Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,2-4
Erklärung des Jakobusbriefes
W. S. 1922/23 und
210 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1922/23
Jakobus 1,2-4
2 Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt, 3 in der Erkenntnis, dass die Bewährung eures Glaubens Beharrlichkeit bewirkt, 4 die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen, damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand.
18.XI.22Wir wenden uns nach diesen Einzelerklärungen zum Ganzen.
Sie sollen für lauter Freude halten – was? Die Tröstungen und Verheißungen ihres Glaubens im Gegensatz zu ihrer konkreten Lage? Die ihnen beständig offenstehenden Möglichkeiten geistig-religiöser Art, sich über diese hinaus in die unsichtbare Welt der Herrlichkeit Gottes zu erheben? Die mannigfachen Fäden, die sie mit der Realität Gottes, mit dem auferstandenen Christus verbinden können, wenn sie sich nur durch die Bedrängnis immer wieder in die Hoffnung treiben lassen? Nein, Jakobus sagt wenigstens nicht das. Er redet, gerade weil er Christen, die zwölf Stämme des Gottesvolkes, die ecclesia possidentium vor sich hat, nicht die Christen in den Menschen an, sondern die Menschen in den Christen mit ihrer ganzen Last und Fragwürdigkeit. Denn nur als Menschen und auf ihr Menschliches allzu Menschliches angeredet können die Christen das Evangelium hören.
Er sagt, sie sollen für lauter Freude halten – eben ihre konkrete Lage selbst, d. h. aber ihr «Fallen in vielerlei Versuchungen», mit dessen Tatsächlichkeit er ohne Weiteres rechnet. Jakobus sieht seine Leser gehen, wie eben Menschen gehen, und bei diesem Gehen umgeben von den mannigfaltigsten, immer wechselnden, in immer neuer unvermuteter Gestalt auftretenden Gelegenheiten, hereinzufallen in Irrtum und Torheit, in Angst und Überheblichkeit, in Finsternis und Gottlosigkeit.
Die volle Aktualität der Versuchung ist die konkrete Lage auch der Christen. «Fidelium vita assidua est militia super terram» (Calvin).107 Um einen Kampf gegen den sie angreifenden Gegner handelt es sich natürlich, aber eben wirklich und in jedem Augenblick um einen Kampf, denn auch der Angriff ist in jedem Augenblick mit allen seinen Konsequenzen wirklich. Und eben diese Lage in ihrer Gesamtheit sollen sie für Freude halten. Über die Paradoxie dieser Aufforderung an sich braucht nichts bemerkt zu werden. Sie wird noch schärfer, wenn man beachtet, dass der πειρασμός, von dem Jakobus redet, nicht wie die paulinische θλῖψις eine objektive Macht ist, sondern für ihn nach V. 13ff. aufs engste zusammenhängt mit einer schuldhaften Aktivität des Menschen: «Jeder, der versucht wird, wird es durch das Ziehen und Locken seiner eigenen Lust» (V. 14).
Und diese Gelegenheit besteht nun, für Jakobus wiederum bezeichnenderweise, in einem psychologisch-pragmatisch zu verstehenden Vorgang, einem Weg, dessen Möglichkeit er den Lesern in V. 3 indikativisch, beschreibend (κατεργάζεται) auf der höheren, schwereren Stufe in V. 4 imperativisch, fordernd (ἐχέτω) vor Augen stellt. In und mit dem «Fallen in mancherlei Versuchungen» (V. 2), will er ihnen sagen, besteht doch die Gelegenheit zu jener in sich allerdings menschlich unbegreiflichen Freude, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch den Weg gehen von der Bewährung eures Glaubens zur Beharrlichkeit, von der Beharrlichkeit zum vollkommenen Werk.
