Familie
Charlotte von Kirschbaum, nach ihrer Geburtsurkunde mit vollem Namen Charlotte
Emilie Henriette Eugenie, wird am 25. Juni 1899 in Ingolstadt geboren als
Tochter des bayerischen Militärs Maximilian Sigmund Wilhelm von Kirschbaum (geboren 1862 in Nürnberg, gefallen 1916) und dessen Frau
Henriette Therese Josefina Maria, geborener Freiin von Brück (geboren
1874 in Eichstätt, gestorben 1946 in Seeshaupt).
Charlottes älterer Bruder Maximilian Eduard
Karl von Kirschbaum (1897–1974) kommt ebenfalls in Ingolstadt zur Welt. Er ist
Zollbeamter und zuletzt Oberstleutnant der Wehrmacht. Ihr jüngerer Bruder Hans
Friedrich Karl wird 1902 in München geboren, er wird im Krieg im September 1944
in Lothringen als vermißt gemeldet.
Schulbesuche
Über die ersten Schuljahre von Kirschbaums liegen keine Dokumente
vor. Von 1910 bis 1912 besucht sie die «Höhere Mädchenschule» in Ulm in
Württemberg.
Im Sommer 1912 zieht die Familie in die bayerische Stadt Amberg in der Oberpfalz,
wo von Kirschbaum bis 1915 die «Höhere Mädchenschule mit Erziehungs-Institut der
Armen Schulschwestern v. U. L. Fr. in Amberg» besucht. In ihrem Abgangszeugnis
vom 15. Juli 1915 wird ihr bescheinigt, daß sie die Schule «bei sehr großem
Fleiße und sehr lobenswürdigem Betragen» besucht habe. Dabei erreicht sie in den
einzelnen Schulfächern fast durchgehend die Note «sehr gut».
Im Jahre 1915 tritt von Kirschbaum in die «Frauenschule München» am St. Annaplatz
ein. Im zweiten Frauenschuljahr 1916/17 besucht sie die «Abteilung für
Kindererziehung». Am Schluß des Schuljahres 1916/17 besteht sie die «Prüfung für
Erzieherinnen».
XXXVI
Tod des Vaters
Ein tiefer Einschnitt im Leben der gerade 17jährigen Charlotte
ist der plötzliche Tod ihres Vaters. Dieser fällt
am 25. Oktober 1916 als Generalmajor und Kommandeur der 6. bayerischen
Infanteriedivision bei La Basse in Frankreich.
Berufliche Tätigkeiten 1917 bis 1921
Von 1917 bis 1919 ist von Kirschbaum in München an der
Überwachungsstelle der «1. Königlich Bayerischen Armee Korpstruppen» tätig und
dort den «Sanitätskompanien des Korpsbereiches» zugeordnet.
Vom 7. Januar 1920 bis zum 15. Mai 1920 ist sie als Stenotypistin in der Kanzlei
des Münchner Rechtsanwaltes Dr. Max Pereles angestellt.
Vom 1. Juli 1920 bis zum 31. Dezember 1921 steht sie in München im Dienste der
Bayerischen Vereinsbank in der Filialen-Abteilung.
«Rotkreuzschwester Annelotte»
Am 31. Januar 1922 tritt von Kirschbaum als «Lernschwester
Annelotte» in den Schwesternverband des Bayerischen Landesvereins vom Roten
Kreuz ein. Sie erhält eine praktische und theoretische Ausbildung in der
allgemeinen Krankenpflege, die sie mit einer staatlichen Prüfung am 7. Mai 1927
erfolgreich abschließt.
Am 14. April 1923 unterschreibt sie mit dem Tauf- und Familiennamen «Charlotte
von Kirschbaum» und dem Schwesternnamen «S. Annelotte» das Gelöbnis als
Rotkreuzschwester. Am 30. April 1923 erhält sie nach einer Zwischenprüfung mit
der «Gesamtnote I» den «Ausweis für staatlich anerkannte Krankenpflegepersonen».
Am 1. Mai 1925 tritt sie in die Reihen der freiwilligen Hilfsschwestern
über.
Vom 20. September 1925 bis zum 17. August 1926 ist von Kirschbaum im Rahmen ihrer
weiteren Ausbildung als Rotkreuzschwester im Städtischen Krankenhaus Krefeld
tätig.
Gemäß dem Zeugnis der «Vorstandschaft des Kranken- und Schwesternhauses» vom
«Bayerischen Landesverein vom Roten |XXXVII Kreuz» vom 7. Mai 1927
findet «Schwester Annelotte» von 1923-1927 u. a. folgende «Verwendung: 5
Monate in dem unserer eigenen Krankenanstalt angegliederten Wöchnerinnenheim, 5
Monate in der Privatpflege, 1 Jahr und 8 Monate auf unserer Außenstation
Mütterheim, München, Taxisstraße und nahezu 1 Jahr im Städt. Krankenhaus
Crefeld». Zur Beurteilung ihrer Arbeit steht in dem Zeugnis: «Auf allen
Arbeitsfeldern hat sich die freiwillige Schwester Annelotte durch ihre
gewissenhafte, opferbereite Pflichterfüllung und ihre stets freundliche, ruhige
Art volle Zufriedenheit und aufrichtige Sympathien erworben.»
