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von Kirschbaum an B. auf dem Bergli
[Bad Honnef, 1.7.1935]
[II]
Montag abend
Es ist wieder ein langer Krankenhausabend
und mein Wunsch, noch ein bißchen bei dir zu sein, sehr groß. Vor zwei
Stunden wurde mir dein Brief gebracht. Das war das Schönste, was sich in diesem
|511 Zimmer noch zugetragen hat. Ich hatte ihn gerade
gelesen, da kam Frau Lore Schlomka und nachher Traub. Er hat uns dann den langen
Brief an Hesse noch
einmal vorgelesen1, und als er fertig
war, da standen ihm und Lore
die hellen Tränen in den Augen. Für die deutsche Kirche bleibt es eine nicht
wieder gut zu machende Niederlage. Ich finde den Brief sehr
umsichtig und gut und wäre dafür, daß du ihn
veröffentlichst. Wegen des letzten Passus ist das vielleicht hier
schwer. Ich hoffe, daß Wölflein mich einmal aufsucht, dann spreche ich mit ihm darüber. Das
ist dir doch recht? Abschreiben will ich ihn auf Traubs Maschine, sobald ich wieder
krabbeln kann!!
Der Krankenbericht von heute ist ganz
zufriedenstellend. Ich bin heute abend fieberfrei, es heilt sicher Alles
aufs beste. Aber auch dann braucht es etwas Zeit, und es tut mir nun von Herzen
leid, daß du nicht nach Italien
mitgefahren bist. Wie wäre das schön für dich gewesen! Ich kann in dieser Woche
sicher nicht kommen. Ich hoffe sehr, daß sie mich
Mitte nächster fahren lassen. Ich denke, daß wir dann vielleicht nur noch ganz
kurz in Basel bleiben und dem Törli zustreben? Natürlich wäre ich gern beim
Einräumen der Bibliothek zugegen gewesen, und vielleicht läßt sich dies und das
doch noch gemeinsam machen. – Und der Schimmel! Natürlich will ich ihn besteigen, zunächst behutsam und
dann immer mutiger! Das wird noch ein schöner Sommer werden. – Die
Umschreibung des Aufgabenkreises deiner «persönlichen Assistentin» habe ich sehr
nachdenklich gelesen. Hat sie das auch wirklich alles gemacht und
gut gemacht??? Das Eindeutigste am Ganzen ist doch wohl das,
daß sie zu dir gehört. – – Heute konnte ich lesen, und zwar in Asmussens
Galaterbrief2.
Es ist ein starkes Buch, das man mit Freude liest, aber hat Steck nicht doch zu große
Worte gemacht, besonders wenn er es mit dem «Römerbrief
📖» verglich?
Ein Neues im theologischen Gespräch, wie es seinerzeit der Römerbrief war, ist es doch keinesfalls, auch ist mir Vieles viel zu
schnell hingesagt. – Pfarrer Josten war heute wieder da, hatte
aber das Pech, mit Frau Schlomka zusammenzustoßen, und ging dann rasch. Ich ließ ihm durch
Traub sagen,
er solle mich doch noch einmal allein besuchen, denn er sucht sichtlich ein Gespräch.
512Dienstag morgen.
Gestern abend dunkelte es rasch, ein Gewitter zog herauf, und ich mußte aufhören
zu schreiben. Nachts nehme ich – sage es Gerty nur ins Ohr – doch
immer ein bißchen etwas zum Schlafen. Allein geht es noch nicht, aber vielleicht von heute an
versuche ich es doch. – Seid ihr beiden nun allein auf dem Bergli
oder ist Leine noch da? Weißt du, wen ich ganz gegen alle
Vorsätze – Gerty wird lachen – nun doch für einen Tag oder auch eine Nacht im
August eingeladen habe? Herrn – Takizawa3. Ich traf ihn neulich zufällig in der Stadt. Er
war ganz reizend, aufgeschlossen und anhänglich. Dich läßt er sehr
grüßen. Marburg hat ihm
theologisch nicht viel geboten. Bultmann anscheinend gar nicht und Schlier, der ihn
interessierte, doch auch nur mit Vorbehalt. In seiner Frage scheint er dort
nicht weitergefördert worden zu sein, möchte ums Leben gern dich
noch einmal sprechen. Für Genf hat er kein Geld mehr4, aber am 20. August
reist er über die Schweiz dem Osten zu. Ich sagte ihm, daß du bis
24. auf dem Bergli zu
treffen seiest. Er kommt sicher. Und Ruedi wird ihn schon als
photographisches Objekt billigen. Einen leibhaftigen Japaner hat er nicht alle Tage!! –
So, und morgen geht das Studierzimmer fort. Und bis ich wieder hinein komme,
ist die Vatikanstadt
gänzlich aufgelöst. Nelly fährt mit den Büblein und Hertha nun wohl erst Sonntag. Sie
meldet dir dann telephonisch aufs Bergli, wenn die Möbel eingetroffen sind und
die Einräumung beginnen kann. Ich glaube nicht daran, daß dies vor
Dienstag der Fall sein wird. Und Mittwoch abend holst du mich
vielleicht dann am badischen Bahnhof5 ab. Ich hoffe es. –
513 Eben war die Doktorsfrau von der Lungenheilstätte da. Auch sie ganz verstört,
daß du weggehst. In
Laienkreisen ist die Bestürzung, will mir scheinen, viel größer als bei den
Theologen. – Heute nachmittag in Düsseldorf tagen die Vertrauensleute der
rheinischen Bekenntnissynode.6 Der Fall Barth steht auf
dem Programm. Traub ist erstaunlicherweise eingeladen, und er ist von mir und
durch deinen Brief7 nun genauestens
informiert. Beckmann8 will er
ganz direkt stellen, warum er sich gegen den Ruf gesperrt habe. –
Ich muß aufhören. Der Brief taugt nicht viel, aber der deine ist so
lieb. Vielen Dank. Lieber Karl,