23. Februar 2022

Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 2–6

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Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22

Epheser 2 - 6

23. II. 22Ich habe heute die Aufgabe, Ihnen den Inhalt der fünf letzten Kapitel des Epheserbriefes zu skizzieren. Anders als in Andeutungen kann das nicht geschehen. Und Sie werden sich nicht wundern, wenn alle exegetische und systematische Begründung meiner Auffassungen dabei ausbleiben muss.

2,1 - 10 bietet zunächst deutlich eine Fortsetzung und Umkehrung der Gedanken von 1,20-23. Dass die Leser die rechten weiten Gesichtspunkte und Maßstäbe haben und bekommen möchten für den ihnen im Evangelium gewordenen Gottessegen, darum ging es dort. Um sie daran zu erinnern: ihr habt es nicht mit Etwas, sondern mit Gott, nicht mit der Zeit, sondern mit der Ewigkeit zu tun, hatte Paulus von Christi Auferstehung und Erhöhung geredet. Nun hören wir ausdrücklich: Wer vom Geheimnis Christi redet, der redet vom Geheimnis des menschlichen Lebens. Auch wir waren tot. Unser Leben war ein περιπατεῖν nach der Tendenz dieser Welt und ihres Geistes. Unsere φύσις war gleichbedeutend mit Ungehorsam und darum mit Gottes Zorn (V. 1-4). Aber auch uns hat Gott lebendig gemacht mit Christus, samt ihm. Ὄντας νεκροὺς συνεζωοποίησεν, συνήγειρεν, συνεκάθισεν (V. 5 und 6). Das ist das Paradox auch unseres Daseins. Noch ist diese Wendung uns ein schlechthin Verborgenes: in der Zukunft liegt, zeitlich geredet, ihre Auswirkung (V. 7), in Gott allein liegt, menschlich kausal geredet, ihre Begründung (V. 8-10). Aber es besteht die Beziehung unseres Lebens auf dieses verborgene Neue. Höchst grundsätzlich ist in Christus auseinandergerückt als Vergangenheit unser Dasein in seine ganzen Breite auf der einen, als Zukunft Gott, der Lebendige, der Sieger, der Mächtige, der Herr und Erlöser unseres Daseins [auf der anderen Seite]. Die scheidende Mitte, die ewige Gegenwart, die die Vergangenheit wirklich zur Vergangenheit, die Zukunft wirklich zur Zukunft macht, ist Jesus, die Kraft seiner Auferstehung. Weder eine zufällige Geschichtswahrheit ist die Kraft der Auferstehung noch eine notwendige Vernunftwahrheit, um mit Lessing zu reden188, sondern die Wahrheit des göttlichen Geschehens an |149 uns, das in keinem Sinn zufällig und in keinem Sinn notwendig genannt werden kann, das eins ist mit der Wahrheit des göttlichen Willens: weder Faktum noch Idee, sondern Offenbarung.