Jakobus zieht sich also nicht zurück von der durch die Erinnerung an die Versuchungen, an den Kriegszustand des Christen berührten konkreten Problematik, sondern er steigt – immer die Erinnerung an die Freudenbotschaft als Wahrheitsbeweis hinter sich! – tiefer in sie hinein, um ihren wahren Sinn, wenn nicht aufzudecken, so doch, soweit das in der relativen Sphäre, in der er sich da bewegt, möglich ist, zu veranschaulichen, der Aufmerksamkeit der Leser näher zu rücken und ihnen so nahezulegen, diese konkrete Problematik von einer |228 neuen, lebendigeren Seite aufzufassen. Er setzt V. 3 ein mit der Möglichkeit, dass es in und mit dem Fallen Versuchungen eine «Bewährung des Glaubens» gebe. Er sagt also nicht, dass es eine Möglichkeit gebe, überhaupt nicht oder nicht mehr in die Versuchung hereinzufallen. Er sagt auch nicht das Gegenteil. Er rührt den Abgrund der letzten Frage nach Sünde und Gnade nicht an. Er will nicht vom Unanschaulichen, sondern vom Anschaulichen reden, weil den Menschen, mit denen er es zu tun hat, das Unanschauliche am Anschaulichen wieder lebendig werden muss und weil er selber nun einmal Jakobus und nicht Paulus ist. Er rechnet also ganz schlicht mit dem tatsächlichen Fallen in Versuchung, aber auch ebenso schlicht mit der Möglichkeit, dabei und darin seinen Glauben zu bewahren. Beide Größen sind für ihn relative, auf derselben Ebene befindliche Größen, wobei die Versuchung zunächst groß, der Glaube klein ist, wobei sich dieses Verhältnis aber auch ändern und vielleicht umkehren kann. Der Begriff δοκίμιον τῆς πίστεως kann ja auch gar nicht anders als eben psychologisch verstanden werden.
Was Paulus πίστις nennt, die πίστις Ἰησοῦ Χριστοῦ, die πίστις, aus der die Gerechtigkeit kommt, die πίστις, die an mehr als einer Stelle mit allen Prädikaten einer Handlung Gottes selbst auftritt, dieser Glaube ist einer Bewährung oder Erprobung oder Prüfung weder bedürftig noch fähig. Er ist in sich selbst sicher und klar, oder er ist nicht dieser Glaube. Aber es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, den Glauben auch von seiner menschlichen Seite aus zu sehen als einen menschlichen Akt neben anderen, als den religiösen Akt des Gehorsams und des Vertrauens, der Anbetung und der Freudigkeit Gott gegenüber. Auch Paulus hat auch in diesem Sinn vom Glauben geredet, und Jakobus hat fast nur in diesem Sinn von ihm geredet. Darum redet er so gedämpft von ihm, darum kann er im Kapitel 2 vor seiner einseitigen Überschätzung warnen, darum an unserer Stelle von seiner Bewährung reden.
234 Es ist wohl kein Zufall, dass Luther dieses dort mit «Geduld»127, Zwingli aber mit «Tapfermütigkeit»128 übersetzt hat. Ich «Beharrlichkeit», worin Beides enthalten ist. Man beachte, wie Jakobus ganz unzweideutig einen Aufbau von unten nach oben im Auge hat, wie er die «Bewährung» sich sozusagen kristallisieren lässt zur Beharrlichkeit, während bei Paulus Röm. 5,3f. mit demselben Wort κατεργάζεται ein Wirken der selber wunderbar der Bedrängnis entsprungenen Beharrlichkeit zur Bewährung, ein Aufbauen von oben nach unten anschaulich oder vielmehr nicht anschaulich gemacht wird. Wir erinnern uns wieder des Zusammenhangs: Da!, sagt Jakobus und weist die von der Versuchung bestürmten Christen auf die weitere Etappe eines psychologisch möglichen Vorgangs hin: da, man kann sich nicht nur das eine oder andere Mal bewähren, man kann auch beharrlich werden, festen Boden unter die Füße bekommen, so dass die Versuchung insofern abnimmt, als man selber zunimmt, insofern ihr Gesicht verändert, als man selber ein anderer Mensch wird, insofern den Charakter eines Fatums, eines Schicksals verliert, als man eine der ihrigen wenigstens kommensurable Notwendigkeit in sich selber trägt.
Diese Möglichkeit der Versuchung innerhalb der Versuchlichkeit der konkreten Lage des Menschen jedenfalls Schach zu bieten, ist eine bedeutungsvolle, eine hoffnungsvolle Möglichkeit. Sie weist über sich selbst hinaus. Sie berechtigt dazu, sich dennoch zu freuen, obwohl man sich seiner konkreten Lage gegenüber, wie sie immer wieder ist, eigentlich ja wirklich nicht freuen kann. Sie ist ein Zeugnis von jener gänzlichen, radikalen Umkehrung und Überwindung der schnöden Wirklichkeit, in der wir allerdings trotz und mit aller Beharrlichkeit – aber auch nicht ohne sie, sagt Jakobus! – jetzt und hier stehen. Sie ist nicht der Realgrund, aber der Erkenntnisgrund der christlichen Freude, die wieder in uns erwachen muss. Und darum sollen wir wissen, γινώσκοντες ὅτι, von der Möglichkeit dieses Aufbaus von unten nach oben – wissen und danach uns richten ist natürlich die Meinung -, und dieses Wissen zum Anlass nehmen, der Aufforderung zur Freude zu gehorchen.
