1922 – 1929

Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,2-4

Erklärung des Jakobusbriefes
W. S. 1922/23 und

210 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1922/23

Jakobus 1,2-4

2 Πᾶσαν χαρὰν ἡγήσασθε, ἀδελφοί μου, ὅταν πειρασμοῖς περιπέσητε ποικίλοις, 3 γινώσκοντες ὅτι τὸ δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως κατεργάζεται ὑπομονήν· 4 ἡ δὲ ὑπομονὴ ἔργον τέλειον ἐχέτω, ἵνα ἦτε τέλειοι καὶ ὁλόκληροι, ἐν μηδενὶ λειπόμενοι.


2 Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt, 3 in der Erkenntnis, dass die Bewährung eures Glaubens Beharrlichkeit bewirkt, 4 die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen, damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand.

Windisch bemerkt mit Recht, dass die Art, wie Jakobus hier seinen ersten Gedanken an die Grußformel anknüpft (χαίρειν-χαράν), die Harnacks, dass V. 1 eine spätere Zutat sein möchte, sehr unwahrscheinlich mache.91 Den Ausdruck πᾶσαν χαράν muss man verstehen im Blick auf die πειρασμοὶ ποικίλοι: die Gesamtheit der vielfachen Versuchungen sollen sie für Freude ansehen. Man beachte für den Stil des Verfassers die Alliterationen: πειρασμοῖς περιπέσητε ποικίλοις.92 93 im Zusammenhang der Stelle und des Briefes berechtigt oder nötigt uns, den Begriff πειρασμοί hier in einem eingeschränkten Sinn aufzufassen, etwa als «Anfechtungen, welchen die Leser in ihrer Eigenschaft als Christen ausgesetzt waren» (Hofmann).94 Πειρασμοί ist Alles, was die von Jakobus hier sofort vorausgesetzte Beziehung dieser Menschen zu Gott stören und unterbrechen kann, jeder Anlass zum Abfall und damit zum Versinken in die Trostlosigkeit der Gottesfremde. Also nicht nur die allfälligen Angriffe auf ihre Christlichkeit. Πειρασμοί kann Lust oder Schmerz sein, von Menschen oder aus der Natur kommen. Woher die Versuchung eigentlich kommt, davon wird in V. 13ff. die Rede sein. An unserer Stelle wird von diesem letzten Zusammenhang zunächst abgesehen. 95 einer Leiter zu vergleichende Reihe von δοκίμιον zur ὑπομονή, von der ὑπομονή zum ἔργον τέλειον erinnert formal stark an Röm. 5,3-4: «Die Bedrängnis bewirkt Beharrlichkeit,
die Beharrlich|212keit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.» Aber der Gedanke ist charakteristisch anders: Von der paulinischen θλῖψις könnte das nicht gesagt werden, was Jakobus nachher vom letzten Ursprung des πειρασμός sagt. Bei Paulus bewirkt nicht die Bewährung die Beharrlichkeit, sondern gerade umgekehrt. Bei Paulus endigt die Reihe nicht mit einem ἔργον τέλειον, sondern mit der Hoffnung. Und die ganze Reihe, die bei Paulus ein Nebensatz ist, der begründet, warum wir uns rühmen (Indikativ) auch in der Bedrängnis, wird bei Jakobus zu einem Nebensatz, der begründet, warum wir uns in derselben Situation freuen sollen  (Imperativ!). Wenn die beiden Reihen, die paulinische und die jakobeische, dieselbe Wahrheit meinen, was ich trotz Allem nicht bestreiten möchte, so kann man an dem Gegensatz dieser beiden Stellen, der mindestens so groß ist, wie die Kluft, die sich Jak. 2 auftun wird, den radikalen Unterschied der transzendentalen und der psychologischen Betrachtungsweise96 studieren. Jakobus ist, ob es uns passt oder nicht, entschlossener Psychologe. Von den ποικίλοις πειρασμοῖς und von dem δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως ist auch in 1.Petr. 1,6f. die Rede, Δοκίμιον ist die durch Prüfung bewirkte Bewährtheit.*197; damit also fängt die jakobeische Reihe an. Er hat mehr als einen Grund, nicht etwa, der paulinischen Reihe entsprechend, mit dem πειρασμός anzufangen, von ihm also zu sagen, er bewirke die Bewährung. Ὑπομονή, bei Jakobus das zweite Glied, das dem paulinischen dritten entspricht, wird am besten mit Beharrlichkeit im Sinn von perseverantia übersetzt98, sie ist mehr als «Geduld», nicht bloß ein Leiden, sondern ein Tun. Zwingli: Tapfermütigkeit.99 Das ἔργον τέλειον ist das Ziel, von Windisch wohl richtig umschrieben mit den Worten: «der ganze reife Mensch».100
Ὁλόκληρος heißt: in allen Tei|214len ganz, voll ausgebildet. Τέλειοι und ὁλόκληροι werden ergänzt durch das negative ἐν μηδενὶ λειπόμενοι.

18.XI.22Wir wenden uns nach diesen Einzelerklärungen zum Ganzen.

Die Stelle ist gleich ein Beweis für die schon in der Einleitung berührte Eigenart des Jakobus, Konsequenzen zu ziehen aus allerwichtigsten, aber unausgesprochenen Prämissen. Mit einem Sprung setzt
es sei doch durchaus nicht selbstverständlich, dass er wirklich schon erreicht sei, nämlich mit der Voraussetzung, dass das χαίρειν, freuet euch!, mit dem er die Leser V. 1 begrüßet hat, durchaus keine fromme, freundliche Redensart sei, dass aus dem Infinitiv, mit dem er sie da in Anspruch genommen, sofort ein Imperativ abzuleiten sei im Blick auf ihre konkrete Lage.

Sie sollen für lauter Freude halten – was? Die Tröstungen und Verheißungen ihres Glaubens im Gegensatz zu ihrer konkreten Lage? Die ihnen beständig offenstehenden Möglichkeiten geistig-religiöser Art, sich über diese hinaus in die unsichtbare Welt der Herrlichkeit Gottes zu erheben? Die mannigfachen Fäden, die sie mit der Realität Gottes, mit dem auferstandenen Christus verbinden können, wenn sie sich nur durch die Bedrängnis immer wieder in die Hoffnung treiben lassen? Nein, Jakobus sagt wenigstens nicht das. Er redet, gerade weil er Christen, die zwölf Stämme des Gottesvolkes, die ecclesia possidentium vor sich hat, nicht die Christen in den Menschen an, sondern die Menschen in den Christen mit ihrer ganzen Last und Fragwürdigkeit. Denn nur als Menschen und auf ihr Menschliches allzu Menschliches angeredet können die Christen das Evangelium hören.

Er sagt, sie sollen für lauter Freude halten – eben ihre konkrete Lage selbst, d. h. aber ihr «Fallen in vielerlei Versuchungen», mit dessen Tatsächlichkeit er ohne Weiteres rechnet. Jakobus sieht seine Leser gehen, wie eben Menschen gehen, und bei diesem Gehen umgeben von den mannigfaltigsten, immer wechselnden, in immer neuer unvermuteter Gestalt auftretenden Gelegenheiten, hereinzufallen in Irrtum und Torheit, in Angst und Überheblichkeit, in Finsternis und Gottlosigkeit.

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Und dieser ständige Hereinfall ist nicht nur möglich, sondern wirklich. Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen106, der in V. 15 als die letzte Konsequenz dieses Hereinfallens in die Versuchung geschildert wird.

Die volle Aktualität der Versuchung ist die konkrete Lage auch der Christen. «Fidelium vita assidua est militia super terram» (Calvin).107 Um einen Kampf gegen den sie angreifenden Gegner handelt es sich natürlich, aber eben wirklich und in jedem Augenblick um einen Kampf, denn auch der Angriff ist in jedem Augenblick mit allen seinen Konsequenzen wirklich. Und eben diese Lage in ihrer Gesamtheit sollen sie für Freude halten. Über die Paradoxie dieser Aufforderung an sich braucht nichts bemerkt zu werden. Sie wird noch schärfer, wenn man beachtet, dass der πειρασμός, von dem Jakobus redet, nicht wie die paulinische θλῖψις eine objektive Macht ist, sondern für ihn nach V. 13ff. aufs engste zusammenhängt mit einer schuldhaften Aktivität des Menschen: «Jeder, der versucht wird, wird es durch das Ziehen und Locken seiner eigenen Lust» (V. 14).

