November 2009

Vorwort

VII

VORWORT

I. Zu dieser Edition

In den Jahren 1916–1921 war Karl Barth in starkem Maße - neben den pfarramtlichen Aufgaben und der Vortragstätigkeit, die seinen Wirkungskreis über Safenwil hinaus beträchtlich erweiterte – vom Studium des Römerbriefes in Anspruch genommen, das bekanntlich zur Veröffentlichung der zwei unterschiedlichen Kommentierungen führte (1919, 1922). Weniger bekannt dürfte sein, dass Barth sich in jenen Jahren intensiv mit weiteren neutestamentlichen Schriften beschäftigte, so vor allem mit der Apostelgeschichte, den Korintherbriefen (besonders 1.Kor. 15), dem Epheserbrief, dem Kolosserbrief und dem Hebräerbrief.1

Die konzentrierte Arbeit an neutestamentlichen Texten setzte Barth nach seiner überraschenden Berufung als Honorarprofessor für Reformierte Theologie an der Göttinger Universität fort.2 Barth las in seinem ersten Göttinger Semester, im Wintersemester 1921/22, zweistündig über den Heidelberger Katechismus und einstündig über den Epheserbrief. Schon die Kombination der beiden Vorlesungen hebt den grundsätzlichen Stellenwert der neutestamentlichen Exegese bei Barth hervor, denn mit der Veranstaltung über den Epheserbrief hat Barth seinen eigentlichen Lehrauftrag gleich zu Anfang überschritten.  |VIII Dieser Lehrauftrag umfasste die «Einführung in das reformierte Bekenntnis, die reformierte Glaubenslehre und das reformierte Gemeindeleben».3 Mit Ausnahme des Sommersemesters 1922, in dem Barth von der Calvin-Vorlesung zu sehr beansprucht war, so dass er eine geplante «Erklärung des Hebräerbriefes» absagen musste4, hielt er in Göttingen neben den theologisch-historischen und dogmatischen Kollegs die exegetischen Vorlesungen über den Jakobusbrief (1922/23), über 1.Korinther 15 (1923), über den 1. Johannesbrief (1923/24), den Philipperbrief (1924), den Kolosserbrief (1924/25) und die Bergpredigt (1925).5

Von diesen Lehrveranstaltungen sind in die vorliegende Sammlung, welche die seitherigen Editionen der exegetischen Werke Barths in der Gesamtausgabe fortsetzt6, die Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22 und die Erklärung des Jakobusbriefes W.S. 1922/23 aufgenommen. In stark überarbeiteter Form hat Barth die Vorlesung über den Jakobusbrief an der Universität Münster auf dem Lehrstuhl für Dogmatik und neutestamentliche Exegese, wohin er 1925 berufen worden war7, im Wintersemester 1928/29 vorgetragen. In Bonn hat er |IX diese Vorlesung im Sommersemester 1930 – anscheinend fast unverändert – wiederholt. Diese Münsteraner Vorlesung wird in einer Abschnittssynopse parallel zur Göttinger Vorlesung abgedruckt. Ergänzt werden diese drei Vorlesungen durch den Text Epheserbrief 1919/20, der noch in die Safenwiler Zeit gehört und an den Anfang gestellt ist.

Abgesehen von einem kleineren Teilabdruck aus der Jakobusbriefvorlesung von 1922/23 werden alle Auslegungen hier erstmals publiziert. Der Barth-Forschung wird damit Basismaterial für einen bislang wenig erforschten Bereich des Barthschen Oeuvres zugänglich: Die exegetischen Grundlagen seiner Theologie, die er nach dem programmatischen Beginn mit den beiden Römerbriefauslegungen in einer Reihe von Vorlesungen in Göttingen und Münster ausbaute. Barth hat Theologie grundsätzlich als Exegese verstanden und sich leidenschaftlich gegen die Umdeutung der so als Exegese verfassten Theologie in eine christliche Weltanschauung gewehrt. Für die heutige Rezeption geht es insbesondere um die Frage, wie sich Barth in der exegetischen Ausrichtung seiner Theologie und in seiner hermeneutischen Methode nach der zweiten Fassung des Römerbrief-Kommentars von 1922 weiter entwickelt hat. In der kritischen Rezeption reformatorischer Interpretationen und in der sich nun gegenüber den Römerbriefen intensivierenden Auseinandersetzung mit zeitgenössischen exegetischen Untersuchungen erarbeitet Barth Auslegungen, die in der theologischen Gedankenführung den historischen Rahmen der Exegese überschreiten und von existenzerhellender Evidenz sind.

II. Die einzelnen exegetischen Arbeiten

1. Epheserbrief 1919/20

Ein markanter Schwerpunkt in der Arbeit Barths als Gemeindepfarrer war von 1918 bis 1921 die Auseinandersetzung mit dem Epheserbrief, die er vor einem wechselnden Adressatenkreis unternahm. a) Barth berichtet seinem Freund Eduard Thurneysen im Brief vom 5.3.1918, dass er mit seinen Konfirmanden den Epheserbrief behandelt hatte: «Ich habs gewagt, mit den Konfirmanden den ganzen |X Epheserbrief kursorisch zu lesen, und brachte es doch nicht weiter als bis zu allerlei sehr aphoristischen Erklärungen, die dem Ganzen von ferne nicht gerecht wurden.»8 b) Vom 4. Mai 1919 bis zum 7. September 1919 hielt er eine Predigtreihe über den ganzen Epheserbrief, die 18 Predigten umfasst9: «Der Epheserbrief beschäftigt mich lebhaft und gibt [Predigt-]Stoff für den ganzen Sommer», wie Barth an Thurneysen schreibt.10 Zuvor hatte er diesem mitgeteilt, dass es dabei «immer nur in den größten Linien» zugeht, «alle Sonntage eigentlich das gleiche […]. Die Exegese kostet mich viel Mühe, doch lohnen sich die breiten Flächen, die dabei sichtbar werden.»11 c) Am 25.11.1919 teilt Barth Thurneysen mit, dass er tags zuvor mit dem «Diktat einer Übersetzung und kurzen Erklärung des Epheserbriefs begonnen» hat.12 Dieses Diktat wurde in den nächsten Wochen fortgesetzt. So schrieb Barth am 14.12.1919 wieder an Thurneysen: «Bist du auch so im Gedränge wie ich? Mir fliegen die Tage nur so hin. Seit drei Wochen diktiere ich zwei- bis dreimal wöchentlich eine Übersetzung und kurze Auslegung des Epheserbriefs; du kannst die Blätter besichtigen, wenn das Maß voll ist».13 Aus einem Brief an seine Mutter Anna Barth vom 9.12.1919 geht hervor, dass Barth dann – wenn nicht vielmehr auch schon in den Mitteilungen an Thurneysen dieses «Diktat» gemeint ist – «einem kleinen Kreis von Aufmerksamen» diese «kurze Erklärung des Epheserbriefs» «diktiert» hat (KBA 9219.27) – so wie ein Professor den Studenten die Leitsätze der Vorlesung in ihre Hefte diktierte. In einem weiteren Brief an seine Mutter vom 13.1.1920 findet sich die Notiz: «Das Diktat der Epheserbrieferklärung geht dem Ende entgegen.» (KBA 9220.3) d) Vom Frühjahr 1920 an veranstaltete Barth eine sonntagabendliche «Bibelbesprechung, wo beharrlich am Epheserbrief weiter wiedergekäut wird, bis alle Nester ausgenommen sind, soweit das geht» (Brief vom 3.5.1920 an Thurneysen).14 Die Abende über den Epheserbrief erstreckten sich bis zum 18.7.1920.15  |XI e) Barth sandte in den Sommermonaten 1920 sein Diktat der Auslegung des Epheserbriefes an Thurneysen, der Barth dann mitteilte, wie er beim Lesen von dessen «Blättern» daran dachte, «was für ein prachtvoll bewegtes Zeugnis dieser Brief ist» ( 1.6.1920).16 Barth bat sodann Thurneysen am 4.7.1920, seine Ausführungen zum Epheserbrief wieder zurückzuschicken, weil er inzwischen damit begonnen hatte, den Kolosserbrief zu studieren und dazu Vergleiche zwischen den beiden neutestamentlichen Texten anstellen wollte.17

Die Bedeutung der fortlaufenden Auslegung des Epheserbriefes 1919/20, die Barth im Manuskript mit der Überschrift «Der Epheserbrief 1919» versehen hat, obschon er über den Jahreswechsel hinaus damit beschäftigt war, besteht einmal darin, dass sie neben der homiletischen Auslegung die einzige vollständige exegetische Auslegung dieser Schrift von Barth ist. Zum anderen ermöglicht der Abdruck im Vergleich mit den Predigten, sich ein Bild von dem Stand der exegetischen und hermeneutischen Neuorientierung Barths noch in der pfarramtlichen Praxis zu machen. Barth hatte zunächst im Sommer 1919 eine Auslegung für die Predigten erarbeitet. Beim Verfassen der exegetischen Kommentierung im Winter 1919/20 wurden in einem zweiten Schritt18 «Anmerkungen» im Schema einer knappen Wort-für-Wort-Auslegung der Übersetzung angeschlossen. In einem dritten Schritt hat Barth die Erläuterung zur betreffenden Perikope noch in einem Summar der zugehörigen Predigt gebündelt, das interessanterweise öfter eine neue Akzentuierung gegenüber der gehaltenen Predigt bringt. Später - wohl im Herbst 1921 - hat Barth den Epheserbrief 1919/20 als Vorstufe seiner bevorstehenden Göttinger Vorlesung über den Epheserbrief verwendet, wie seine Sternchen-|XIIRandnotizen im Manuskript zeigen. Sie markieren einen Ausschnitt aus der von Barth benutzten Literatur, die er dann in der Vorlesung vermehrt herangezogen hat.

2. Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22

Die ersten Suchbewegungen nach Themen für Lehrveranstaltungen im ersten Göttinger Semester wurden rasch wieder verworfen.19 Im Brief vom 23.5.1921 an Thurneysen teilte Barth dann seinen Entschluss mit: «Ich habe nun zu meiner Erleichterung einen andern Plan gefaßt, nämlich in Göttingen für diesen Winter nur ein 2-stündiges Kolleg über den Epheserbrief, das ich im Rohbau schon habe, anzukündigen».20 Mit «Rohbau» ist sicherlich die kurze Kommentierung des Epheserbriefes 1919/20 gemeint. Allerdings änderte Barth seinen Plan noch einmal, da er nicht zweistündig, sondern einstündig über den Epheserbrief las und zusätzlich die Vorlesung über den Heidelberger Katechismus ins Programm nahm. Der künftige Göttinger ­Fakultätskollege Alfred Bertholet (1868–1951), Professor für Altes Testament, riet Barth im Brief vom 19.8.1921 jedoch, zunächst kein exegetisches Kolleg an der Universität anzuzeigen, «um unliebsamen Kollisionen» mit Kollegen «zu entgehen», und schlug vor, die von Barth vorgesehene Übung im reformierten Konvikt über den Heidelberger Katechismus in eine akademische öffentliche Vorlesung umzuwandeln (KBA 9321.207). Barth machte sich diesen Vorschlag zu eigen. Und zunächst wollte er sich auch in den ihm nahegelegten Verzicht auf den Epheserbrief in irenischer Absicht fügen, obschon ihm das «wider den Strich ging», wie er an Thurneysen wenige Tage später schrieb (22.8.).21 Schließlich ist Barth aber doch dabei geblieben, die Vorlesung über den Epheserbrief zu halten.

XIIIIn der Zeit des Übergangs vom Pfarramt ins universitäre Lehramt befand sich Barth in Zeitnot. Es waren Verhandlungen über seine Berufung als Professor zu führen mit verschiedenen Aufenthalten in Göttingen, die auch der Fühlungnahme mit der Fakultät dienten. Das Pfarramt stellte weiter seine Anforderungen, und gleichzeitig musste der Abschied aus dem Amt vorbereitet werden; unter anderem hatte Barth noch einen Bericht über die Gemeinde für den kantonalen Kirchenrat abzufassen22. In die Zeit des Abschieds von Safenwil fiel der Abschluss der Arbeit an der Neuauflage des Römerbriefes.23 Der Umzug nach Göttingen war zu organisieren. Und schließlich hatte sich Barth auf seine Lehrtätigkeit vorzubereiten. «Eins drängte das Andre und drängt noch», schrieb Barth am 16.11.1921 an Richard Siebeck (KBA 9221.69).

Vor Antritt der Professur besaß Barth also nicht viel Muße, um sich für die Lehrveranstaltungen über den Heidelberger Katechismus und den Epheserbrief vor dem Semesterbeginn vorzubereiten. Dennoch wollte er sich Zeit nehmen, um Kommentare über den Epheserbrief zu lesen. Im Sommer 1921 muss sich Barth darüber brieflich mit seinem künftigen Fakultätskollegen Erik Peterson (1890–1960), Privatdozent für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie, ausgetauscht haben. Peterson hat daraufhin und im Blick auf den von ihm diagnostizierten Kenntnisstand der Studenten vorgeschlagen, vor allem den Text zu erläutern, ohne auf die Literatur einzugehen: «Warum wollen Sie partout so viel Kommentare lesen? Hauptsache ist doch, dass die Studenten sich erst einmal den biblischen Text ansehen.»24 Obwohl er diese Intention durchaus teilte, hat Barth sich nicht an den Rat Petersons gehalten, wie die in den Gang der Vorlesung eingebaute Literatur zeigt.

Die Epheserbrief-Vorlesung hat Barth am 10.11.1921 begonnen. Sie fand am Donnerstag um 12 Uhr statt. Eine Vorlesungsstunde, wenn Barth sich nicht beim Datum verschrieben hat, wurde am Mittwoch, den 25.1.1922, gehalten. Barth schildert, dass er bei aller Freude am Unterricht mit den Anforderungen der Professur zu kämpfen hatte |XIV und wie sehr er im Semester davon in Atem gehalten war, den Stoff für die Vorlesung aufzubereiten: «In den Briefen mags ja wohl recht munter tönen. Aber du solltest mich sehen an den Vorlesungstagen, wo ich um 6 Uhr aufstehe und dann - um 8 Uhr einen Teller Suppe verschlingend - krüpple bis Schlags 12 Uhr, wo ich in vollem Galopp die vier Straßen hinunterrenne meinem Pültlein entgegen. Und du solltest meine bangen Sorgen kennen angesichts der Türme von Stoff, die ich nicht beherrsche und über die ich doch irgend etwas halbwegs Zureichendes sollte sagen können.»25

Es liegt auf der Hand, dass Barth gerade den Epheserbrief als exegetischen Unterrichtsgegenstand für sein erstes Semester wählte, weil er sich in den Jahren zuvor immer wieder damit beschäftigt hatte. Damit ist Barths wiederholte Lektüre des Epheserbriefes als Kontinuum in der Übergangszeit des Wechsels vom Pfarramt in die Professur zu sehen. Jahrzehnte später noch erinnerte sich Barth im hohen Alter im Gespräch mit Tübinger Stiftlern (1964) an sein erstes Semester als Professor in Göttingen: «Ich habe ganz bescheiden meine akademische Laufbahn begonnen; ich habe in der Woche nur 3 Vorlesungen gehalten». «Da greif’ ich mir heute [an] den Kopf: wie konnte ich es wagen, über den Epheserbrief einstündig anzuzeigen! Das geht doch nicht! Ich habe es also gemacht, bin natürlich kaum bis ins 2. Kapitel gekommen.»26

In zwölf Vorlesungsstunden kommt Barth in der Tat nur bis zum Schluss des ersten Kapitels des Epheserbriefes. In der dreizehnten und letzten Stunde am 23.2.1922 gibt er lediglich einen Überblick über die Kapitel 2-6. Es ist nur allzu verständlich, dass seine Studenten nach dem Fortgang der Vorlesung sich erkundigen, wie eine Randnotiz Barths im Vorlesungsmanuskript belegt. Eine Gliederung hat Barth |XV seiner Auslegung nicht vorangestellt. Im Fortgang der Vorlesung unterteilt er die Abschnitte im 1. Kapitel des Epheserbriefes wie folgt: V. 1-2; V. 3-14; V. 15-23. Barth bietet eine eindringende Exegese, die unter Heranziehung der Kommentare, der Einzelstudien und der Einleitungen bis auf die Auslegungen von Luther und Calvin zurückgreift. Im Verlauf des Semesters bemerkt Barth, dass sein Herz mehr für den Epheserbrief als für den Heidelberger Katechismus schlägt, der nach Barths Urteil «ein entschieden fragwürdiges Werk» ist, wohingegen der Epheserbrief ihm «natürlich sachlich viel ergiebiger» erscheint.27

Das Problem der Verfasserschaft und der Adressierung erörtert Barth einleitend relativ ausführlich, indem er in der fortlaufenden Textinterpretation darauf Bezug nimmt. Barth ist der Meinung, dass der Epheserbrief von Paulus stammt. Jedoch ist er weniger an der historischen Verifikation dieser Zuschreibung als viel mehr an den inhaltlichen Aussagen des Epheserbriefes interessiert: Mit dem apostolischen Gruß in Eph. 1,2 «sind wir im Paulus schon mitten drin» (S. 67). In Anknüpfung an Bengel bezeichnet Barth das Proömium als «ein Kompendium der paulinischen Grundgedanken» (S. 133). Dabei arbeitet Barth den Gedanken einer paradoxen Korrelation zwischen göttlichem Offenbarungsgeschehen und menschlicher Glaubens- und Erfahrungswelt, die in der die beiden Bereiche umspannenden christologischen Erkenntnis ihre Konkretion erfährt, als konstitutiv für das 1. Kapitel des Epheserbriefes heraus. Manche Passagen der Interpretation erinnern an den dialektischen Stil der Römerbrief-Kommentare, beispielsweise wenn Barth «die unendliche Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf» thematisiert, die gleichzeitig «unendliche Nähe» bedeutet (S. 71), oder wenn er zu Eph. 1,10 «die paradoxe Tatsache der Geschichtlichkeit des Christus, der Zeitlichkeit des Ewigen, der Einmaligkeit des göttlich Notwendigen» (S. 116) hervorhebt. Für die heutige exegetisch-theologische Besinnung ist jedoch nicht nur die jeweilige Auslegung der betreffenden Texteinheit von Interesse, sondern auch allgemein Barths Umgang mit den theologiegeschichtlich relevanten Positionen und überhaupt der Methode der historisch-kritischen Forschung.

