Brief Nr. 212 · 1. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Liebster Karl!

Es ist wieder ein langer Krankenhausabend und mein Wunsch, noch ein bißchen bei dir zu sein, sehr groß. Vor zwei Stunden wurde mir dein Brief gebracht. Das war das Schönste, was sich in diesem |511 Zimmer noch zugetragen hat. Ich hatte ihn gerade gelesen, da kam Frau Lore Schlomka und nachher Traub. Er hat uns dann den langen Brief an Hesse noch einmal vorgelesen1, und als er fertig war, da standen ihm und Lore die hellen Tränen in den Augen. Für die deutsche Kirche bleibt es eine nicht wieder gut zu machende Niederlage. Ich finde den Brief sehr umsichtig und gut und wäre dafür, daß du ihn veröffentlichst. Wegen des letzten Passus ist das vielleicht hier schwer. Ich hoffe, daß Wölflein mich einmal aufsucht, dann spreche ich mit ihm darüber. Das ist dir doch recht? Abschreiben will ich ihn auf Traubs Maschine, sobald ich wieder krabbeln kann!!

Der Krankenbericht von heute ist ganz zufriedenstellend. Ich bin heute abend fieberfrei, es heilt sicher Alles aufs beste. Aber auch dann braucht es etwas Zeit, und es tut mir nun von Herzen leid, daß du nicht nach Italien mitgefahren bist. Wie wäre das schön für dich gewesen! Ich kann in dieser Woche sicher nicht kommen. Ich hoffe sehr, daß sie mich Mitte nächster fahren lassen. Ich denke, daß wir dann vielleicht nur noch ganz kurz in Basel bleiben und dem Törli zustreben? Natürlich wäre ich gern beim Einräumen der Bibliothek zugegen gewesen, und vielleicht läßt sich dies und das doch noch gemeinsam machen. – Und der Schimmel! Natürlich will ich ihn besteigen, zunächst behutsam und dann immer mutiger! Das wird noch ein schöner Sommer werden. – Die Umschreibung des Aufgabenkreises deiner «persönlichen Assistentin» habe ich sehr nachdenklich gelesen. Hat sie das auch wirklich alles gemacht und gut gemacht??? Das Eindeutigste am Ganzen ist doch wohl das, daß sie zu dir gehört. – – Heute konnte ich lesen, und zwar in Asmussens Galaterbrief2. Es ist ein starkes Buch, das man mit Freude liest, aber hat Steck nicht doch zu große Worte gemacht, besonders wenn er es mit dem «Römerbrief 📖» verglich? Ein Neues im theologischen Gespräch, wie es seinerzeit der Römerbrief war, ist es doch keinesfalls, auch ist mir Vieles viel zu schnell hingesagt. – Pfarrer Josten war heute wieder da, hatte aber das Pech, mit Frau Schlomka zusammenzustoßen, und ging dann rasch. Ich ließ ihm durch Traub sagen, er solle mich doch noch einmal allein besuchen, denn er sucht sichtlich ein Gespräch.

512Dienstag morgen.

Gestern abend dunkelte es rasch, ein Gewitter zog herauf, und ich mußte aufhören zu schreiben. Nachts nehme ich – sage es Gerty nur ins Ohr – doch immer ein bißchen etwas zum Schlafen. Allein geht es noch nicht, aber vielleicht von heute an versuche ich es doch. – Seid ihr beiden nun allein auf dem Bergli oder ist Leine noch da? Weißt du, wen ich ganz gegen alle Vorsätze – Gerty wird lachen – nun doch für einen Tag oder auch eine Nacht im August eingeladen habe? Herrn ­– Takizawa3. Ich traf ihn neulich zufällig in der Stadt. Er war ganz reizend, aufgeschlossen und anhänglich. Dich läßt er sehr grüßen. Marburg hat ihm theologisch nicht viel geboten. Bultmann anscheinend gar nicht und Schlier, der ihn interessierte, doch auch nur mit Vorbehalt. In seiner Frage scheint er dort nicht weitergefördert worden zu sein, möchte ums Leben gern dich noch einmal sprechen. Für Genf hat er kein Geld mehr4, aber am 20. August reist er über die Schweiz dem Osten zu. Ich sagte ihm, daß du bis 24. auf dem Bergli zu treffen seiest. Er kommt sicher. Und Ruedi wird ihn schon als photographisches Objekt billigen. Einen leibhaftigen Japaner hat er nicht alle Tage!! –

