Brief Nr. 213 · 2. Juli 1935

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef

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Liebe Lollo!

Heute morgen kamen deine beiden Grüße aus dem Krankenhaus, aus denen ich nun erst den ganzen Umfang des Schadens erfahren habe. Sag, hat man dir gestern, Montag mittag, meinen telephonischen Gruß ausgerichtet? Ich hatte es offenbar mit irgendwelchen Schneegänsen zu tun, die dauernd vom Apparat wegliefen und mir schließlich nur sagten, daß es dir «besser» gehe. Weder Gerty noch ich – wir |514 sind augenblicklich die einzigen erwachsenen Bewohner des Bergli, verstehen, was das für ein Furunkel gewesen sein mag, um deswillen man dir ein Loch von 4 cm im Quadrat in den Kopf – in mein so ausgesprochen liebes Köpflein! – schneiden mußte. Es gibt doch wirklich nichts, was es nicht gibt! Zehn Tage! Eine schlimme Aussicht! Da wird sich ja der ganze Auszug dort und Einzug hier ohne dich vollziehen! Nun, es wird dir Vieles damit erspart bleiben. Aber was wird unterdessen aus mir werden? Und aus der sinngemäßen Einrichtung der neuen Vatikanstadt? Werde ich es dir so treffen, daß du auch damit zufrieden bist? Aber wie dem auch sei, du darfst dich auf keinen Fall mit dem Gebot des Arztes in Widerspruch setzen. Und das sehe ich nun schon, daß du hier dann ausgiebig ausruhen können mußt und daß meine Vorstellung, dich nach deiner Ankunft alsbald auf ein Pferd setzen zu können, dir gewiß sehr läppisch und ahnungslos vorkommen mußte. Natürlich bezahle ich Alles, was dort zu bezahlen ist. Ist die Krankenkasse, in die du all die Jahre einzahlen mußtest – oder war es gar keine Krankenkasse? -, nun eigentlich zu nichts gut? Nein, was ist das für eine seltsame Sache, daß ich dich so für acht Tage von hier weggehen ließ, und da wirst du mir krank, ein Auto kommt und führt dich weg, man betäubt dich total und schneidet dir ein Loch 4 cm im Quadrat in den Kopf, und unterdessen sitze ich hier allein im Törli, und du fragst noch, ob ich ein bißchen Sehnsucht habe! Wie stellst du dir das eigentlich vor?

Hast du meinen Brief vom Sonntag bekommen? Unterdessen traf hier ein ganz beglückter Brief von … Brunner1 ein, dem ich scheinbar diesmal mit «Lindigkeit« [Phil. 4,5 u. ö.] viel mehr zugesetzt habe als zuvor mit Grimm. Der Fall ist wohl im Grunde ganz einfach: er möchte irgendwie beachtet, auf- und mitgenommen sein, und in diesem schließlich begreiflichen Streben macht er dann Dummheiten. Wir werden ihn in Zukunft «pfleglich» behandeln müssen.

Was mache ich morgen? Die Bücher sind nämlich – o schöner Vorwand! – noch nicht da. Und also mache ich mit Peter Meyer einen Tagesritt nach Einsiedeln und zurück über den Etzel2. Im Übrigen |515 habe ich noch viele Briefe zu schreiben. Alles wartet dann hier auf dich.

Wie mag’s jetzt an der Siebengebirgstraße aussehen? Im Presbyterium habe ich mich abgemeldet und Bleibtreu geschrieben3, daß es nun seine Sache sei, die Gruppe «Für die Freiheit des Evangeliums»4 weiter zu führen. Sag, hat er wohl ein Honorar bekommen? Doch du sollst dich jetzt um geschäftliche Dinge nicht kümmern, sondern nur wieder gesund werden. Auch Frau Schlomka bekam einen Brief und natürlich Hannele!5 Die Portokosten, die ich Rudis verursache, wachsen in diesen Tagen ins Unendliche. Heute morgen hatte ich mit Gerty ein Gesprächlein über ihren Lebensstand und Seelenzustand. Beide sind wohl immer noch ein bißchen geheimnisvoller und zugleich … einfacher, als man immer wieder denkt. Auch sie begehrt schließlich nur, so richtig aufgenommen zu werden. Das ist’s wohl überhaupt, was die Menschheit von uns verlangt und was wir ihr wohl noch mehr als bisher leisten müssen.