XVI Barth berichtet über die Resonanz seines akademischen Unterrichts, zunächst in der Epheserbrief-Vorlesung: «Ich habe dort etwa 50-60 Studenten, im Heidelberger etwa 15, in den entsprechenden Übungen resp. Fragebeantwortungen 30 und 7». Das Auditorium ist buntgemischt: «Unter meinen Zuhörern sind viele alte Kriegsleute, ein Kompagniekommandant, ein Batteriechef (!), ein österreichischer Kaiserschützenleutnant (der hier täglich einige Stunden pflästert - mitten auf der Straße! - um Geld zu verdienen)». Dann «freilich auch allerlei grüne Büblein, Wandervögel, Beamtensöhne (die rasch fertig werden möchten), Schlüchterner Begeisterte usf. Die üblichen Wingolfiten-Bänder mit entsprechenden Gesichtern darüber fehlen auch nicht, und mehrere Hornbrillen, die mich starr betrachten, sind ebenfalls vorhanden. Kurz, ich bin ganz und gar im Herzen Deutschlands!!»28

3. Erklärung des Jakobusbriefes W.S. 1922/23
und Erklärung des Jakobusbriefes W.S. 1928/29

Die erste Jakobusbriefvorlesung hat Barth in Göttingen am 4.11.1922 begonnen und am 28.2.1923 abgeschlossen. Eine Gliederung ist im Manuskript nicht notiert, im Kolleg wurde wohl auch keine bekanntgegeben. Barth kommt in zwölf Kollegstunden der einstündig gehaltenen Vorlesung bis Jak. 2,26. Er unterteilt den Text in die Abschnitte: Jak. 1,1; 1,2-4; 1,5-8; 1,9-11; 1,12-19a; 1,19b-27; 2,1-13; 2,14-26. Diese Gliederung hat Barth in der zweiten, in Münster gehaltenen Vorlesung beibehalten, mit der Differenz der Unterteilung in 1,12-18; 1,19-27. Ergänzend bietet Barth in der Vorlesung von 1928/29 eine Übersicht über die Kap. 3-5, die in der ersten Vorlesung nicht vorhanden ist.

Die Göttinger Vorlesung über Jakobus fand mittwochs um 12 Uhr statt. Die Vorlesung vom 10.2.1923 musste Barth wegen Grippe ausfallen lassen. Die letzte Vorlesung wurde am Mittwoch, dem 28.2.1922, gehalten. Es fehlen, wie in der Manuskriptbeschreibung erwähnt, zweimal die Datumsangaben. Sie müssen in eckigen Klammern ergänzt werden.

XVII Die zweite Jakobusbrief-Vorlesung in Münster wurde im Vorlesungsverzeichnis unter dem Titel: «Erklärung des Jakobusbriefs, Mi. 17-18» angezeigt. Die Vorlesungstage sind in Barths Typoskript nicht datiert. Die Wiederholung der Vorlesung im Sommersemester 1930 in Bonn fand mittwochs um 7 Uhr statt – vor mehr als 220 Zuhörern, wie er an seine Mutter im Brief vom 6.5.1930 berichtet (KBA 9230.109).

Bei der Vorlesung über den Jakobusbrief von 1928/29 handelt es sich um eine in vielen Passagen stark veränderte Überarbeitung der Vorlesung von 1922/23. Der Arbeitsprozess in der Vorbereitung der beiden Vorlesungen war unterschiedlich gestaltet. Die Vorlesung von 1922/23 hat Barth anscheinend Woche für Woche für die jeweilige Vorlesungsstunde ausgearbeitet, die Vorlesung von 1928/29 hat er vermutlich an einem Stück oder doch in größeren Abschnitten vor (und während?) des Semesters in die Maschine geschrieben. Zur Vorbereitung der Vorlesung von 1928/29 hat Barth mit Sternchen-Randanmerkungen in die Vorlesung von 1922/23 neuere Literatur mit Kernaussagen eingetragen. Mag er zunächst vielleicht gemeint haben, mit solchen Ergänzungen die Vorlesung im übrigen unverändert noch einmal halten zu können, so muss doch bald in ihm der Entschluss gereift sein, die Vorlesung für das Wintersemester 1928/29 noch einmal von vorne zu beginnen und sie in neuer Bearbeitung vorzutragen.

Es ist klar, dass für die Edition weder ein Verzicht auf die erste Vorlesung als herausragendes Dokument der Herausbildung einer spezifisch theologischen Exegese in der Göttinger Zeit in Frage kam noch ein Verzicht auf die zweite Vorlesung, die ein wichtiges Dokument auf dem Weg von der «Christlichen» zur «Kirchlichen Dogmatik» darstellt. Wenn trotz der einzelnen unverändert gebliebenen Teile ein Abdruck beider Vorlesungen unerlässlich scheint, so bietet sich die Synopse nicht von Zeilen, sondern von Abschnitten als die lehrreichste Darbietungsform an. Man lese etwa S. 282–285 im Vergleich der beiden Texte, um sich zu verdeutlichen, dass der Verzicht auf eine der beiden Vorlesungen ein Verlust an Einsicht in die lebendige Entwicklung der Barthschen Exegese bedeutet hätte.

Der Abdruck beider Vorlesungen macht sichtbar, dass Barth den Aufbau in der zweiten Jakobusbriefvorlesung nicht an allen, aber doch an vielen Stellen verändert hat. Dieser Tatbestand lässt sich kaum dadurch erklären, dass Barth verschiedene Abschnitte aus einem tech|XVIIInischen Bedürfnis umgestellt habe. Vielmehr befolgt Barth in der zweiten Vorlesung ein anderes hermeneutisches Prinzip der Interpretation. In der Epheserbriefvorlesung und in der ersten Jakobusbriefvorlesung geht Barth nach dem Schema Analyse und inhaltliche Erklärung vor. Dieses Schema wird in der Vorlesung 1928/29 aufgehoben, wobei diese Tendenz sich in den vorhergehenden Vorlesungen bereits abzeichnet, insofern Barth auch dort schon nicht einen sozusagen neutralen Befund erhebt, der dann erst in einem zweiten Schritt zu deuten wäre, sondern in einem fortschreitenden Interpretationsgang beides synthetisch verbindet (vgl. z. B. S. 246ff.254ff. mit S. 247ff.255ff.; S. 288ff.300ff. mit S. 289ff.301ff.).

Die parallele Gegenüberstellung der beiden Jakobusbriefvorlesungen hat den doppelten Vorteil, dass jede Vorlesung für sich im Zusammenhang oder beide Vorlesungen abschnittsweise im synoptischen Vergleich gelesen werden können. Damit steht ein hervorragendes Arbeitsinstrument zur Verfügung – wie es sich beispielsweise auch in der Herausgabe der Lutherschriften in der Weimarer Ausgabe bewährt hat, wenn etwa neben der Druckausgabe einer Vorlesung oder einer Predigt auch das Originalmanuskript oder eine ursprüngliche Nachschrift vorliegt –, um die Veränderungen in Barths Denken detailliert nachvollziehen zu können. Barth war ja in der Zwischenzeit einen weiten theologischen Weg gegangen, liegen doch zwischen der ersten und der zweiten Jakobusbriefvorlesung zwei komplette Zyklen von Dogmatikvorlesungen («Unterricht in der christlichen Religion» 1924-1926; Christliche Dogmatik 1926-1928), die erste Behandlung der Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts (1926) und der erste Durchgang durch die Ethik (1928–1929). So kann der Vergleich bemerkenswerte Einblicke zur Entwicklung von Barths Theologie auf dem Weg vom «Römerbrief» zur «Christlichen Dogmatik» und weiter zur «Kirchlichen Dogmatik» erbringen.

