Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,1
Erklärung des Jakobusbriefes
W. S. 1922/23 und
158 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1922/23
Jakobus 1,1
Wer hat nun da recht, und wer soll da darüber entscheiden, wer recht hat? Für alle diese Behauptungen sind ja zur Begründung ganze Berge von fleißig gesammeltem und klug geordnetem Material beigebracht worden. Aber was hilft das, wo am entscheidenden Punkt hüben und drüben und in all den berührten Streitfragen eine auf schmalster Basis aufgerichtete Vermutung den Ausgangspunkt bildet? Ich gestehe Ihnen, dass es mir, ich weiß nicht, ob an Kunst oder an Mut oder an Lust gebricht, mich in dieses Handgemenge zu stürzen, sondern dass ich mich mit einigen allereinfachsten Feststellungen behelfen möchte.
1. Die Entstehungszeit. Die Aufnahme des Briefes in den neutestamentlichen Kanon erfolgte, besonders im Abendland, nicht ohne Zögern und Widerspruch, im Lauf 18 Zum ersten Mal ausdrücklich zitiert wird er im Johanneskommentar des Orige|164nes, dann in der Kirchengeschichte des Eusebius.23 Die Literatur des zweiten Jahrhunderts schweigt von ihm.24
Weiteren christlichen Kreisen scheint er also erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts bekannt geworden zu sein. Das beweist natürlich nichts dagegen, dass er vereinzelt schon früher gelesen wurde. Ein deutliches, wenn auch nicht unzweideutiges Datum ist seine Verwandtschaft mit Clemens Romanus und dem Hirten des Hermas, mit denen er sich in den Grundanschauungen wie in den vorausgesetzten Verhältnissen wie in einzelnen auffallenden Parallelen nahe berührt.25 Es liegt nahe, im Blick darauf die Entstehungszeit um die Wende des 1. zum 2. Jahrhunderts zu setzen.26 Man sagt insbesondere, die moralistische Auffassung des Christentums, die den Brief kennzeichne, das gänzliche Fehlen jeder Beziehung auf das Problem des alttestamentlichen Gesetzes und endlich die vorausgesetzten düsteren Zustände in der Christenheit machten eine Ansetzung vor Paulus unmöglich.27
166 Aber es ist nicht unmöglich, dieselben Argumente umzukehren, den sogenannten Moralismus des Jakobusbriefs in Beziehung zu setzen zu dem der Bergpredigt, das Fehlen des Gesetzesproblems zu erklären durch sein Nochnichtvorhandensein, die trüben Gemeindezustände durch die spezielle Verfassung und Lage der palästinensischen Christen unter Herodes Agrippa I., so dass sie statt gegen gerade für eine Entstehung vor Paulus beweisend wären, und damit kämen wir dann in die Mitte des 1. Jahrhunderts28 und somit auf eine Limite zwischen 50 und 150 n.Chr.
Ich beneide die, die mehr zu wissen meinen als das, aber ich kenne keine durchschlagenden Gründe weder für oder gegen den Anfang noch für oder gegen das Ende dieser 100 Jahre, sondern begnüge mich damit, wenigstens das Jahrhundert zu wissen. Es ist jedenfalls das Jahrhundert, in das die beiden großen Ereignisse fallen, mit denen die eigentliche Kirchengeschichte anfängt: die Christusverkündigung des Paulus und die Entstehung der altkatholischen Kirche.31 Für die Erklärung ergibt sich aus dieser Zeitbestimmung in ihrer ganzen Dürftigkeit jedenfalls die hohe Wahrscheinlichkeit, dass unser Brief zu diesen beiden Ereignissen irgend eine engere oder losere, positive oder negative Beziehung aufweisen wird. Positiv wissen können wir nur das Eine: Damals, zur Zeit dieser Ereignisse, ist der Jakobusbrief geschrieben worden.
In der lateinischen Kirche bezeugt Hieronymus das Vorhandensein von Einwänden gegen seine Autorität, und noch im 6. Jahrhundert sind solche Stimmen laut geworden.39 Der berühmteste Zweifler an der Echtheit des Jakobusbriefes ist bekanntlich kein Geringerer als Luther, der außer dem vielgenannten Wort von der «strohernen Epistel» (E.A. 63,115)40 mit dürren Worten erklärt hat, er achte ihn für keines Apostels Schrift42 und könne ihn nicht unter die rechten Hauptbücher des Neuen Testaments setzen43, weil er 1. stracks wider Sankt Paulum und alle andere Schrift den Werken die Gerechtigkeit gebe, 2. nicht einmal in solcher langer Lehre des Leidens, der Auferstehung, des Geistes Christi gedenke, 3. (ein ganz modernes Argument) durch seine 44. Dieser Jakobus, sagt Luther, «wirft so unördig eins ins ander, dass mich dünket, es sei irgend ein gut frommer Mann gewesen, der etliche Sprüche von der Aposteln Jünger gefasset, und also aufs Papier geworfen hat, oder ist vielleicht aus seiner Predigt von einem andern beschrieben».45
Das uralte Bedenken gegen die «Echtheit» unseres Briefes ist von einem Teil der neueren Forschung, unter denen Schleiermacher einer der ersten war48, wieder aufgenommen worden, etwa mit folgenden Gründen: Der Herrenbruder Jakobus, der ein Eiferer für die Geltung des mosaischen Gesetzes gewesen, hätte davon nicht schweigen, nicht in der Art der Schriftsteller des 2. Jahrhunderts das «Gesetz der Freiheit» an dessen Stelle setzen können. Er hätte zweitens nicht so gut griechisch schreiben und das Alte Testament nach den Septuaginta zitieren können. Und es hätte ihm drittens als einem leitenden Geist der Jerusalemer Gemeinde der Apostelzeit ein so naives Missverständnis der paulinischen Thesen, wie es in dem Abschnitt 2,14ff. dokumentiert sei, nicht passieren können.49
Ich habe zu dem allem Folgendes zu bemerken: Jener altkirchliche Zweifel an der sogenannten Echtheit des Briefes, der, ich wiederhole es, gleichzeitig mit seiner ersten deutlichen Bezeugung auftritt, schließt es für mich aus, die Autorschaft des Herrenbruders Jakobus mit derjenigen Sicherheit zu behaupten, mit der sie etwa in den Werken von Schlatter und Zahn behauptet wird.50 Sie sind für sich allein kräftig genug, um hinter jenem an sich bündigen Schluss, Jakobus müsse ein bekannter Jakobus und also dieser Jakobus gewesen sein, ein großes Fragezeichen zu setzen. Die Argumente Luthers freilich verstärken dieses Fragezeichen nicht. Sie sind offenbar ein Parteivotum, begründet auf den allerdings sehr erheblichen Gedanken, ein apostolisches Dokument müsse durchaus ein Zeugnis für die Rechtfertigungslehre und für die Christusbotschaft in ganz spezifisch paulinischem Sinne sein,
