Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,5-8
Erklärung des Jakobusbriefes
W. S. 1922/23 und
246 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1922/23
Jakobus 1,5-8
Beginnen wir wieder mit der Wort- und Sacherklärung. – Wie sich der Abschnitt V. 2-4 durch das Wortspiel χαίρειν-χαράν an den Gruß V. 1 anschließt, so wird in V. 5 das λείπεσθαι von V. 4 wieder aufgenommen. Das nötigt noch nicht zu der Annahme, dass wir es in V. 5-8 mit einer streng angeschlossenen Fortsetzung der Gedanken von V. 2-4 zu tun haben, wohl aber zu der Annahme, dass die Abschnitte, so lose sie verknüpft sein mögen, doch nicht beziehungslos, sondern irgendwie einander ergänzend nebeneinanderstehen. An einen fraglichen oder auffallenden Punkt im Vorhergehenden wird angeknüpft, um dann in verhältnismäßiger Freiheit ein neues Thema aufzugreifen. So geht es, mehr oder weniger sichtbar, auch nachher weiter. Mag es dem, der den Brief geschrieben oder der die Redefragmente eines anderen zusammengestellt hat, noch so wenig darauf ankommen, einen bestimmten Weg zu gehen – Hofmann z. B. hat sicher zu viel Zusammenhang entdecken wollen137 –, so wird doch immer wieder ein Faden zurückweist. Dass das Thema «Versuchung» noch nicht erledigt ist, lehrt ja schon ein Blick auf V. 12 und 13ff.
Die Voraussetzung von V. 5ff. ist ein Einwand, der angesichts solch kühner Aufstellung mit Fug und Grund zu erheben ist. Τέλειοι und ὁλόκληροι werden, auch nur in dem hier gemeinten möglichen Sinn – werden wir denn das je? Wo ist der Mann, der in keinem Stück im Rückstand Seufzer antworten? Und wenn es mit jenem von Jakobus als so bedeutsam geschilderten Weg mitten hindurch durch die versuchliche Welt diese Bewandtnis hat, wenn die Schilderung des Erkenntnisgrundes der christlichen Freude zuletzt doch nur mit einem Seufzer beantwortet werden kann, sind wir dann dieser Forderung «Freuet euch!» gegenüber im Blick auf die Wirklichkeit nicht doch wieder jener lähmenden Unsicherheit ausgesetzt?
Δοκιμάζειν hat Paulus dieses das jeweilen Richtige, ich möchte fast sagen – schnuppernde Tun der Weisheit genannt, ihr so außerordentliches und doch auch wieder so selbstverständliches Auffinden dessen, was ἀγαθόν, εὐάρεστον und τέλειον [ist]. Vgl. Röm. 12,2. Das ist’s, was fehlt, wenn etwas fehlt, sagt Jakobus, dessen Verkündigung eben wirklich gleich bei Röm. 12 einsetzt. Ganz anders solche δοκιμάζοντες, ganz anders Weise müssten wir sein, dann brauchten wir den Hinweis auf das, was relativ möglich ist, nicht gleich mit jenem tiefen, das Ganze in Frage stellenden Seufzer zu beantworten. Mit anderen Worten: er hält diesen seinen Hinweis durchaus aufrecht und beweist damit auf jeden Fall, dass sein sogenannter Moralismus prinzipieller durchgedacht ist, als es auf den ersten Blick aussieht. Und nun hören wir die Antwort, die er auf das so von ihm zurechtgestellte Problem zu geben hat: Wer so im Rückstand ist an Weisheit, «der erbitte, was ihm fehlt, von dem Gott, der da gibt, Allen, ohne Weiteres und ohne zu beschämen und ihm wird gegeben werden» [Jak. 1,5].
