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Biographische Daten zu Charlotte von Kirschbaum von 1899 bis 1935

XXXV

BIOGRAPHISCHE DATEN ZU
CHARLOTTE VON KIRSCHBAUM
VON 1899 BIS 1935

Familie

Charlotte von Kirschbaum, nach ihrer Geburtsurkunde mit vollem Namen Charlotte Emilie Henriette Eugenie, wird am 25. Juni 1899 in Ingolstadt geboren als Tochter des bayerischen Militärs Maximilian Sigmund Wilhelm von Kirschbaum (geboren 1862 in Nürnberg, gefallen 1916) und dessen Frau Henriette Therese Josefina Maria, geborener Freiin von Brück (geboren 1874 in Eichstätt, gestorben 1946 in Seeshaupt).

Charlottes älterer Bruder Maximilian Eduard Karl von Kirschbaum (1897–1974) kommt ebenfalls in Ingolstadt zur Welt. Er ist Zollbeamter und zuletzt Oberstleutnant der Wehrmacht. Ihr jüngerer Bruder Hans Friedrich Karl wird 1902 in München geboren, er wird im Krieg im September 1944 in Lothringen als vermißt gemeldet.

Schulbesuche

Über die ersten Schuljahre von Kirschbaums liegen keine Dokumente vor. Von 1910 bis 1912 besucht sie die «Höhere Mädchenschule» in Ulm in Württemberg.

Im Sommer 1912 zieht die Familie in die bayerische Stadt Amberg in der Oberpfalz, wo von Kirschbaum bis 1915 die «Höhere Mädchenschule mit Erziehungs-Institut der Armen Schulschwestern v. U. L. Fr. in Amberg» besucht. In ihrem Abgangszeugnis vom 15. Juli 1915 wird ihr bescheinigt, daß sie die Schule «bei sehr großem Fleiße und sehr lobenswürdigem Betragen» besucht habe. Dabei erreicht sie in den einzelnen Schulfächern fast durchgehend die Note «sehr gut».

Im Jahre 1915 tritt von Kirschbaum in die «Frauenschule München» am St. Annaplatz ein. Im zweiten Frauenschuljahr 1916/17 besucht sie die «Abteilung für Kindererziehung». Am Schluß des Schuljahres 1916/17 besteht sie die «Prüfung für Erzieherinnen».

XXXVI

Tod des Vaters

Ein tiefer Einschnitt im Leben der gerade 17jährigen Charlotte ist der plötzliche Tod ihres Vaters. Dieser fällt am 25. Oktober 1916 als Generalmajor und Kommandeur der 6. bayerischen Infanteriedivision bei La Basse in Frankreich.

Berufliche Tätigkeiten 1917 bis 1921

Von 1917 bis 1919 ist von Kirschbaum in München an der Überwachungsstelle der «1. Königlich Bayerischen Armee Korpstruppen» tätig und dort den «Sanitätskompanien des Korpsbereiches» zugeordnet.

Vom 7. Januar 1920 bis zum 15. Mai 1920 ist sie als Stenotypistin in der Kanzlei des Münchner Rechtsanwaltes Dr. Max Pereles angestellt.

Vom 1. Juli 1920 bis zum 31. Dezember 1921 steht sie in München im Dienste der Bayerischen Vereinsbank in der Filialen-Abteilung.

«Rotkreuzschwester Annelotte»

Am 31. Januar 1922 tritt von Kirschbaum als «Lernschwester Annelotte» in den Schwesternverband des Bayerischen Landesvereins vom Roten Kreuz ein. Sie erhält eine praktische und theoretische Ausbildung in der allgemeinen Krankenpflege, die sie mit einer staatlichen Prüfung am 7. Mai 1927 erfolgreich abschließt.

Am 14. April 1923 unterschreibt sie mit dem Tauf- und Familiennamen «Charlotte von Kirschbaum» und dem Schwesternnamen «S. Annelotte» das Gelöbnis als Rotkreuzschwester. Am 30. April 1923 erhält sie nach einer Zwischenprüfung mit der «Gesamtnote I» den «Ausweis für staatlich anerkannte Krankenpflegepersonen». Am 1. Mai 1925 tritt sie in die Reihen der freiwilligen Hilfsschwestern über.