So, und morgen geht das Studierzimmer fort. Und bis ich wieder hinein komme, ist die Vatikanstadt gänzlich aufgelöst. Nelly fährt mit den Büblein und Hertha nun wohl erst Sonntag. Sie meldet dir dann telephonisch aufs Bergli, wenn die Möbel eingetroffen sind und die Einräumung beginnen kann. Ich glaube nicht daran, daß dies vor Dienstag der Fall sein wird. Und Mittwoch abend holst du mich vielleicht dann am badischen Bahnhof5 ab. Ich hoffe es. –

513 Eben war die Doktorsfrau von der Lungenheilstätte da. Auch sie ganz verstört, daß du weggehst. In Laienkreisen ist die Bestürzung, will mir scheinen, viel größer als bei den Theologen. – Heute nachmittag in Düsseldorf tagen die Vertrauensleute der rheinischen Bekenntnissynode.6 Der Fall Barth steht auf dem Programm. Traub ist erstaunlicherweise eingeladen, und er ist von mir und durch deinen Brief7 nun genauestens informiert. Beckmann8 will er ganz direkt stellen, warum er sich gegen den Ruf gesperrt habe. –

Ich muß aufhören. Der Brief taugt nicht viel, aber der deine ist so lieb. Vielen Dank. Lieber Karl,

Deine
L.

Grüße Gerty herzlich.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 505, Anm. 8.↩
2
Siehe oben S.491f., Anm. 4.↩
3
Katsumi Takizawa (1909–1984), Schüler von Kitarô Nishida, dem Professor für europäische Philosophie an der Kyôtô-Universität in Tokio: «Er war es auch, der mir kurz vor meiner Abfahrt nach Europa aufs eifrigste empfahl, lieber bei Karl Barth als bei andern Philosophen und Theologen zu studieren, obgleich er selber ein selten erfahrener Zen-Buddhist war» (K. Takizawa,, Was hindert mich noch, getauft zu werden?, in: Antwort. Karl Barth zum siebzigsten Geburtstag am 10. Mai 1956, hrsg. von R. Frey, Ch. von Kirschbaum und E. Wolf, Zollikon-Zürich 1956, S. 911–925, dort S. 919, Anm. 1 📖). Takizawa studierte 1934/35 bei Barth.↩
4
Zu Barths Vorlesungen in Genf s. unten S. 535, Anm. 19.↩
5
Der rechtsrheinische Badische Bahnhof in Basel (im Unterschied zum linksrheinischen Schweizer Bahnhof).↩
6
Siehe unten S. 518–520.↩
7
Barths Brief an H. A. Hesse (Offene Briefe 1909-1935, S. 333-353 📖; Prolingheuer, S. 345-350 📖).↩
8
J. Beckmann hatte den Bemühungen um eine Berufung Barths durch die BK kritisch gegenüber gestanden (vgl. Prolingheuer, S. 176, Anm. 18 📖). In seinem Brief vom 5.7.1935 an Präses P. Humburg äußerte Barth dazu: «Bleibt mir, offen gestanden, Einiges – ich denke etwa an die Haltung von Beckmann – in dieser Hinsicht dunkel, so überwiegt doch bei weitem die Empfindung, daß wir Alle auch in dieser Sache geführt u. zw. wie man vielleicht schon jetzt sagen darf gut geführt worden sind, welches auch die Triebfedern und Bestrebungen im Einzelnen gewesen sein mögen.» (Prolingheuer, S. 352)↩