wenn sie in den nächsten Tagen in Basel suchen sollte, dann vor dem endgültigen Abschluß noch herüber. Du kommst auf diese Weise sehr glimpflich davon. Ich würde dann hier noch möglichst erledigen, was eben zu erledigen ist, und dann vielleicht vor dem endgültigen Aufbruch das Weite suchen. Frau Schlomka und Traub helfen gern in den letzten Tagen, in denen ja die Packer die eigentliche Arbeit leisten. Das Einpacken der Bücher überwache ich noch selbst. Wir könnten dann den Transport ruhig auf dem Bergli abwarten und nur zum Einräumen hinüber fahren nach Basel. Ich hoffe, Alles rolle sich so prompt ab, daß Nelly Mitte Juli mit den Buben in Ferien fahren kann. Findet sich die Wohnung auf 1. Juli nicht, dann würde ich sehr raten, erst auf 1. September oder 1. Oktober zu suchen, damit nicht die ganze Ferien- und für Joggeli sehr nötige Erholungszeit gestört wird. Wie denkst du darüber? – Ob es ratsam ist, Markus herauszuschicken, frage ich mich sehr. Ich sehe nicht ganz, was er helfen kann, und ein «Herr» an sich ist wirklich nicht nur nicht nötig, sondern vielleicht sogar eine Arbeitsbelastung. Aber du kannst ja darüber mit Nelly noch in Basel reden. – Bis jetzt liefen alle diesbezüglichen, d. h. umzugsbezüglichen Erwägungen ohne Herren, im Gedenken an deine treuen Ermahnungen!! -

495 Reitstunden? Ja, ich denk dran, welche zu nehmen. Soll ich rasch noch eine Karte erreiten? Jeden Tag eine Stunde? – Weißt du, an was ich noch denk? Doch noch einmal nach Bethel zu Georg zu fahren und vielleicht dabei auch rasch Heinrich Scholz zu besuchen. Was meinst du dazu? Ich bin sehr unsicher, ob es geraten ist.

­Lieber Karl, inzwischen sind die Kinder und ist auch Nelly heimgekehrt. Das heißt, die Ruhe ist gestört. Die «Sparerwägungen» sind fast das Schwierigste. Sag ihr doch auch laut und deutlich, daß Basel den Umzug vergütet. – Ob R. Karwehl bleiben konnte? Ich möchte es dir wünschen. – Ging in Bubendorf alles gut?13 Ich habe doch leise besorgt hingedacht. –

Und sonst? «Sonst» wäre noch viel zu sagen.

Deine
L.

Grüße Alle.

Sachfußnoten

1
Tochter von Lore Schlomka.↩
2
Siehe oben S. 220, Anm. 8.↩
3
Johannes der Täufer aus der Kreuzigungstafel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald (um 1480-1528). Vgl. R. Marquard, Karl Barth und der Isenheimer Altar (AzTh 80), Stuttgart 1995 📖.↩
4
H. Asmussen, Theologisch-kirchliche Erwägungen zum Galaterbrief, München 1935 📖. Das Buch ist «Herrn Professor D. Karl Barth dem werten Bruder in Ehrerbietung gewidmet».↩
5
Nicht erhalten.↩
6
Vor allem ist wohl an H. A. Hesse und K. Immer gedacht. Siehe oben S. 487, Anm. 12, und Offene Briefe 1909-1935, S. 344 📖; Prolingheuer, S. 348 📖.↩
7
Die Bruderschaft rheinischer Hilfsprediger und Vikare übergab am 24. 6. Präses P. Humburg ein Memorandum zu der durch die Maßnahme des Kultusministers gegen Barth entstandenen Lage, besonders zu dem in der Begründung der Verfügung des Ministers «unverhüllt proklamierten Totalitätsanspruch», «der dem Staat gibt, was allein Gottes ist»: «Wir können all diese Dinge nur in einem großen inneren Zusammenhang sehen und darum erfüllt uns die schwere Sorge, daß falsches Handeln in der Sache Barth die Bekennende Kirche überhaupt auf einen falschen Weg führen könnte.» (Prolingheuer, S. 336f. 📖)↩
8
Gottlieb Söhngen (1892–1971), 1931-1937 Privatdozent an der Katholisch-theologischen Fakultät in Bonn, ab 1937 Dozent an der Theologischen Akademie Braunfels, ab 1947 Professor an der Universität München. Im Sommersemester 1935 las er in Bonn Fundamentaltheologie I (Die göttliche Offenbarung in Jesus Christus).↩
9
E. Brunner, Vom Werk des heiligen Geistes, Tübingen 1935 📖.↩
10
Vgl. z. B. bei Luther WA 56; 272, 17f. (Die Vorlesung über den Römerbrief, 1515-1516) 📖: «simul peccator et Iustus; peccator re vera, Sed Iustus ex reputatione et promissione Dei certa».↩
11
Barth hielt im Sommersemester 1935 privat eine Sozietät über Calvins Genfer Katechismus.↩
12
= es trifft auch ihn noch, es kostet auch ihn noch den Kopf.↩
13
Das ganztägige Reiten am 24. 6. in Bubendorf bei Rolf Eberhard (s. oben S. 479).↩