Aber nehmen wir einmal an, es seien, was ja nicht unmöglich ist, alle jene Einwände, die altkirchlichen, die lutherischen und die modernen, vollkommen zu Recht erhoben, was wäre damit erreicht, als dass wir wieder dort stehen, wo wir, wenn wir nichts ohnehin als den Text des Briefes vor uns haben, stehen: vor der Verfasser-Bezeichnung: «Jakobus, Gottes und des Herrn Jesus Christus Knecht» (V. 1) und in der vollen Unwissenheit darüber, was wir damit anfangen sollen, erinnert an die Tatsache, dass auch der Schluss, Jakobus Harnacks, dass dieser erste Vers mit dem Verfassernamen nicht ein Werk des Verfassers selbst, die Schrift also nicht im eigentlichen Sinne pseudonym, sondern durch einen späteren Unbekannten durch Anhängung dieses Verses dazu gemacht worden wäre.54 Die Finsternis, in der wir uns befinden, würde dadurch, dass der Verfasser namenlos würde, weder größer noch kleiner. Höchstens dass uns die Tatsache einer solchen Namengebung zeigen würde, in welcher Richtung man das namenlose Schriftstück ums Jahr 200 zu verstehen gesucht hat, nämlich als das Erzeugnis eines jedenfalls nicht-paulinischen Christentums, für das man aus allerlei Gründen den Namen Jakobus für bezeichnend halten mochte. Ich möchte aber vorschlagen, dass wir diese Belehrung, da sie bloß auf Vermutung beruht, vorläufig als nicht-vorhanden ansehen und dass wir (wissend, dass wir nichts wissen!55) den Verfasser der Einfachheit halber fernerhin Jakobus nennen. Für die Erklärung ergibt sich aus dem Gesagten, dass wir Alles, was wir (abgesehen von dem Namen) über unseren Verfasser wissen können und wissen müssen, seiner Schrift selbst zu entnehmen haben. Ich halte es also in gleicher Weise für unzulässig, den Brief mit Hofmann, Zahn und Schlatter zum vornherein so zu erklären, als ob der Herrenbruder Jakobus mit all dem, was man über ihn weiß oder |178 zu wissen meint, dahinter stehe, wie mit der kritischen Schule so, als wäre es erwiesen, dass er, um mit Luther zu reden, «ein gut fromm Mann» ums Jahr 120-150 gewesen sei.56 Nichts, gar nichts ist erwiesen als das, was sich über den Charakter, die Denkart, das Wollen des Irgendjemand, des «Jakobus», der hier schreibt, den 108 Versen seiner Schrift selbst entnehmen lässt.
An die Stelle der Einleitung hat sofort die Erklärung zu treten. Jülicher sich ausdrückt, mit der «Einheit einer schriftstellerischen Persönlichkeit» zu tun57, nicht mit einem bloßen Kompilator, und in seiner Schrift nicht mit einer bloßen Sammlung von Sprüchen. Es kann allerdings sein, dass der Brief ursprünglich kein Brief, sondern eine Sammlung von Ansprachen oder von Bruchstücken solcher ist. Die oft hervorgehobene Sprunghaftigkeit seines Gedankengangs, das «unördig eins ins ander werfen», von dem Luther redete59, würde sich dann einigermaßen erklären.
182 Der Jakobusbrief ist das Neue Testament alttestamentlich aufgefasst, als nova lex.66 Das ist sicher nicht paulinisch, aber auch nicht notwendig schon altkatholisch und vielleicht ein notwendiges Korrektiv zum Paulinismus. Es gibt nicht nur die zwei Möglichkeiten Christus oder ein neuer Pharisäismus. Es gibt auch die dritte Möglichkeit, die Möglichkeit des Propheten, der auf Christus hinweist. Diese Möglichkeit hat Jakobus gewählt. Allerdings in einer ihrer unscheinbarsten und, wenn man will, zweideutigsten Formen, nämlich, und insofern stimmt der Vergleich mit Jeremia nicht, in Form der alttestamentlichen Weisheitsrede, die sich, nicht ohne gelegentliche Ausblicke in letzte Tiefen und Höhen, unmittelbar neben den Menschen, wie er ist in der ganzen Konkretheit seiner Situation, stellt und mit ihm redet – über was? über die Geheimnisse und Wunder Gottes? Nein und ja. Nein, sofern er sie nicht oder nur selten nennt, sondern mit dem Menschen einfach über sein, des Menschen, Leben redet. Ja, sofern er dabei die Geheimnisse und Wunder Gottes beständig im Rücken hat und nicht anders als von da aus mit den Menschen über ihr Leben redet. Wer wollte die Gefahr verkennen, von der dieses Vorgehen bedroht ist? Aber man muss auch die Möglichkeit und vielleicht Notwendigkeit erkennen, dass auch so vorgegangen werden muss. Man könnte dem Jakobus unrecht tun, wenn man ohne weiteres annehmen wollte, da sei das Urchristentum kleinbürgerlich, vulgärchristlich geworden. Was heißt Vulgärchristentum? War das Problem etwa abweisbar, dass das Christentum aus etwas Singulärem zu etwas höchst Vulgärem werden musste, wenn es wirklich Christentum sein wollte und wenn es im Gegensatz zum Paulinismus geschehen musste? |
Jülicher könnte dem Jakobus unrecht tun, wenn er von ihm sagt, die Religiosität habe hier die scharfen konkreten Züge der ersten Zeit verloren, es sei fast nur Allgemeines übrig geblieben, Vertrauen auf Gottes Güte, das im Gebet sich äußert und die Hoffnung nie verliert, |184 andererseits eifrige Erfüllung der Gebote Gottes, Übung der reinen Frömmigkeit, wie sie 1,27 definiert wird. Jakobus kämpfe nicht um Christus, Glaube, Hoffnung, sondern um Anstand, Gerechtigkeit, Selbstzucht; es gelte, nicht der Welt zum Trotz eine Kirche [zu] stiften und [zu] mehren, sondern die Welt aus der Kirche herauszutreiben.67 Und darum sei sein Buch wohl das am wenigsten christliche des Neuen Testaments.68 Was soll man dazu sagen? Wie anders konnte die «Religiosität» ihre scharfen konkreten Züge Kirche herauszutreiben», könnte es nicht sein, dass er dann gerade darum zu Zeiten das allerchristlichste, jedenfalls das allernotwendigste Buch des Neuen Testaments wäre?