Vom 20. September 1925 bis zum 17. August 1926 ist von Kirschbaum im Rahmen ihrer weiteren Ausbildung als Rotkreuzschwester im Städtischen Krankenhaus Krefeld tätig.

Gemäß dem Zeugnis der «Vorstandschaft des Kranken- und Schwesternhauses» vom «Bayerischen Landesverein vom Roten |XXXVII Kreuz» vom 7. Mai 1927 findet «Schwester Annelotte» von 1923-1927 u. a. folgende «Verwendung: 5 Monate in dem unserer eigenen Krankenanstalt angegliederten Wöchnerinnenheim, 5 Monate in der Privatpflege, 1 Jahr und 8 Monate auf unserer Außenstation Mütterheim, München, Taxisstraße und nahezu 1 Jahr im Städt. Krankenhaus Crefeld». Zur Beurteilung ihrer Arbeit steht in dem Zeugnis: «Auf allen Arbeitsfeldern hat sich die freiwillige Schwester Annelotte durch ihre gewissenhafte, opferbereite Pflichterfüllung und ihre stets freundliche, ruhige Art volle Zufriedenheit und aufrichtige Sympathien erworben.»

Am 1. Februar 1929 legt von Kirschbaum ihre Tätigkeit beim Roten Kreuz endgültig nieder. In dem Austrittszeugnis heißt es: «Freiwillige Schwester Annelotte von Kirschbaum hat sich durch ihre liebenswürdige, allzeit hilfsbereite und stets entgegenkommende Art, sowie durch ihre gewissenhafte Pflichterfüllung die Sympathien sowohl ihrer Pfleglinge, als auch ihrer Vorgesetzten zu erwerben gewußt. Ihre zarte Körperkonstitution war jedoch den Anforderungen des Krankenpflegeberufes auf die Dauer nicht gewachsen, und sie erbat sich daher ihren Austritt, um sich der Fürsorgetätigkeit zuzuwenden.»

«Soziale Frauenschule der Stadt München»

Am 28. April 1927 tritt von Kirschbaum in die Unterstufe der Münchner Sozialen Frauenschule ein. Sie beginnt eine zweijährige ­Ausbildung an dieser Schule, deren im Juni 1919 zu ihrer Eröffnung ­erschienenes Programm fordert: «Sie muß in erster Linie Erziehungsschule sein, eine Anstalt zur Heranbildung sozialer Berufsarbeiterinnen, wie unsere Zeit sie braucht, erfüllt von sozialen Idealen und brennend von sozialem Reform- und Hilfswillen. Allein sie muß auch ein bedeutendes Maß von Wissen, geistiger Bildung und Unabhängigkeit vermitteln.»1

XXXVIIIZum Abschluß ihrer Ausbildung an der Münchner Frauenschule unterzieht sich von Kirschbaum «der staatlichen Prüfung für Wohlfahrtspflegerinnen mit Erfolg». Ihr Prüfungszeugnis vom 21. März 1929 weist die «Gesamtnote I = hervorragend» aus. In dem Zeugnis heißt es: «Auf Grund ihrer Bewährung in der praktischen Arbeit wird sie als ‹hervorragend geeignet› zum Berufe einer Wohlfahrtspflegerin erachtet.» Die schriftliche Arbeit vom Januar 1929 hat «Die Arbeitsverhältnisse der Schwesternschaft vom bayerischen Roten Kreuz» zum Thema (Maschinenschrift, 41 S.).

Begegnungen mit Karl Barth - gemeinsame Reisen

Ab 1921 knüpft sich ein enger Kontakt zu dem Münchner Pfarrer und StudienratGeorg Merz, der seit 1919 ganz durch die Endeckung des «Römerbriefes» von Karl Barth 📖 und den bald einsetzenden persönlichen Austausch mit Barth bewegt und bestimmt ist.2 In den «fast täglichen Begegnungen» von Kirschbaums mit Merz3 sind die Veröffentlichungen Barths und die für den Kreis um Merz «bislang völlig ungewohnte Art seiner Bibelauslegung»4 gewiß eines der wichtigsten Themen. Vermutlich sieht von Kirschbaum Barth zum ersten Mal in den Jahren 1922 und 1923 in der Gemeinde von Merz in München-Laim.