2,11-22 bringt die erste Entwicklung des Gedankens, die dem Verfasser unseres Briefes offenbar besonders am Herzen lag. So radikal ist das menschliche Diesseits in Christus in Beziehung gesetzt zum Jenseits Gottes, so umfassend ist unser ganzes bekanntes Dasein in das Licht seiner ewigen Zukunft gerückt, dass eine radikal umfassende Relativierung der Unterschiede und Gegensätze innerhalb jenes unseres Diesseits und bekannten Daseins die unausweichliche Folge ist. Was bedeutet der Gegensatz von Heiden und Israel, von Fernen und Nahen, dieser endliche Gegensatz, angesichts der Aufhebung des unendlichen Gegensatzes zwischen Gott und Mensch, die in Christus als der verborgene Wille Gottes offenbar ist? Der große Gegensatz ist die grundsätzliche Aufhebung aller kleinen Gegensätze. Ihr Sinn, ihre Bedeutung wird klar, ja es gibt ein ohne Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt Sein (V. 11-12), aber wie kann das, sofern damit ein Zustand einzelner bestimmter Menschen beschrieben sein soll, etwas Anderes sein als ein Gleichnis, wenn es in Christus klar wird, dass der Zustand dieser einzelnen bestimmten Menschen in Wahrheit aller Menschen Zustand und wenn nun dieser Zustand aller Menschen in Christus in das Licht der Verheißung gerückt ist? Der Universalismus des Gegensatzes von tot und lebendig, Vergangenheit und Zukunft, Gericht und Gnade nimmt notwendig dem Gegensatz zwischen diesen und jenen Menschen, Heiden und Juden, Pharisäern und Weltkindern, Ungläubigen und Gläubigen, Außerhalb- und Innerhalb-Stehenden seine grundsätzliche Schärfe. «Er ist unser Friede. Er hat aus dem Getrennten eins gemacht und den Zaun, der dazwischen war, die Feindschaft, niedergerissen» (V. 14). Er hat aus zweien einen neuen Menschen geschaffen in ihm selber (V. 15) und fasst die Getrennten als einen Leib zusammen und versöhnt sie so mit Gott durch das Kreuz. Er hat die Feindschaft getötet durch sich selbst (V. 16). Er gibt den Getrennten Zugang zum Vater durch einen Geist (V. 18). In ihm sind auch die Gäste und Fremdlinge Mitbürger der Heiligen |150 und Gottes Hausgenossen (V. 19). Gerade weil Christus, die lebendige Beziehung des Menschen auf Gott, der Eckstein, die Krisis, die Voraussetzung alles Menschlichen ist, werden die vermeintlich absoluten Gegensätze innerhalb des Menschlichen relativ, werden die verschiedenen Relativitäten zu Bausteinen an einem Hause, wird Friede auf Erden möglich und notwendig (V. 20-21).

3,1-13 nennt Paulus nun diesen Gedanken, nein diese Entdeckung, dass Heiden und Juden eins sind in Christus, das Eigentümliche des ihm selbst gewordenen Apostelberufs. Er fühlt sich durchaus nicht als christlicher Prediger im Allgemeinen, sondern als δέσμιος τοῦ Χριστοῦ für euch Heiden (V. 1), als der Mann, der unter dem Zwang steht, das, gerade das zu sagen, den Heiden zu sagen: ihr, die Hoffnungslosen, habt nun Hoffnung, ihr, die Gottlosen, seid Gottes, ihr die Fernen, seid nahe. Die Aufhebung der relativen Gegensätze im Licht des absoluten, das ist das paulinische Evangelium, das ist die οἰκονομία τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι, sein spezifischer Auftrag, durch Offenbarung ihm zuteil geworden (V. 2-3). Ja noch mehr: darin sieht er das Spezifische seiner Zeit, der angebrochenen christlichen Ära, das die Zeit nach der historischen Erscheinung Christi von der Zeit vorher Unterscheidende: nicht darin etwa, dass jetzt erst die lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch geschaffen oder ermöglicht sei (2,11-22 zeigt ganz deutlich, dass Paulus mit der heilsamen Gegenwart Christi auch im Alten Testament gerechnet hat), wohl aber darin, dass die Heiden Miterben, Mitglieder, Mitteilhaber der Verheißung sind in Christus Jesus durch das Evangelium (V. 6), dass also auch sie in jene lebendige Beziehung, der Israel immer teilhaftig war, einbezogen sind. Das ist das Geheimnis, das den früheren Geschlechtern der Menschen nicht so bekannt war, wie es jetzt der Fall ist (V. 5), das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, verborgene Geheimnis der Erlösung (V. 9). Ihm, Paulus, selber der Geringste, der Schuldigste unter den Heiligen, ist es gegeben, das den Heiden, seinen mitschuldigen Brüdern zu sagen. Das ist die Verknüpfung seiner Botschaft mit seiner eigenen Lebensführung (V. 8). Und das ist’s, was jetzt durch die Tatsache der Heiden und Juden vereinigenden Gemeinde des Christus auf Erden den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt, all den relativen Absolutheiten, die die Versöhnung aller Menschen und damit den Frieden unter den Menschen in |151 Frage stellen wollen, verkündigt werden muss (V. 10-11). Das ist das Christentum: das Ende aller -tümer und -ismen, die volle Umkehrung der gewöhnlichen Anschauung und Denkgewohnheit dadurch, dass alle Mittelbarkeiten hier selber in Frage gestellt werden durch die Unmittelbarkeit, mit der Gott jedem Menschen nahetritt in Christus. Dieses unmittelbare Nahetreten Christi zu jedem Menschen, der Universalismus der Verheißung, die Relativierung aller historisch gegebenen Gegensätze also ist für Paulus das Neue, das Wesentliche der historischen Erscheinung Jesu als solcher. Die Religionsgeschichte ist mit dieser Geschichte grundsätzlich zu Ende. Von «Heiden», von «Gottlosen» soll von jetzt an nur noch in Anführungszeichen, nur noch in Hoffnung und Liebe geredet werden können, nicht mehr mit dem tragischen, harten, exklusiven Akzent, den diese Worte im Alten Testament hatten. Heiden sind zukünftige Christen, Gottlose sind verborgene Gotteskinder; da die Weisheit Gottes in Christus und seiner Gemeinde offenbar ist, πολυποίκιλος, mannigfaltig, unendlich beweglich und stark (V. 10). Menschliche Gerechtigkeit verbindet nicht mit Gott, und menschliche Ungerechtigkeit scheidet nicht von Gott. Nein, Gottes Gerechtigkeit ist Beides, das Scheidende und Verbindende – um denselben Gedanken in den Ausdrücken des Römerbriefs auszusprechen. So, als der Bote des Heils den Heiden, will sich Paulus seinen Lesern in Erinnerung rufen (V. 12-13).

