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Barth an v.K. in Bad Honnef
Heute morgen kamen deine beiden Grüße aus dem Krankenhaus, aus denen ich nun
erst den ganzen Umfang des Schadens erfahren habe. Sag, hat
man dir gestern, Montag mittag, meinen telephonischen Gruß ausgerichtet? Ich
hatte es offenbar mit irgendwelchen Schneegänsen zu tun, die dauernd vom Apparat
wegliefen und mir schließlich nur sagten, daß es dir «besser» gehe. Weder Gerty noch
ich – wir |514 sind augenblicklich die einzigen erwachsenen
Bewohner des Bergli, verstehen, was das für ein Furunkel gewesen sein mag, um
deswillen man dir ein Loch von 4 cm im Quadrat in den Kopf – in mein so
ausgesprochen liebes Köpflein! – schneiden mußte. Es gibt doch wirklich nichts,
was es nicht gibt! Zehn Tage! Eine schlimme Aussicht! Da wird sich ja der ganze
Auszug dort und Einzug hier ohne dich vollziehen! Nun, es wird dir Vieles
damit erspart bleiben. Aber was wird unterdessen aus mir werden? Und aus der
sinngemäßen Einrichtung der neuen Vatikanstadt? Werde ich es dir so treffen,
daß du auch damit zufrieden bist? Aber wie dem auch sei, du darfst dich auf
keinen Fall mit dem Gebot des Arztes in Widerspruch setzen. Und das sehe ich nun
schon, daß du hier dann ausgiebig ausruhen können mußt und daß meine Vorstellung, dich nach deiner
Ankunft alsbald auf ein Pferd setzen
zu können, dir gewiß sehr läppisch und ahnungslos vorkommen mußte.
Natürlich bezahle ich Alles, was dort zu bezahlen ist. Ist die
Krankenkasse, in die du all die Jahre einzahlen mußtest – oder war es gar keine
Krankenkasse? -, nun
eigentlich zu nichts gut? Nein, was ist das für eine seltsame Sache, daß ich
dich so für acht Tage von hier weggehen ließ, und da wirst du mir krank, ein
Auto kommt und führt dich weg, man betäubt dich total und schneidet dir ein Loch 4
cm im Quadrat in den Kopf, und unterdessen sitze ich hier allein im Törli, und
du fragst noch, ob ich ein bißchen Sehnsucht habe! Wie stellst du dir
das eigentlich vor?
Hast du meinen Brief vom Sonntag bekommen?
Unterdessen traf hier ein ganz beglückter Brief von … Brunner1 ein, dem ich scheinbar diesmal mit
«Lindigkeit« [Phil. 4,5 u. ö.]
viel mehr zugesetzt habe als zuvor mit Grimm. Der Fall ist wohl im Grunde ganz
einfach: er möchte irgendwie beachtet, auf- und mitgenommen sein, und in diesem
schließlich begreiflichen Streben macht er dann Dummheiten. Wir werden ihn in Zukunft «pfleglich»
behandeln müssen.
Was mache ich morgen? Die Bücher sind nämlich – o schöner Vorwand! – noch nicht
da. Und also mache ich mit Peter Meyer einen Tagesritt nach
Einsiedeln und zurück über den
Etzel2. Im Übrigen |515 habe ich noch viele Briefe zu schreiben. Alles wartet
dann hier auf dich.
Wie mag’s jetzt an der Siebengebirgstraße aussehen? Im Presbyterium habe ich mich abgemeldet und
Bleibtreu
geschrieben3, daß es nun seine Sache sei, die Gruppe «Für die Freiheit des
Evangeliums»4 weiter zu
führen. Sag, hat er wohl ein Honorar bekommen? Doch du sollst dich jetzt um
geschäftliche Dinge nicht kümmern, sondern nur wieder gesund werden. Auch Frau
Schlomka bekam einen Brief
und natürlich Hannele!5 Die
Portokosten, die ich Rudis verursache, wachsen
in diesen Tagen ins Unendliche. Heute morgen hatte ich mit Gerty ein Gesprächlein über
ihren Lebensstand und Seelenzustand. Beide sind
wohl immer noch ein bißchen geheimnisvoller und zugleich … einfacher, als man
immer wieder denkt. Auch sie begehrt schließlich nur, so richtig aufgenommen zu
werden. Das ist’s wohl überhaupt, was die Menschheit von uns verlangt und was
wir ihr wohl noch mehr als bisher leisten müssen.