Und Gott gibt ohne Weiteres («einfältiglich»). Da ist keine gegenseitige Bedingtheit, kein sogenanntes Verhältnis zwischen Gott und Mensch, keine religio, kein Tauschhandel, kein «do ut des», sondern creatio ex nihilo, vollkommene Freiheit Gottes, aber Freiheit, die er dazu verwendet, uns zu geben, was wir nötig haben. Noch einmal: Ich habe es, dir fehlt es, da ist es! Wo bleibt da der Mensch mit seinem gewohnten Anspruch, Gottes Gabe verdienen zu können, aber auch mit seiner gewohnten Sorge, es könnte, was er nötig hat, etwa doch ausbleiben? Und Gott gibt, ohne zu beschämen. Also auch die Sorge, auch das Hindernis, uns von ihm beschenken zu lassen, fällt weg, dass wir doch nur Kreaturen, nur Sünder, nur Sterbliche sind, nicht fähig, adäquat nachzudenken, was Gott uns vordenkt. In der Tat, so ist es. Uns sind unsere Grenzen gesetzt, und es ist gesorgt dafür, dass wir sie nicht durchbrechen werden. Aber nicht das ist’s, was geschieht, wenn Gott schenkt, dass das alles nun zu unserer Schande aufgedeckt, dass wir unter dem ungeheuren Druck des transzendenten Absoluten und unserem [unser] Nichts durchbohrenden Gefühl150 zurückgeschleudert werden. Das wäre nicht der transzendente, der absolute Gott, sondern ein gigantischer Götze, der so auf uns wirkte. Gott gibt so, dass, wir es vergessen können, dass wir nur Menschen sind, er erlaubt uns, ja er gebietet uns, nur Menschen zu sein und als solche im Frieden seiner Hände. Er wirft uns nicht um, sondern er stellt uns auf die Füße. Er tötet uns nicht, sondern er macht uns lebendig! So sehr ist die Quelle Quelle, der Ursprung Ursprung, Gott Gott, will Jakobus sagen, dass wenn wir uns an ihn wenden, von etwas Anderem als von seiner Tat, seiner Güte, seinem Willen zur Gemeinschaft mit uns gar nicht die Rede sein kann. Wenn Einer Gott bittet, dann gibt es nichts Anderes als: ihm wird gegeben werden. Er ist erhört, indem und ehe er bittet, und die Wirkung der Erhörung wird sich zu zeigen nicht versäumen.
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Und nun sollte man es ja im Schematismus unserer Begriffsgegensätze von objektiv und subjektiv, Abhängigkeit und Freiheit fast nicht für möglich halten, und doch ist es so: nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Einsicht von Gottes Wesen, Freiheit, Güte und Nähe wird Jakobus keinen Augenblick irre auf seinem Wege. Nicht: also Glaube, sondern: also Gebet im Glauben ist der bezeichnende Schluss, den er aus diesem Gottesgedanken zieht.
274 Also im tiefsten Ernst Gebrauch machend von dem Schema eines Gegenübers von Gott und Mensch, über das er soeben hinausgesehen, um gerade darum seine Notwendigkeit einzusehen, fordert nun Jakobus (V. 6), dass die Möglichkeit des Gebets ernst genommen werde: Er bitte aber im Glauben und nicht als Zweifler! Beten heißt sich an Gott wenden. Jakobus hat gesagt, was er meint, wenn er «Gott» sagt: der in unendlicher Güte und Freiheit Gebende. Aber eben darum ist es ihm ernst mit dem Gebot: Betet, und zwar betet recht, betet «im Glauben», so dass ihr wisst, was ihr tut, und, was ihr tut, ganz tut. Beten ist für Jakobus, im Unterschied etwa von Röm. 8,26f., ein rein menschliches Tun, das besser oder schlechter getan werden kann. Man könnte das, was er fordert, als «religiöse Sachlichkeit» bezeichnen. Man soll sich zusammenraffen zu einer reinen und strengen Anschauung dessen, an den das Gebet sich wendet, also Gott Gott sein lassen, den θεός διδούς, ihn ganz als solchen bejahen. Dann weiß man, was man tut, und tut es ganz. Jakobus reflektiert nicht über die Frage, woher der Glaube kommt und wie man glauben und also im Glauben beten kann, auch dann, wenn man, wie nach V. 5 die Meinung ist, an Weisheit im Rückstand ist. Dass Gott derjenige ist, der allein wirkt und handelt, von dem der Glaube sowohl wie die mangelnde Weisheit kommt, das ist mit dem Verweis auf Gott, von dem der ganze Abschnitt handelt, gesagt, es wird aber, der ganzen Richtung des Verfassers entsprechend, nicht in seinen Konsequenzen entfaltet. Der Verweis auf Gott richtet sich ja an den Menschen.