236 Es ist bezeichnend, wenn auch sicher unwillkürlich geschehen, dass Jakobus in V. 4 von der indikativischen zur imperativischen Darstellung dieses Aufbaus übergeht: die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen. Eine letzte Möglichkeit taucht hier auf, eine Möglichkeit immer noch, denn man darf bei dem ἔργον τέλειον auf keinen Fall an die Realisierung der Idee des Guten oder dergleichen denken, aber immerhin eine letzte Möglichkeit, angesichts derer das verstanden wird, als eine Anweisung, die man nicht nur kennen, sondern nach der man sich richten muss, nur dann erfüllt sie ihren Zweck als Erkenntnisgrund der christlichen Freude. Auch die Haltung, der Habitus der ὑπομονή ist also kein Letztes, sagt Jakobus, nicht einmal innerhalb der psychologischen Betrachtung des Menschen.
Das Verständnis des ganzen Verses entscheidet sich an dem des Wortes τέλειος. Wenn τέλειος heißen sollte: am Ziel aller Ziele angekommen, «omnibus numeris absolutus»135, schlechthin fehlerfrei, dann würde der Vers offenbaren Wahnsinn aussagen. Denn mit der Annahme, dass hier etwa von dem absoluten Ziel die Rede sei, das im Sinn der idealistischen Ethik nur in unendlichem Progressus, d. h. faktisch nicht zu erreichen sei, ist hier darum nichts geholfen, weil der ganze Zusammenhang unzweideutig auf ein mögliches und erreichbares Ziel hinweist. Und nun steht es so, dass τέλειος, «vollkommen», vielmehr gerade mit dem [Begriff] des Möglichen und Erreichbaren, mit dem Begriff der Grenze zusammenfällt, nämlich mit der diesem und diesem einzelnen konkreten Menschen durch seine Einzelheit und Konkretheit, dadurch, dass er eben dieser und dieser ist, gesteckten Grenze.
211 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1928/29
Jakobus 1,2-4
Haltet es für völlige Freude, meine Brüder,
wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt,
in der Erkenntnis, dass die Erprobung eures
Glaubens Beharrlichkeit bewirkt.
Die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen,
damit ihr vollkommen und ganz seid,
in keinem Stück im Rückstand.
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Der Eingang unserer Stelle ist gleich ein Beweis für die vorhin berührte Eigenart des Jakobus, Konsequenzen zu ziehen aus unausgesprochenen, aber allerwichtigsten Prämissen.
Es versteht sich ja nicht von selbst, dass an das χαίρειν von V. 1 nun sofort dieser Imperativ angeknüpft wird,
die Aufforderung, die Versuchungen, und zwar die Vielheit der Versuchungen, in denen sich die Leser befinden, und zwar ihr eigenes Stehen, nein wörtlich: Hineinfallen in vielerlei Versuchungen als Freude, und zwar als völlige, gänzliche Freude zu betrachten und zu behandeln.
Dass er zur Buße aufruft, das schließt nicht aus, sondern ein, dass er nicht weniger als Paulus im Philipperbrief [vgl. Phil. 2,18; 3,1; 4,14] |217 zur Freude aufruft. Ja, die Frage ist sofort zu stellen, ob für sein Denken und seine Absicht jener Aufruf nicht vielmehr in diesem eingeschlossen ist. Evangelium fallen für diesen Bußprediger nicht auseinander. Indem er mahnt, das Hineinfallen in die Versuchungen für völlige Freude zu halten, in dem was ihnen zunächst Scheidung von der Kraft und Seligkeit Gottes bedeuten musste, deren Nähe zu sehen, die Tatsächlichkeit des schweren und ernsten Kampfes, in dem sie standen und in dem er selbst sie kämpfend stehen sehen will, als schon errungenen Sieg einzuschätzen, macht er offenbar vor ihren Augen die 18 Voraussetzung, dass dem so sei, dass diese wahrlich nicht selbstverständlichen Gleichungen bestünden. Diese Voraussetzung ist aber Evangelium. Bengel101 hat recht, wenn er zu diesem Einsatz bemerkt: «Fides etiam Jacobo prora et puppis est»118
Die volle Aktualität der Versuchung gehört zu der konkreten Lage auch und gerade der Christen. Wo Glaube ist, da ist auch die Möglichkeit des Unglaubens. «Fidelium vita assidua est militia super terram» (Calvin).107
Gerade das Wort «Freude» wirkt in diesem Zusammenhang, auch wenn wir von V. 13ff. noch ganz absehen, höchst überraschend. Warum sagt Jakobus nicht: Wachet, betet, kämpfet, wenn ihr in die vielerlei Versuchungen fallt?
