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Charlotte von Kirschbaum. Einige Angaben aus ihrem Leben

XXXII

CHARLOTTE VON KIRSCHBAUM
EINIGE ANGABEN AUS IHREM LEBEN1

Charlotte von Kirschbaum kam am 25. Juni 1899 in Ingolstadt in Bayern zur Welt, als einzige Tochter des Generals Maximilian von Kirschbaum und seiner Gattin, geborener Freiin von Brück. Da die oft kränkliche Mutter ihren beiden Söhnen sehr nahe stand, entwickelte sich ein besonderes Band zwischen Vater und Tochter, wobei der Vater die Begabung Charlottes früh erkannte. Während des Ersten Weltkrieges verdiente sich das junge Mädchen sein Taschengeld bei der Briefzensur. Die anschließende Hungerszeit aber führte zu einer ernsten Beeinträchtigung von Charlottes Gesundheit. Auch der jähe Tod ihres Vaters im Ersten Weltkrieg machte ihr schwer zu schaffen. Wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck des Krieges entschied sie sich zu ihrer Ausbildung als Krankenschwester. Auf der Pflegerinnenschule in München wurde die Freundschaft mit Emmy Lentrodt geschlossen, mit der sie neben allem Menschlichen auch große theologische Interessen teilte, - bis eine Tuberkulose dem Leben der Freundin ein Ende setzte. Pfarrer Georg Merz in München entdeckte das wache Interesse der jungen Krankenschwester an Theologie und Gemeindearbeit, und er nahm sie 1925 zum ersten Mal mit zur Erholung aufs Bergli, wo sie in dem großen Freundeskreise des gastfreien Hauses von Ruedi und Gerty Pestalozzi auch Karl Barth kennen lernte.

Die Soziale Frauenschule, die Charlotte von Kirschbaum dann in München absolvierte, verließ sie mit hervorragenden Zeugnissen. Als die pflegerischen und sozialen Tätigkeiten später ein Ende nahmen, da Charlotte sich mehr zur theologischen Arbeit heranbildete, konnte sie in Berlin eine sogenannte Begabtenprüfung ablegen, welche zum Studium an der Universität berechtigte. Die wichtigsten Begriffe des Lateinischen und Griechischen sich anzueignen, war kein Problem, und durch umfangreiche theologische Lektüre wurde sie zunehmend befähigt, die Arbeit Karl Barths zu verstehen - ja zu unterstützen. Da sie |XXXIII für Karl Barth mehr und mehr unentbehrlich wurde als Begleiterin seines Lebens und als Mitarbeiterin an seinem Werk, lebte unsere "Tante Lollo" seit 1929 im Kreise unserer Familie. In der Monographie über Karl Barth von Professor Karl Kupisch wird die Tätigkeit der Verstorbenen wie folgt gewürdigt: "Als Barth den Plan zu seinem Lebenswerk faßte, das ohne eine sachkundige Hilfe gar nicht zu bewältigen war, war die auf eine solche Tätigkeit bereits vorbereitete Charlotte von Kirschbaum die wünschenswerte Kraft. Sie hat sich dieser Aufgabe über dreißig Jahre energisch und zielstrebig hingegeben, wußte mit fester Hand und zähem Eifer Steuerung und Wegrichtung des wachsenden Riesenwerkes an der Seite des Meisters so kenntnisreich zu überwachen, daß Barth von ihrer in aller Stille geübten Arbeit rühmen konnte: Ohne ihre Mitwirkung könnte dieses Werk nicht Tag für Tag gefördert werden und wüßte ich nicht, wie ich mir die Zukunft, die es haben mag, vorstellen sollte."2

Während der Kriegs- und Nachkriegsjahre spannen sich unzählige Fäden von Angefochtenen und Flüchtlingen aus den verschiedensten Ländern zu Karl Barth und seiner Mitarbeiterin, die sich mit Leidenschaft und Aufopferung tätig für diese Menschen einsetzte. Als Mitglied der Organisation "Freies Deutschland" vermochte sie in der Stille viel Wertvolles zu leisten. Als Charlotte von Kirschbaum im Jahre 1949, anläßlich einer Konferenz in Frankreich, vier Referate über das biblische Zeugnis der Frau zu halten hatte, konnte sie ihre eigene Forschung in der Bibel, in katholischer und existential-philosophischer Frauenliteratur fruchtbar machen. Das Büchlein "Die wirkliche Frau"3 ist der Ertrag ihrer eigenen Arbeit über die evangelische Lehre von der Frau. In der Tat hat sich Charlotte von Kirschbaum gegenüber vielen Studenten und politisch Verfolgten als "wirkliche Mutter" erwiesen!

Im Jahre 1962 begannen sich Krankheitssymptome zu zeigen, die auf eine allzu frühe Form eines Gehirnschwundes hinwiesen, und so schied die aufopfernde Mitarbeiterin mehr und mehr aus, bevor das große Werk ganz zum Abschluß gekommen war. Vier Jahre später |XXXIV wurde unsere liebe Verstorbene zur Pflege in die Psychiatrische Klinik "Sonnenhalde" in Riehen aufgenommen, wo sie bis zuletzt mit besonderer Hingabe und Gewissenhaftigkeit von Ärzten und Diakonissen betreut wurde. Dies erfüllt die Verwandten und Freunde mit großer Dankbarkeit.

Für die Patientin, die in den letzten Jahren gänzlich ans Bett gebunden war und geistig mehr und mehr abnahm, bedeutete das Hinscheiden am 24. Juli 1975 um 6 Uhr früh eine Erlösung - wir aber verlieren einen der Familie und unzähligen Freunden nahestehenden Menschen, dessen Wesen und Wirken unvergessen bleiben wird.

Nelly Barth

Franziska Zellweger-Barth,Markus Barth,

Christoph Barth, Hans Jakob Barth

Sachfußnoten

1
Der Text wurde von Nelly Barth und ihren Kindern für die Abdankung am 28. 7. 1975 verfaßt. Er ist gezeichnet mit «Familie Barth Basel». Die Predigt, die Helmut Gollwitzer bei der Feier über 1. Thess. 5,10 hielt, ist abgedruckt in: H. Gollwitzer, Nachrufe (Kaiser Traktate 27), München 1977, S. 31-35 📖.↩
2
K. Kupisch, Karl Barth in Selbstzeugnissen und Dokumenten (rowohlts monographien 174), Reinbek bei Hamburg 1971, S. 104 📖, vgl. KD III/3, S. VII 📖.↩
3
Ch. von Kirschbaum, Die wirkliche Frau, Zollikon-Zürich 1949. 📖↩