Vom 19. bis zum 30. Juli 1924 ist von Kirschbaum zusammen mit Georg Merz das erste Mal zu Gast auf dem Bergli in Oberrieden, ohne dort Karl Barth zu begegnen.5

Am 22. Juli 1925 reist sie gemeinsam mit Georg Merz erneut zum Bergli, wo Barth drei Wochen später, am 12. August, eintrifft. So kommt es in den folgenden Tagen zu ersten längeren Begegnungen mit Karl Barth (alle reisen am 28. August wieder ab).

Über Sylvester und Neujahr 1925/26 besucht von Kirschbaum Barth in Göttingen. Ein alles entscheidender Besuch erfolgt am 24. Februar 1926 in Münster. Am 11. Juli 1926 besuchen beide die «Gesolei» (Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und |XXXIX Leibesübungen) in Düsseldorf. Vom 17. August bis Ende September 1926 halten sich Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth auf dem Bergli auf.

1927 verbringen beide die Tage um Ostern (17. April) ebenfalls auf dem Bergli und unternehmen von dort aus Ausflüge auf den Albis und nach Bern. Im Anschluß fahren sie nach Bamberg und besuchen die fränkische Schweiz. Im August 1927 hält sich von Kirschbaum mit Barth und seiner Familie zu gemeinsamen Ferien in Nöschenrode/Harz auf, wo sie beide «mit der Dogmatik alle Hände voll zu tun» haben6: Barth diktiert ihr das für die Drucklegung überarbeitete Manuskript seiner Vorlesung vom Wintersemester 1926/27 «Prolegomena zur Dogmatik» in die Schreibmaschine. Am 11./12. September 1927 unternehmen sie eine Reise zum Niederrhein und am 8. Oktober 1927 eine Wanderung «durch den oberfränkischen ‹Gottesgarten›»7. Über Weihnachten und Neujahr 1927/28 besucht von Kirschbaum Karl Barth in Münster, wo sie sich gemeinsam in Heinrich Barths «Philosophie der praktischen Vernunft» vertiefen.8

Am 10. April 1928 treffen sich von Kirschbaum und Gerty Pestalozzi in Düsseldorf bei einem Vortrag Barths. Zu dritt reisen sie von da aus nach Frankfurt/M. und weiter aufs Bergli. Vom 29. September bis zum 15. Oktober 1928 halten sie sich erneut auf dem Bergli auf. Am 23. Dezember 1928 fährt Barth nach Köln, um von Kirschbaum von da aus nach Münster zu begleiten. Während dieses Besuches fassen sie gemeinsam am 1. Januar 1929 den Entschluß, daß von Kirschbaum «ganz» zu Barth kommen solle.9

Das Freisemester im Sommer 1929 verbringt Barth vom 13. April bis zum 23. September gemeinsam mit von Kirschbaum auf dem Bergli, die ihm dort unermüdlich beim Ergänzen seines «Zeddelkastens», seiner Kartei zu theologischen Schlagwörtern, zur Hand geht. Sie reisen zusammen vom 2. bis zum 4. Juni nach Bern und vom 8. bis zum 26. Juni gemeinsam mit Pestalozzis nach Italien.

XLAuf den 15. Oktober 1929 erwartet Barth von Kirschbaum zum Einzug in die Himmelreichallee 43 in Münster.10 Charlotte von Kirschbaum tritt in Barths Haushalt ein und wird nun tatsächlich Barths «Ministerium des Innern und des Äußern in einer Person»11.

Nach 1929 wird das Leben miteinander in Münster bzw. in Bonn durch gemeinsame Ferien auf dem Bergli im Frühjahr und Herbst und durch Reisen unterbrochen, die Barth zu seiner Mutter nach Bern und von Kirschbaum zu ihrer Mutter nach München unternimmt.

Zulassung zum Studium ohne Reifezeugnis

Nach zwei fünfstündigen Klausuren am 7. und 8. März 1933 und nach einem Kolloquium am 10. März 1933 schlägt die «Prüfungsstelle für die Zulassung zum Studium ohne Reifezeugnis» in Berlin am 11. März 1933 vor, dem Antrag von Kirschbaums «auf Zulassung zum Studium der Evangelischen Theologie ohne Reifezeugnis zu entsprechen».