516 Was war das für eine schmale Karte, auf der du mir zuletzt schriebst? Und von wem das – in der Lehre übrigens nicht ganz einwandfreie, aber schöne Gedicht?? Solltest du es etwa gar selber gemacht haben???

Leine Eyth bzw. Frau Mosetter war acht Tage hier und gefiel mir besser als früher, obwohl ich gegen alles Badensische nach wie vor ernste Vorbehalte habe. Ich mußte ihr einen ernsten kleinen Mahnbrief mitgeben an eine in Schiltach existierende Frau Oberstleutnant, die sich auf mich beruft zugunsten eines phantastischen Planes, dessen Hauptpunkte darin bestehen, daß 1. ihr eigener Mann, 2. die Frau des dortigen Pfarrers durch Tod vom Schauplatz abzugehen hätten, damit sie selbst dann den Pfarrer heiraten und mit ihm zusammen irgend ein Erlösungswerk vollbringen könne. Nochmals: es gibt nichts, was es nicht gibt, und die Theol[ogische] Existenz muß offenbar zu Vielem gut sein.

Frhr. von Pechmann hat mir wieder einen geradezu zärtlichen Brief geschrieben.6 In der Grafschaft Bentheim wissen sie offenbar von Allem noch gar nichts und rufen mir dringlichst zu, ich solle zu einer neuen Versöhnungsaktion dorthin kommen. Ich habe eben zwei Briefe dorthin gerichtet. Heute kam ein rührendes kleines Schreiben von der Sozietät!7 Hesse spekuliert (der Vater nämlich!) bereits auf die nach vier Jahren erfolgende Wiederkehr Calvins nach Genf.8 Ich verwehrte es ihm nicht, erinnerte ihn aber an die 1000, ja 10 000 Jahre des dritten Reiches und an mein Alter von bereits 49 Jahren.9

517 ­Liebe Lollo, was könnte ich dir noch schreiben, um dich zu unterhalten, zu erheitern, zu trösten? Die eigentlichen Dinge, nicht wahr, lassen sich ja doch nicht aufs Papier bringen. Du weißt sie schon. Ich bin hier ja trotz Allem auch äußerlich etwas verlassen. Z. B. ist mir jetzt eben der Tabak ausgegangen, und weil Gerty große Wäsche hat, kann ich in dieser Sache nicht einmal einen Zwilling10 in Marsch setzen.

Rudis Bilderbuch ist nun erschienen, in welchem man irgendwo auch m. L. vor dem Spiegel schreiben sieht.11 Im ersten Augenblick war übrigens lauter Jammer und Verstimmtheit, weil irgend ein paar ästhetische Details nicht klappen sollen, was Gerty dann sofort aussprach, worauf Rudi in tiefe Depression versank. Weißt du, daß Heiner nach Ostern in einem Konfirmandenverein einen Vortrag über mich gehalten hat?12 Mit diesen Kindern wird man immer wieder Überraschungen erleben.

Morgen kann und werde ich dir also, weil unterwegs, nicht schreiben. Umso bestimmter hoffe ich nach meiner Rückkehr viele Briefe von dir vorzufinden. Aber doch nur, wenn der Zustand deines Köpfleins es dir überhaupt erlaubt, dich in dieser Weise zu beschäftigen. Telephonieren kannst du mir wohl noch nicht? Nein, bleib in deinem Bettelein, es ist besser so. Du siehst, wie es mich dauernd hin und her zieht.

­M. l.L. I. h. d. s. l.!

Dein
K.

Ich lasse Träublein grüßen! Was sagt denn er zu Allem?