Und auch Luther könnte dem Jakobus unrecht tun mit seiner Anklage, er sage ja gar nichts von Christi Kreuz, Auferstehung und Geist. Denn es könnte doch sein, dass Bengel den Jakobus besser verstanden hat, wenn er von ihm sagte, das habe er gerade als Bruder des Herrn mit vollem Bewusstsein so gehalten. Je näher er Christus gestanden sei, umso weniger habe er den Christus nach dem Fleische kennen wollen (2.Kor. 5,16).69 Aber: «tota epistola ex novitate illa christiana fluit.»70 -
Das Charakteristische an der Persönlichkeit des Jakobus, wie sie uns in seinem Brief entgegentritt, ist der Bußruf. Ich sage nicht, wie man oft hört: Tatchristentum oder praktisches Christentum.71 Denn das |186 trifft die Sache nicht. Es ist auch Jakobus nicht an der Tat gelegen, nicht an der Praxis, nicht an einem Zweiten, sondern an Gott. Er redet aber von Gott in Form des Bußrufes und nicht oder fast nicht anders. Ich sage Bußruf, in dem biblischen Sinn, dass nicht die Unfrommen, nicht die Draußenstehenden, nicht die Gottlosen, sondern die Frommen, die Drinnenstehenden, die Juden, Judenchristen oder Christen, jedenfalls die bereits in Gemeinschaft mit Gott Stehenden aufgerufen werden zur Umkehr zu Gott. Den Frommen kann und soll man dazu nicht wieder von Gott, von Christus, vom Geiste reden. Sie würden ja antworten: das kennen, das besitzen wir schon. Ihnen muss man ganz nüchtern und direkt vom Leben reden, von dem Kontraste des Innen und des Außen, der Frömmigkeit und des Handelns, des Glaubens und der Werke, von der Unmöglichkeit dieses Kontrastes, von der Notwendigkeit seiner Überwindung, Gerichts, wenn sie nicht überwunden wird. Es scheint, dass die Funktion Johannes des Täufers auch innerhalb der neutestamentlichen Welt nicht überflüssig geworden ist, sie ist ein Korrektiv zu der Funktion des Paulus. Ich will damit nicht sagen, dass Paulus dieses Korrektiv nicht auch in sich getragen hätte. Paulus ist auch Johannes der Täufer. Man kann den Römerbrief unmöglich genau lesen, ohne zu merken, dass der Bußruf auch im Römerbrief steht, ja, dass in gewissem Sinn der ganze Römerbrief ein einziger Bußruf ist. Aber der Jakobusbrief ist die nötige Erinnerung daran, dass der Römerbrief auch so gelesen werden muss. Offenbar hat sich schon in der Kirche des 1. Jahrhunderts das Bedürfnis nach dieser Ergänzung bemerkbar gemacht.
Diese Ergänzung zu liefern ist die Funktion des «Jakobus» gewesen. Das ist’s, was seine ganze Erscheinung so alttestamentlich macht. Wie Jeremia der Tempelgemeinde und wie der Täufer der Synagogengemeinde, so steht er in der Tat der christlich-kirchlichen Gemeinde gegenüber. Die Frage, ob denn das Alte vergangen, Alles neu gewor|188den sei [vgl. 2.Kor. 5,17], sie ist für ihn im Hinblick auf die christlichen Menschen nicht erledigt. Sondern mit rücksichtslosem Ernst und mit einer Schärfe, als ob es noch nie geschehen wäre, wird sie bei ihm auch dem christlichen Menschen gegenüber aufgerollt. Auch die christliche Welt ist ja in dieser Welt und kann darum des Bußrufs nicht entbehren. Der Bußruf aber tönt so, wie Jakobus redet. Er handelt nicht zufällig, sondern notwendig von den halben Seelen, von der falschen Berufung auf Gott, vom Rücksichtnehmen auf Menschen, vom Greuel des religiösen Redens, vom Zanken und vor Allem immer wieder von dem Betrug und von der Ungerechtigkeit des Geldes. So gewiss die christliche Botschaft nicht ist, was sie ist, wenn sie nicht in erster Linie wirkt als Gericht, das beginnt beim Hause des Herrn [vgl. 1.Petr. 4,17], so gewiss muss sie, ohne von ihrer Tiefe etwas zu verlieren, nein gerade um die rechte Tiefe zu gewinnen, zeitweise zum Teil oder auch ausschließlich so tönen, davon reden. Das ist das Allgemeinste, was ich über unseren Verfasser für heute sagen möchte. Es muss sich in der Erklärung im Einzelnen entfalten und begründen. Wie höchst gleichgültig die Frage, wer «Jakobus» gewesen ist und wann er geschrieben hat, wenn wir dies als sein Wesen und Wollen einmal deutlich ins Gesicht gefasst haben!
Was darüber ist, das ist zu keiner Zeit normal, das ist Gnade. In dem Wort δοῦλος spricht sich das Bewusstsein aus, dass der Betreffende |192 nicht eigenen Rechtes ist. Der scharfe Nebensinn «Sklave» ist nicht aus-, sondern eingeschlossen, und zwar mitsamt der Bestimmung des Sklavenrechtes, dass der Betreffende juristisch keine Person, sondern eine Sache ist. Eine Sache also und nicht eine Person stellt sich denjenigen vor, denen sich einer mit dem Namen δοῦλος vorstellt. Wollen sie nach der Person fragen, dann sollen sie sich an seinen Herrn wenden. Er ist die verantwortliche Person, er, der Sklave, kann nur Sache sein, als solche dem Verantwortlichen zur Verfügung stehen. Wir müssen sehr unmodern denken, Testaments wollen gerade keine Persönlichkeiten sein; sie sind ganz Sache, ganz Amt und Auftrag. So und nur so ergreifen sie jedenfalls das Wort. Sie wollen dienen, nicht sich selbst und beileibe auch nicht den anderen Menschen, sondern exclusive dem Willen Gottes. Wenn es sich darum handeln soll, auch den Menschen zu dienen, dann auf dem weiten Umweg über den Willen Gottes, der nicht immer und überall offen ist. Werdet nicht der Menschen δοῦλοι!, warnt Paulus 1.Kor. 7,23.