Der auf Gott verwiesene und immer wieder zu verweisende Mensch ist es, der den Jakobus interessiert. Und darum wird einfach damit gerechnet: Der Mensch, dem gesagt ist, wer Gott ist, kann auch an ihn glauben. Der Wahrheitsstimme von oben antwortet eine Wahrheitsstimme von unten. Und dieser Wahrheitsstimme soll man gehorchen, wenn es darum geht, sich an Gott zu wenden, ihr Zeugnis über Gott annehmen, so wie es lautet, von Gott nicht anders denken und sich zu Gott nicht anders stellen, als wie es einem da gesagt ist. Das Gebot «Er bitte im Glauben!» erinnert also wiederum an die Voraussetzung, an das, was dem Menschen gesagt ist, bevor er etwas sagen kann, aber sofort praktisch: haltet euch an das, was euch gesagt ist; dann werdet ihr auch das Rechte selber sagen in euren Bitten.
276 Der Gegensatz macht noch klarer, was gemeint ist: «nicht als Zweifler», wobei wir gleich hinzunehmen die Beschreibung des Zweiflers: «Der Zweifler gleicht einer vom Wind erregten und bewegten Meereswelle.» Man darf sich hier den Weg zum Verständnis nicht etwa verbauen durch die dem Zusammenhang fremde allegorisierende Frage, was denn nun der Wind sein möchte, der den Zweifler erregt und bewegt. Das tertium comparationis in diesem Vergleich ist offenbar das Erregt- und Bewegtsein, die eigentümliche Passivität, das schlaffe Getriebensein hier des Wassers, dort des zweifelnden, des nicht Menschen. Also so sieht Jakobus den abschreckenden Gegensatz zu dem, was er verlangt. «Zweifeln» heißt also für ihn geradezu: im Verhältnis zu Gott, an den man sich eigentlich wenden möchte, nicht frei, nicht aktiv, nicht selbständig sein, nicht tun, was man dazu tun kann, nicht ergreifen, was einem vor die Füße gelegt ist, nicht Ja sagen zu dem, was man doch als wahr erkannt hat, sondern zaudern, abwarten, sein eigener und Gottes Zuschauer sein, erwägen, ob man das, was offenkundig gilt zwischen Gott und Mensch, wolle gelten lassen, der Entscheidung, die das, was Gott gesagt hat, von uns fordert, ausweichen, obwohl oder vielleicht gerade weil man nur zu gut weiß, wie sie ausfallen müsste.
«Als Zweifler beten» ist der Versuch, sich mit eingezogenen Segeln, mit gekreuzten Armen, unbeteiligt an Gott wenden, oder, was mit dem Wort διακρινόμενος abgesehen von diesem erläuternden Bild gesagt ist: Gott nicht unzweideutig, nicht ohne Vorbehalt als Gott, als den Gebergott anerkennen, sondern aus Gott eine selbstquälerische oder auch ästhetisch-interessante Frage machen, wo er uns doch soeben als Antwort begegnet ist, ihn sich gegenständlich vom Leibe halten, als ob er ein diskutables Objekt wie andere Objekte wäre, als hätten wir nicht soeben über das Schema des Gegenüber hinausgesehen, als beruhte der Ernst und die Wahrheit dieses Schemas nicht darauf, dass Gott in so unerhörter, göttlicher Weise zu uns kommt, sich uns schenkt, dass wir nur von ferne [vgl. Lk. 18,13], aber auch nur mit unbedingtem Ja anbeten können vor ihm, als wüssten wir nicht, dass wir immer schon von ihm herkommen, wenn wir nach ihm fragen, dass ein wirklich aufrichtiger Frager nicht tun darf, als ob er die Antwort nicht schon kennte.