Gerade das Wort «Freude» wirkt in diesem Zusammenhang, auch wenn wir von V. 13ff. zunächst absehen wollten, ganz unerwartet. Warum sagt Jakobus nicht: Wachet, betet, kämpfet, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt!, wie er doch sagen müsste,
wenn es so ein|220fach wäre, ihn als Moralisten anzusprechen, wie es nach den üblichen Darstellungen aussieht? Nein, er sagt: «Haltet es für lauter Freude, meine Brüder!» und dokumentiert damit doch wohl den wahren Ursprung und Sinn seines Bußrufs. Mit diesem πᾶσαν χαρὰν ἡγήσασθε, ἀδελφοί μου, wendet er sich allerdings einen Augenblick auch an den Christen in den Christen. Auch der Bußruf, der den immer und überall in die Versuchungen hereinfallenden Menschen auf die Füße stellen, zum miles christianus machen will, ist eben voll und echt Verkündigung des Evangeliums, der frohen Botschaft. Auch die Christen können, wenn es sich darum handelt, die Friedhofsruhe ihrer Christlichkeit zu stören, sie zur Besinnung zu rufen und mobil zu machen (gerade sie, gerade dann!), nur immer wieder (vgl. Phil. 2,18; 3,1; 4,14) zur Freude aufgerufen werden. Jakobus nun setzt sofort mit diesem Imperativ, der alle anderen nötigen Imperative in sich enthält, ein, bezieht ihn direkt auf die schnöde Wirklichkeit, die zur Freude so gar keinen Anlass gibt, und das, ohne die Prämisse seiner Aufforderung auch nur mit einem Wort zu nennen, zu begründen und zu erklären. Dieses selbstverständliche Auftreten der großen Voraussetzung in und mit der daraus gezogenen Konsequenz, diese sofortige Anwendung des Christlichen auf das Menschliche ist das Besondere der jakobeischen Verkündigung. Die Voraussetzung soll sich nach seiner Meinung offenbar durch die Paradoxie selbst nennen, begründen und erklären. 109 will nicht a) das Evangelium, b) das Gesetz predigen, sondern unmittelbar das Evangelium als Gesetz, das Gesetz als Evangelium. Er fühlt sich ja gesendet zu denen, die schon wissen, die nicht der synthetischen, sondern der analytischen Aufklärung110 bedürfen. Wie merkwürdig, dass man ihm das Schweigen von der entscheidenden Prämisse zum Vorwurf machen konnte, wo doch gleich dieser V. 2 ein unerhört lebhaftes Gebrauchmachen von dieser Prämisse darstellt, eine Applikation, die deutlicher als Alles, was er seinen Lesern erklärend und repetierend sagen könnte, zeigt, woher der Fahrt er kommt111.
Haltet |222 es für lauter Freude, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt! C. H. Rieger112 nennt das mit Recht «ein Wort, das nicht anders als im Glauben an das Kreuz Christi ausgesprochen werden kann»113.*2 Diese Ergänzung der Prämisse ist richtig, auch wenn man sich die von Windisch angeführten spätjüdischen Parallelen114 zu diesem Gedanken vor Augen hält, die für mich nur beweisen, dass mit der ganzen alttestamentlichen Frömmigkeit seit den Tagen des Deuterojesaja, des Hiob und der Psalmen auch das Spätjudentum der Einsicht entgegenstrebt von einer höchst grundsätzlichen und radikalen Umwertung aller Werte115, in der Gott aus Tod Leben, aus Niederlage Sieg, aus Leiden Freude schafft. Diese Einsicht von dem Überwundensein der schnöden Wirklichkeit (zu der auch die Quelle der Versuchungen, des Menschen Herz, gehört) durch die Kraft Gottes, diese Möglichkeit also, die konkrete Lage und ihre Problematik nicht bloß in stoischer Ataraxie in ihrer Unvermeidlichkeit zu ertragen, sondern aufzufassen als den dunklen Vorhang, der uns freilich von der Herrlichkeit Gottes scheidet, aber doch nur so, dass er auch ihre höchste, ja ihre unmittelbare Nähe bedeutet, das ist die christliche Einsicht und Möglichkeit. Man kann sie, wenn es sich darum handelt, von ihr zu reden, dadurch vertreten und verkündigen, dass man von ihrem Ursprung, also von Christus und dem Glauben redet, aber auch dadurch, dass man einfach mit ihrer Wahrheit rechnet, auf ihren Boden sich stellt und das Leben von diesem Scheitelpunkt aus ansieht. Beides sind Deutungen, Redeversuche, und beide haben ihre Zeit und ihre Grenze. Paulus hat im Ganzen das Erstere,
Jakobus hat das Letztere |224 gewählt. Es handelt sich vielleicht um denselben Gegensatz, der in der Reformationszeit Luther und Zwingli getrennt hat.116 Man muss in diesen Dingen lernen, nicht nur zu unterscheiden, sondern auch zusammenzusehen, in diesem Fall also über die scheinbare Lücke in den Gedanken des Jakobus hinwegsehen. Sie ist nur scheinbar. 117 etiam Jacobo prora et puppis est», schreibt Bengel.118 Abgesehen von Mt. 16,26 («Was hülfe es dem Menschen...»), abgesehen von jenem kritischen Punkt, den wir nur als «Jesus Christus» bezeichnen können, ist unser V. 2 überhaupt nicht zu verstehen, auch dann nicht, wenn ihn nach Spitta ein Jude geschrieben haben sollte119. Es wäre denn, wir wären der Meinung, eine geschraubte, unwahre Phrase christlichen oder jüdischen Ursprungs vor uns zu haben, eine Annahme, zu der wir vorläufig unserem Autor gegenüber keinen Anlass haben.

Das Wort γινώσκοντες («in der Erkenntnis», V. 3) will also nicht etwa den Grund angeben, weshalb sie in dieser menschlich gesprochen unbegreiflichen Freude sich freuen sollen, denn dieser Grund steht unausgesprochen als Sinn des χαίρειν und des χαρὰν ἡγήσασθε zwischen V. 1 und 2, sondern was nun V. 3-4 folgt als Inhalt des γινώσκοντες, das ist der Gegenstand, der Anlass, die Gelegenheit zu jener in tiefster Einsicht begründeten Freude an und in der konkreten Lage, die sie sich trotz ihrer schweren Problematik erhalten oder wiedergewinnen sollen.

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Und diese Gelegenheit besteht nun, für Jakobus wiederum bezeichnenderweise, in einem psychologisch-pragmatisch zu verstehenden Vorgang, einem Weg, dessen Möglichkeit er den Lesern in V. 3 indikativisch, beschreibend (κατεργάζεται) auf der höheren, schwereren Stufe in V. 4 imperativisch, fordernd (ἐχέτω) vor Augen stellt. In und mit dem «Fallen in mancherlei Versuchungen» (V. 2), will er ihnen sagen, besteht doch die Gelegenheit zu jener in sich allerdings menschlich unbegreiflichen Freude, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch den Weg gehen von der Bewährung eures Glaubens zur Beharrlichkeit, von der Beharrlichkeit zum vollkommenen Werk.