So also stellt sich auch Jakobus seinen Lesern vor. Und das Alleinstehen des Wortes δοῦλος verstärkt seinen etwas düsteren und negativen, die Leser sofort in ihre Schranke weisenden, jedenfalls strengen Ton. Er lehnt zum vornherein alle Verantwortlichkeit ab dafür, dass er so redet, wie er reden wird. Er kann nicht anders. Er muss. Sie mögen sich vor Gott und dem Herrn Jesus Christus prüfen, ob es wahr ist, dass er wirklich muss. Der Verweis auf diesen Herrn nimmt dem Anspruch dessen, der als sein Knecht auftritt, den Anschein von Willkür und Anmaßlichkeit. Angesichts dieser seiner Legitimation kann und darf er sein Amt rücksichtslos versehen. Die Zeit der Propheten, der großen Knechte Gottes, ist noch nicht zu Ende, auch im neuen Bunde nicht. Auch Jesus Christus hat nicht nur Apostel, die den Glauben verkündigen, sondern auch Knechte, die sich in die Buße stellen, die Buße verkündigen. Die Apostel selbst versäumen es selten, sich auch |194 Knechte zu nennen. Der Knecht ist das Korrektiv des Apostels, die unvermeidliche Erinnerung, dass kein Glaubender ist, der nicht immer wieder Buße zu tun hätte im Gedanken an den Willen Gottes, die Erinnerung nicht an das Auszeichnende, dass Einer ein Kind Gottes ist, sondern daran, dass er als Frommer und Gerechter, der seinem Namen Ehre macht, zu gehorchen hat, an das Gewöhnliche also. Tritt der Apostel ganz zurück und der Knecht ganz hervor, so mag uns das mit Recht erschrecken, es mag uns aber auch, wie wir schon letztes Mal hörten, einschärfen, dass das Korrektiv wirklich unvermeidlich ist, auch im neuen Bunde, gerade im neuen Bunde, ohne darüber zu vergessen, dass Apostel das Größere, Knecht das Kleinere ist. Dafür ist er Knecht Gottes, das, was jedermann werden kann, was man vom Apostel nicht sagen kann.
3. Die Adressaten. Das einzige Datum, über das wir in dieser Hinsicht zunächst verfügen, sind die Worte des ersten Verses: ταῖς δώδεκα φυλαῖς ταῖς ἐν τῇ διασπορᾷ. «Die zwölf Stämme» ist eine teils archaistische, teils eschatologische Bezeichnung für das Volk Israel, erinnernd an das Vollkommene, was Israel einst war und was es in der Endzeit wieder werden soll. Sie findet sich auch Mt. 19,28; Act. 26,7; Apk. 21,12.
Der Gebrauch dieses Ausdrucks in unserer Stelle kann in vierfachem Sinn aufgefasst werden. 1. Spitta versteht darunter, seiner Hypothese gemäß, schlechtweg die Juden, wie auch der Verfasser nach ihm ein Jude ist.74 2. Schlatter versteht darunter die Juden, aber mit Einschluss der Christen gewordenen Juden, das durch die Erscheinung des Messias und den Glauben an ihn nicht geteilte, sondern erst recht geeinigte Gottesvolk, ganz Israel ohne Sonderung zwischen Kirche und Synagoge.75 3. Zahn versteht darunter die Judenchristen allein.76
196 Und 4. alle übrigen Exegeten verstehen darunter, in Erinnerung an 1.Petr. 2,9 («Ihr seid das auserwählte Geschlecht ...») und an die 144000 der Offenbarung (Apk. 7), das neue Gottesvolk der Christen überhaupt.78
Ähnlich steht es mit dem Ausdruck «in der Zerstreuung». Ist das wörtlich, lokal zu verstehen? Also von den außerhalb oder nach Zahn innerhalb Palästinas zerstreuten Juden oder Judenchristen?80 Der Ausdruck διασπορά knüpft auf alle Fälle an an die für die Juden in der Fremde übliche Bezeichnung. Dass er auch von den Christen in diesem wörtlichen, lokalen Sinn gebraucht werden konnte, das bezeugt uns 1.Petr. 1,1, wo zweifellos Christen als «die auserwählten Fremdlinge in der Diaspora» und zwar unter bestimmter Nennung der Landschaften Kleinasiens bezeichnet werden. Aber zu der geistlichen, allegorischen Deutung der «zwölf Stämme» würde allerdings besser passen, was Hofmann sagt: «Dasjenige Israel, zu welchem Jakobus spricht, lebt in der Fremde, gleichviel, wo es wohnte.»81
Nur an die Voraussetzung will er sie in diesem ersten Vers erinnern, dass sie eine ecclesia possidentium82 ecclesia possidentium sind, Leute, die gewisse entscheidende Dinge schon wissen und gerade darum und als solche nun auch gewisse andere Dinge umso mehr wissen müssen. Er redet sie an als Leute, denen die Tiefe, das Geheimnis, das Ganze zunächst bekannt ist, und führt sie von da aus, nur gelegentlich dieses Bekannte streifend, auf die Oberfläche, ins mehr oder weniger Triviale und Alltägliche, ins Einzelne. Er behandelt sie fortwährend als solche, denen gegenüber man bloß Konsequenzen zu ziehen braucht aus Gründen, die selber nicht entwickelt, kaum genannt werden. Es handelt sich im ganzen Brief um den Aufruf, die wohlbewusste Wahrheit nun wirklich zu bewähren, ernst zu nehmen, zu betätigen, anzuwenden.
Die von Spitta aufgeworfene und bejahend beantwortete Frage, ob die Adressaten samt dem Verfasser nicht einfach reine nicht-christliche Juden seien, möchte ich zum Schluss nur noch einmal erwähnen. Ich wies schon das letzte Mal darauf hin, wie lehrreich sie ist auch für den, der sich Spitta nicht anschließt.88 Die Adressaten, für die wir uns dann vor Allem zu interessieren hätten, wären diejenigen christlichen Kreise, denen dieses nur an zwei Stellen oberflächlich korrigierte jüdische Schriftstück als ein christliches vorgesetzt werden konnte. Also solche christliche Kreise, die den Unterschied gar nicht gemerkt, die den alttestamentlichen Geist dieses Schriftstücks ohne Weiteres neutestamentlich aufgefasst hätten, hätte es zu Beginn des 2. Jahrhunderts gegeben. Was wäre nun merkwürdiger, dieses Phänomen oder das andere, das man bei der gewöhnlichen Annahme vor sich hat, dass ein. neutestamentlicher Schriftsteller so alttestamentlich schreiben konnte, wie es im Jakobusbrief auf alle Fälle geschehen ist?