3,14-21 kann ebensowohl als Abschluss des Vorhergehenden wie als Einleitung zum Folgenden aufgefasst werden. Es ist eine Wiederaufnahme des Gebetes des Apostels für seine Leser 1,15-19. Paulus beugt sich vor dem, der der Väterliche ist in allen Vaterverhältnissen im Himmel und auf Erden, das jenseitige Prinzip aller diesseitigen Verhältnisse von Ursache und Wirkung, Schöpfer und Geschöpf. Von ihm haben sie ihre Namen. Seine Gleichnisse und Abbilder nur sind sie (V. 14). Er muss es seinen Lesern geben, dass ihr innerer Mensch stark werde, dass Christus wohne durch den Glauben in ihren Herzen, dass sie so gegründet werden in der Liebe, dass ihnen alles das, was jene Gemeinschaft der Menschen in Christus stört, alles Mein und Dein aus den Händen fällt (V. 15-17), dass sie begreifen lernen, dass die Wahrheit mehr als zwei Dimensionen hat, dass die Liebe Christi größer ist als alle einzelne, direkte, diskursive Erkenntnis, die wir von den Dingen und von den Menschen haben können (V. 18-19), dass |152 Gott gibt und geben will über alles Bitten und Verstehen der Menschen. Eben der Ort, wo Gott diese Einsicht gibt und wo sie gefasst wird, der Ort, wo Gott auf den Plan tritt mit seinem Ich bin! [vgl. Ex. 20,2ff.; Dtn. 5,6ff.] und wo es darum gewagt wird, das unermessliche Wagnis, die sündige, verlorene Welt in ihrem Zusammhang mit Gott zu verstehen und nicht mehr anders, ist die ἐκκλησία, ist der Christus Jesus selbst verkörpert in der Schar der von ihm Zusammenberufenen (V. 20-21). – Dieser Schluss von Kapitel 3 ist offenbar der Höhepunkt des ganzen Briefes.