Jakobus zieht sich also nicht zurück von der durch die Erinnerung an die Versuchungen, an den Kriegszustand des Christen berührten konkreten Problematik, sondern er steigt – immer die Erinnerung an die Freudenbotschaft als Wahrheitsbeweis hinter sich! – tiefer in sie hinein, um ihren wahren Sinn, wenn nicht aufzudecken, so doch, soweit das in der relativen Sphäre, in der er sich da bewegt, möglich ist, zu veranschaulichen, der Aufmerksamkeit der Leser näher zu rücken und ihnen so nahezulegen, diese konkrete Problematik von einer |228 neuen, lebendigeren Seite aufzufassen. Er setzt V. 3 ein mit der Möglichkeit, dass es in und mit dem Fallen Versuchungen eine «Bewährung des Glaubens» gebe. Er sagt also nicht, dass es eine Möglichkeit gebe, überhaupt nicht oder nicht mehr in die Versuchung hereinzufallen. Er sagt auch nicht das Gegenteil. Er rührt den Abgrund der letzten Frage nach Sünde und Gnade nicht an. Er will nicht vom Unanschaulichen, sondern vom Anschaulichen reden, weil den Menschen, mit denen er es zu tun hat, das Unanschauliche am Anschaulichen wieder lebendig werden muss und weil er selber nun einmal Jakobus und nicht Paulus ist. Er rechnet also ganz schlicht mit dem tatsächlichen Fallen in Versuchung, aber auch ebenso schlicht mit der Möglichkeit, dabei und darin seinen Glauben zu bewahren. Beide Größen sind für ihn relative, auf derselben Ebene befindliche Größen, wobei die Versuchung zunächst groß, der Glaube klein ist, wobei sich dieses Verhältnis aber auch ändern und vielleicht umkehren kann. Der Begriff δοκίμιον τῆς πίστεως kann ja auch gar nicht anders als eben psychologisch verstanden werden.

Was Paulus πίστις nennt, die πίστις Ἰησοῦ Χριστοῦ, die πίστις, aus der die Gerechtigkeit kommt, die πίστις, die an mehr als einer Stelle mit allen Prädikaten einer Handlung Gottes selbst auftritt, dieser Glaube ist einer Bewährung oder Erprobung oder Prüfung weder bedürftig noch fähig. Er ist in sich selbst sicher und klar, oder er ist nicht dieser Glaube. Aber es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, den Glauben auch von seiner menschlichen Seite aus zu sehen als einen menschlichen Akt neben anderen, als den religiösen Akt des Gehorsams und des Vertrauens, der Anbetung und der Freudigkeit Gott gegenüber. Auch Paulus hat auch in diesem Sinn vom Glauben geredet, und Jakobus hat fast nur in diesem Sinn von ihm geredet. Darum redet er so gedämpft von ihm, darum kann er im Kapitel 2 vor seiner einseitigen Überschätzung warnen, darum an unserer Stelle von seiner Bewährung reden.

Ich glaube nicht, dass es der Klarheit dient, wenn Schlatter sagt, dass Jakobus uns hier sofort auf die Höhe von Röm. 8 führe.122 Die Höhe von Röm. 8 steht allerdings jedem Kundigen sichtbar hinter dem Gedanken des Jakobus, wie die Alpen der Schweiz sichtbar hinter dem |230 Schwarzwald stehen. Aber der Schwarzwald ist nicht ganz dasselbe wie die Alpen. Und so ist die Höhe, auf die Jakobus uns führt, ganz bewusst und absichtlich eine bescheidenere psychologische Vordergrundshöhe, auf der aber auch Einiges zu sehen und zu lernen ist. Er erinnert seine Leser daran, dass zu ihrer menschlichen Situation, auf die er sie angesprochen, nicht nur ihr notvoller Kampf mit der Versuchung, sondern auch ihr bisschen mehr oder weniger echtes und tiefes Christentum, ihre πίστις gehöre, und will ihnen sagen, der Ansturm der Versuchung, den sie zu erleiden haben, könne jedenfalls auch und müsse, wenn sie ihn richtig auffasst, bewirken, dass dieser ihr Glaube einer Erprobung auf seine Echtheit und Tiefe unterzogen werde, einer Belastungsprüfung, bei der sich sein faktischer Wert, einer Bewährung, bei der sich seine Wahrheit herausstellen werde. Jakobus spricht es nicht ausdrücklich aus: «die Versuchung bewirkt die Bewährung», wie Paulus Röm. 5 ausspricht, dass die θλῖψις die ὑπομονή bewirke; denn damit würde er die Grenze der anschaulich-menschlichen Situation, die er sich zunächst gesteckt hat, überschreiten; er hat ja auch V. 2 genugsam angedeutet, dass auch er diese Situation letztlich von einem Jenseits ihrer Grenzen aus betrachtet. Er setzt also einfach ein mit der Möglichkeit, Versuchung parallel der andere Vorgang der Bewährung des Glaubens stattfinden kann und soll (denn der Imperativ von V. 2 klingt noch nach!), unter der mit dem griechischen Wort δοκίμιον ausgesprochenen Voraussetzung, dass solche Bewährung etwas an sich Wertvolles und also Erfreuliches sei. Etwa in dem Sinn, wie wieder C. H. Rieger umschrieben hat: «Ohne Leidenssinn und Geduld ist man der Gerechtigkeit Gottes nie ganz zugetan; es ist im Reiche Gottes nicht auf einen Solchen, als auf einen zuverlässigen Mann zu rechnen.»123 «Bewährung des Glaubens» findet einmal einfach dadurch statt, dass er nicht aufhört, sondern sich behauptet, dann aber dadurch, dass er angeregt durch die Kraftproben, denen er ausgesetzt ist, wächst, innerlich notwendiger und äußerlich reicher, elastischer und beweglicher wird, wie denn menschliche Frömmigkeit in der Tat ein Ding ist, das wachsen und sich verbessern kann. Diese Bewährung,
sagt Jako|232bus, kann trotz der Versuchung und in der Versuchung, ja im Fallen in die Versuchung stattfinden und bedeutet dann, dass gleichzeitig mit der noch so siegreich andringenden und den Menschen niederwerfenden Versuchung ein letztes Nein, ein Widerspruch, ein Aufhalten der Versuchung und ihrer Konsequenzen, ein Wiederaufstehen des Menschen in irgend einem Maß stattfindet. Er ist gefallen und kann sich doch wieder aufrichten. Er ist unterlegen und doch nicht ganz unterlegen. Er ist in Finsternis gehüllt, und doch ist sein Licht nicht erloschen. Er hat in Allem und Allen das durchgehalten, was ja immer relativ des Menschen Bestes war, ja er ist nicht schwächer, sondern kraft dieses Durchhaltens stärker geworden.

Das ist das δοκίμιον τῆς πίστεως, wenn man, wie es hier durch seine Stellung am Anfang einer psychologischen Klimax geboten ist,
das Mindeste, das Bescheidenste versteht, was durch die Begriffe selbst zugelassen ist. Auf die Möglichkeit dieses Vorgangs weist Jakobus hin. Das, sagt er, ist in der Problematik eurer konkreten Lage jedenfalls auch wahr und nicht ohne Bedeutung. Das kann, wenn es Wirklichkeit ist – und das liegt an euch –, wenn nicht Grund, so doch Anlass, Gelegenheit sein zu der Freude, die ihr als Christen unbegreiflicher-, unbegründeterweise gerade an und in der Versuchung gewinnen oder wiedergewinnen könnt und müsst.

Und dann geht er weiter und sagt: Diese Bewährung (und wenn wirklich: Bewährtheit) eures Glaubens «bewirkt Beharrlichkeit». Sie ist kein Ziel, kein Ruhehafen, keine erreichte Insel der Seligen124. Sie ist nur ein Moment in einem Vorgang. Sie schafft, sie wirkt, sie treibt. Sie drängt von dem ein-, zwei-, dreimaligen Erfolg der Bewährung weiter und vorwärts zu einem Habitus, zu einer Haltung. Der zufällige vereinzelte Widerstand will und muss sich organisieren und festigen. Aus der gefühls- und instinktmäßigen Reaktion der πίστις, der Frömmigkeit, die auch in der Versuchung nicht sterben, sondern leben muss und will, muss und will eine gegen die Peripetien des religiösen Erlebens gesicherte grundsätzliche sittliche Stellung werden, das, was Rieger mit «Zuverlässigkeit»125 und Schlatter mit einem «heldenhaften Sinn»126 bezeichnet. Das ist ὑπομονή.