Im Rahmen eines Vorworts kann nur beispielhaft darauf hingewiesen werden, wie reizvoll und aufschlussreich es ist, die Differenzen wahrzunehmen und zu untersuchen. Barth diskutiert die Hypothese, dass der Jakobusbrief aus einer ursprünglich jüdischen Schrift unter Hinzufügung der Worte «Jesus Christus» in Jak. 1,1; 2,1 sekundär in eine christliche verwandelt worden sei (S. 160f.180f.196.204f.). Barth hält die These in der Vorlesung 1922/23 für den «übertriebenen Aus|XIXdruck einer richtigen Empfindung» (S. 180), in der Vorlesung 1928/29 differenzierend «einer nicht unrichtigen Empfindung» (S. 181). Bemerkenswert ist Barths Stellungnahme zu dem mit der These aufgeworfenen hermeneutischen Problem, inwiefern die christliche Kirche ein jüdisches Dokument als ein christliches sich hätte aneignen können. Barth geht auf dieses Problem mit der in beiden Vorlesungen vorkommenden Aussage ein: «Die Adressaten, für die wir uns zu interessieren hätten, wären […] diejenigen christlichen Kreise, denen dieses nur an zwei Stellen oberflächlich korrigierte jüdische Schriftstück als ein christliches vorgelegt werden konnte. Also solche christliche Kreise, die den alttestamentlichen Geist und Buchstaben dieses Schriftstücks ohne Weiteres neutestamentlich aufgefasst hätten, hätte es dann zu Beginn des zweiten Jahrhunderts gegeben? Was wäre nun merkwürdiger: dieses Phänomen oder das andere, das man bei der gewöhnlichen Annahme vor sich hat: dass ein christlicher Schriftsteller so alttestamentlich schreiben konnte, wie es im Jakobusbrief auf alle Fälle geschehen ist?» (S. 204; vgl. S. 203) Die nächste Differenz ist inhaltlich stärker ausgeprägt: Hatte Barth im Blick auf die zwölf Stämme nach Jak. 1,1 in der ersten Vorlesung davon gesprochen, dass es Jakobus nicht darauf ankomme, die Adressaten «als christliches oder jüdisches Gottesvolk zu betonen» (S. 198), «weil es ihm offenbar nicht wichtig» ist, die Adressaten «an das Eine oder Andere oder an den Gegensatz beider zu erinnern», führt er in der zweiten Vorlesung als Selbstkorrektur aus, dass hierbei «an den dem ganzen Neuen Testament wesentlichen Zusammenhang zwischen den Begriffen Kirche und Israel zu denken» ist (S. 197). Das an dieser Stelle im unmittelbaren Kontext von Barth neu in der zweiten Vorlesung eingeführte Zitat von K. L. Schmidt macht jedoch deutlich, dass dieser im Unterschied zu Barth einen Gegensatz von Kirche und Israel voraussetzt (S. 197). Wie sind diese differenten Aussagen präzise zu interpretieren? Barth thematisiert im Zusammenhang der Anthropologie von Jak. 1,8 die Eschatologie. In der Erklärung von 1922/23 kommt er hierbei «auf die ewige Wiederherstellung der von Gott gewollten Ordnung unseres Daseins» zu sprechen (S. 286), wohingegen in der Auslegung von 1928/29 von «der ewigen von Gott gewollten und von Gott herzustellenden Ordnung unseres Daseins» die Rede ist (S. 287). Das ist zweifellos etwas anderes. Zum Verständnis dieser Änderung |XX ist auf die Ausführungen Barths zur Eschatologie im «Unterricht in der christlichen Religion» (1925/26) und im Briefwechsel Barth-Brunner zu verweisen.29 Der Fortschritt in der Jakobusbriefvorlesung 1928/29 besteht darin, dass Barth das endzeitliche Handeln Gottes entscheidend als Neuschaffung begreift. Wie ist Barth auf die Kritik Luthers am Jakobusbrief, insbesondere an dessen Rechtfertigungslehre und Christologie, eingegangen? In der ersten Vorlesung bewertet Barth die Argumente Luthers als «ein Parteivotum» (S. 172). Dieses Urteil verschärft Barth in der zweiten Vorlesung, indem er die Argumentation Luthers als ein zwar «geniales, aber unannehmbares theologisches Parteivotum» bezeichnet (S. 173).

Barth setzt sich dafür ein, dass der Jakobusbrief als Teil des neutestamentlichen Kanons ernst zu nehmen ist. Er stellt sich den historischen Problemen der Entstehungszeit, der Verfasserfrage und der Adressierung. Barth datiert im Einklang mit der damaligen Forschungslage den Jakobusbrief auf den Zeitraum 50-150 n.Chr. bzw. 80-130 n.Chr., ohne sich festlegen zu wollen (S. 166f.). Damit lässt er auch die Verfasserfrage offen. Die Erörterungen der Problematik mit dem Referat der Positionen, die Barth wiederum in die fortlaufende Versexegese eingebettet hat, schließt er mit der kategorischen Forderung ab: «An die Stelle der Einleitung hat sofort die Erklärung zu treten» (S. 178f.). In diesem kurzem Votum zeigt sich eine Typik der Barthschen Auffassung von Exegese, die er wie beim Epheserbrief in Auseinandersetzung mit den maßgeblichen Kommentaren sowie weiterer Literatur betreibt, indem er wieder bis auf die reformatorische Auslegung zurückgeht, die durch Luther, Calvin und Zwingli repräsentiert ist.

Äußerungen Barths über seine erste Jakobusbriefvorlesung sind in den Brief- und Gesprächsbänden der Gesamtausgabe nicht gerade häufig anzutreffen, die zweite wird im Briefwechsel mit Thurneysen überhaupt nicht erwähnt. Auf einer Postkarte vom 22.11.1922 teilt Barth Alfred de Quervain mit, die Jakobusbriefvorlesung von der im selben Wintersemester 1922/23 gehaltenen Zwinglivorlesung abhe|XXIbend: «Mit besserem Gewissen und mehr Freude bearbeite ich den Jakobusbrief. So kann man mich jetzt warm (und unter Warnungen vor der lutherischen Glaubenshybris!) für den Renaissancemenschen und für ‹tätiges Christentum› eintreten hören, dass mir selbst oft fast die Ohren sausen, wenn ich mir zuhöre.» (KBA 9222.77) Auch seiner Mutter gegenüber bringt Barth brieflich zum Ausdruck ( 30.11.1922): «Die Jakobusbriefvorlesung macht mir mehr Freude; ich kann Jakobus besser vertreten als ich gefürchtet hatte.» (KBA 9222.81)

Die Bezugnahmen im Barth-Thurneysen Briefwechsel sind spärlich, doch aufschlussreich. Für Barth ist Jakobus eine wesentliche Stimme im frühen Christentum, wie er im Rundbrief vom 23.1.1923 über seine Vorlesung schreibt: «eben doch ein ‹Zeuge›, der ‹es› gemerkt hat, nur daß er, einer irgendwie versumpfenden Christenheit gegenüber, einseitig als Bußprediger redet und immer ad hominem, an den einzelnen als solchen. Es stehen doch ganz rasante Sachen darin, die schon Licht geben, wenn man sie genau ansieht.»30

Es ist von besonderem Interesse, wie Barth Jakobus und Paulus ins Verhältnis setzt. Barth entwickelt die These, «dass, gerade von der scharf erfassten entgegengesetzten Ansicht des Paulus aus, die Möglichkeit und Notwendigkeit besteht, den Jakobus auch zu hören mit seiner anderen Ansicht» (S. 474). Über seine im Kolleg vorgetragene Analyse zu Jak. 2,14-26 führt Barth im Rundbrief vom 28.2.1923 aus: «Jakobus habe ich vorgeführt als zähen und guten Flankenangriff auf den Paulinismus, bei dem auch Paulus selber eins wegbekomme, natürlich unter Mißverständnis. Das erwünschte Schauspiel, daß das Neue Testament in seinen wichtigsten Sätzen sich selbst aufhebe und alle Dogmatik zum vornherein zum Gleichnis mache. Sachlich natürlich ein Vorstoß zugunsten des ‹Ernstes› gegenüber der Religion.»31 Begründeter als in diesem leichthändig formulierten Briefzitat zeigt sich in Barths Behandlung dieses Problems in den Vorlesungen eine weitere charakteristische exegetische Grundhaltung, indem er einander entgegenstehende neutestamentliche Textaussagen, wie hier die jakobäische und paulinische Rechtfertigungslehre, nicht einseitig auflöst, sondern als Spannungsmomente zu erhalten sucht. Vielleicht ist |XXII das für Barth auch die Motivation gewesen, nach seinen Paulus-Studien Jakobus in Angriff zu nehmen.