Sachfußnoten

1
Brief vom 1.7.1935: Bw.Br., S. 286-288 📖.↩
2
Der Etzelpass (1098 m) liegt zwischen Einsiedeln (Kt. Schwyz) und dem Zürichsee.↩
3
Am 30.6.1935 würdigte Barth in seinem Abschiedsbrief an O. Bleibtreu dessen Arbeit als sein juristischer Beistand: «An Ihnen lag es wirklich nicht, wenn nun die ganze Sache nicht einen andern Ausgang nehmen konnte, sondern Sie werden sich lebenslänglich dessen freuen dürfen, daß Sie in dieser Angelegenheit eine gute und saubere Klinge geschlagen haben.» Fernerhin fragte er ihn: «Ist es Ihnen wohl klar, daß Sie nun nach Hölschers, Wolfs und meinem Wegzug der ‹prominente Vertreter› der Liste ‹Für die Freiheit des Evangeliums› in der evangelisch Gemeinde sein werden?» (Prolingheuer, S. 338 📖)↩
4
Mit dem Abschied Barths waren fünf der sechs Vertreter der Liste «Für die Freiheit des Evangeliums», die zu den Kirchenwahlen zum 23.7.1933 aufgestellt worden war, aus der Größeren Gemeindevertretung ausgeschieden (neben Barth von Kirschbaum, G. Hölscher, H. E. Weber und E. Wolf). Für die beiden Sitze der Liste im Presbyterium stand nur noch O. Bleibtreu zur Verfügung, so daß am 22.7.1935 eine Nachwahl vorzunehmen war (vgl. Prolingheuer, S. 215 📖).↩
5
Am 30.6.1935 schrieb Barth Abschiedsbriefe an L. Schlomka und H. Weber, da er sich von beiden nicht mehr persönlich verabschieden konnte (KBA 9235.164 und KBA 9235.165). In seinem Abschiedsbrief an Schlomka schilderte Barth auch seine eigene damalige Situation: «Sie haben im Persönlichen ein großes Leid zu tragen und wir, wie Sie wissen, auch. Vielleicht gehören wir zu der Sorte Menschen, die einen solchen Packen zum Tragen einfach nötig haben, weil sie ohne das viel zu viel Auftrieb hätten, um wirklich in der Furcht Gottes ihren Weg zu gehen. Sicher ist dies, daß wir nicht ohne Hilfe sind noch sein werden.»↩
6
Brief vom 26.6.1935 (Kantzenbach [s. oben S. 377, Anm. 6], S. 147f. 📖).↩
7
Brief von Eduard Hesse und den anderen Sozietätsteilnehmern vom 28.6.1935 (KBA 9335.658).↩
8
Brief H. A. Hesses vom 28.6.1935 (KBA 9335.659), in dem Hesse die Hoffnung zum Ausdruck brachte, daß es sich bei Barths Weggang in die Schweiz «wie bei Calvin um einige Straßburger Jahre» handle. Anspielung auf Calvins Aufenthalt in Straßburg nach seiner Wegweisung aus Genf 1538 bis zu seiner Rückkehr 1541.↩
9
Barth antwortete Hesse am 1.7.1935 (KBA 9235.170): «Was nun die Rückkehr Calvins nach Genf […] betrifft, so bitte ich zu bedenken, daß der Mann damals 33 Jahre alt war, während ich selbst schon nach vier Jahren ein Knabe von 53 Lenzen sein werde. Ceteris maxime imparibus!! Und sind es nicht 1000, ja 10 000 Jahre, die dem dritten Reiche aus autoritativsten Mündern verheissen sind?! Was kann ich tun in dieser Hinsicht, als Ihnen versprechen, daß ich für alle künftigen Möglichkeiten grundsätzlich offen bleiben will, ohne doch im Voraus sagen zu können, wie die Dinge dann laufen werden?»↩
10
Zwillingstöchter des Ehepaares Pestalozzi: Franziska und Ursula (geb. 1923).↩
11
«Schreibende am Spiegel», in: R. Pestalozzi, Bilderbuch eines Leica-Amateurs, Zürich 1935, S. 11 📖. Siehe oben S. LII.↩
12
Nach Auskunft von E. Röthlisberger handelt es sich vermutlich um einen Vortrag ihres Bruders Heiner Pestalozzi. Nicht erhalten.↩