234 Es ist wohl kein Zufall, dass Luther dieses dort mit «Geduld»127, Zwingli aber mit «Tapfermütigkeit»128 übersetzt hat. Ich «Beharrlichkeit», worin Beides enthalten ist. Man beachte, wie Jakobus ganz unzweideutig einen Aufbau von unten nach oben im Auge hat, wie er die «Bewährung» sich sozusagen kristallisieren lässt zur Beharrlichkeit, während bei Paulus Röm. 5,3f. mit demselben Wort κατεργάζεται ein Wirken der selber wunderbar der Bedrängnis entsprungenen Beharrlichkeit zur Bewährung, ein Aufbauen von oben nach unten anschaulich oder vielmehr nicht anschaulich gemacht wird. Wir erinnern uns wieder des Zusammenhangs: Da!, sagt Jakobus und weist die von der Versuchung bestürmten Christen auf die weitere Etappe eines psychologisch möglichen Vorgangs hin: da, man kann sich nicht nur das eine oder andere Mal bewähren, man kann auch beharrlich werden, festen Boden unter die Füße bekommen, so dass die Versuchung insofern abnimmt, als man selber zunimmt, insofern ihr Gesicht verändert, als man selber ein anderer Mensch wird, insofern den Charakter eines Fatums, eines Schicksals verliert, als man eine der ihrigen wenigstens kommensurable Notwendigkeit in sich selber trägt.

Diese Möglichkeit der Versuchung innerhalb der Versuchlichkeit der konkreten Lage des Menschen jedenfalls Schach zu bieten, ist eine bedeutungsvolle, eine hoffnungsvolle Möglichkeit. Sie weist über sich selbst hinaus. Sie berechtigt dazu, sich dennoch zu freuen, obwohl man sich seiner konkreten Lage gegenüber, wie sie immer wieder ist, eigentlich ja wirklich nicht freuen kann. Sie ist ein Zeugnis von jener gänzlichen, radikalen Umkehrung und Überwindung der schnöden Wirklichkeit, in der wir allerdings trotz und mit aller Beharrlichkeit – aber auch nicht ohne sie, sagt Jakobus! – jetzt und hier stehen. Sie ist nicht der Realgrund, aber der Erkenntnisgrund der christlichen Freude, die wieder in uns erwachen muss. Und darum sollen wir wissen, γινώσκοντες ὅτι, von der Möglichkeit dieses Aufbaus von unten nach oben – wissen und danach uns richten ist natürlich die Meinung -, und dieses Wissen zum Anlass nehmen, der Aufforderung zur Freude zu gehorchen.

236 Es ist bezeichnend, wenn auch sicher unwillkürlich geschehen, dass Jakobus in V. 4 von der indikativischen zur imperativischen Darstellung dieses Aufbaus übergeht: die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen. Eine letzte Möglichkeit taucht hier auf, eine Möglichkeit immer noch, denn man darf bei dem ἔργον τέλειον auf keinen Fall an die Realisierung der Idee des Guten oder dergleichen denken, aber immerhin eine letzte Möglichkeit, angesichts derer das verstanden wird, als eine Anweisung, die man nicht nur kennen, sondern nach der man sich richten muss, nur dann erfüllt sie ihren Zweck als Erkenntnisgrund der christlichen Freude. Auch die Haltung, der Habitus der ὑπομονή ist also kein Letztes, sagt Jakobus, nicht einmal innerhalb der psychologischen Betrachtung des Menschen.

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«Beharrlichkeit» weist auch auf dieser Ebene über sich selbst hinaus. Wohin? Auf das τέλειον ἔργον: das vollendete Handeln, interpretiert man wohl am besten. Beharrlichkeit ist eine Haltung. Wessen Haltung? Des handelnden Menschen. Er ist ja der Kämpfer gegen die Versuchung, und sein ἔργον, also nicht bloß seine Haltung, sondern die fortgesetzte Reihe von Akten, die er in dieser Haltung vornimmt, ist der Kampf selber. Und dass der Kampf selber möglich sei, das ist’s ja, was Jakobus seinen Lesern, den geborenen Christen, demonstrieren will.

In diesem Sinn hat Jakobus selbst seinen ersten Satz erklärt durch den zweiten: damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand. Er will ihnen den Spiegel vorhalten und ihnen sagen: es ist auch in dem Schattenreich dieser versuchlichen Welt, in der ihr steht, wirklich mehr möglich, als ihr denkt. Euer Handeln brauchte nicht in dem Grad eine Niederlage zu sein. Euer Hunger und Durst nach dem Absoluten, euer Wissen um die Gebrochenheit alles irdischen Wollens und Wirkens, um eure eigene moralische Zersetztheit und Zerfetztheit könnte vielleicht nächstens etwas bequem werden.
Ihr könn|240tet vielleicht nächstens genug haben von Einsichten in dieser Richtung und tätet gut, das Blatt nun umzukehren! Ihr selber könntet in dieser Welt ganz andere Leute sein!

Das Verständnis des ganzen Verses entscheidet sich an dem des Wortes τέλειος. Wenn τέλειος heißen sollte: am Ziel aller Ziele angekommen, «omnibus numeris absolutus»135, schlechthin fehlerfrei, dann würde der Vers offenbaren Wahnsinn aussagen. Denn mit der Annahme, dass hier etwa von dem absoluten Ziel die Rede sei, das im Sinn der idealistischen Ethik nur in unendlichem Progressus, d. h. faktisch nicht zu erreichen sei, ist hier darum nichts geholfen, weil der ganze Zusammenhang unzweideutig auf ein mögliches und erreichbares Ziel hinweist. Und nun steht es so, dass τέλειος, «vollkommen», vielmehr gerade mit dem [Begriff] des Möglichen und Erreichbaren, mit dem Begriff der Grenze zusammenfällt, nämlich mit der diesem und diesem einzelnen konkreten Menschen durch seine Einzelheit und Konkretheit, dadurch, dass er eben dieser und dieser ist, gesteckten Grenze.

Τέλειοι sind im Neuen Testament zunächst einfach die aus Kindern zu Erwachsenen gewordenen, also ihre Möglichkeiten erschöpft habenden Menschen (Hebr. 5,14; Eph. 4,13; 1.Kor. 14,20), Christen, sofern ihnen Paulus eine gewisse Vollendetheit zutraut oder zuspricht (1.Kor. 2,6; Phil. 3,15; Kol. 1,28). Und auch in der berühmten Parallele zu unserer Stelle Mt. 5,48 (Ihr sollt vollkommen sein, ὡς, gleichwie …!) ist die Meinung nicht die, dass wir die Vollkommenheit Gottes erlangen sollen, was den Imperativ ganz gegenstandslos machen würde, sondern dass wie Gott als Gott, so auch wir als Menschen uns nicht mit weniger als mit der Erschöpfung unserer Möglichkeiten zufrieden geben sollen. Die Forderung ist wahrhaftig auch so noch unerhört genug, sie wird aber aus einer uferlosen, die vor lauter Ernst gar nicht mehr ernst ist, praktisch und greifbar. Sei, was du bist136, und tue danach, aber beides wirklich, nicht
nach deinem Wunsch und |242 deiner Meinung, sondern gemäß dem dir gesteckten Ziel! Und im Gedanken an die Vollkommenheit Gottes, deren Abbild und Widerschein in deinem Bereich zu realisieren dein Lebenszweck ist.

Das ist’s, was an unserer Stelle auch Jakobus seinen Lesern als letzte Möglichkeit vor Augen stellen will. Man könnte sinngemäß Hebr. 12,4 vergleichen: «Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde.» Ihr seid noch gar nicht in der Lage, über die Unüberwindlichkeit der Versuchung, über die Verlorenheit dieser Welt und der Menschen in ihr zu klagen. Realisiert zuerst, was ihr diesseits eures τέλος realisieren könnt. Tut, was ihr tun könnt! Seid wenigstens ὁλόκληροι, ganz das, was ihr sein könnt, ἐν μηδενὶ λειπόμενοι, bleibt wenigstens in dem nicht im Rückstand, worin ihr das Eurige tun könnt. Und dann, wenn ihr an diesem Ziel [seid], das nicht das Ziel aller Ziele, aber ein Ziel und zwar euer Ziel ist, dann kommt wieder und klagt darüber, dass ihr trotz Allem und Allen immer noch «in vielerlei Versuchung fallt». Aber nicht vorher.