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Ich würde nicht sagen, dass das was V. 3-4 als Inhalt ihrer Erkenntnis, d. h. einer ihnen möglichen und offen stehenden Erkenntnis angegeben wird, der Grund dieser merkwürdigen Freude sei. Ihr Grund ist offenbar jene unausgesprochene Voraussetzung. Wohl aber weist dieses γινώσκοντες hin auf einen Weg, auf dem den Lesern der Grund jener Freude sichtbar und damit diese selbst möglich und wirklich werden kann. Dieser Hinweis ist nun freilich für Jakobus sehr charakteristisch. 120 einer Leiter zu vergleichende Reihe vom δοκίμιον zur ὑπομονή, von der ὑπομονή zum ἔργον τέλειον erinnert formal stark an Röm. 5,3-4: «Die Bedrängnis bewirkt Beharrlichkeit, die Beharrlichkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung». Aber der Gedanke ist charakteristisch verschieden. Bei Paulus 20 ist nicht von Erprobung, probatio, sondern eindeutig von stattfindender Bewährung die Rede. Und diese Bewährung bewirkt nicht die Beharrlichkeit, sondern gerade umgekehrt. Die Reihe fängt an mit der θλῖψις, von der Paulus kühn zu sagen wagt, dass eben sie die ὑπομονή bewirke, was Jakobus vom πειρασμός wohlweislich nicht gesagt hat. Bei Paulus |227 endigt die ganze Reihe nicht mit einem ἔργον τέλειον, sondern mit der Hoffnung. Und während die ganze Reihe bei Paulus ein Nebensatz ist, der begründet, warum wir uns rühmen (Indikativ!), wird sie bei Jakobus zu einem Nebensatz, dessen Hauptsatz fordert, dass wir uns freuen sollen (Imperativ!). Wenn die beiden Reihen, die des Paulus und die des Jakobus dieselbe Wahrheit meinen, was man trotz Allem nicht in Abrede stellen sollte, so kann man doch an dem Gegensatz in der Art, wie sie das tun, der mindestens so groß ist, wie die Kluft, die sich uns in Kapitel 2 auftun wird, den freilich radikalen Unterschied der beiden christlichen Denkarten studieren. «Jakobus ermahnt zur Freude an den Anfechtungen, weil diese dem Frommen zur Vollkommenheit helfen, Paulus sagt, dass Christen sich der Trübsal rühmen, weil gerade durch Trübsal ihre Hoffnung gefestigt wird» (Dibelius)121. Das ist in der Sache nicht, wohl aber in den Worten sehr zweierlei. Wir haben hier nicht Paulus auszulegen.
Jakobus jedenfalls beschreibt psychologisch orientiert, wie man heute sagen würde, einen Weg, einen konkreten Vorgang in der Seele des Menschen, dessen Möglichkeit er den Lesern in V. 3 indikativisch beschreibend, auf der höhern Stufe imperativisch, fordernd vor Augen stellt. In und mit dem Fallen in Versuchung, will er sagen, besteht doch die Gelegenheit zu jener, allerdings in jener unausgesprochenen Voraussetzung beruhenden, Freude, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch diesen und diesen Weg gehen.
