Brief Nr. 204 · 26. Juni 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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204

Lieber Karl!

Nun habe ich – leider – doch nicht mit den Studenten reiten können, sondern mußte statt dessen zum – Arzt. Aber erschrick nicht: ein Stich, den ich noch im Törli ins Genick bekam, benimmt sich wohl infolge verschiedener Rußstäublein sehr schlecht, ist dick angeschwollen und beeinträchtigt etwas meine Lebensfreude. Nach tagelangen Umschlägen ohne Erfolg bin ich nun zu Dr. Kill gewandert, der die Sache nicht schlimm befand, nur die Stelle sehr unangenehm nahe des Kopfes, und der mich nun zu Bestrahlungen bei Frl. v. Bülow schickt, die zwei-dreimal nötig sein werden. Er war sehr nett, ist geladen mit dem Kirchenstreit, läßt dich grüßen und dir sagen: es sei die einzig wahre Lösung, daß du nach Basel gehest. Damit bleibe wenigstens deine Linie sauber, und das helfe viel, mehr als ein zweideutiges Bleiben. Außerdem bittet er dich um einen wöchentlichen Rundfunkvortrag für die Gemeinde in Deutschland!!

Außerdem war ich heute morgen beim Spediteur und besprach den Umzug. Das ist Alles sehr klar und einfach. Die Bücher sind doch besser in Kisten verpackt – sie haben dort sehr schöne, saubere mit Schließdeckeln – als in den Gestellen. Ich habe mir beides besehen. Er schickt wohl schon nächste Woche ½ Tag zwei Männer, die dann unter meiner Aufsicht die liebe Studierstube versorgen für den Transport. In meine große Holztruhe lege ich zu meinen Winterkleidern deine Briefe, bzw. Durchschläge. Bis dahin habe ich dann wohl auch alle Abmeldungsgeschäfte versehen und denke, mit Joggeli den Anderen vorauszufahren aufs Bergli. Ich muß den Tag freilich noch offen lassen. Nelly braucht doch sehr nötig jemand, der ihr alle immer wieder aufsteigenden wirklich unnötigen Sorgengebilde zerstreut. Ich bin nicht «aggressiv und ungeduldig», und so meinte sie gestern abend, es sei doch gut, daß ich jetzt hier sei. Es ist ganz rührend, mit welcher hilflosen Angst sie dem äußeren, technischen Lebensgang gegenübersteht! –

497 Eben war Werner Koch1 da, um mir einen Aufsatz für die N. Z. Z. vorzulesen, ehe er ihn abgehen läßt.2 Ich bin nicht ganz einverstanden, Einiges ließ sich noch korrigieren und differenzieren. – Jetzt ist Joggeli eingetroffen zum Lateinlernen. Dann geht es zu Frl. v. Bülow. Für Honnef am Abend langt es trotz Traubs lateinischer Einladung nicht mehr.3 Aber Hesse will morgen noch eine Fortsetzung des gestrigen Gespräches hier haben. –

Vielleicht langt es noch zu einem Ankauf von schönen Stühlen für das Studierzimmer. Und ein helles Leinenjäckchen, ein schönes, habe ich dir heute besorgt. Nun hast du drei gute. Die alten zu engen gehen an Markus über. –

Und noch dies, daß das Telefon gestern hier keinen Schatten warf. N. ist erfreut über die prompte Lösung4 und hat die Fahrt nach Basel unter diesen Umständen anscheinend nicht schwer geopfert. – Behalte doch auch sehr im Auge, daß sie nach gelungenem Umzug möglichst bald mit den Buben in Ferien geht. –

Gelt, das sind wirklich ganz hauswirtschaftliche Mitteilungen? Alles Andere ist hier in den Hintergrund gedrängt, aber dafür nur umso wahrer. –

498 Grüße das Bergli. Ob R. Karwehl noch dort ist? Eben lese ich in den B. N. deine offizielle Berufung. Nun also doch Homiletik?5

­Lieber Karl, ich habe sehr Sehnsucht, wieder bei dir zu sein.

Deine
L.

Humburg6, ach je, gelt? Nun ist es wirklich genug des grausamen Spiels.7

Sachfußnoten

1
Werner Koch (1910–1994), Studium der Theologie in Marburg, Tübingen, Paris und Bonn (bei Barth), anschließend Besuch des (illegalen) Predigerseminars unter der Leitung von Dietrich Bonhoeffer in Finkenwalde/Pommern, 1935-1936 Vikariat in Wuppertal-Barmen, gleichzeitig Berichterstatter für die ausländische Presse über den Kirchenkampf, November 1936 Verhaftung, 1937-1938 im KZ Sachsenhausen, nach der Entlassung Hilfsredakteur beim Evangelischen Preßverband Rheinland, 1939-1945 Dolmetscher und Frontsoldat in der Wehrmacht, März 1945 Desertion nach England und Lagerpfarrer im Kriegsgefangenen-Sonderlager Ascot, 1947-1969 Pfarrer in Berlin, Espelkamp und Netphen, 1972 mit einer Arbeit über Gustav Heinemann in Paris zum Dr. theol. promoviert. Vgl. W. Koch, «Sollen wir K. weiter beobachten?» Ein Leben im Widerstand, Argenbühl-Christazhofen, 19932. 📖↩
2
Der Aufsatz ist im Jahre 1935 nicht in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erschienen.↩
3
Traub hatte von Kirschbaum auf einer Briefkarte o. D. (KBA 9335.543) gebeten zu einer der Jona-Bibelstunden zu kommen («ut Jonam Prophetam studeamus cum studentibus theologiam, sacram scientiam»).↩
4
Barth hatte bereits am 25.6. ein Haus in Basel mieten können.↩
5
Die Basler Nachrichten, Jg. 91, Nr. 171 📖 vom 25.6.1935, meldeten: «Auf den Bericht des Erziehungsdepartements wird Herrn Prof. D. Karl Barth […] unter Verleihung von Titel und Rechten eines ordentlichen Professors an der hiesigen Universität ein Lehrauftrag für systematische Theologie und Homiletik erteilt.»↩
6
Siehe oben S. 486 , Anm. 8.↩
7
Wendung aus Fr. von Schillers Gedicht «Der Taucher» 📖.↩