206 Für mich folgt aus dieser Hypothese, von der ich vorläufig nur Akt nehmen möchte, jedenfalls das Eine, dass die Führer und Gemeinden dieser ältesten christlichen Zeit den Zusammenhang, ja die Identität der beiden Testamente, der alten und der neuen Religion, viel stärker empfanden als wir, die in solchen Dingen viel zu schematisch denken; von einem Gegensatz zweier «Weltanschauungen» konnte weder in der Urgemeinde noch bei Paulus die Rede sein. Der Kampf des Paulus um die Bedeutung des Gesetzes war eine Episode, und Paulus hat ihn nicht gegen, sondern mit dem Alten Testament geführt. Seinen Römerbrief hat Luther mit Recht die «Summe des Alten Testaments» genannt.89 Auch Jakobus hat in seiner Weise nur für unser Gefühl so viel provozierender die Summe des Alten Testaments gezogen. Dass auch er christliche Leser fand, die sein Werk schließlich sogar für des Kanons würdig ansahen, das beweist, dass man in weitesten und verschiedensten Kreisen der Christenheit überzeugt war, dass dies Tun auch in seiner Weise notwendig und dem Evangelium entsprechend sei. Es fragt sich, ob wir klug tun, etwa anderer Ansicht zu sein.
Das letzte Wort des ersten Verses führt uns mit dem eigentlichen Gruß, den es aussprichtχαίρειν: dass sie sich freuen, wünscht der Verfasser den Lesern. Es ist ein eigentümlich griechischer Gruß. Vollständig würde er lauten (2.Makk. 9,19) χαίρειν καὶ ὑγιαίνειν καὶ εὖ πράττειν. Er findet sich im Neuen Testament nur noch in zwei Briefen, die in der Apostelgeschichte wiedergegeben sind, Act. 15,23; 23,26; als Gruß erwähnt 2.Joh. 11. Als apologetisches Kuriosum: Weil man als den Verfasser des Act. 15,23 mitgeteilten Briefes den Herrenbruder Jakobus vermutete, meinte man in dem Gebrauch dieses χαίρειν ein Argument für seine Verfasserschaft des Jakobusbriefs zu besitzen.90 Das geht natürlich nicht. Paulus hat, wohl original, dieses übliche χαίρειν bedeutsam umgewandelt in das bekannte χάρις καὶ εἰρήνη. Es wird wohl kein Zufall sein, dass unser Autor den Gruß wieder umkehrt und an Stelle der |208 Substantive das Tätigkeitswort setzt. Er denkt nicht von oben nach unten, sondern ausgesprochenerweise von unten nach oben. Er wünscht den Lesern nicht, dass ihnen etwas geschenkt werde, sondern dass sie in Bewegung kommen. Dass dieser Gruß für ihn nicht formelhaft ist oder dass er den an sich formelhaften Gruß bereits bedeutsam meinte als einen Teil dessen, was er zu sagen hatte, das geht hervor aus der Art, wie er in V. 2 sofort aufgenommen wird.
159 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1928/29
Jakobus 1,1
Wir verbinden eine kurze Besprechung der sogenannten Einleitungsfragen, d. h. der Fragen nach dem Verfasser, den Adressaten, der geschichtlichen Bedingtheit und Eigenart unseres Briefes am Besten sofort mit der Erklärung seines ersten Verses:
Jakobus, Gottes und des Herrn Jesu Christi Knecht, den zwölf Stämmen in der Zerstreuung Freude!
Es ist noch nicht allzulange her, da geriet man, wenn man sich mit den durch diese zwei Zeilen aufgeworfenen Fragen beschäftigte, alsbald in ein Kreuzfeuer von unter sich ebenso verschiedenen wie von allen Seiten höchst positiv und kategorisch vorgetragenen wissenschaftlichen Ansichten. Während die Einen, etwa mit Schlatter auf unsern |161 Vers, speziell auf den Namen Jakobus ein ganzes in sich oft sehr sinnvolles Erklärungsgebäude für den ganzen Brief errichten zu können meinten1
Während Zahn unsern Brief als das älteste Stück des ganzen Neuen Testaments behandelte3
3 1. Die Frage nach der Entstehungszeit. Wir haben auszugehen von der Tatsache, dass die Kirche mit der Aufnahme unseres Briefes in den Kanon merklich gezögert hat, das Abendland länger als der Osten.18
Die christlichen Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts schweigen von ihm.24
167Aber mit der Versetzung des Briefs in die vorpaulinische Zeit ist nun doch auch Zahn ziemlich allein geblieben, denn zwingend lässt sich weder jener Moralismus des Briefes aus der Nähe der Bergpredigt, noch jenes Fehlen des Gesetzesproblems aus seinem Nochnichtvorhandensein, noch der vorausgesetzte trübe Zustand der Gemeinde aus der speziellen Lage und Verfassung der palästinensischen Christen unter Herodes Agrippa I. erklären.28
2. Die Frage nach dem Abfassungsort. Nur zwei Daten stehen hier zur Erwägung. Hauck meint, das «stark urchristliche und judenchristliche Gepräge» unseres Briefes und die in ihm vorausgesetzte Nähe zwischen der Gemeinde und der Synagoge sprächen für Palästina oder Syrien.32 Wegen jener Verwandtschaft mit Clemens Romanus und dem |169 Hirten des Hermas haben von Soden u. A. auf Rom geraten.33 Beide Beobachtungen lassen sich doch auch anders erklären und so wird man in den darauf gestützten Thesen – Hauck trägt auch diese nur mit Behutsamkeit vor – mehr als Vermutungen nicht erblicken können.