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Und wenn ihr nun die Möglichkeit dieses Zieles und dieses ganzen Weges wisst, und zwar mit dem Gewissen wisst, wenn ihr also γινώσκοντες im Sinn von V. 3 seid – nicht dass dieser Weg zu Gott führt, denn zu Gott führt kein Weg, wohl aber dass dieser Weg um Gottes willen notwendig ist und begangen werden muss –, wie solltet ihr dann nicht Augen haben, um den Weg zu sehen, der von Gott zu den Menschen führt, und also das Unerhörte zu sehen, dass die Versuchung lauter Freude ist?

Wenn ihr den Bußruf hört, wie solltet ihr dann das Evangelium nicht hören?

211 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1928/29

Jakobus 1,2-4


Haltet es für völlige Freude, meine Brüder,
wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt
,
in der Erkenntnis, dass die Erprobung eures
Glaubens Beharrlichkeit bewirkt.
Die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen,
damit ihr vollkommen und ganz seid,
in keinem Stück im Rückstand.

213

215

Der Eingang unserer Stelle ist gleich ein Beweis für die vorhin berührte Eigenart des Jakobus, Konsequenzen zu ziehen aus unausgesprochenen, aber allerwichtigsten Prämissen.

Es versteht sich ja nicht von selbst, dass an das χαίρειν von V. 1 nun sofort dieser Imperativ angeknüpft wird,

die Aufforderung, die Versuchungen, und zwar die Vielheit der Versuchungen, in denen sich die Leser befinden, und zwar ihr eigenes Stehen, nein wörtlich: Hineinfallen in vielerlei Versuchungen als Freude, und zwar als völlige, gänzliche Freude zu betrachten und zu behandeln.

Dass er zur Buße aufruft, das schließt nicht aus, sondern ein, dass er nicht weniger als Paulus im Philipperbrief [vgl. Phil. 2,18; 3,1; 4,14] |217 zur Freude aufruft. Ja, die Frage ist sofort zu stellen, ob für sein Denken und seine Absicht jener Aufruf nicht vielmehr in diesem eingeschlossen ist. Evangelium  fallen für diesen ­Bußprediger nicht auseinander. Indem er mahnt, das Hineinfallen in die Versuchungen für völlige Freude zu halten, in dem was ihnen zunächst Scheidung von der Kraft und Seligkeit Gottes bedeuten musste, deren Nähe zu sehen, die Tatsächlichkeit des schweren und ernsten Kampfes, in dem sie standen und in dem er selbst sie kämpfend stehen sehen will, als schon errungenen Sieg einzuschätzen, macht er offenbar vor ihren Augen die 18 Voraussetzung, dass dem so sei, dass diese wahrlich nicht selbstverständlichen Gleichungen bestünden. Diese Voraussetzung ist aber Evangelium. Bengel101 hat recht, wenn er zu diesem Einsatz bemerkt: «Fides etiam Jacobo prora et puppis est»118 , und C. H. Rieger102, wenn er sagt: dies sei «ein Wort, das nicht anders als im Glauben an das Kreuz Christi ausgesprochen werden konnte»113 . Dass schon das Spätjudentum diese Gleichsetzung kannte, beweist theologisch nichts dagegen.114 Also das sollt ihr für vollkommene Freude halten, darin sollt ihr statt Schaden Gewinn, statt Anlass zur Klage Anlass zum Jubel sehen, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt. 103 in der Stelle oder im Zusammenhang des Briefes nötigt uns dazu, den Begriff hier in einem eingeschränkten Sinn aufzufassen, etwa mit Hofmann als «Anfechtungen, welchen die Leser in ihrer Eigenschaft als Christen ausgesetzt waren»94 oder noch enger mit Bardenhewer als «Glaubensverfolgungen»104. Es ist aber auch nicht angebracht, den Begriff abzuschwächen und mit Hauck bloß von den «Störungen und Anfechtungen, welche den Frommen das Leben schwer machen»105, zu reden unter Umgehung des Gedankens, als ob es etwa auch der Reiz zur Sünde sein könnte, was Jakobus hier wie 1,13ff. unter πειρασμός versteht. Wenn das in Versuchung Fallen darum Freude sein soll, weil es der Erprobung des Glaubens dient, offenbar als Widerstand, der sich der Betätigung des Glaubens entgegensetzt und sie eben so herausfordert, dann ist doch wohl unter Versuchung nicht eine einfache Lebensstö|219rung [zu verstehen], sondern eine solche, die in der Tat einen Reiz zur Sünde, zum Abfall vom Glauben bedeutet. Sie kann Lust oder Leid bedeuten, und in der Wirklichkeit des menschlichen Lebens pflegen diese beiden nicht allzu weit voneinander entfernt zu sein. Woher sie eigentlich stammt, davon wird 1,13ff. die Rede sein. Von diesem Zusammenhang wird hier noch geschwiegen. Die Versuchung ist da. Jakobus setzt es offenbar nicht nur als möglich, sondern als wirklich voraus, dass die Leser in Versuchung fallen. Hereinfallen wörtlich: zu ihrer Überraschung 19 plötzlich auf sie stoßen. Dass sie ihr erliegen, ist nicht gesagt, und das würde er natürlich nicht Freude genannt haben. In Versuchung fällt der Glaubende dann, wenn er zusammenstößt mit der Möglichkeit des Unglaubens, wenn sein Glaube, woher es auch sei, in Frage gestellt wird. Diesen Zusammenstoß nennt Jakobus Freude, will er von seinen Lesern als Freude verstanden wissen.

Die volle Aktualität der Versuchung gehört zu der konkreten Lage auch und gerade der Christen. Wo Glaube ist, da ist auch die Möglichkeit des Unglaubens. «Fidelium vita assidua est militia super terram» (Calvin).107 Der Feind ist auf dem Plan. Eben diese ihre Lage gerade mit dieser Gegenwart des Feindes sollen sie für Freude, nicht nur teilweise für Freude, nicht für eine beiläufige Freude, sondern für völlige gänzliche Freude, für die rechte christliche Hauptfreude halten. Über die Paradoxie dieser Aufforderung, darüber, dass da «eine ganz eigentümlich königliche Sprache» geführt wird (P. Geyser)108, braucht es keiner Worte.

Gerade das Wort «Freude» wirkt in diesem Zusammenhang, auch wenn wir von V. 13ff. noch ganz absehen, höchst überraschend. Warum sagt Jakobus nicht: Wachet, betet, kämpfet, wenn ihr in die vielerlei Versuchungen fallt?

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Ich würde nicht sagen, dass das was V. 3-4 als Inhalt ihrer Erkenntnis, d. h. einer ihnen möglichen und offen stehenden Erkenntnis angegeben wird, der Grund dieser merkwürdigen Freude sei. Ihr Grund ist offenbar jene unausgesprochene Voraussetzung. Wohl aber weist dieses γινώσκοντες hin auf einen Weg, auf dem den Lesern der Grund jener Freude sichtbar und damit diese selbst möglich und wirklich werden kann. Dieser Hinweis ist nun freilich für Jakobus sehr charakteristisch. 120 einer Leiter zu vergleichende Reihe vom δοκίμιον zur ὑπομονή, von der ὑπομονή zum ἔργον τέλειον erinnert formal stark an Röm. 5,3-4: «Die Bedrängnis bewirkt Beharrlichkeit, die Beharrlichkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung». Aber der Gedanke ist charakteristisch verschieden. Bei Paulus 20 ist nicht von Erprobung, probatio, sondern eindeutig von stattfindender Bewährung die Rede. Und diese Bewährung bewirkt nicht die Beharrlichkeit, sondern gerade umgekehrt. Die Reihe fängt an mit der θλῖψις, von der Paulus kühn zu sagen wagt, dass eben sie die ὑπομονή bewirke, was Jakobus vom πειρασμός wohlweislich nicht gesagt hat. Bei Paulus |227 endigt die ganze Reihe nicht mit einem ἔργον τέλειον, sondern mit der Hoffnung. Und während die ganze Reihe bei Paulus ein Nebensatz ist, der begründet, warum wir uns rühmen (Indikativ!), wird sie bei Jakobus zu einem Nebensatz, dessen Hauptsatz fordert, dass wir uns freuen sollen (Imperativ!). Wenn die beiden Reihen, die des Paulus und die des Jakobus dieselbe Wahrheit meinen, was man trotz Allem nicht in Abrede stellen sollte, so kann man doch an dem Gegensatz in der Art, wie sie das tun, der mindestens so groß ist, wie die Kluft, die sich uns in Kapitel 2 auftun wird, den freilich radikalen Unterschied der beiden christlichen Denkarten studieren. «Jakobus ermahnt zur Freude an den Anfechtungen, weil diese dem Frommen zur Vollkommenheit helfen, Paulus sagt, dass Christen sich der Trübsal rühmen, weil gerade durch Trübsal ihre Hoffnung gefestigt wird» (Dibelius)121. Das ist in der Sache nicht, wohl aber in den Worten sehr zweierlei. Wir haben hier nicht Paulus auszulegen.