Am 1. Februar 1929 legt von Kirschbaum ihre Tätigkeit beim Roten Kreuz endgültig
nieder. In dem Austrittszeugnis heißt es: «Freiwillige Schwester Annelotte
von Kirschbaum hat sich durch ihre liebenswürdige, allzeit
hilfsbereite und stets entgegenkommende Art, sowie durch ihre gewissenhafte
Pflichterfüllung die Sympathien sowohl ihrer Pfleglinge, als auch ihrer
Vorgesetzten zu erwerben gewußt. Ihre zarte Körperkonstitution war jedoch den
Anforderungen des Krankenpflegeberufes auf die Dauer nicht gewachsen, und sie
erbat sich daher ihren Austritt, um sich der Fürsorgetätigkeit
zuzuwenden.»
«Soziale Frauenschule der Stadt München»
Am 28. April 1927 tritt von Kirschbaum in die Unterstufe der
Münchner Sozialen Frauenschule ein. Sie beginnt eine zweijährige Ausbildung an
dieser Schule, deren im Juni 1919 zu ihrer Eröffnung erschienenes Programm
fordert: «Sie muß in erster Linie Erziehungsschule sein, eine Anstalt zur
Heranbildung sozialer Berufsarbeiterinnen, wie unsere Zeit sie braucht, erfüllt
von sozialen Idealen und brennend von sozialem Reform- und Hilfswillen. Allein
sie muß auch ein bedeutendes Maß von Wissen, geistiger Bildung und
Unabhängigkeit vermitteln.»1
XXXVIIIZum Abschluß ihrer Ausbildung an der Münchner Frauenschule unterzieht sich von
Kirschbaum «der staatlichen Prüfung für Wohlfahrtspflegerinnen mit Erfolg». Ihr
Prüfungszeugnis vom 21. März 1929 weist die «Gesamtnote I = hervorragend» aus.
In dem Zeugnis heißt es: «Auf Grund ihrer Bewährung in der praktischen Arbeit
wird sie als ‹hervorragend geeignet› zum Berufe einer Wohlfahrtspflegerin
erachtet.» Die schriftliche Arbeit vom Januar 1929 hat «Die
Arbeitsverhältnisse der Schwesternschaft vom bayerischen Roten Kreuz» zum Thema
(Maschinenschrift, 41 S.).
Begegnungen mit Karl Barth - gemeinsame Reisen
Ab 1921 knüpft sich ein enger Kontakt zu dem Münchner Pfarrer und
StudienratGeorg Merz, der seit 1919
ganz durch die Endeckung des «Römerbriefes» von Karl Barth
📖 und den
bald einsetzenden persönlichen Austausch mit Barth bewegt und bestimmt ist.2 In den
«fast täglichen Begegnungen» von Kirschbaums mit Merz3 sind
die Veröffentlichungen Barths und die für den Kreis um Merz «bislang
völlig ungewohnte Art seiner Bibelauslegung»4 gewiß eines der wichtigsten
Themen. Vermutlich sieht von Kirschbaum Barth zum ersten Mal in den Jahren 1922
und 1923 in der Gemeinde von Merz in München-Laim.
Vom 19. bis zum 30. Juli 1924 ist von Kirschbaum zusammen mit Georg Merz das erste Mal zu Gast auf dem
Bergli in Oberrieden, ohne dort Karl Barth zu begegnen.5
Am 22. Juli 1925 reist sie gemeinsam mit Georg Merz erneut zum Bergli, wo Barth drei Wochen
später, am 12. August, eintrifft. So kommt es in den folgenden Tagen zu ersten
längeren Begegnungen mit Karl Barth (alle reisen am 28. August wieder ab).
Über Sylvester und Neujahr 1925/26 besucht von Kirschbaum Barth in Göttingen. Ein
alles entscheidender Besuch erfolgt am 24. Februar
1926 in Münster. Am 11. Juli 1926 besuchen beide die «Gesolei» (Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und |XXXIX Leibesübungen) in Düsseldorf. Vom 17. August bis Ende September 1926 halten
sich Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth auf dem Bergli auf.