3. Die Frage nach dem Verfasser. Es wurde schon erwähnt, dass das Zögern der Kirche unserm Brief gegenüber jedenfalls auch mit der Ungewissheit über seinen Verfasser zusammenhing. Der Inhalt der Schrift gibt uns darüber 5 außer dem Namen Jakobus in unserm ersten Vers schlechterdings keine Auskunft. Ist der Schluss bündig, dass das Fehlen jedes weitern Zusatzes zu diesem Namen außer der Bezeichnung «Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus» auf einen Mann hinweise, der sich nicht erst näher bekannt zu machen brauchte und dass als solch allgemein bekannter Jakobus nur Einer in Betracht komme, nämlich der Gal. 2,9 als einer der δοκοῦντες στῦλοι εἶναι genannte und auch bei Josephus und Hegesipp als eine bedeutende und einflussreiche Persönlichkeit geschilderte Bruder Jesu selbst34
Als die Kirche den Brief als Werk des «Apostels Jakobus» in den Kanon aufnahm, tat sie es in der Meinung, dass der Gal. 2 Genannte identisch sei mit dem als «Sohn des Alphäus» bezeichneten Jünger dieses Namens.n37
171
Aber noch Hieronymus weiß von Bestreitungen dieser Ansicht und noch bis ins 6. Jahrhundert hinein sind solche vorgebracht worden.39
An der wirklichen oder scheinbaren Sprunghaftigkeit der Gedankenführung des Jakobus scheint Luther ganz besonderen Anstoß genommen zu haben: «ist da kein ordo noch methodus. Itzt sagt er von kleidern, bald von zorn, fellet imer von einem auff das ander.» Darum: |173 «Ich halt, das sie irgents ein Jude gemacht hatt, welcher wol hat horen von den christen leuten, aber nit gar zusam schlagen»! (W.A. T.R. 5, 157).46 Außer Luther haben in der Reformationszeit auch Erasmus und Cajetan die kritische Ansicht vertreten.47
Die alten Bedenken gegen die «Echtheit» unseres Briefes sind dann von der neuern Forschung aufgenommen und etwa so begründet worden: Der Herrenbruder Jakobus, der ein Eiferer für die Geltung des alttestamentlichen Gesetzes in der Christenheit war, hätte davon nicht schweigen, nicht in der Art der Schriftsteller des 2. Jahrhunderts das «Gesetz der Freiheit» an seine Stelle setzen können. Er würde ferner nicht so gut griechisch geschrieben und das Alte Testament nicht fast durchgehend nach der Septuaginta zitiert haben. Und es hätte ihm als einem leitenden Geist der Jerusalemer Gemeinde der Apostelzeit ein so naives Missverständnis der paulinischen Ansicht wie das Kap. 2 dokumentierte nicht widerfahren können.49
Überblickt man das Ganze dieses kritischen Ansturms, so wird man vor Allem die geschilderte Situation in der alten Kirche: ihre späte und zögernde Bereitwilligkeit den Brief in den Kanon aufzunehmen, diese gleichzeitig mit den ersten Bezeugungen auftretenden Bezweifelungen seiner Echtheit, nicht ernst genug nehmen dürfen. Mit der Sicherheit, mit der etwa Schlatter und Zahn sie behauptet haben50
175 Schon Calvin, ein entschiedener Pauliner auch er, hat darüber viel ruhiger gedacht. Er sagt im Vorwort zu seinem Jakobuskommentar, es sei eben nicht von Allen zu verlangen, dass sie dieselbe Seite der einen Sache behandelten und verweist auf den Gegensatz zwischen David und Salomo, zwischen Johannes und den Synoptikern.52
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Sollte die Kritik recht haben – und man dürfte sich vergeblich nach Gründen umsehen, weshalb sie unrecht haben sollte – dann stehen wir wieder dort, wo wir, wenn wir nichts als Vers 1 vor uns haben, ohnehin stehen, vor der Verfasserbezeichnung «Jakobus, Gottes und des Herrn Jesu Christi Knecht», bereichert um die Erkenntnis, dass der Schluss, Jakobus müsse gerade jener Jakobus gewesen sein, eine Vermutung, und zwar eine fragwürdige Vermutung gewesen ist. Dann muss freilich mindestens gerechnet werden 8 mit der Frage, ob nicht der ganze erste Vers oder doch der Name Jakobus selber eine uralte «Vermutung» sein möchte. Sei es, dass der Verfasser selber unter diesem Pseudonym geschrieben hätte, wie es in jenem Zeitalter unter dem Namen berühmter Männer in unzähligen Fällen getan worden ist. Sei es, wie Harnack annimmt, dass die Schrift erst durch die Zutat eines sehr viel Spätern pseudonym gemacht worden wäre.54
An die Stelle der Einleitung hat sofort 9 die Erklärung zu treten. Wir können sie hier nicht vorwegnehmen. Doch können einige andeutende Bemerkungen jetzt schon gemacht werden. Eine grundlegende zuerst: Wir haben es im Jakobusbrief, wie Jülicher sich ausdrückt, mit der «Einheit einer schriftstellerischen Persönlichkeit» zu tun57
Wichtiger als das Alles 10 scheint doch die Frage, ob sich auch vom Inhalt, von der Sache aus zeigen oder doch andeuten lässt, dass wir es in unserer Schrift mit einer Individualität, mit einem ganz besondern Jemand, nicht mit Paulus, nicht mit Johannes, und auch nicht bloß mit einem Sammelbecken von allerlei jüdisch-hellenistisch-christlichen Weisheitsworten oder Gemeinplätzen, freilich mit einem Zeugen der christlichen Kirche, aber nun eben mit diesem, dem sonst unbekannten, nur eben durch diese Schrift bekannten Jakobus zu tun haben. Ich meine, dass sich dies zeigen lässt. Spitta hielt den Jakobusbrief für das Werk eines Juden.63
183 Der65 Jakobusbrief ist das Neue Testament alttestamentlich aufgefasst, als nova lex.66
Jülicher könnte dem Jakobus unrecht tun, wenn er von ihm sagt, die Religiosität habe hier die scharfen konkreten Züge der ersten Zeit verloren, es sei fast nur Allgemeines übrig geblieben, Vertrauen auf Gottes Güte, das im Gebet sich äußert, und die Hoffnung nie verliert, |185 andererseits eifrige Erfüllung der Gebote Gottes, Übung der reinen Frömmigkeit, wie sie 1,27 definiert wird.66