Quellen

Die Angaben zum Leben von Charlotte von Kirschbaum stützen sich auf verschiedene Quellen: Dokumente, Unterlagen und Photos aus dem Karl Barth-Archiv; Akten des Stadtarchivs München; Auskünfte und Dokumente der «Schwesternschaft München vom BRK e. V.»; Auskünfte aus der Paul-Gerhardt-Gemeinde in München-Laim; privat zur Verfügung gestellte Photos mit kurzen Notizen. Daneben sind Hinweise aus dem Briefwechsel zwischen Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum sowie aus dem Briefwechsel zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen und aus Eberhard Buschs «Karl Barths Lebenslauf» 📖 verarbeitet.

Der Abriß greift somit auf Quellen und Angaben zurück, die als gesichert gelten dürfen. Auf nicht eindeutig nachweisliche Angaben wird verzichtet, so daß dieser Abriß zeitliche Lücken in der Biographie von Kirschbaums aufweist. Aufgrund der Quellenlage bilden |XLI Zeugnisse aus der Zeit der Schule und der weiteren Ausbildung den Schwerpunkt. Eine wichtige Quelle sind dabei alle Angaben zur «Sozialen Frauenschule der Stadt München», die Charlotte von Kirschbaum von 1927-1929 besucht. Der Besuch dieser Münchner Frauenschule verdient ein besonderes Augenmerk als eine Art Abschluß der Ausbildung Charlotte von Kirschbaums und der fachlichen Qualifikation zu ihrer späteren Mitarbeit bei Karl Barth.

Mit vielen Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Leben von Charlotte von Kirschbaum beschäftigt haben, teile ich die Meinung, daß bis heute «Ch. v. Kirschbaums theologisches Lebenswerk im Hintergrund Karl Barths noch nicht annähernd angemessen gewürdigt worden» ist.12 Ein wichtiger Schritt dazu wäre die Erstellung einer Biographie, in der wir mehr über ihre Kindheit und Jugendzeit und ihren Werdegang erfahren, ehe es zur für ihr Leben prägenden Begegnung mit Karl Barth gekommen ist.

Rolf-Joachim Erler

Sachfußnoten

1
H. Major, «… ein Genie der Nächstenliebe». Dr. jur. Frieda Duensing , Bahnbrecherin und Begründerin der Jugendfürsorge in Deutschland (Veröffentlichung des Stadtarchivs Diepholz, Bd. 2), Diepholz 1985 📖, S. 23; zum Lehrprogramm der Schule und zum Alltag der Schülerinnen vgl. M. Hege, Die Soziale Frauenschule der Stadt München 1919-1945. Zur Geschichte der Professionalisierung geistiger und praktischer Mütterlichkeit, Alling 1999 📖.↩
2
Lichtenfeld, S. 160-166. 📖↩
3
A.a.O., S. 170. 📖↩
4
A.a.O., S. 166f. 📖↩
5
Siehe Ein Leben, S. 257. 📖↩
6
Bw. Th. II, S. 515 📖.↩
7
Vgl. Busch, S. 192 📖.↩
8
Bw. Th. II, S. 555 📖.↩
9
Siehe von Kirschbaums Brief vom 20. 1. 1935 (unten S. 453); vgl. Barths Brief vom 7. 8. 1929 (unten S. 98f.).↩
10
Vgl. Barths Brief vom 12.10.1929 (unten S. 125).↩
11
So später Barth über von Kirschbaum in seinem Brief an Georg Merz vom 16. März 1953 (s. Lichtenfeld, S. 170f., Anm. 65 📖).↩
12
So z. B. Lichtenfeld, S. 170. 📖 Neben der kleinen Biographie von Renate Köbler, die sich in ihren biographischen Angaben weitgehend auf Gespräche mit Zeitzeugen stützt: Schattenarbeit. Charlotte von Kirschbaum – die Theologin an der Seite Karl Barths. Mit einem Geleitwort von Rose Marie Barth und einer Nachlese von Hans Prolingheuer (Kleine Bibliothek, Bd. 409), Köln 1987 📖, ist heute jedoch nachdrücklich die Studie von Suzanne Selinger zu nennen: Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth. Eine biografisch-theologiegeschichtliche Studie. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Brenneke, Zürich 2004 📖.↩