In 4,1-16 wird das Gebet zur Ermahnung, zur Ermahnung, den in Christus dem Menschen geschenkten Frieden zu halten, zu bewahren, die relativen Gegensätze menschlichen So- und Soseins nun wirklich in das versöhnende Licht des absoluten Gegensatzes von Gott und Mensch zu stellen. «Seid fleißig, die Einheit des Geistes zu bewahren im Band des Friedens» (V. 3). Man darf diese Ermahnung nicht lösen aus ihrem Zusammenhang. Nicht aus Friedensliebe mahnt Paulus zum Frieden, sondern um der Ehre Gottes, um der Konsequenz der Berufung willen, die den Christen zuteil geworden ist. Diese Berufung ist Berufung zu einer Hoffnung. Das ist das Band des Friedens. Man betone darum in V. 4-6 nicht ausschließlich das εἷς, μία, ἕν usf., sondern mindestens ebenso stark die zugehörigen Hauptwörter. Dass wir ein Leib und ein Geist sind, berufen zu einer Hoffnung, dass wir einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott und Vater haben, dieses Positive ist die Begründung der Ermahnung, Frieden zu halten, die unvergleichliche neue Wirklichkeit Gottes, mit der wir es in Christus zu tun haben. Diese Gotteswirklichkeit als solche, die uns so klein und so groß macht, so tief beugt und so mächtig aufrichtet, ist der Friede, ist das Eine, das uns nicht auseinanderfallen lässt in unseren relativen menschlichen Gegensätzen. Glauben wir nicht an einen Gott, so hilft es uns nichts, uns zu beteuern, dass wir an einen Gott glauben. Indifferenz ist noch immer ein schlechter Weg zur Toleranz gewesen. Die Einheit in Gott aber ist unmittelbar die Begründung der Freiheit des Einzelnen, an seinem Ort und auf seine Art Gottes zu sein. Der Weg Christi führt vom Leben in den Tod ins Leben, er umfasst das ganze Dasein in seinen schärfsten uns denkbaren Gegensätzen, also auch die verhältnismäßig kleinen Gegensätze, die zwischen uns bestehen mögen (V. 7-10). (Dieselbe Begründung der Frei|153heit und Einheit finden Sie Röm. 14,7-11.) Eine Zubereitung nur ist die Persönlichkeit und Stellung jedes Einzelnen als solchen in seiner Verschiedenheit vom Anderen, die Zubereitung zum Dienst; zur Auferbauung des Christusleibes muss das nämlich so sein (V. 12), ist jeder von Christus «gegeben» als das, was gerade er ist (V. 11). Etwas Anderes ist der Dienst selbst, das Werk, das innerhalb der Schranke unserer Einzelheit getan werden soll, das vollkommene Mannesalter Christi, das diese Schranke aufhebt, indem es offenbar wird, dass gerade das Einzigartige auch das Ewige ist (V. 13). Aber dort stehen wir jetzt und hier nicht. Dort können wir von unserem «jetzt und hier» aus nur hinschauen, alle Sektiererei vermeiden (V. 14), der Wahrheit in Liebe die Ehre geben (V. 15) und so wachsen an Christus, bis wir – aber das ist nicht etwa das Ende dieses Wachstums, das ist die Erfüllung, die jenseits alles unseres Wachsens liegt – hinankommen zu der Einheit des Glaubens in der Erkenntnis des Sohnes Gottes (V. 13). Dieses jenseitige Ziel bestimmte und charakterisierte unseren diesseitigen Weg. Unsere Hoffnung sei unser Friede. Auf den Bergen ist Freiheit.189 Wir sind noch nicht auf den Bergen. Wir können aber unsere Augen erheben zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt [vgl. Ps. 121,1].

4,17-24 überträgt dieselbe Ermahnung auf das Gebiet des sittlichen Lebens überhaupt. Paulus predigt nicht Moral, er bezeugt (V. 17), dass der große Gegensatz, in dessen Licht die Christen gekommen sind, die Krisis von Diesseits und Jenseits in Christus, auf die sie sich eingelassen haben, Folgen hat. Die Offenbarung Gottes ist ein Angriff auf den Menschen. Das Christentum ist eine gefährliche Sache.190 Aber diese Gefahr ist über die Christen schon hereingebrochen. Sie haben Christus schon Gehör geschenkt, sie sind schon belehrt, wie die Dinge stehen in Jesus (V. 21). Also nicht als ein Seinsollendes erst stellt Paulus ihnen das Gute der Überwindung des Bösen entgegen, sondern wie Röm. 6,1-14 als ein Selbstverständliches. Sie können nicht mehr rückwärts. Der entscheidende Schritt ist schon getan. Das neue Licht umgibt sie schon. Sie haben ja Gottes Verheißung. Wie könnte, |154 wer Gottes Verheißung hat, der Alte sein und bleiben wollen? Gottes Verheißung haben, das heißt den alten Menschen ablegen, den neuen anziehen (V. 22-23). Also analytisch, nicht synthetisch ist die Ermahnung: seid, was ihr seid! und nicht, was ihr nicht seid! Aber das ist für den Menschen immer wieder eine Aufgabe, dass er ist, was er ist, darauf muss er, in der Zeit lebend, sich immer wieder besinnen. Darum die Notwendigkeit der Ermahnung: Werdet neu durch den Geist in eurem Denken (V. 23), tut Buße!, damit die Gotteswahrheit eure Verwandlung, eure Lebenswahrheit werde. Immer wieder muss die Erkenntnis Gottes damit anfangen, dass wir begreifen, dass wir Sünder sind, dass wir uns also allen anderen Menschen gleichstellen, immer wieder damit fortfahren, dass wir begreifen: wir können nicht Sünder bleiben, dass wir uns also den anderen Menschen um keinen Preis gleichstellen können. Das Schreiten von hier nach dort, das immer ein Schreiten bleibt, nie ein Angekommensein werden darf, ist die vita christiana.