1927 verbringen beide die Tage um Ostern (17. April) ebenfalls auf dem Bergli und
unternehmen von dort aus Ausflüge auf den Albis und nach Bern. Im Anschluß
fahren sie nach Bamberg und besuchen die fränkische Schweiz. Im August 1927 hält
sich von Kirschbaum mit Barth und seiner Familie zu gemeinsamen Ferien in
Nöschenrode/Harz auf, wo sie beide «mit der Dogmatik alle Hände voll zu tun»
haben6: Barth diktiert ihr das für die Drucklegung
überarbeitete Manuskript seiner Vorlesung vom Wintersemester 1926/27
«Prolegomena zur Dogmatik» in die Schreibmaschine. Am 11./12. September 1927
unternehmen sie eine Reise zum Niederrhein und am 8. Oktober 1927 eine Wanderung
«durch den oberfränkischen ‹Gottesgarten›»7. Über Weihnachten und Neujahr 1927/28 besucht von
Kirschbaum Karl Barth in Münster, wo sie sich gemeinsam in Heinrich Barths «Philosophie der praktischen Vernunft» vertiefen.8
Am 10. April 1928 treffen sich von Kirschbaum und Gerty Pestalozzi in Düsseldorf bei
einem Vortrag Barths. Zu dritt reisen sie von da aus nach Frankfurt/M. und
weiter aufs Bergli. Vom 29. September bis zum 15. Oktober 1928 halten sie sich
erneut auf dem Bergli auf. Am 23. Dezember 1928 fährt Barth nach Köln, um von
Kirschbaum von da aus nach Münster zu begleiten. Während dieses Besuches fassen
sie gemeinsam am 1. Januar 1929 den Entschluß, daß von Kirschbaum «ganz» zu
Barth kommen solle.9
Das Freisemester im Sommer 1929 verbringt Barth vom 13. April bis zum 23.
September gemeinsam mit von Kirschbaum auf dem Bergli, die ihm dort unermüdlich
beim Ergänzen seines «Zeddelkastens», seiner Kartei zu theologischen
Schlagwörtern, zur Hand geht. Sie reisen zusammen vom 2. bis zum 4. Juni nach
Bern und vom 8. bis zum 26. Juni gemeinsam mit Pestalozzis nach Italien.
XLAuf den 15. Oktober 1929 erwartet Barth von Kirschbaum zum Einzug in die
Himmelreichallee 43 in Münster.10 Charlotte von
Kirschbaum tritt in Barths Haushalt ein und wird nun tatsächlich Barths
«Ministerium des Innern und des Äußern in einer Person»11.
Nach 1929 wird das Leben miteinander in Münster bzw. in Bonn durch gemeinsame
Ferien auf dem Bergli im Frühjahr und Herbst und durch Reisen unterbrochen, die
Barth zu seiner Mutter nach Bern und von Kirschbaum zu ihrer Mutter nach München
unternimmt.
Zulassung zum Studium ohne Reifezeugnis
Nach zwei fünfstündigen Klausuren am 7. und 8. März 1933 und nach
einem Kolloquium am 10. März 1933 schlägt die «Prüfungsstelle für die
Zulassung zum Studium ohne Reifezeugnis» in Berlin am 11. März 1933 vor,
dem Antrag von Kirschbaums «auf Zulassung zum Studium der Evangelischen
Theologie ohne Reifezeugnis zu entsprechen».
Quellen
Die Angaben zum Leben von Charlotte von Kirschbaum stützen sich
auf verschiedene Quellen: Dokumente, Unterlagen und Photos aus dem Karl
Barth-Archiv; Akten des Stadtarchivs München; Auskünfte und Dokumente der
«Schwesternschaft München vom BRK e. V.»; Auskünfte aus der
Paul-Gerhardt-Gemeinde in München-Laim; privat zur Verfügung gestellte Photos
mit kurzen Notizen. Daneben sind Hinweise aus dem Briefwechsel zwischen Karl
Barth und Charlotte von Kirschbaum sowie aus dem Briefwechsel zwischen Karl
Barth und Eduard Thurneysen
und aus Eberhard Buschs «Karl Barths Lebenslauf»
📖 verarbeitet.
Der Abriß greift somit auf Quellen und Angaben zurück, die als gesichert gelten
dürfen. Auf nicht eindeutig nachweisliche Angaben wird verzichtet, so daß dieser
Abriß zeitliche Lücken in der Biographie von Kirschbaums aufweist. Aufgrund der
Quellenlage bilden |XLI Zeugnisse aus der Zeit der Schule und
der weiteren Ausbildung den Schwerpunkt. Eine wichtige Quelle sind dabei alle
Angaben zur «Sozialen Frauenschule der Stadt München», die Charlotte von
Kirschbaum von 1927-1929 besucht. Der Besuch dieser Münchner Frauenschule
verdient ein besonderes Augenmerk als eine Art Abschluß der Ausbildung Charlotte
von Kirschbaums und der fachlichen Qualifikation zu ihrer späteren Mitarbeit bei
Karl Barth.
Mit vielen Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Leben von Charlotte von
Kirschbaum beschäftigt haben, teile ich die Meinung, daß bis heute «Ch. v.
Kirschbaums theologisches Lebenswerk im Hintergrund Karl Barths noch nicht
annähernd angemessen gewürdigt worden» ist.12 Ein wichtiger Schritt dazu wäre die Erstellung einer
Biographie, in der wir mehr über ihre Kindheit und Jugendzeit und ihren
Werdegang erfahren, ehe es zur für ihr Leben prägenden Begegnung mit Karl Barth
gekommen ist.
Rolf-Joachim Erler