Jakobus jedenfalls beschreibt psychologisch orientiert, wie man heute sagen würde, einen Weg, einen konkreten Vorgang in der Seele des Menschen, dessen Möglichkeit er den Lesern in V. 3 indikativisch beschreibend, auf der höhern Stufe imperativisch, fordernd vor Augen stellt. In und mit dem Fallen in Versuchung, will er sagen, besteht doch die Gelegenheit zu jener, allerdings in jener unausgesprochenen Voraussetzung beruhenden, Freude, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch diesen und diesen Weg gehen.

V. 3 bedeutet also, dass der Verfasser in die in V. 2 berührte Problematik des christlichen Lebens nun tiefer hineingreifen will, um ihren wahren Sinn, wenn auch nicht aufzudecken, so doch, wie es der psychologischen Sphäre, in der er sich bewegt, angemessen ist, zu veranschaulichen und insofern seinen Lesern nahezulegen, die konkrete Problematik ihres Lebens als in das Licht jener Freude gerückt zu sehen. Ohne Herstellung eines ursächlichen Zusammenhangs mit der Versuchung oder mit dem In-­Versuchung-­Fallen setzt er also 21 ein|229fach ein mit der Erinnerung an die Möglichkeit: in diesem In-Versuchung-Fallen kann Erprobung, kann Prüfung des Glaubens stattfinden. Δοκίμιον kann Prüfungsmittel, es kann aber auch Bewährung, Echtheit bedeuten. Ich halte es für das Sicherste, mit der Übersetzung probatio der Vulgata einen Begriff zu wählen, der in der Mitte liegt. Der Glaube als menschlicher Akt bedarf der Wiederholung. Er muss sich bewähren. Insofern bedarf er der Erprobung.

Beachten wir schon hier, dass Jakobus eben vom Glauben als menschlichem Akt redet, ganz anders als Paulus, wo der Begriff oft genug fast mit den Prädikaten einer göttlichen Handlung auftritt. Darum kann Jakobus dann im 2. Kapitel vor einer Überschätzung des Glaubens warnen, darum kann er hier von seiner Erprobung reden.

Es dient vielleicht doch nicht der Klarheit, wenn Schlatter sagt, dass Jakobus uns hier sofort auf die Höhe von Röm. 8 führe.122 Die Höhe von Röm. 8 wird im Anfang von V. 2 hinter den Gedanken des Jakobus eben sichtbar. Diese Gedanken selbst bewegen sich, wenn ich |231 recht sehe, auf einer gewissen Vordergrundshöhe, auf der aber auch Einiges zu sehen ist. Jakobus erinnert seine Leser daran, dass zu ihrer menschlichen Situation doch nicht nur die sie bedrängende Versuchung, sondern auch ihr kleiner oder großer, mehr oder weniger echter und tiefer Glaube gehöre. Und er sagt ihnen, dass der Sinn jeder Erprobung dieses Glaubens der sei, dass er nicht aufhöre, sondern sich behaupte.

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Die Erprobung ist kein leeres neutrales Geschehen, sondern sie hat eine Intention: κατεργάζεται, die Intention auf die Stärkung des Glaubens. Fallen sie in Versuchung, dann können und sollen sie erkennen, dass jetzt jene Erprobung in Frage kommt, die wenn sie ihrer Intention entsprechend stattfindet, wenn nicht Grund, so doch Anlass, Gelegenheit zu jener merkwürdigen Freude ist, die dem Christen gerade und immer, indem er sich unter das Kreuz gestellt sieht, eigen ist.

Was ist denn jene Intention bei der Prüfung des menschlichen Glaubens? Jakobus sagt: sie 22 bewirkt Beharrlichkeit. Man darf dieses «bewirkt» nicht mechanisch verstehen. Es könnte ja auch sein, dass der Mensch bei dieser Prüfung versagt. Aber wenn sie jetzt an diese Möglichkeit denken wollten, dann hätten sie die Intention jenes Geschehens nicht erkannt.

235 Der Sinn der Prüfung ist die Möglichkeit der «Beharrlichkeit». So möchte ich übersetzen. Luther übersetzt mit «Geduld»127 , Zwingli sehr bezeichnend für ihn mit «Tapfermütigkeit»128 . Ist jenes zu passiv, so ist dieses zu aktiv. Ὑπομονή bezeichnet die Möglichkeit, dem Widerspruch gegen den Glauben, der in der Prüfung stattfindet, seinerseits Widerspruch entgegenzusetzen, also in der Versuchung standzuhalten, durchzuhalten. Wenn dem Menschen, was ihm auch in und mit der Versuchung widerfährt, der Glaube nicht abhanden kommt, sondern sich behauptet hat, dann hat die Erprobung Beharrlichkeit bewirkt, wie es ihrem Sinn gemäß ist. Jakobus möchte, dass seine Leser ihre Lage, ihr In­-Versuchung­-Fallen als Erprobung, den Sinn dieser Erprobung aber als diesen, dass sie beharrlich im Glauben werden sollen, auffassen. Die Möglichkeit, auf die hier hingewiesen wird, weist ja über sich selbst hinaus. Wir stehen in einer sehr schnöden Wirklichkeit. Wir fallen in Versuchung.

Aber hier: in der Möglichkeit, dieses Geschehen als Prüfung zu verstehen, und in der Möglichkeit, beharrlich im Glauben aus dieser Prüfung hervorzugehen, haben wir ein Zeugnis von der radikalen Umkehrung und Überwindung dieser schnöden Wirklichkeit, deren sich der Christ nun freilich nicht im Blick auf seine eigene Beharrlichkeit, wohl aber im Blick auf Christus mitten in dieser schnöden Wirklichkeit freuen darf und soll. Auf dieses Zeugnis des christlichen Lebens, auf diese ihnen allen naheliegende und zugängliche Gelegenheit zur Freude hat Jakobus in V. 3 hingewiesen. Man wird den imperativischen Ton schon in dem Indikativ von V. 3 nicht überhören dürfen. Es ist ja klar: jene Möglichkeit kann nicht anders als in der Tat ergriffen und bejaht werden. 23 Man kann diese Anweisung nur erkennen indem man sich nach ihr richtet. Nur dann zeigt sie wirklich auf den Erkenntnisgrund der christlichen Freude.

237 In V. 4 wird der Imperativ offen sichtbar. «Beharrlichkeit» im Glauben weist doch auch auf der psychologischen Ebene, auf der Jakobus reden will, über sich selbst hinaus. «Die Beharrlichkeit soll es zum vollendeten Werk bringen.»