4,25-5,20 entfaltet nun die Einsicht von dem großen Schatten, der von Gott her auf unser Leben fällt, von dem schweren Angriff, dem großen Krieg, unter dem wir stehen, positiv und negativ nach allen Seiten. Es ist ausgeschlossen, dass wir hier auf Einzelheiten auch nur andeutend eintreten können. Ich bemerke über ihre allgemeine Richtung nur Weniges in meinen eigenen Worten. Wer Gott verstanden hat, der wird sorgfältig und aufmerksam. Ihm ist etwas anvertraut, das nicht zerstört werden darf. Er lernt Respekt vor der hohen Notwendigkeit des Reiches Gottes und bekommt von Schritt zu Schritt neue Klarheit und Freiheiten, während die alten Methoden zurückbleiben, ohne dass doch sein Tun etwas Anderes wäre als Stückwerk und Vorbereitung, Übung und Kampf. Das Leben wird ihm schwer, aber das ist ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, die sich ihm zuwendet. Der Ernst der göttlichen Gebote bedrückt nur die, die in der Gnade stehen. Dem Erkennen Gottes in Furcht und Zittern [vgl. Hiob 4,14; Ps. 55,6; Phil. 2,12] können und wollen wir nicht ausweichen. Gerade es gibt uns den folgsamen, lenksamen Geist der Beweglichkeit, die das Neue des christlichen Ethos ist. Es wird sich immer wieder fragen, ob wir Ohren haben zu hören [vgl. Mt. 11,15; Mk. 4,12 u. ö.], ob wir an das Licht glauben, so dass wir des Lichtes Kinder sein können [Joh. 12,36; vgl. Eph. 5,9]. Ohne diese Frage hilft uns aller christliche Eifer |155 nichts. Bedrängt und beunruhigt uns diese Frage nach der Voraussetzung des christlichen Ethos, dann gerade können und sollen wir uns seine Ermahnungen ins Gewissen schreiben, dann gehen sie uns unter allen Umständen an.