V. 3 bedeutet also, dass der Verfasser in die in V. 2 berührte Problematik des christlichen Lebens nun tiefer hineingreifen will, um ihren wahren Sinn, wenn auch nicht aufzudecken, so doch, wie es der psychologischen Sphäre, in der er sich bewegt, angemessen ist, zu veranschaulichen und insofern seinen Lesern nahezulegen, die konkrete Problematik ihres Lebens als in das Licht jener Freude gerückt zu sehen. Ohne Herstellung eines ursächlichen Zusammenhangs mit der Versuchung oder mit dem In-Versuchung-Fallen setzt er also 21 ein|229fach ein mit der Erinnerung an die Möglichkeit: in diesem In-Versuchung-Fallen kann Erprobung, kann Prüfung des Glaubens stattfinden. Δοκίμιον kann Prüfungsmittel, es kann aber auch Bewährung, Echtheit bedeuten. Ich halte es für das Sicherste, mit der Übersetzung probatio der Vulgata einen Begriff zu wählen, der in der Mitte liegt. Der Glaube als menschlicher Akt bedarf der Wiederholung. Er muss sich bewähren. Insofern bedarf er der Erprobung.
Beachten wir schon hier, dass Jakobus eben vom Glauben als menschlichem Akt redet, ganz anders als Paulus, wo der Begriff oft genug fast mit den Prädikaten einer göttlichen Handlung auftritt. Darum kann Jakobus dann im 2. Kapitel vor einer Überschätzung des Glaubens warnen, darum kann er hier von seiner Erprobung reden.
Es dient vielleicht doch nicht der Klarheit, wenn Schlatter sagt, dass Jakobus uns hier sofort auf die Höhe von Röm. 8 führe.122
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Die Erprobung ist kein leeres neutrales Geschehen, sondern sie hat eine Intention: κατεργάζεται, die Intention auf die Stärkung des Glaubens. Fallen sie in Versuchung, dann können und sollen sie erkennen, dass jetzt jene Erprobung in Frage kommt, die wenn sie ihrer Intention entsprechend stattfindet, wenn nicht Grund, so doch Anlass, Gelegenheit zu jener merkwürdigen Freude ist, die dem Christen gerade und immer, indem er sich unter das Kreuz gestellt sieht, eigen ist.
Was ist denn jene Intention bei der Prüfung des menschlichen Glaubens? Jakobus sagt: sie 22 bewirkt Beharrlichkeit. Man darf dieses «bewirkt» nicht mechanisch verstehen. Es könnte ja auch sein, dass der Mensch bei dieser Prüfung versagt. Aber wenn sie jetzt an diese Möglichkeit denken wollten, dann hätten sie die Intention jenes Geschehens nicht erkannt.
235 Der Sinn der Prüfung ist die Möglichkeit der «Beharrlichkeit». So möchte ich übersetzen. Luther übersetzt mit «Geduld»127
Aber hier: in der Möglichkeit, dieses Geschehen als Prüfung zu verstehen, und in der Möglichkeit, beharrlich im Glauben aus dieser Prüfung hervorzugehen, haben wir ein Zeugnis von der radikalen Umkehrung und Überwindung dieser schnöden Wirklichkeit, deren sich der Christ nun freilich nicht im Blick auf seine eigene Beharrlichkeit, wohl aber im Blick auf Christus mitten in dieser schnöden Wirklichkeit freuen darf und soll. Auf dieses Zeugnis des christlichen Lebens, auf diese ihnen allen naheliegende und zugängliche Gelegenheit zur Freude hat Jakobus in V. 3 hingewiesen. Man wird den imperativischen Ton schon in dem Indikativ von V. 3 nicht überhören dürfen. Es ist ja klar: jene Möglichkeit kann nicht anders als in der Tat ergriffen und bejaht werden. 23 Man kann diese Anweisung nur erkennen indem man sich nach ihr richtet. Nur dann zeigt sie wirklich auf den Erkenntnisgrund der christlichen Freude.
237 In V. 4 wird der Imperativ offen sichtbar. «Beharrlichkeit» im Glauben weist doch auch auf der psychologischen Ebene, auf der Jakobus reden will, über sich selbst hinaus. «Die Beharrlichkeit soll es zum vollendeten Werk bringen.»