Freilich gehört zur Vorgeschichte der Vorlesungen auch eine bisher unveröffentlichte Predigtreihe mit 18 Predigten, die Barth als Vikar in Genf über den Jakobusbrief im Zeitraum vom 9.1.1910 bis 7.8.1910 gehalten hat.32 Der Tenor dieser Auslegung wird gleich in der ersten Predigt über Jak. 1,1-2 (KBA 1006) deutlich: «Advent und Weihnacht und Neujahrstage liegen wieder einmal hinter uns, und wir alle sind in das Leben zurückgekehrt, das man ja wohl so das ‹Alltagsleben› zu nennen pflegt. […] Und ich meine, es ist gut, wenn wir es versuchen, uns auch hier in der Kirche auf den Alltag einzurichten, so gut unser Christentum es tun muss. Denn eine Frömmigkeit, die etwas taugen soll, muss ja gerade Frömmigkeit des Alltags sein, nicht so ein schönes, aber im Grunde genommen unnützes Festgewand, das man wohl vier- oder fünfmal des Jahres aus dem Schrank hervorholt, um in den Zwischenzeiten um so ungenierter in ganz anderen Gewändern umherzugehen. […] Und nun wollen wir’s an diesem Sonntag und an einigen folgenden versuchen, zu sehen, wie das ist, wenn Frömmigkeit Leben, Alltagsleben wird. Wohlverstanden: wir haben’s dabei nötiger als je, immer wieder nach den Quellen zu fragen; und die Meinung ist nicht, als ob wir dabei von einer anderen Sache redeten als in den Festtagen. Wir betrachten dieselbe Sache, aber diesmal recht ausdrücklich von einem anderen Ort aus, nämlich vom Standpunkt des Werktags. Ich habe mir gedacht, dass wir uns dazu einige Mal mit dem Jakobusbrief beschäftigen könnten, weil er so recht von einem Werktagschristen geschrieben ist und sein Inhalt Werktagschristentum. Die Sonntagsfreude wird darüber nicht zu kurz kommen.»

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass Barth in seiner ersten Predigt nach dem Safenwiler Pfarramt in Göttingen am 11.12.1921 über Jak. 5,7-8 gepredigt hat33 – über den Text, den er schon einmal in Safenwil im Advent am 22.12.1912 in einer Predigt ausgelegt hatte (unveröffentlicht, KBA 1124).

XXIII Aus dem schon zitierten Rückblick im Rundbrief vom 28.2.1923 geht hervor, dass Barth in seiner Exegese des Jakobusbriefes von 1922/23 erstens eine Komponente seiner theologischen Ausrichtung in der Safenwiler Zeit wieder belebt und zweitens implizit eine Auseinandersetzung mit seinen Kontrahenten in der Göttinger Fakultät, dem Systematiker Carl Stange (1870–1959) und dem Kirchengeschichtler Emanuel Hirsch (1888–1972), geführt hat: «Ich hatte erwünschte Gelegenheit, einigemal auch eine religiös-soziale Breitseite abzufeuern, Stange und Hirsch ein wenig zu beleuchten und ‹aufzuheben› und was dergleichen Scherze mehr sind.»34 Damit stellt sich für die Erforschung der Schriftauslegung Barths die Frage nach dem theologiegeschichtlichen Horizont, innerhalb dessen sich Barth in seinen Exegesen bewegt.

Prospektiv machen die Jakobusvorlesungen deutlich, dass Barth Themen anklingen lässt, die später von herausragender Bedeutung sein werden. In der Vorlesung von 1922/23 hebt Barth im Jakobusbrief die Identität von Evangelium und Gesetz positiv hervor und bezieht damit in diesem Punkt deutlicher Position als bis dahin35: Jakobus «will nicht a) das Evangelium, b) das Gesetz predigen, sondern unmittelbar das Evangelium als Gesetz, das Gesetz als Evangelium» (S. 220). In der zweiten Vorlesung hält Barth fest: «Gesetz und Evangelium fallen für diesen Bußprediger nicht auseinander» (S. 217). Vom Verständnis des Glaubens als verantwortliche Tat des Menschen gegenüber Gott wird Barth künftig (z.B. KD II/2, S. 859!) ebenfalls mehr Gebrauch machen. Im Blick auf das Bittgebet formuliert er in den Jakobusbriefvorlesungen: «Es ist der Glaube als entschlossene |XXIV Tat des Menschen, der Schritt des Gehorsams, mit dem der Mensch […] sich dem Gott zuwendet, daraufhin dass Gott sich ihm zugewendet hat» (S. 279; vgl. S. 278). «Glaube» wird außerdem als «menschliche Tat» bezeichnet im Kontext des Abschnitts über Rechtfertigung bei Jakobus: «Werke tun heißt existieren im Glauben, und insofern eben nicht nur glauben. Denn der Glaube als menschliche Tat, das, was wir Frömmigkeit nennen, auch die christliche Frömmigkeit steht unter der Frage, ob der Mensch denn auch in ihr oder ihr entsprechend existiere» (S. 499).

Auch außerhalb des Hörsaals war Barths Auslegung des Jakobusbriefs gefragt. Am 22.5.1928 wandte sich Pastor Johannes Blindow in Wuppertal-Barmen, unter dessen Anleitung «christliche Kaufleute» Abschnitte des Barthschen Römerbriefs gelesen hatten, mit der Bitte an Barth, nach Barmen zu kommen, um «in einem großen Kreis von Kaufleuten und anderen Berufsangehörigen einen Vortrag zu halten» (KBA 9328.222). Blindow schlug das Thema «Glauben und Werke» vor, das Barth in seinem Antwortschreiben vom 3.6.1928 spezifizierte: «Glaube und Werke nach Jak. 2» (KBA 9228.94). Diesen Vortrag hat Barth in Barmen am 8.12.1928 gehalten. Er hat sich dabei anscheinend ganz auf seine Vorlesung gestützt. Jedenfalls sind zu diesem Barmer Vortrag keine besonderen Aufzeichnungen erhalten. Aus einem späteren Anlass, in einem Brief vom 26.8.1946, erinnerte Blindow Barth an dessen Aufenthalt: «Können Sie sich noch besinnen, daß sie einmal eine gebratene Gans gesehen haben, die nur Ihretwegen auf den Tisch kam, und Sie konnten nicht davon essen, weil Sie vor allem auf Ihren ‹Jacobus›-Vortrag sich konzentrieren mussten? So geschehen im Barmer Pfarrhaus in der Sternstr.» (KBA 9346.1180)

Barth wurde mehrfach aufgefordert, diesen Vortrag für den Druck zu bearbeiten, so auch von seinem Verleger Albert Lempp. Barth antwortete ihm am 24.5.1929 abschlägig, weil er jetzt in seinem Freisemester vor allem Zeit zum Lesen brauche und im übrigen gerade andere Publikationen vorbereite, so dass seiner Meinung nach «die Bedürfnisse des Publikums an Lektüre aus meiner Feder für dies Jahr als im voraus durchaus gedeckt betrachtet werden dürfen» (KBA 9229.105).

Drei Jahre zuvor hatte Lempp mehr Glück. Lempp benötigte dringend noch einen Beitrag für den Almanach des Christian-Kaiser-Verlags auf das Jahr 1927. Auf einer Karte vom 23.10.1926 an Barth |XXV erwähnt Lempp, dass Barths «Manuskript über den Jakobusbrief» bei Georg Merz liege und Merz daraus ein «passendes Stück» für den Almanach auswählen könnte: «Gestatten Sie das? Ich möchte dringend darum bitten und wäre Ihnen sehr dankbar dafür.» (KBA 9326.447) Offensichtlich hat Merz dann den Abdruck besorgt. Unter dem Titel «Karl Barth: Der Charakter des Jakobusbriefes. Aus einer Vorlesung im Wintersemester 1922/23» wurde im Almanach eine Passage aus den Erläuterungen zu Jak. 1,1 abgedruckt, die hier innerhalb der Vorlesung im Apparat kenntlich gemacht ist.36 Merz wird nicht das Originalmanuskript, sondern eine der - in der Entzifferung nicht fehlerfreien - Abschriften vorgelegen haben, die früh in Maschinenschrift hergestellt wurden und von denen ein Exemplar im Karl Barth-Archiv erhalten ist (88 Seiten im A4-Format, teils Durchschläge, teils Originalseiten, doch auch diese auf Durchschlagpapier [KBA 1667.5]). Wilhelm Loew fragte in einem Brief an Barth vom 10.5.1924 nach einer solchen Abschrift, von der ihm Theodor Heckel aus München erzählt habe, der im übrigen hoffe, dieser Jakobusbrief «erscheine einmal als Pendant zum Römerbrief» (KBA 9324.138).