An dem ἔργον τέλειον ist schon viel herumgeraten worden. Dibelius hat den ganzen Gedanken von V. 4 so verstehen zu müssen geglaubt: Die Beharrlichkeit soll euch selbst vollkommen machen und so sollt ihr vollkommen sein.129 Aber Bardenhewer hat dagegen mit Recht eingewendet, dass der Imperativ ἐχέτω nicht sagt, was die Beharrlichkeit schaffen, sondern was sie bei sich haben, bei sich führen soll, man könnte sagen: was ihr notwendig zugeordnet ist.130 Hofmann wollte verstehen: die Beharrlichkeit muss bis zum Ende ausharren, sie muss ganz und endgültig sein131, und Hauck in etwas anderer Deutung des τέλειον: die Leistung und Äußerung der Standhaftigkeit soll eine Höchstleistung, eine unübertreffliche Glanzleistung sittlicher Kraft sein132. Gegen Hofmann scheint zu sagen, dass die Wendung ἐχέτω ἔργον τέλειον und die Fortsetzung V. 4b seiner Deutung kaum günstig ist, gegen Hauck, dass das Reden von der Vortrefflichkeit der Leistung des beharrlichen Glaubens insofern einen allzu auffallenden Sprung bedeuten würde, als ja von einer solchen Leistung des Glaubens noch gar nicht die Rede gewesen ist. Bardenhewer dürfte recht haben: «Es |239 wird auf die Notwendigkeit guter Werke neben dem Glauben hingewiesen».133 In dem Ausdruck ἔργον τέλειον hat das ἔργον den Nachdruck. Die Glaubensbeharrlichkeit ist die Glaubensbeharrlichkeit des Menschen, des handelnden Menschen. Jener Widerspruch gegen die Versuchung muss sich vollziehen in der Tat. Nicht uns selbst betrachtend in unserer Beharrlichkeit, sondern in dieser Beharrlichkeit handelnd, finden wir in ihr den Erkenntnisgrund der christlichen Freude, kann uns unser eigenes 24 christliches Leben zum Zeugnis werden. Die τελειότης, die Vollkommenheit dieses Handelns kann nun aber, das scheint mir von fast allen Auslegern übersehen zu sein, nach dem ganzen Zusammenhang keine andere sein als eben die des Glaubens, die dem Glauben entsprechende. Ich würde also so umschreiben: Wenn ich euch gesagt habe, dass der Sinn eurer Prüfung euer Beharrlichwerden im Glauben ist, so versteht wohl, dass ich damit meine: das Beharrlichwerden und -sein, das in einem dem Glauben entsprechenden Gehorsam zur Erscheinung kommt. In diesem Gehorsam des Glaubens werdet ihr fröhlich sein.

Aber diese damit in der Sache abgeschlossene erste Mahnung des Briefes bekommt in V. 4 noch eine Erläuterung: «Damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand».

241

Wir müssen uns, wenn wir hier unzweifelhaft hören, dass von den Christen gefordert wird, dass sie vollkommen seien, vor Augen halten, dass damit in unserm ganzen Zusammenhang auf ein mögliches und erreichbares Ziel hingewiesen sein muss. «Jakobus macht sich über die Relativität aller menschlichen Vollkommenheit so wenig Gedanken wie die Spruchweisheit in ähnlichen Zusammenhängen», bemerkt Dibelius sicher mit Recht.134 Aber man wird hinzufügen müssen: weil sie ihm selbstverständlich ist. Derselbe, der diesen Satz geschrieben, hat auch 3,2 geschrieben: «in vielen Dingen fehlen wir allesamt». Es wird darum nicht angehen, τέλειος mit am Ziel angekommen, «omnibus numeris absolutus»135 , schlechthin fehlerfrei, zu übersetzen.

Τέλειοι sind im Neuen Testament zunächst einfach die aus Kindern zu Erwachsenen Gewordenen, also die in diesem Sinn ihre Möglichkeiten erschöpft habenden Menschen (1.Kor. 14,20; Eph. 4,13; Hebr. 5,14), dann ebenfalls im Sinn von größtmöglicher Fortgeschrittenheit und Reife die Christen, sofern ihnen Paulus einen gewisse Vollendetheit zutraut oder zuspricht (1.Kor. 2,6; Phil. 3,15; Kol. 1,28). Und auch in der berühmten Parallele zu unserer Stelle Mt. 5,48 (Ihr sollt vollkommen sein, ὡς, «gleichwie» …) ist die Meinung nicht die, dass wir die Vollkommenheit Gottes erlangen sollen, 25 was ja den Imperativ gegenstandslos machen würde, sondern dass wie Gott göttlich vollkommen ist, so auch wir als Menschen uns nicht mit weniger als mit der Erschöpfung unserer menschlichen Möglichkeiten zufrieden geben sollen. Die Forderung ist wahrhaftig auch so noch unerhört genug, sie wird aber so aus einer uferlosen, die vor lauter Ernst gar nicht mehr ernst ist, praktisch und greifbar.

243

Jakobus scheint es mit Christen zu tun zu haben, die nicht mehr wissen, dass es jedenfalls neben dem unerreichbaren, dem nur in Christus erreichbaren Ziel auch ein mögliches und erreichbares Ziel gibt, dass der menschliche Glaube und der glaubende Mensch auf seiner Ebene, in der ganzen Fragwürdigkeit alles Menschlichen und unter den Vorbehalten, die er sich ja sicher nicht wird verbergen wollen, doch eine in sich vollendete Größe sein, dass man sehr wohl im Geringsten treu sein kann [vgl. Lk. 16,10], ohne dass damit das Treusein im Großen gegeben wäre, wohl aber so, dass Treue im Geringsten dem Menschen im beschriebenen Sinn zum Zeugnis dafür werden kann, dass für seine Treue im Großen (die er, in Versuchung fallend alle Tage, auch alle Tage für bedroht halten möchte) gesorgt und nun wirklich fern von seinem eigenen Werk gesorgt ist. Um christliche Vollkommenheit als signum electionis geht es hier dem Jakobus. Darin besteht sie aber nach dem Vorangehenden: dass der Glaube sich in der ihm notwendig immer wieder widerfahrenden Prüfung bewähre in der Tat, im Gehorsam, in dem ihm entsprechenden Werk.

Dieser Schritt des Glaubens in die Tat oder vielmehr diese selbstverständliche Betätigung des Glaubens, der wirklicher Glaube ist, das ist’s, was Jakobus den Lesern mit dem Imperativ unseres Verses zumutet. Sie klagen über die Versuchung, in der sie stehen. Er macht sie aufmerksam auf den Entscheidungscharakter des Glaubens und auf den praktischen Charakter dieser Entscheidung. So, indem sie den Begriff des Glaubens voll realisieren, sollen sie vollkommen sein. Man könnte sinngemäß Hebr. 12,4 vergleichen: «Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden 26 im Kampf gegen die Sünde!» Ihr seid noch gar nicht in der Lage über die Unüberwindlichkeit der Versuchung, über die Verlorenheit des Menschen zu seufzen und euch dann wohl in vermeintlichem «Glauben» vor dem, was von euch gefordert ist, auf das zurückzuziehen, das Christus für euch getan hat. Ihr sollt, euer Glaube soll vollkommen sein. Nicht ein besonders starker, tiefer, feuriger Glaube ist gemeint, sondern eben der seinen Begriff erfüllende Glaube, der Glaube des im Glauben handelnden Menschen. Das erläuternde ὁλόκληροι heißt unversehrt. Als Glaubenden redet Jakobus |245 seinen Leser an. Er heißt ihn, seinen Glauben unversehrt zu bewahren. Sei, was du bist!136 Tu, was du im Glauben tun kannst und tun musst. Nicht im Rückstand bleiben mit dem, was ihr ja schon seid und habt und tut! Aus Kindern im Glauben zu Männern und Frauen im Glauben werden, die die gewiss menschliche, irdische Möglichkeit, aber die Möglichkeit des Glaubens ergreifen und erfüllen!