An dem ἔργον τέλειον ist schon viel herumgeraten worden. Dibelius hat den ganzen Gedanken von V. 4 so verstehen zu müssen geglaubt: Die Beharrlichkeit soll euch selbst vollkommen machen und so sollt ihr vollkommen sein.129 Aber Bardenhewer hat dagegen mit Recht eingewendet, dass der Imperativ ἐχέτω nicht sagt, was die Beharrlichkeit schaffen, sondern was sie bei sich haben, bei sich führen soll, man könnte sagen: was ihr notwendig zugeordnet ist.130 Hofmann wollte verstehen: die Beharrlichkeit muss bis zum Ende ausharren, sie muss ganz und endgültig sein131, und Hauck in etwas anderer Deutung des τέλειον: die Leistung und Äußerung der Standhaftigkeit soll eine Höchstleistung, eine unübertreffliche Glanzleistung sittlicher Kraft sein132. Gegen Hofmann scheint zu sagen, dass die Wendung ἐχέτω ἔργον τέλειον und die Fortsetzung V. 4b seiner Deutung kaum günstig ist, gegen Hauck, dass das Reden von der Vortrefflichkeit der Leistung des beharrlichen Glaubens insofern einen allzu auffallenden Sprung bedeuten würde, als ja von einer solchen Leistung des Glaubens noch gar nicht die Rede gewesen ist. Bardenhewer dürfte recht haben: «Es |239 wird auf die Notwendigkeit guter Werke neben dem Glauben hingewiesen».133 In dem Ausdruck ἔργον τέλειον hat das ἔργον den Nachdruck. Die Glaubensbeharrlichkeit ist die Glaubensbeharrlichkeit des Menschen, des handelnden Menschen. Jener Widerspruch gegen die Versuchung muss sich vollziehen in der Tat. Nicht uns selbst betrachtend in unserer Beharrlichkeit, sondern in dieser Beharrlichkeit handelnd, finden wir in ihr den Erkenntnisgrund der christlichen Freude, kann uns unser eigenes 24 christliches Leben zum Zeugnis werden. Die τελειότης, die Vollkommenheit dieses Handelns kann nun aber, das scheint mir von fast allen Auslegern übersehen zu sein, nach dem ganzen Zusammenhang keine andere sein als eben die des Glaubens, die dem Glauben entsprechende. Ich würde also so umschreiben: Wenn ich euch gesagt habe, dass der Sinn eurer Prüfung euer Beharrlichwerden im Glauben ist, so versteht wohl, dass ich damit meine: das Beharrlichwerden und -sein, das in einem dem Glauben entsprechenden Gehorsam zur Erscheinung kommt. In diesem Gehorsam des Glaubens werdet ihr fröhlich sein.
Aber diese damit in der Sache abgeschlossene erste Mahnung des Briefes bekommt in V. 4 noch eine Erläuterung: «Damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand».
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Wir müssen uns, wenn wir hier unzweifelhaft hören, dass von den Christen gefordert wird, dass sie vollkommen seien, vor Augen halten, dass damit in unserm ganzen Zusammenhang auf ein mögliches und erreichbares Ziel hingewiesen sein muss. «Jakobus macht sich über die Relativität aller menschlichen Vollkommenheit so wenig Gedanken wie die Spruchweisheit in ähnlichen Zusammenhängen», bemerkt Dibelius sicher mit Recht.134 Aber man wird hinzufügen müssen: weil sie ihm selbstverständlich ist. Derselbe, der diesen Satz geschrieben, hat auch 3,2 geschrieben: «in vielen Dingen fehlen wir allesamt». Es wird darum nicht angehen, τέλειος mit am Ziel angekommen, «omnibus numeris absolutus»135
Τέλειοι sind im Neuen Testament zunächst einfach die aus Kindern zu Erwachsenen Gewordenen, also die in diesem Sinn ihre Möglichkeiten erschöpft habenden Menschen (1.Kor. 14,20; Eph. 4,13; Hebr. 5,14), dann ebenfalls im Sinn von größtmöglicher Fortgeschrittenheit und Reife die Christen, sofern ihnen Paulus einen gewisse Vollendetheit zutraut oder zuspricht (1.Kor. 2,6; Phil. 3,15; Kol. 1,28). Und auch in der berühmten Parallele zu unserer Stelle Mt. 5,48 (Ihr sollt vollkommen sein, ὡς, «gleichwie» …) ist die Meinung nicht die, dass wir die Vollkommenheit Gottes erlangen sollen, 25 was ja den Imperativ gegenstandslos machen würde, sondern dass wie Gott göttlich vollkommen ist, so auch wir als Menschen uns nicht mit weniger als mit der Erschöpfung unserer menschlichen Möglichkeiten zufrieden geben sollen. Die Forderung ist wahrhaftig auch so noch unerhört genug, sie wird aber so aus einer uferlosen, die vor lauter Ernst gar nicht mehr ernst ist, praktisch und greifbar.