Im Winterhalbjahr 1934/35 hielt Eduard Thurneysen als Basler Münsterpfarrer vierzehntäglich eine Bibelstunde über den Jakobusbrief und erbat sich hierfür die Jakobusbriefvorlesung von Barth37, die er dann später als «eine schlechthin fabelhafte Vorlesung» bezeichnet: «Ich bin ganz weg davon und [von] dem Lichte, das sie auf den Text wirft. Ich würde am liebsten an Hand deiner Erklärung Woche für Woche auslegen. Und meine Leute gehen auch mit wie fast noch in keinem Winter. Daß du doch auch wieder einmal so etwas, wenn auch nur bruchstückweise, herausgeben könntest! Ich denke ja manchmal, gerade in deinen Auslegungen verstehe ich dich besser und brennender als viele Andere. Auf alle Fälle: da sind Bergwerke eröffnet, neben |XXVI denen ich alle anderen Auslegungen liegen lasse.»38 In seiner später veröffentlichten Auslegung des Jakobusbriefes hat Thurneysen diese Vorlesungen – spezifisch erwähnt er die erste – verwertet.39

III. Beschreibung der Originalmanuskripte
und des Originaltyposkripts

Das Manuskript der Erläuterungen zum Epheserbrief von 1919/20 mit der Überschrift «Der Epheserbrief 1919» (KBA 12183), das wie die übrigen drei Vorlesungstexte im Karl Barth-Archiv in Basel aufbewahrt wird, besteht aus 35 Blättern im Hochformat 22,5 × 18 cm, auf denen durch einen Knick ein breiter Rand für Korrekturen und Zusätze freigehalten ist. Die Blätter sind einseitig mit olivschwarzer Tinte beschrieben. Es handelt sich um eine Reinschrift, deren Vorstufen nicht erhalten sind. Mit Bleistift, gelegentlich auch mit Tinte sind Verbesserungen und Ergänzungen im Text und am Rand hinzugefügt. Eine Transkription dieses Textes liegt in neun jeweils neu paginierten Teilen für die Übersetzung und die Erläuterungen von Epheser 1,1 bis 6,9 in einer Maschinenschrift im Format A4 auf 19 einseitig beschriebenen Blättern (teils im Original, teils im Durchschlag) vor. Diese Transkription ist in Barths Safenwiler Zeit entstanden und zirkulierte – wie etwa der gelegentliche Vermerk «Ausleihexemplar» zeigt – im Kreis der Freunde Barths und Thurneysens. Wie an Varianten in der Formulierung zu ersehen ist, ist sie wohl am Anfang von Barth selber in die Schreibmaschine diktiert worden. In den weiteren Teilen hat jedoch jemand, der, wie einige Entzifferungsfehler zeigen, mit Barths Schrift nicht völlig vertraut war, den Text in die Maschine übertragen. Die Textwiedergabe folgt dem Manuskript. Die wahrscheinlich auf Barth zurückgehenden Varianten des Anfangs werden in Anmerkungen mitgeteilt, nicht jedoch die irrtümlichen Abweichungen im folgenden.

XXVII Das Manuskript der Erklärung des Epheserbriefes von 1921/22 mit der Überschrift «Epheserbrief W.S. 1921/22» (KBA 1664.1) liegt auf 33 Einzelblättern im Hochformat 22,5 × 18 cm vor, auf denen durch einen Knick ein breiter Rand für Korrekturen und Zusätze freigehalten ist. Alle Blätter sind auf beiden Seiten mit olivschwarzer Tinte beschrieben, Ergänzungen sind – meist ebenfalls mit Tinte, gelegentlich mit Bleistift – am Rand nachgetragen. Das Datum der einzelnen Vorlesungsstunde ist mit Bleistift am Rand vermerkt.

Das Manuskript der ersten Vorlesung über den Jakobusbrief mit der Überschrift «Erklärung des Jakobusbriefes W.S. 1922/23» (KBA 1667.1) liegt auf 24 einfachen Blättern und 13 gefalteten Doppelblättern im Querformat 22,5 × 18 cm vor, auf denen durch einen Knick ein breiter Rand für Korrekturen und Zusätze freigehalten ist. Alle Blätter sind auf beiden bzw. auf allen vier Seiten mit olivschwarzer Tinte beschrieben, Ergänzungen sind - meist ebenfalls in Tinte, öfter aber auch mit Bleistift - am Rand nachgetragen. Das Datum der einzelnen Vorlesungsstunde ist mit Bleistift am Rand vermerkt. Das Datum vom 27.1.1922 und das vom 17.2.1922 hat Barth jedoch nicht eingetragen; das erste ist vermutungsweise ergänzt, das zweite an der von Barth wie sonst in dieser Vorlesung mit einem Strich markierten Stelle nachgetragen.

Das Typoskript der Erklärung des Jakobusbriefs von 1928/29 (KBA 1667.2) liegt ohne Überschrift auf 127 einfachen Blättern im Querformat 20,6 bzw. 20,7 × 16,6 cm vor, auf denen durch einen Knick ein breiter Rand für Korrekturen und Zusätze freigehalten ist. Alle Blätter sind auf einer Seite mit Schreibmaschine beschrieben, Ergänzungen sind - meist mit Bleistift, vereinzelt auch mit Tinte - am Rand nachgetragen. Diese Ergänzungen stammen in einem Fall (unten S. 171, Z. 19 – S. 173, Z. 2) möglicherweise aus der Wiederholung der Vorlesung in Bonn im Sommersemester 1930, in den anderen Fällen gehören sie wahrscheinlich zum ursprünglichen für die Vorlesung in Münster erarbeiteten Text. In diesem Vorlesungstyposkript hat Barth die Daten der Vorlesungsstunden nicht notiert, das Ende einer Vorlesungsstunde ist nur gelegentlich mit einem Strich markiert.

XXVIII

IV. Zur Technik der Edition

Nach den Regeln der Gesamtausgabe wurde die Orthographie behutsam an die heutige Rechtschreibung angepasst (nun auch an die neuen Regeln der ss-Schreibung für ß). Eigentümlichkeiten der Schreibweise Barths wurden dabei respektiert, auch Auffälligkeiten des damaligen Sprachgebrauchs wie z. B. «Psychanalytiker». Die Interpunktion wurde den heutigen Regeln vorsichtig angepasst. Unvollständige oder grammatisch nicht intakte Sätze wurden berichtigt. Wo das nicht einfach durch Zusätze in eckigen Klammern [ ] geschehen konnte, wird im Anmerkungsapparat der Text der Vorlage dokumentiert. Eckige Klammern kennzeichnen auch sonst Zusätze des Herausgebers, etwa bei nachgetragenen Bibelstellenangaben. Wörter, deren Entzifferung nicht sicher ist, sind mit Fragezeichen in eckigen Klammern [?] gekennzeichnet. Die zahlreichen Unterstreichungen Barths sind durch Kursivsetzungen wiedergegeben. Sperrungen bei kursiv gesetzten Wörtern zeigen doppelte Unterstreichungen an. Viele längere Passagen sind im Manuskript oder im Typoskript ohne Absatz geschrieben. Um den Text lesbarer zu gestalten, sind zusätzliche Absätze eingefügt und mit einem senkrechten Strich | als editorische Zutat kenntlich gemacht. Zitate Barths entsprechen öfter orthographisch und in der Wortstellung nicht der Vorlage. Wenn diese Zitate jeweils in den Fußnoten in der Originalfassung abgedruckt worden wären, hätten diese Verdopplungen den Anmerkungsapparat stark anschwellen lassen. Wo es sich nicht um (stillschweigend korrigierte) Flüchtigkeitsfehler beim Abschreiben handelt, wurden sie daher in der von Barth geschriebenen Form belassen, da es sich nie um sinnwidrige Veränderungen des von Barth seinem Stil sozusagen assimilierten Zitats handelt. Nur in Einzelfällen wurde die von Barth zitierte Aussage in einer Anmerkung im Wortlaut wiederholt. Bei offensichtlichen Zitaten wurden die Anführungszeichen gegebenenfalls ergänzt. Zusätze am Manuskriptrand - soweit sie nicht als Ergänzungen unmittelbar in den Vorlesungstext zu integrieren waren - sind im Apparat in Sternchen-Anmerkungen notiert. Bei Barth steht in den Bibelstellenangaben auch an solchen Stellen stets ein einfaches f., wo nach heutigem Gebrauch ein ff. stehen sollte – die Angaben sind entsprechend angeglichen worden. Barth hat den griechischen Text in der |XXIX Jakobusbriefvorlesung 1922/23 in der Regel vorangestellt. Es schien richtig, diesen an den betreffenden Stellen im Epheserbrief 1921/22 und im Jakobusbrief 1922/23 in eckigen Klammern [] zu ergänzen. Da Barths Nestle-Ausgabe des Neuen Testaments, das er in dieser Zeit besessen hat, nicht mehr in Barths Bibliothek vorhanden ist, wurde der Text der 11. Auflage von 1920 abgedruckt.