Wenn ihr um die Möglichkeit dieses Weges wisst, und zwar mit dem Gewissen wisst, also so wisst, dass in und mit dem Wissen die Tat schon begonnen hat, wenn ihr wisst, dass dieser Weg im Glauben begangen werden muss vom Menschen, wie solltet ihr dann nicht – das ist’s, was Jakobus in diesen Versen sagen wollte - auch Augen haben, zu sehen den Weg Gottes zu den Menschen mitten hinein in ihre schnöde Wirklichkeit und also das Unerhörte zu sehen, dass es wirklich lauter Freude ist, in Versuchung zu fallen. Denn wer in jenem höchst lebendigen γιγνώσκειν steht, der ist vor den Überraschungen und Enttäuschungen geschützt, denen der ausgesetzt ist, der sich in der Sackgasse eines Glaubens befindet, der gar kein vollkommener und darum auch kein wirklicher Glaube ist, weil ihm das Werk nicht zugeordnet ist, weil er nicht Gehorsam ist. Jakobus ruft zur Freude auf, indem er diesen unvollkommenen und also unwirklichen Glauben zur Sache, zur Buße ruft. Wenn ihr den Bußruf wirklich hört, wie solltet ihr dann das Evangelium nicht hören? – Ein erster von den vielen kleinen Gedankenkreisen des Jakobus ist damit nachgezeichnet. Er ist für die ganz besondere Welt, in der wir bei ihm heimisch werden müssen, so bezeichnend, als man es sich nur wünschen kann.

Originalfußnoten

*1
Windisch: Bewährungsmittel?↩
*2
(«Betrachtungen über das N. T.» 1828). Gut! R.G.G.: «die Form ... für uns nicht mehr erträglich» [Vgl. [H.] Bauke, Art.: «Rieger, 2. Karl Heinrich (1726–1791)», in: RGG1 IV, Sp. 2318].↩

Sachfußnoten

91
Windisch, S. 3.↩
92
Windisch, S. 3.↩
93
Vgl. zum folgenden unten S. 217.↩
94
Hofmann, Brief Jakobi, S. 10.↩
95
Vgl. zum folgenden unten S. 225.↩
96
Barth knüpft an die anfangs des 20. Jahrhunderts lebhaft geführte Auseinandersetzung an, die Max Scheler, Die transzendentale und die psychologische Methode. Eine grundsätzliche Erörterung zur philosophischen Methodik, Jena 1900 (wieder abgedruckt in: Frühe Schriften, Gesammelte Werke, Bd. 1, Bern 1971, S. 197-335), kritisch behandelt hat.↩
97
Windisch, S. 5, bezieht sich auf 1.Petr. 1,6f. und interpretiert: «δοκίμιον = Prüfungsmittel».↩
98
Vgl. Calvin, Commentarius Iac., Sp. 385.↩
99
H. Zwingli, In epistolam beati Iacobi brevis expositio (1531/32), ­Huldrici Zuinglii Opera, hrsg. von M. Schuler und J. Schulthess, Vol. VI, Tom. II, Latinorum Scriptorum Pars Sexta [recte: Quinta]: Exegetica Novi Testamenti residua, Zürich 1838, S. 250.↩
100
Windisch, S. 5.↩
106
Choral von M. Luther: RG (1998) 648,1; EG 518,1.↩
107
Calvin, Commentarius Iac., Sp. 383: «Christianorum vero miserior adhuc conditio erat, quod suos gentiles habebant hostes sibi infestissimos. Quamquam non ita uni tempori haec consolatio propria fuit, quin semper utilis sit fidelibus, quorum vita assidua est militia super terram».↩
109
Vgl. zum folgenden oben S. 217.↩
110
D. h. nicht der Hinzufügung von Wissen, sondern der Vertiefung des Verstehens.↩
111
R. Wagner, Lohengrin, 1. Aufzug, 3. Szene:
Nie sollst du mich befragen,
nach Wissens Sorge tragen,
woher ich kam der Fahrt,
noch wie mein Nam’ und Art!
↩
112
Vgl. zum folgenden oben S. 217.↩
113
C. H. Rieger, Betrachtungen über das Neue Testament, zum Wachsthum in der Gnade und Erkenntniß unsers HErrn und Heilandes JEsu Christi, 4. Theil: enthaltend die Episteln Petri, Johannis, an die Hebräer, Jakobi, Judä, und die Offenbarung Johannis, Tübingen 1828, S. 304.↩
114
Windisch, S. 5: «Freude im Leid empfindet schon das Judentum Judith 8,25 Sap Sal 3,4 ff. IV Macc 7,22 9,29 11,12 Apoc Bar 52,6 habt eure Lust an dem Leiden, das ihr jetzt leidet, doch überwiegt diese Stimmung erst im Christentum Mt 5,4.10–12 Lc 6,20-23 Röm 5,3f.»↩
115
Vgl. Fr. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli und M. Montinari, Bd. 5, München/Berlin/New York 1980, S. 409, Z. 2 u. ö. Barth hat die Auslegung von Röm. 2,14-29 in der ersten Fassung des Römerbriefs überschrieben mit: «Umwertung aller Werte» (Römerbrief 1, S. 53).↩
116
Siehe die Darstellung dieser Auseinandersetzung, die im Abendmahlsstreit kulminierte, in der von Barth parallel gehaltenen Vorlesung: K. Barth, Die Theologie Zwinglis. 1922/1923, hrsg. von M. Freudenberg (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2004, S. 251-497. Vgl. hierzu auch den Abschnitt über Zwingli in K. Barth, Die Theologie Calvins. 1922, hrsg. von H. Scholl in Verbindung mit A. Reinstädtler (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1993, S. 122-138.↩
117
Vgl. zum folgenden oben S. 217.↩
118
Vgl. Bengel, S. 487.↩
119
Siehe oben S. 160 und 180.↩
122
Vgl. Schlatter, S. 161.↩
123
Rieger, Epistel Jakobi, S. 305: «Ohne Leidenssinn und Geduld ist man der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes nie ganz zugethan».↩
124
Büchmann, S. 70f., verweist zum Ausdruck «Insel der Seligen» auf Hesiod, Werke und Tage, 159ff.; Homer, Odyssee IV, 561ff.↩
125
Rieger, Epistel Jakobi, S. 305.↩
126
Schlatter, S. 161.↩
127
Luther-Bibel in der «durchgesehenen» bzw. «neu durchgesehenen Ausgabe» von 1892 bzw. 1912.↩
128
Siehe oben S. 213, Anm. 99.↩
135
Bengel, S. 487: «Homines seculi, vel et literati, siquando amplissima laude mactare quendam gestiunt, hominis aut viri omnibus numeris absoluti (consummatissimi) encomio eum ornant. Hoc praedicatum qualibus ex vero competat, videre est hoc ipso loco: probatio requiritur et opus perfectum. Quod absolutum videtur mundo, nullam coram DEO est, si fidem detraxeris.»↩
136
Zu diesem Motto s. die Nachweise in Römerbrief 1, S. 212, Anm. 13.↩
101
Vgl. zum folgenden unten S. 224.↩
102
Vgl. zum folgenden unten S. 222.↩
103
Vgl. zum folgenden oben S. 210.↩
104
Bardenhewer, S. 25.↩
105
Hauck, S. 39.↩
108
P. Geyser, Dein Wort ist meines Fußes Leuchte. Predigten aus dem Nachlasse, hrsg. von einem Freundeskreise reformierter Pastoren in den Verein. Staaten von Nordamerika, 1. Bd.: Predigten über den Jakobusbrief, Cleveland (Ohio) 1924, S. 4: «Ich muß jedoch bemerken, daß Jakobus, wenn er auch eine ganz eigentümliche königliche Sprache führt, doch nichts Neues sagt.»↩
120
Vgl. zum folgenden oben S. 210.↩
121
Dibelius, Jakobus, S. 74 (Zitat). Barth orientiert sich in der Gegenüberstellung von Röm. 5,3f. und Jak. 1,2-4 an Dibelius, ebd.↩
129
Dibelius, Jakobus, S. 72f.↩
130
Bardenhewer, S. 28.↩
131
Hofmann, Brief Jakobi, S. 12f.↩
132
Hauck, S. 41 (Zitat).↩
133
Bardenhewer, S. 28.↩
134
Dibelius, Jakobus, S. 73, mit Verweis auf Sir. 44,3; Sap. 9,6; Mt. 5,48.↩