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Jakobus scheint es mit Christen zu tun zu haben, die nicht mehr wissen, dass es jedenfalls neben dem unerreichbaren, dem nur in Christus erreichbaren Ziel auch ein mögliches und erreichbares Ziel gibt, dass der menschliche Glaube und der glaubende Mensch auf seiner Ebene, in der ganzen Fragwürdigkeit alles Menschlichen und unter den Vorbehalten, die er sich ja sicher nicht wird verbergen wollen, doch eine in sich vollendete Größe sein, dass man sehr wohl im Geringsten treu sein kann [vgl. Lk. 16,10], ohne dass damit das Treusein im Großen gegeben wäre, wohl aber so, dass Treue im Geringsten dem Menschen im beschriebenen Sinn zum Zeugnis dafür werden kann, dass für seine Treue im Großen (die er, in Versuchung fallend alle Tage, auch alle Tage für bedroht halten möchte) gesorgt und nun wirklich fern von seinem eigenen Werk gesorgt ist. Um christliche Vollkommenheit als signum electionis geht es hier dem Jakobus. Darin besteht sie aber nach dem Vorangehenden: dass der Glaube sich in der ihm notwendig immer wieder widerfahrenden Prüfung bewähre in der Tat, im Gehorsam, in dem ihm entsprechenden Werk.
Dieser Schritt des Glaubens in die Tat oder vielmehr diese selbstverständliche Betätigung des Glaubens, der wirklicher Glaube ist, das ist’s, was Jakobus den Lesern mit dem Imperativ unseres Verses zumutet. Sie klagen über die Versuchung, in der sie stehen. Er macht sie aufmerksam auf den Entscheidungscharakter des Glaubens und auf den praktischen Charakter dieser Entscheidung. So, indem sie den Begriff des Glaubens voll realisieren, sollen sie vollkommen sein. Man könnte sinngemäß Hebr. 12,4 vergleichen: «Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden 26 im Kampf gegen die Sünde!» Ihr seid noch gar nicht in der Lage über die Unüberwindlichkeit der Versuchung, über die Verlorenheit des Menschen zu seufzen und euch dann wohl in vermeintlichem «Glauben» vor dem, was von euch gefordert ist, auf das zurückzuziehen, das Christus für euch getan hat. Ihr sollt, euer Glaube soll vollkommen sein. Nicht ein besonders starker, tiefer, feuriger Glaube ist gemeint, sondern eben der seinen Begriff erfüllende Glaube, der Glaube des im Glauben handelnden Menschen. Das erläuternde ὁλόκληροι heißt unversehrt. Als Glaubenden redet Jakobus |245 seinen Leser an. Er heißt ihn, seinen Glauben unversehrt zu bewahren. Sei, was du bist!136
Wenn ihr um die Möglichkeit dieses Weges wisst, und zwar mit dem Gewissen wisst, also so wisst, dass in und mit dem Wissen die Tat schon begonnen hat, wenn ihr wisst, dass dieser Weg im Glauben begangen werden muss vom Menschen, wie solltet ihr dann nicht – das ist’s, was Jakobus in diesen Versen sagen wollte - auch Augen haben, zu sehen den Weg Gottes zu den Menschen mitten hinein in ihre schnöde Wirklichkeit und also das Unerhörte zu sehen, dass es wirklich lauter Freude ist, in Versuchung zu fallen. Denn wer in jenem höchst lebendigen γιγνώσκειν steht, der ist vor den Überraschungen und Enttäuschungen geschützt, denen der ausgesetzt ist, der sich in der Sackgasse eines Glaubens befindet, der gar kein vollkommener und darum auch kein wirklicher Glaube ist, weil ihm das Werk nicht zugeordnet ist, weil er nicht Gehorsam ist. Jakobus ruft zur Freude auf, indem er diesen unvollkommenen und also unwirklichen Glauben zur Sache, zur Buße ruft. Wenn ihr den Bußruf wirklich hört, wie solltet ihr dann das Evangelium nicht hören? – Ein erster von den vielen kleinen Gedankenkreisen des Jakobus ist damit nachgezeichnet. Er ist für die ganz besondere Welt, in der wir bei ihm heimisch werden müssen, so bezeichnend, als man es sich nur wünschen kann.