Die zweite Jakobusbriefvorlesung hat teilweise einen anderen Aufbau als die erste. In der Synopse werden Leserin und Leser zur besseren Orientierung einerseits durch Verweise in den Anmerkungen auf das Vorkommen des betreffenden Paralleltextes hingewiesen, andererseits orientieren auch die Anmerkungsziffern, die in solchen Passagen auf eine Anmerkung außerhalb des unmittelbaren Kontextes verweisen, über die Stelle, an der der Paralleltext zu finden ist. Hinzuweisen ist auf den Unterschied zwischen Abschnitten (ohne Einzug), die um der Synopse willen eingesetzt sind, und Absätzen (mit Einzug), die von Barth stammen (oder vom Herausgeber eingefügt sind). Die Anmerkungen zu beiden Jakobusbriefvorlesungen, die zu einem guten Teil ja inhaltlich gleich sind, sind in einem Apparat zusammengefasst, der jeweils über beide Seiten geht. Dabei ist zu beachten, dass die nummerische Reihenfolge der Anmerkungsziffern im Text der beiden Vorlesungen durchbrochen ist, weil infolge des veränderten Aufbaus der Vorlesung 1928/29 auf Fußnoten verwiesen wird, die weiter oben oder unten gesetzt sind. Die fortlaufende Nummerierung im Anmerkungsapparat bleibt bestehen.

In den Anmerkungen, die über die Verweise auf die exegetische Fachliteratur hinaus auch die für Barth als Schriftsteller so charakteristischen literarischen und zeitgeschichtlichen Anspielungen auf ihren Ursprung beziehen und so übrigens auch für Leserinnen und Leser außerhalb des deutschen Sprachraums verständlicher machen wollen, sind vermutlich für die einen zu viele, für die anderen zu wenig Erklärungen gegeben. Das ist wohl auch deshalb unvermeidlich, weil die Grenze nicht scharf zu bestimmen ist zwischen einem «Geflügelten Wort», dessen Herkunft und Ort Teil seiner Bedeutung sind, und einer in den allgemeinen Sprachgebrauch abgesunkenen geprägten Wendung, deren Ursprung nicht mehr bewusst ist.

Barths Handbibliothek mit der von ihm gesammelten exegetischen Literatur ist von Ausnahmen abgesehen im Karl Barth-Archiv vor|XXXhanden. Die bibliographischen Daten können via Internet im Katalog der Universitätsbibliothek Basel eingesehen werden, in dem die Bände aus Barths Besitz an der mit KBA beginnenden Signatur (Liste: «Signatur beginnt mit …») kenntlich sind. Der Anmerkungsapparat, der sich zuerst an der von Barth besessenen Literatur orientiert, kann freilich keinen Anspruch auf vollständigen Nachweis der von Barth tatsächlich eingesehenen Schriften erheben, weil unbekannt ist, welche Werke sich Barth aus der Universitätsbibliothek Göttingen bzw. Münster ausgeliehen hat.40

V. Dank des Herausgebers

Die Arbeit an dieser Edition wurde von mir in einer ersten Phase während der Beurlaubungszeit, die mir vom Evangelischen Oberkirchenrat Stuttgart genehmigt wurde und in der ich auch eine neutestamentliche Dissertation verfasste, und in einer zweiten Phase vornehmlich in Lukubrationen, wie Barth sich auszudrücken pflegte, neben dem Dienst als Gemeindepfarrer in Machtolsheim und Suppingen (Dekanat Blaubeuren, Evangelische Landeskirche in Württemberg) geleistet. Da keine Universitätsbibliothek in der unmittelbaren Nähe des Pfarramtes vorhanden ist, kam ein gewisser logistischer Aufwand hinzu. Die zeitliche Inanspruchnahme durch die Edition nahm ich gerne in Kauf, weil ich ohnehin der Meinung bin, dass das Pfarramt der theologischen Schwerpunktsetzung dringend bedarf. Der alte Barth brachte in einem Interview bündig zum Ausdruck: Im «Grunde […] ist meine ganze Theologie eine Theologie für Pfarrer. Sie ist herausgewachsen aus meiner eigenen Situation, in der ich unterrichten, predigen und ein bißchen Seelsorge üben mußte.»41 Die Rezeption der Barthschen Exegesen und Predigten in ihrer wechselseitigen Bezogenheit bietet eine hervorragende Gelegenheit, sich durch den Sachgehalt und den weiten Horizont der Theologie Barths für die Praxis und das eigene theologische Urteilsvermögen anregen zu lassen.

XXXI Ich habe vielfältigen Anlass, mich für die Unterstützungen, die ich bei den Editionsarbeiten erfahren habe, zu bedanken. Bei Aufenthalten in Basel konnte ich mich der Gastfreundschaft des früheren ­Leiters des Karl Barth-Archives, Herrn Dr. Dr. h.c. mult. Hinrich ­Stoevesandt mit seiner Frau Elisabeth Stoevesandt, sowie des jetzigen ­Leiters des Karl Barth-Archives, Herrn Dr. Hans-Anton Drewes, ­erfreuen.

Herr Dr. Stoevesandt hat mir den Einstieg in die Edition ermöglicht und in der Anfangszeit manche Hilfe gewährt. Herr Dr. Drewes hat die Edition in allen Arbeitsgängen stark gefördert. In anregenden Gesprächen hat Herr Dr. Drewes viele Hinweise gegeben, die Transkription der schwierig zu entziffernden Manuskripte kontrolliert, die zahlreichen technischen Arbeitsvorgänge dieser Edition überwacht und darüber hinaus durch eigene Nachforschungen in Bibliotheken und im Karl Barth-Archiv komplexe Rekonstruktionen für die Edition unternommen. Ganz entscheidend ist es seinem persönlichen, tatkräftigen und zeitintensiven Engagement zu verdanken, dass die Edition in diesem Jahr erscheinen kann. Ihm gegenüber möchte ich deshalb meinen großen Respekt und meinen herzlichen Dank aussprechen.

Weiter gilt mein freundlicher Dank Frau Margrit Müller (Basel), Frau Dr. Katja Tolstaja M. A. (Kampen, Niederlande), Frau Patricia Rich (Philadelphia, USA /Bern) und Frau Mirjam Stritt (Basel) für ihre engagierte Unterstützung der Edition. Herr Pfarrer Marcel Wittwer (Aarau) hat sich große Verdienste um die Einrichtung der Synopse der beiden Jakobusbriefvorlesungen erworben; er hat auch den griechischen Text besorgt und die Grundlagen für die Register gelegt. Für diesen herausragenden Einsatz gebührt ihm mein bester Dank! Herr stud. theol. Andreas Betschart (Bettingen) hat in ähnlich verdienstvoller Weise vor allem bei den beiden Auslegungen des Epheserbriefes durch die Vereinheitlichung des Anmerkungsapparates, die Codierung des Namenregisters und die Formatierung der Druckvorlage mitgeholfen. Auch dafür möchte ich mich bedanken. Schließlich danke ich Herrn Volker Mehnert und Herrn Thomas Ziegler von der pagina GmbH Tübingen und Frau Marianne Stauffacher, der Leiterin des TVZ-Verlages Zürich, für die sachkundige Betreuung des Bandes.

XXXII Ich freue mich, dass die Edition der exegetischen Werke Karl Barths in der Gesamtausgabe ihren Fortgang nimmt und so weitere Beispiele seiner Arbeit am Verstehen des Neuen Testaments für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Da die Theologie Barths im pointierten Sinn Exegese ist, wird durch die Publikation der frühen exegetischen Vorlesungen Barths sein theologischer Weg vom «Römerbrief» zur «Kirchlichen Dogmatik 📖» erhellt. Obwohl dieser Band historische Texte bietet, so handelt es sich doch hier um keine «antiquarische Theologie» (S. 67), wie Barth in Anspielung auf Friedrich Nietzsche formuliert. So stellt der Band nicht nur neues Material zur Erforschung der Barthschen Exegese bereit, sondern es lassen sich durch dessen Lektüre auch erfrischende Beobachtungen im Studium der neutestamentlichen Schriften für Herz und Verstand machen.

