Brief Nr. 211 · 1. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

508

211

Liebster Karl!

Heute nacht habe ich lang wach gelegen und in Gedanken viel an dich geschrieben. Und etwas von dem soll nun heute morgen auch zu dir. Es geht mit dem Schreiben noch etwas mühsam, da ich meinen Kopf nicht bewegen darf und auch nicht kann – er steckt im Verband wie in einem «Vatermörder»1 – und wie eine Pröpstin auf hohen Kissen ruhe. – Gestern habe ich dir zwei Kärtlein geschrieben, die dir das Nötigste, jedes in seiner Art (!), sagten. Gelt, du hast nicht ganz begriffen, warum ich dich von der Ärztin anrufen ließ? Du konntest es auch nicht begreifen, weil du ja glaubtest, es sei nur ein Schnitt gemacht worden. Aber weißt du, es war so, daß, als sie das Furunkel öffneten, darunter in der Größe eines kleinen Schwammes alles mit Eiter durchtränkt war, so daß der Arzt tiefer und tiefer schneiden mußte, bis es eben schließlich eine tüchtige Wunde und viel Blut geflossen war. Diese Wunde wird jetzt mit Tampons offen gehalten, damit Alles abfließen kann. Das ist nicht sehr schön. Aber es geht mir seit gestern abend gut, auch das Fieber ist sehr heruntergegangen. Ich bin in guten Händen, bei beiden Ärzten, dem Chirurgen und der lieben Frl. Doktor, die mir als Mensch ganz unmittelbar nah ist. Hoffentlich habe ich ihr beim Erwachen nicht zu viel gesagt, als ich sie bat, Nr. 920334 anzurufen!! Man ist da in einer so seltsam aufgelösten Verfassung. – Er, der Doktor, Valcalla (ich sage immer Caracalla2) ist ein nüchterner, sachlicher, netter Ostpreuße, der, als ich auf dem Operationstisch lag, zu mir sagte: «So, und nun legen Sie sich auf die Stelle, wo andere Leute einen Bauch zu haben pflegen!» – Beide sagten mir, wenn ich zwei Tage später gekommen wäre, hätten sie mir schwerlich noch helfen können. Lieber Karl, ich sage dir das nicht, damit du nachträglich noch in eine Gemütserschütterung kommen |509 sollst, aber darum, damit du verstehst, daß diese Tage innerlich für mich doch sehr bewegende waren und sind. Man bekommt es doch selten im Leben so nackt gezeigt, wie nah die Grenze ist. Und daß es mir nun nur gezeigt wurde und Gott noch einmal Geduld mit mir hat, Karl, das ist mir fast ununterbrochen in den Gedanken. Und ist es nicht seltsam, daß das sich nun zwischen Bonn und Basel ereignen mußte? Ich glaube, nun mußt du gar keine Angst mehr haben meinetwegen wegen Basel. –

Die Tage hier sind lang und still und heiß. Gestern gegen Abend kam Nelly und brachte mir einige notwendige Dinge mit. Sie ist gut dran, besser als seit langem, und ich glaube, diese ruhige Woche zu zweien hat irgendwie Gutes gewirkt zwischen uns. Sie war auch erfreut über euer Telefongespräch mittags. Die Büblein habe ich noch nicht gesehen. Heute nachmittag kommt Lore Schlomka. Am Abend, nach getanem Tagewerk und selbst sehr angegriffen von Furunkeln, sitzt Traub eine Stunde da und liest mir ein wenig vor. Ihm hat der ganze Zwischenfall – man hatte ihm nun auch Alles gesagt – seltsam zugesetzt, was zur Folge hatte, daß er in der Nacht vom Samstag auf Sonntag nicht seine Predigt ordentlich machen konnte. Morgen fährt er nach Düsseldorf zur Vertrauensmännertagung der Vikare, die einen Brief an die Bekennende Kirche richten und Rechenschaft fordern wollen, warum du den Ruf nicht bekommen hast, und ferner fragen, was die Bekennende Kirche nun hinsichtlich des Eides zu tun gedenkt.3 – Den Brief von Gustav Weber4 wird Nelly dir nachgeschickt haben? – Pfr. Josten5 war auch hier bei mir und kommt wieder. Er ist nun radikal entschlossen. Sehr gut. –

510Während ich den Brief schreibe, macht das Nönnlein mein Zimmer. Sie heißt Schwester Gloriosa. Ich sagte ihr, so möchte ich auch heißen, das müsse das Lebensgefühl stärken. Da lächelte sie mich verständnislos an: «Nicht wahr, es ist ein schöner Name?» Sie ist kugelrund und teilte mir als etwas vom Ersten mit, man esse hier sehr gut. Sage Gerty, ich führte einen standhaften Kampf gegen Fleisch und Ei um Obst und Salat. Nelly brachte mir von unserem schönen Baum im Garten Kirschen. Die sind sehr schön. – Was es kosten wird hier, weiß ich nicht. Ich habe etwas Sorge. Vor allem wird die Operation teuer sein. Ob Nelly mir, ehe alle abreisen, einen Scheck zurücklassen darf, daß ich hier beim Weggang das Krankenhaus erledigen kann? Den Arzt, beide Ärzte, kann man später überweisen. – Beim Einräumen in Basel kann ich nun wohl nicht dabei sein. Du machst mein Zimmer schon recht. Vielleicht kann man den Schreibtisch so rücken, daß «man» sich grüßen kann? Aber vielleicht auch nicht. Wegen des Schlafzimmers scheint N. doch noch zu schwanken. Laß es an dich herankommen. – Ich bin so froh, daß du reitest. Das tut dir gewiß gut. – Grüße Ruedi und Gerty. Seid ihr nun allein? Ich will heute versuchen, an Asmussens Galaterbrief6 zu gehen. – Außerdem habe ich, wie du wohl merktest, den West-östlichen Divan7 da, der sehr schön ist. –

Behüt dich Gott, lieber Karl.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Scherzhaft für altmodischen hohen, steifen Kragen zu einem Oberhemd.↩
2
In Anspielung auf M. Aurelius Severus Antoninus, genannt Caracalla; römischer Kaiser von 211-217.↩
3
Zu der kritischen Anfrage auf der Linie des Memorandums vom 24.6.1935 (s. oben S. 492) liegen keine weiteren Dokumente vor.↩
4
Irrtümlich «Gustav». In seinem Brief vom 28.6.1935 hatte Gotthilf Weber erklärt, «daß von Seiten der Kirche – nicht von dieser oder jener nicht legitimierten Personengruppe innerhalb der Kirche – noch einmal und unüberhörbar deutlich zur Eidesfrage gesprochen und dadurch die Solidarität der Bekennenden Kirche mit Ihrer Haltung in der Eidesfrage bekundet wird» (Offene Briefe 1909-1935, S. 354f 📖.; nicht vollständig bei Prolingheuer, S. 207 📖).↩
5
Johannes Friedrich Josten (1883–1964), 1910-1922 Pfarrer u. a. in Müsen (Westfalen) und in Witten an der Ruhr, 1922-1949 Pfarrer in Bad Honnef.↩
6
Siehe oben S. 491f., Anm. 4.↩
7
Vgl. oben S. 506, Anm. 1.↩