516 Was war das für eine schmale Karte, auf der du mir zuletzt schriebst? Und von
wem das – in der Lehre übrigens
nicht ganz einwandfreie, aber schöne Gedicht?? Solltest du es etwa gar selber gemacht haben???
Leine Eyth bzw. Frau Mosetter war acht Tage
hier und gefiel mir besser als früher, obwohl ich gegen alles Badensische nach
wie vor ernste Vorbehalte habe. Ich mußte ihr einen ernsten kleinen Mahnbrief
mitgeben an eine in Schiltach existierende Frau Oberstleutnant, die sich auf
mich beruft zugunsten eines phantastischen Planes, dessen Hauptpunkte darin
bestehen, daß 1. ihr eigener Mann, 2. die Frau des dortigen Pfarrers durch Tod
vom Schauplatz abzugehen hätten, damit sie selbst dann den Pfarrer heiraten und
mit ihm zusammen irgend ein Erlösungswerk vollbringen könne. Nochmals: es gibt
nichts, was es nicht gibt, und die Theol[ogische] Existenz muß offenbar zu
Vielem gut sein.
Frhr. von Pechmann hat mir wieder einen geradezu zärtlichen Brief
geschrieben.6 In der Grafschaft Bentheim wissen sie offenbar von Allem
noch gar nichts und rufen mir dringlichst zu, ich solle zu einer neuen
Versöhnungsaktion dorthin kommen. Ich habe eben zwei Briefe dorthin gerichtet.
Heute kam ein rührendes kleines Schreiben von der Sozietät!7
Hesse spekuliert (der
Vater nämlich!) bereits auf die nach vier Jahren erfolgende Wiederkehr Calvins nach Genf.8 Ich verwehrte es ihm nicht,
erinnerte ihn aber an die 1000, ja 10 000 Jahre des dritten Reiches und an mein Alter von
bereits 49 Jahren.9
517 Liebe Lollo, was könnte ich dir noch schreiben, um dich zu unterhalten, zu
erheitern, zu trösten? Die eigentlichen Dinge, nicht wahr, lassen sich ja doch
nicht aufs Papier bringen. Du weißt sie schon. Ich bin hier ja trotz Allem auch
äußerlich etwas verlassen.
Z. B. ist mir jetzt eben der Tabak ausgegangen, und weil Gerty große Wäsche hat, kann
ich in dieser Sache nicht einmal einen Zwilling10 in Marsch setzen.
Rudis
Bilderbuch ist nun erschienen, in welchem man irgendwo auch m. L. vor dem
Spiegel schreiben sieht.11 Im ersten Augenblick war
übrigens lauter Jammer und Verstimmtheit, weil irgend ein paar ästhetische
Details nicht klappen sollen, was Gerty dann sofort aussprach,
worauf Rudi in tiefe Depression versank. Weißt du, daß Heiner nach Ostern in einem Konfirmandenverein einen Vortrag über
mich gehalten hat?12 Mit diesen Kindern wird man
immer wieder Überraschungen erleben.
Morgen kann und werde ich dir also, weil unterwegs, nicht schreiben. Umso
bestimmter hoffe ich nach meiner Rückkehr viele Briefe von dir vorzufinden. Aber
doch nur, wenn der Zustand deines Köpfleins es dir überhaupt erlaubt,
dich in dieser Weise zu beschäftigen. Telephonieren kannst du mir wohl noch
nicht? Nein, bleib in deinem Bettelein, es ist besser so. Du siehst, wie es mich
dauernd hin und her zieht.
M. l.L. I. h. d. s. l.!
Ich lasse Träublein grüßen! Was sagt denn er zu Allem?