Und auch Luther könnte dem Jakobus unrecht tun, mit seiner 11 Anklage, er sage ja gar nichts von Christi Kreuz, Auferstehung und Geist. Denn es könnte doch sein, dass Bengel den Jakobus besser verstanden hat, wenn er von ihm sagte, das habe er gerade als Bruder des Herrn mit vollem Bewusstsein so gehalten. Je näher er Christus gestanden sei, umso weniger habe er den Christus nach dem Fleisch kennen wollen (2.Kor. 5,16).69
Das Charakteristischste an der Persönlichkeit des Jakobus, wie sie uns in seinem Brief entgegentritt, ist der Bußruf. Ich sage nicht, wie man oft hört: Tatchristentum oder praktisches Christentum.71
Diese Ergänzung zu liefern, ist die Funktion des «Jakobus» gewesen. Das ist’s, was seine ganze Erscheinung so alttestamentlich macht. Wie Jeremia der Tempelgemeinde und wie der Täufer der Synagogengemeinde, so steht er in der Tat der christlich-kirchlichen Gemeinde gegenüber. Die Frage, ob denn das Alte vergangen, alles neu gewor|189den sei [vgl. 2.Kor 5,17], ist für ihn im Hinblick auf die christlichen Menschen nicht erledigt. Sondern mit rücksichtslosem Ernst und mit einer Schärfe, als ob es noch nie geschehen wäre, wird sie bei ihm auch dem christlichen Menschen gegenüber aufgerollt. Auch die christliche Welt ist ja in dieser Welt und kann darum des Bußrufs nicht entbehren. Der Bußruf aber tönt so, wie Jakobus redet. Er handelt nicht zufällig, sondern notwendig von den halben Seelen, von der falschen Berufung auf Gott, vom Rücksichtnehmen auf Menschen, vom Greuel des religiösen Redens, vom Zanken und vor allem immer wieder von dem Betrug und von der Ungerechtigkeit des Geldes. So gewiss die christliche Botschaft nicht ist, was sie ist, wenn sie nicht in erster Linie wirkt als Gericht, das beginnt beim Hause des Herrn [vgl. 1.Petr. 4,17], so gewiss muss sie, ohne von ihrer Tiefe etwas zu verlieren, nein, um gerade die rechte Tiefe zu gewinnen, zeitweise zum Teil oder auch ausschließlich so tönen, davon reden. Das ist das Allgemeinste, was ich über unsern Verfasser für heute sagen möchte. Es muss sich in der Erklärung im einzelnen entfalten und begründen. Wie höchst gleichgültig die Frage, wer «Jakobus» gewesen ist und wann er geschrieben hat, wenn wir dies als sein Wesen und Wollen einmal deutlich ins Gesicht gefasst haben! |
Wir schließen unsere Betrachtung der Verfasserfrage, indem wir noch einen Blick werfen auf die Worte °«Gottes und des Herrn Jesus Christus Knecht»° 65
Was darüber ist, das ist zu keiner Zeit normal, das ist Gnade. ˹Nimmt unser Autor, indem er sich als δοῦλος bezeichnet, einen Ehrentitel in |193 Anspruch, dann – nicht ohne Mahnung – den, der letzlich jedem Christen zukommt.˺ In dem Wort δοῦλος spricht sich das Bewusstsein aus, dass der Betreffende nicht eigenen Rechtes ist. Der scharfe Nebensinn «Sklave» ist nicht aus-, sondern eingeschlossen, und zwar mitsamt der Bestimmung des Sklavenrechtes, dass der Betreffende juristisch keine Person, sondern eine Sache ist. Eine Sache also und nicht eine Person stellt sich denjenigen vor, denen sich einer mit dem Namen δοῦλος vorstellt. Wollen sie nach der Person fragen, dann sollen sie sich an seinen Herrn wenden. Er ist die verantwortliche Person, er der Sklave, kann nur Sache sein, als solche dem Verantwortlichen zur Verfügung stehen. 『Wir müssen sehr unmodern denken, alle unsere Vorstellungen von Genialität, Individualität, Originalität der menschlichen Persönlichkeiten zunächst zurückstellen lernen, um hier zu verstehen. Und es ist wahrhaftig nicht gleichgültig, ob wir gerade hier verstehen und nicht verstehen.』 Die entscheidenden Persönlichkeiten des Neuen Testaments wollen gerade keine Persönlichkeiten sein, sie sind ganz Sache, ganz Amt und Auftrag. So und nur so ergreifen sie jedenfalls das Wort. Sie wollen dienen, nicht sich selbst und beileibe auch nicht den andern Menschen, sondern 『exklusive』65
So also stellt sich auch Jakobus seinen Lesern vor. Und das Alleinstehen des Wortes «Knecht» verstärkt seinen etwas düsteren und negativen, die Leser sofort in ihre Schranken weisenden, jedenfalls strengen Ton. Er lehnt zum vorneherein alle Verantwortlichkeit ab dafür, dass er so redet, wie er reden wird. Er kann nicht anders. Er muss. Sie mögen sich vor Gott und dem Herrn Jesus Christus prüfen, ob es wahr ist, dass er wirklich muss. Der Verweis auf diesen Herrn nimmt den Anspruch dessen, der als sein Knecht auftritt, den Anschein von Willkür und Anmaßung. Angesichts dieser seiner Legitimation kann und darf er sein Amt rücksichtslos versehen. Die Zeit der Propheten, der großen Knechte Gottes, ist noch nicht zu Ende, auch im neuen Bunde nicht. Auch Jesus Christus hat nicht nur Apostel, die den Glauben verkündigen, sondern auch Knechte, die sich in die Buße stellen, die Buße verkündigen. Die Apostel selbst versäumen es selten, |195 sich auch Knechte zu nennen. Der Knecht ist das Korrektiv des Apostels, die unvermeidliche Erinnerung, dass kein Glaubender ist, der nicht immer wieder Buße zu tun hätte im Gedanken an den Willen Gottes, die Erinnerung nicht an das °Auszeichnende° 65
4. Die Frage nach den Adressaten. Das einzige Datum, über das wir in dieser Hinsicht verfügen, sind zunächst die Worte «den zwölf Stämmen in der Zerstreuung». Und gerade dieses Datum weist darauf hin, dass von «Adressaten» unserer Schrift im Sinn von Briefadressaten nicht die Rede sein kann. «Die zwölf Stämme» – der Ausdruck findet sich auch Mt. 19,28; Act. 26,7; Apk. 21,12 – ist die solenne Bezeichnung für das 13 Vollkommene, das das Volk Israel kraft seiner Erwählung ist und als das es in der eschatologischen Endzeit offenbar werden soll.
