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von Kirschbaum an B. auf dem Bergli
[Bad Honnef] Montag, 1.7.1935 [I]
Heute nacht habe ich lang wach gelegen und in Gedanken viel an dich geschrieben.
Und etwas von dem soll nun heute morgen auch zu dir. Es geht mit
dem Schreiben noch etwas mühsam, da ich meinen Kopf nicht bewegen darf und auch
nicht kann – er
steckt im Verband wie in einem «Vatermörder»1 – und wie eine Pröpstin auf hohen Kissen ruhe. – Gestern habe
ich dir zwei Kärtlein geschrieben, die dir das Nötigste, jedes in
seiner Art (!), sagten. Gelt, du hast nicht ganz begriffen, warum ich dich von
der Ärztin anrufen ließ? Du
konntest es auch nicht begreifen, weil du ja glaubtest, es sei nur ein Schnitt
gemacht worden. Aber weißt du, es war so, daß, als sie das Furunkel öffneten,
darunter in der Größe eines kleinen Schwammes alles mit Eiter durchtränkt war,
so daß der Arzt tiefer und tiefer schneiden mußte, bis es eben schließlich eine
tüchtige Wunde und viel Blut geflossen war. Diese Wunde wird jetzt mit Tampons
offen gehalten, damit Alles abfließen kann. Das ist nicht sehr schön. Aber es
geht mir seit gestern abend gut, auch das Fieber ist sehr heruntergegangen. Ich bin in
guten Händen, bei beiden Ärzten, dem Chirurgen und der lieben Frl. Doktor, die mir als Mensch ganz
unmittelbar nah ist. Hoffentlich habe ich ihr beim Erwachen nicht zu
viel gesagt, als ich sie bat, Nr. 920334 anzurufen!! Man ist da
in einer so seltsam aufgelösten Verfassung. – Er, der Doktor, Valcalla (ich sage immer Caracalla2) ist ein nüchterner, sachlicher, netter
Ostpreuße, der, als ich auf dem Operationstisch lag, zu mir sagte: «So, und nun
legen Sie sich auf die Stelle, wo andere Leute einen Bauch zu haben
pflegen!» – Beide sagten mir, wenn ich zwei Tage später gekommen wäre, hätten
sie mir schwerlich noch helfen können. Lieber Karl,
ich sage dir das nicht, damit du nachträglich noch in eine Gemütserschütterung
kommen |509 sollst, aber darum, damit du
verstehst, daß diese Tage innerlich für mich doch
sehr bewegende waren und sind. Man bekommt es doch selten im
Leben so nackt gezeigt, wie nah die Grenze ist. Und daß es mir nun
nur gezeigt wurde und Gott noch einmal Geduld mit mir hat, Karl, das ist mir fast
ununterbrochen in den Gedanken. Und ist es nicht seltsam, daß das
sich nun zwischen Bonn und Basel ereignen mußte? Ich glaube, nun mußt du gar
keine Angst mehr haben meinetwegen wegen Basel. –
Die Tage hier sind lang und still und heiß. Gestern gegen Abend kam Nelly und brachte
mir einige notwendige Dinge mit. Sie ist gut dran, besser als seit
langem, und ich glaube, diese ruhige Woche zu zweien hat irgendwie Gutes gewirkt
zwischen uns. Sie war auch erfreut über euer Telefongespräch mittags. Die
Büblein habe ich noch nicht gesehen. Heute nachmittag kommt Lore Schlomka. Am Abend, nach getanem
Tagewerk und selbst sehr angegriffen von Furunkeln, sitzt Traub eine Stunde da und liest mir
ein wenig vor. Ihm hat der ganze Zwischenfall – man hatte ihm nun auch
Alles gesagt – seltsam zugesetzt, was zur Folge hatte, daß er
in der Nacht vom Samstag auf Sonntag nicht seine Predigt ordentlich machen
konnte. Morgen fährt er nach Düsseldorf zur Vertrauensmännertagung der Vikare, die einen Brief an die Bekennende Kirche richten und Rechenschaft fordern
wollen, warum du den Ruf nicht bekommen hast, und ferner fragen,
was die Bekennende Kirche
nun hinsichtlich des Eides zu tun
gedenkt.3 – Den Brief von Gustav Weber4 wird Nelly dir
nachgeschickt haben? – Pfr. Josten5 war auch hier bei mir und kommt wieder. Er ist
nun radikal entschlossen. Sehr gut. –
510Während ich den Brief schreibe, macht das Nönnlein mein Zimmer. Sie heißt
Schwester
Gloriosa. Ich sagte ihr, so möchte ich auch heißen, das
müsse das Lebensgefühl stärken. Da lächelte sie mich verständnislos an: «Nicht
wahr, es ist ein schöner Name?» Sie ist kugelrund und teilte mir
als etwas vom Ersten mit, man esse hier sehr gut. Sage Gerty, ich
führte einen standhaften Kampf gegen Fleisch und Ei um Obst und Salat. Nelly brachte mir
von unserem schönen Baum im Garten Kirschen. Die sind sehr schön. – Was es
kosten wird hier, weiß ich nicht. Ich habe etwas Sorge. Vor allem wird die
Operation teuer sein. Ob Nelly mir, ehe alle
abreisen, einen Scheck zurücklassen darf, daß ich hier beim Weggang das
Krankenhaus erledigen kann? Den Arzt, beide Ärzte, kann man später
überweisen. – Beim Einräumen in Basel kann ich nun wohl nicht dabei sein. Du machst mein
Zimmer schon recht. Vielleicht kann man den Schreibtisch so rücken, daß «man»
sich grüßen kann? Aber vielleicht auch nicht. Wegen des Schlafzimmers scheint
N. doch noch
zu schwanken. Laß es
an dich herankommen. – Ich bin so froh, daß du reitest. Das tut dir gewiß gut. – Grüße Ruedi und Gerty.
Seid ihr nun allein? Ich will heute versuchen, an Asmussens
Galaterbrief6
zu gehen. – Außerdem habe ich, wie du wohl merktest, den West-östlichen
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da, der sehr
schön ist. –
Behüt dich Gott, lieber Karl.