Eine Sonderstellung in der Reihe dieser Ermahnungen nimmt 5,21-6,9 ein. Es behandelt die natürlichen Verhältnisse von Mann und Weib, Eltern und Kinder, Herr und Knecht. Luther hat diese Ausführungen überschrieben mit «Christliche Haustafel».191 Es ist aber zu beachten, dass Paulus und das ganze Neue Testament kein selbstständiges Interesse nimmt an den menschlichen Gemeinschaftsformen als solchen, dass wir es also hier nicht etwa mit dem primitiven Versuch einer Sozialethik zu tun haben. Nicht auf die Aufrichtung, Erhaltung und Wohlfahrt der Familie hat es Paulus abgesehen, sondern darauf, dass auch das Leben des Menschen in der Familie, dieses wichtigste, konkreteste Stück seines Lebens in das Licht des großen Gegensatzes gerückt werde. Es geschieht das so, dass überall gezeigt wird, wie die in der Welt bestehenden einseitigen Abhängigkeitsverhältnisse Abbilder sind der großen Abhängigkeit des Menschen von Gott, in die wir durch Christus versetzt sind, und wie das Leben in jenen menschlichen Verhältnissen umso sinnvoller, umso christlicher wird, je mehr wir das Gleichnis des Göttlichen, das sie eigentlich bedeuten, in ihnen zu Ehren bringen. Darum völliger Gehorsam auf der ganzen Linie, aber eben nur darum. Was jene Verhältnisse rechtfertigt, die Furcht Christi (5,21), das ist auch die Gewähr dafür, dass sie nicht absolute Verhältnisse sind. Ein Geheimnis ist die Ehe (5,32), d. h. eine Notwendigkeit, die aber einen Widerspruch und die Verheißung einer kommenden Veränderung in sich trägt. So ist auch der Sinn des Verhältnisses von Eltern und Kindern die Bildung und Ermahnung zum Herrn (6,4) und der Sinn der sozialen Überordnungen der, dass es nur einen Übergeordneten, nur einen Herrn gibt, nämlich Gott. Man hüte sich wohl, dass man diese Stelle nicht so konservativ und romantisch auslege, wie sie in den einzelnen Wendungen klingen. Sie sind revolutionärer, als sie auf den ersten Blick aussehen, aber es ist freilich die Revolution von oben her, die sich in ihnen ankündigt, und gerade weil diese Revolution so radikal ist, ist ihr Tenor so konservativ. Die Wie|156derherstellung der ursprünglichen, der Schöpfungsordnungen des menschlichen Lebens greift die bestehenden Verhältnisse nicht direkt, nicht von außen, sondern von innen und von unten an. Sie greift sie an, indem sie sie stehen lässt!!

Der Schluss des Briefes 6,10-24 bringt uns noch einmal scharf zum Bewusstsein, dass es sich im Christentum auf der menschlichen Seite immer nur um ein Ansetzen, Ergreifen, Kämpfen handeln kann und in jedem Augenblick aufs Neue, mit neuem, ganzen Ernst, als ob es der erste Augenblick wäre, darum handeln muss. Wahre Theologie ist und bleibt eine theologia viatorum192. Aber wenn wir nur Wanderer sein können, so sollen und wollen wir nun eben Wanderer sein. Sie kennen das berühmte Bild vom Anziehen der πανοπλία, der Waffenrüstung Christi (6,10-17). So sollen die Christen dastehen als Gotteskämpfer in dunkler Nacht wie Jakob und doch und gerade als solche im Morgenrot des neuen Tages: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! [Gen. 32,27]. Beten und Wachen! [vgl. 6,18] heißt die Parole, unter die Paulus seine Leser stellen möchte, unter die er auch sich selbst stellt. Er ist ja selber einer, der Trost nötig hat, und gerade aus diesem Entbehren heraus kann er Andere trösten. Gerade die erkannte Fragwürdigkeit unseres Daseins ist ja das Korrelat der lebendigen Hoffnung, die wir haben, und diese wieder der Grund und die Möglichkeit, dieses Dasein ohne Illusion, aber auch ohne Trägheit zu gestalten zur Ehre Gottes. Den Herrn Jesus Christus liebhaben ἐν ἀφθαρσίᾳ (V. 24), in seinem unvergänglichen Wesen, als den, der Gottes eigene überhimmlische Sache führt und gerade darin die unsrige, das ist Gnade. Das ist’s, was Paulus sich und seinen Lesern zum Schluss noch einmal wünscht.

Sachfußnoten

188
Vgl. G. E. Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft, Werke, hrsg. von H. G. Göpfert u. a., 8. Bd., München 1979, S. 12: «zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden».↩
189
Fr. von Schiller, Die Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder, IV. Akt, 7. Szene.↩
190
Vgl. Barths Leitsatz 19 im Konfirmandenunterricht 1918-1919 (Konfirmandenunterricht, S. 263).↩
191
Siehe oben S.  34, Anm. 46.↩
192
D. h. eine theologia «viae» oder «hujus vitae» im Unterschied zur «theologia comprehensorum»: der theologia «patriae seu vitae alterius et beatae» (vgl. Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, dargestellt und aus den Quellen belegt von H. Schmid, neu hrsg. und durchgesehen von H. G. Pöhlmann, Gütersloh 1979, S. 28).↩