Windisch hat die hübsche, vielleicht zu hübsche Vermutung geäußert, der Verfasser habe diesen auffallenden Ausdruck gewählt, weil er selbst den Namen des Stammvaters der zwölf Stämme trug oder erhielt.77
197 Aber es liegt doch näher an den dem ganzen Neuen Testament wesentlichen Zusammenhang zwischen den Begriffen Kirche und Israel zu denken, wie er etwa in der Stelle von dem auserwählten Geschlecht 1.Petr. 2,9 oder von den 144000 Versiegelten Apk. 7,4f. deutlich wird,78
Man kann sich fragen, ob der Zusatz «in der Zerstreuung» wörtlich, also lokal zu verstehen ist, ob die Meinung also die ist: an die vom Wohnort des Verfassers entfernt und zwar da und dort im Lande oder in den Ländern wohnenden Christen, die auf Erden nicht wie die alte israelitische Volksgemeinde sichtbar versammelte, sondern eben zerstreute Kirche. Dass der Ausdruck so verstanden werden konnte, bezeugt 1.Petr. 1,1 wo zweifellos Christen als «die auserwählten Fremdlinge in der Zerstreuung» und zwar unter Nennung bestimmter Landschaften Kleinasiens bezeichnet werden. Διασπορά dürfte auf alle Fälle anknüpfen an die für die in der Fremde lebenden Juden übliche Bezeichnung. Aber der Umstand, dass unserm Schriftstück die Merkmale eines Briefes ganz abgehen, und der andere, dass eine solche nähere Bestimmung wie die 1.Petr. 1,1 gegebene hier gerade fehlt, legt es nun doch näher, diese Bezeichnung hier im Anschluss an die ebenfalls geistlich gemeinten «zwölf Stämme» in übertragenem Sinn aufzufassen. «Dasjenige Israel, zu welchem Jakobus spricht, lebt in der Fremde, gleichviel, wo es wohnte» (Hofmann)81
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Mit «zwölf Stämme» erinnert der Verfasser seine Leser an ihre hohe Stellung, mit «in der Zerstreuung» an die Grenze, innerhalb derer sie sind, was sie sind. Er erinnert sie daran, dass sie ecclesia und d. h. ecclesia possidentium82
Analytisch, nicht synthetisch, seelsorgerlich, nicht missionarisch wird er zu ihnen reden.
201Er erinnert sie aber auch an das Provisorische, Ungeschützte, Bedrohte ihrer Situation. Ihre hohe Stellung, ihr Besitz könnte ja auch Sättigung, Hypertrophie, Brachliegen eines keinem ernsten Kampf ausgesetzten Gutes bedeuten, dem gegenüber es am Platze wäre, sie daran zu erinnern, dass sie Gäste und Fremdlinge sind, dass die christliche Antwort keinen Augenblick aufhören kann auch christliche Frage zu sein, dem gegenüber es angebracht sein könnte, zur Analyse, zur Kritik ihrer vorhandenen Christlichkeit überzugehen, damit die mit jenem Gut gegebene Lage ernst bleibe oder wieder werde. Die Konsequenzen müssen wirklich gezogen werden, wenn nicht auch die Voraussetzungen hinfällig werden sollen. Das ist’s, was sich aus dem Inhalt des Briefes selbst zur Deutung der Bezeichnung seiner Adressaten entnehmen lässt. Kaum auszumachen ist die Frage, ob diese Widmung der Schrift – denn so und nicht als eine Adresse im eigentlichen Sinn haben wir diesen ersten Vers aufzufassen – an die ganze damalige Kirche gerichtet ist oder ob sich der Verfasser speziell an die Christen einer bestimmten Gegend wendete. Das Letztere dürfte in Anbetracht der immerhin ziemlich konkret gefärbten Anliegen, die die Schrift zur Sprache bringt, das Wahrscheinlichere sein. Man wird dann aber die Ansicht, dass diese Gegend gerade Palästina-Syrien gewesen sein müsse, doch nur als eine mögliche Vermutung neben andern gelten lassen können.
15 Wichtiger ist die andere Frage, ob sich aus der dem Inhalt des Briefes zu entnehmenden Situation der Leser nun nicht doch noch ein zwingender Schluss in Bezug auf die Abfassungszeit ergebe. Man hat gesagt, das sei offenbar die Situation der entstehenden altkatholischen Kirche, des Rückgangs des urchristlichen und paulinischen Enthusiasmus.83
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Die von Spitta aufgeworfene Frage, ob die Adressaten nicht samt dem Verfasser einfach reine, nicht-christliche Juden gewesen sein möchten, soll zum Schluss auch noch einmal erwähnt werden. Sie ist lehrreich auch für den, der sich Spitta nicht anzuschließen vermag.88
207 Wie stark müssen die Führer und Gemeinden dieser ganzen ältesten christlichen Zeit auf alle Fälle den Zusammenhang, ja die Identität zwischen Altem und Neuem Testament empfunden, wie so ganz anders als in dem Schema der zwei Religionen müssen sie gedacht haben. Sollte es nicht so sein, dass auch Paulus seinen Kampf gegen das Gesetz nicht sowohl gegen als vielmehr mit dem Alten Testament geführt, dass Luther recht hatte, wenn er den Römerbrief die «Summe» des Alten Testamentes genannt hat?89
Das letzte Wort des ersten Verses führt uns formal und sachlich in den Brief selbst hinüber. Es heißt «Freude» oder vielmehr verbal: Sich Freuen. Das wünscht der Verfasser den Lesern. Es ist der eigentümlich griechische Briefgruß. Vollständig lautet er z. B. 2.Makk. 9,19 χαίρειν καὶ ὑγιαίνειν καὶ εὖ πράττειν. Er findet sich im Neuen Testament nur noch in zwei Briefen, die in der Apostelgeschichte wiedergegeben sind, Act. 15,23; 23,26. Paulus hat dieses übliche χαίρειν bedeutsam umgewandelt in das bekannte χάρις καὶ εἰρήνη. Es wird wohl kein Zufall sein, dass unser Autor den Gruß wieder umkehrt und an Stelle der Substantive das Tätigkeitswort setzt. Er denkt nicht von oben nach unten, sondern ausgesprochenerweise von unten nach oben. Er wünscht seinen Lesern nicht sowohl, dass ihnen etwas geschenkt werde, als dass sie selbst in Bewegung kommen möchten. Dass dieser Gruß für ihn nicht formelhaft ist oder dass er den an sich 17formelhaften |209 Gruß seinerseits bedeutsam aussprach, das geht hervor aus der Art, wie er in V. 2 sofort aufgenommen wird.