Jörg-Michael Bohnet

Sachfußnoten

1
Vgl. Bw.Th. I, S. 184.293f.310.313.320.322.330.350.353f.358.364.392.394f.404.412.414 📖.↩
2
Im Rückblick auf seine Berufung, die er seinem ersten Römerbrief 1919 📖 verdankte, schreibt Barth 1963 (Römerbrief 1, S. 9): «Was einen Mann wie Prof. Karl Müller in Erlangen, auf dessen Empfehlung meine Berufung vor allem zurückging, und was den emeritierten Pastor Adam Heilmann in Göttingen, der die Sache mit höchstem Nachdruck ins Werk setzte, dazu bewog, gerade mich dorthin zu holen, war wohl schlicht das Formale, daß sie mich in diesem Buch so leidenschaftlich mit der Heiligen Schrift beschäftigt sahen. Mit den materiellen Geheimnissen spezifisch reformierter Theologie [...] habe ich mich tatsächlich erst in Göttingen in ziemlich harten Lukubrationen vertraut gemacht und auseinandergesetzt.» Über Vorgeschichte und Geschichte der Berufung Barths sind in dessen Briefen bewegte Schilderungen zu lesen: vgl. Bw.Th. I, S. 463–465.468f.488f.517f. 📖; Bw. R., S. 153–156 📖. Siehe Busch, S. 135–147 📖.↩
3
Bw.B.2, S. 209, Anm. 2. 📖↩
4
Bw.Th. II, S. 15.53.61.65f.↩
5
Über die Göttinger Zeit Barths orientieren in biographischer Hinsicht: Busch, S. 139–176, und in theologischer Perspektive: McCormack, S. 253–317. Chronologische Übersicht der Göttinger Vorlesungen in: Bw.Th. II, S. 741f.; McCormack, S. 255.↩
6
Bisher wurden in der Gesamtausgabe publiziert: 1. die studentischen Arbeiten «Der Hauptmann zu Kapernaum» (1905), «Die ursprüngliche Gestalt des Unser Vaters» (1906), «Die Missionsthätigkeit des Paulus nach der Darstellung der Apostelgeschichte» (1907), «Die Vorstellung vom Descensus Christi ad inferos in der kirchlichen Literatur bis Origenes» (1908), in: K. Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1905-1909, hrsg. von H.-A. Drewes und H. Stoevesandt in Verbindung mit H. Helms (Gesamtausgabe Abt. III), Zürich 1992, S. 46–60.126–147.148–243.244–312 (dort S. 253–276). 2. K. Barth, Der Römerbrief (Erste Fassung) 1919, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe Abt. II), Zürich 1985. 3. K. Barth, Erklärung des Johannes-Evangeliums (Kapitel 1-8). Vorlesung Münster Wintersemester 1925/1926, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1933, hrsg. von W. Fürst (Gesamtausgabe Abt. II), Zürich 1976.↩
7
Siehe das Vorlesungs- und Seminarprogramm in Münster im Überblick in: Bw.Th. II, S. 742f.; McCormack, S. 320. Zur Biographie Barths in dieser Zeit: Busch, S. 176–211; zur theologischen Entwicklung: McCormack, S. 318–345.↩
8
Bw.Th. I, S. 268f.↩
9
Predigten 1919, S. 173–334.↩
10
Bw.Th. I, S. 333.↩
11
Bw.Th. I, S. 328.↩
12
Bw.Th. I, S. 354f.↩
13
Bw.Th. I, S. 359.↩
14
Bw.Th. I, S. 386; vgl. S. 414.↩
15
Bw.Th. I, S. 414.↩
16
Bw.Th. I, S. 394.↩
17
Bw.Th. I, S. 404.↩
18
Den Zusammenhang von homiletischer und exegetischer Auslegung - eine bemerkens- und bedenkenswerte Reihenfolge, insofern die prakt.-homiletische Anrede zu Beginn steht, der dann die exegetisch-wissenschaftliche Vergewisserung folgt -, belegt eine Notiz Barths auf der letzten Manuskriptseite der Predigt vom 20. Juli 1919 über Eph. 5,15-20. Sie hält folgende drei Dispositionsbegriffe fest, die gleichlautend sind mit den Abschnittsüberschriften im exegetischen Manuskript: «Die Begründung des guten Willens» (Eph. 4,25-5,2); «Der Ernst des Lebens» (Eph. 5,3-14); «Die Weisheit der Zielbewußten» (Eph. 5,15-20). Siehe Predigten 1919, S. 273, Anm. 7.↩
19
Bw.Th. I, S. 469.486.↩
20
Bw.Th. I, S. 492.↩
21
Bw.Th. I, S. 515. Zu den Auseinandersetzungen um Barths reformierte Stellung in der lutherischen Fakultät, die im Schreiben Bertholets gleichsam ihre Schatten vorauswarfen, siehe das Schreiben Barths an den Dekan der Theologischen Fakultät vom 31.12.1923: Bw.B.2, S. 208–213; weiter Bw.Th. II, S. 220–222.250f. und Busch, S. 168f.175. Die Atmosphäre an der Fakultät beschreibt Barth in Bw.Th. I, S. 503f.; Bw.Th. II, S. 19; vgl. Busch, S. 146f.↩
22
Bw.Th. I, S. 485 mit S. 486 Anm. 1.↩
23
Busch, S. 135.↩
24
Bw.Pe., S. 176 (Postkarte von Peterson an Barth vom 3.7.1921). Die Briefe Barths an Peterson sind erst ab Juni 1928 erhalten (S. 175, Anm. 61).↩
25
Bw.Th. II, S. 39f. Bw.Th. II, S. 8: «Alle Augenblicke, kommt es mir vor, (obwohl es doch nur dreimal in der Woche geschieht!) muß ich wieder dort unten stehen, genug vorbereitet haben!! das ist der Hauptkummer, den ich vorläufig habe, um je ¾ Stunden durchzuhalten.» Bw.Go., S. 174: Barth ist «eifrig bemüht, die wissenschaftlichen Löcher in meinem wissenschaftlichen Mantel teils zu stopfen[,] teils zu verdecken. Die Studenten kommen und hören mir zu, wie wenn ich ein richtiger Professor wäre, ohne Ahnung, wie bange mir oft ist, ob mein Quantum jeweilen wieder für eine Stunde ausreicht.»↩
26
Gespräche 1964-1968, S. 117.↩
27
Bw.Th. II, S. 9. Vgl. Bw. R., S. 163f.170.↩
28
Bw.Th. II, S. 9f.; vgl. S. 14 und Busch, S. 145.↩
29
Vgl. Unterricht III, S. 378–493, besonders S. 482; sowie in Bw.Br. die Anfrage E. Brunners vom 24.6.1926 an Barth, S. 135–138, und die Antwort Barths vom 27.6.1926 an Brunner, S. 138–141.↩
30
Bw.Th. II, S. 134.↩
31
Bw.Th. II, S. 151.↩
32
Siehe unten S. 472f., Anm. 273.↩
33
Predigten 1921-1935, S. 3–8. Vgl. auch die Morgenandacht vom 9.7.1925 über Jak. 1,22-25, S. 129–134.↩
34
Bw.Th. II, S. 151f.↩
35
Sein dogmatisches Urteil, das er wenige Wochen zuvor im Vortrag «Das Problem der Ethik in der Gegenwart» (26.9.1922) zum Ausdruck bringt, weist in dieselbe Richtung (Vortr. u. kl. A. 1922-1925, S. 132f.): «Wie jene neue Schöpfung des Menschen selbst justificatio forensis, justificatio impii [vgl. Röm. 4,5] ist, ein Anderswerden des nicht anderswerdenden Menschen, eine Paradoxie sondergleichen, so auch die positive Beziehung Gottes zu des Menschen Tun. Es ist und bleibt sein Wille unfrei, er steht und wird stehen bis an das Ende seiner Tage unter der vernichtenden Wirkung des Sündenfalls». «Es ist und bleibt aber darum auch das Gesetz aufgerichtet in untrennbarer Einheit mit dem Evangelium, m.a.W. die ethische Frage mit ihrem verpflichtenden und fordernden Ernst ungeschwächt bleibt gestellt.»↩
36
Siehe unten S. 182, Anm. 65.↩
37
Bw.Th. III, S. 725 mit Anm. 11. Vermutlich bekam Thurneysen beide Vorlesungen – die erste möglicherweise in einer der erwähnten Abschriften, die zweite aber wohl in Barths Originaltyposkript, von dem bei der Rückgabe an Barth zunächst die letzten acht Seiten bei Thurneysen blieben. Von diesen acht Seiten kamen immerhin die vorletzten sieben Seiten 1975 nach Thurneysens Tod noch in das Karl Barth-Archiv, während die letzte unterdessen verloren gegangen war (s. unten S. 529, Anm. 306).↩
38
Bw.Th. III, S. 790.↩
39
E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus ausgelegt für die Gemeinde, Basel o. J. (1941), S. 6; vgl. Bw.Th. II, S. 154, Anm. 6.↩
40
Siehe die Hinweise am Ende der Vorlesungen W.S. 1921/22 bzw. W.S. 1922/23: «trage nun die betr. Bücher auf die Bibliothek zurück»; «Zwingli- und Jakobusliteratur kommen für diesmal aufs Regal und in die Bibliothek zurück» (Bw.Th. II, S. 53.150).↩
41
Gespräche 1964-1968, S. 534.↩