278 Διακρίνεσθαι ist, wie wir in der Worterklärung feststellten, das Nebeneinanderstehen-Lassen des Ja und des Nein, des Ja, das sich an Gott wenden möchte, und des Nein, das sich nicht an Gott wenden will. «Zweifel» ist also bei Jakobus wie noch anderes, was er an seinen Lesern zu tadeln hat, eine Frömmigkeit, die es nicht wagt, zu sein, was sie ist, ein inaktiver Glaube, nur dass die Inaktivität hier das Innerlichste betrifft, das Letzte und Feinste, worin der Mensch überhaupt aktiv sein kann, wo er aber auch aktiv sein soll. Und nun wissen wir, was er mit dem «Bitten im Glauben» meint: Es ist der Glaube als entschlossene Tat des Menschen, es ist der Schritt des Gehorsams, mit dem der Mensch im Bewusstsein der Mangelhaftigkeit seines irdischen Tuns zwar nicht aus dem Irdischen, Menschlichen etwa heraustritt – das geschieht auch im Gebet nicht –, wohl aber innerhalb des Kreises des Irdisch-Menschlichen sich dem Gott zuwendet, der ihm schon unendlich zuvorgekommen ist mit seinen Gaben, dessen Gaben er aber nicht in Empfang nehmen kann, sofern er diesen Schritt nicht tut, sondern wie die vom Wind erregte und bewegte Meereswelle abwartet, ob etwas käme, das ihn mitnähme. Dieses Etwas wird nicht kommen. Wer es so halten will, sagt nun V. 7, «ein solcher Mensch meine nicht, dass er vom Herrn etwas empfangen werde». «Fides non opinatur; is qui opinatur frustra opinatur», bemerkt Bengel zu diesem μὴ οἰέσθω.153 Die Meinung, von der die Rede ist, ist offenbar die, es könnte ja auch gleichgültig sein, ob man glaubt oder zweifelt. Dem ist nicht so, sagt Jakobus. Es gibt innerhalb der Relativität des menschlichen Tuns auch Gott gegenüber ein sachgemäßes und ein unsachgemäßes Verhalten, ein Tun, das das Tun Gottes zwar nicht vermag – das kommt nicht in Betracht –, wohl aber ihm konform, innerhalb der menschlichen Sphäre vor ihm gerecht und darum von ihm gesegnet ist – das ist das Gebet im Glauben –, und ein anderes, ebenso menschlich-zeitliches, das aber jene Konformität nicht besitzt, das auch innerhalb der menschlichen Sphäre, in der ja Alles unter dem Gericht steht, nicht gerecht, nicht verheißungsvoll, nicht gesegnet sein kann – das ist der Zweifel. Gott ist, der er ist, wie V. 5 beschrieben, daran kann des Menschen Verhal|280ten nichts ändern. Wohl aber wird dieser Gott vom Menschen so gefunden, wie er von ihm gesucht wird [vgl. Mt. 7,8]. Wird er ἐν πίστει, im Glauben, im Ja zu dem, was er zu uns gesagt, gesucht, dann wird er auch ἐν πίστει, in seiner Treue, in der Bestätigung dieses Ja, gefunden, dann empfängt man vom Herrn, was er zu geben hat und wie er es gibt Allen, ohne Weiteres, ohne zu beschämen. Wird er [in der Haltung eines] διακρινόμενος gesucht, so dass die Frage offen bleibt, ob man ihn wirklich suchen will, wie er ist, dann ist er auch da der Gott der Wahrheit in seiner Abwesenheit – oder in der Abwesenheit des Menschen für ihn. Dann findet das Empfangen seiner Gaben nicht statt, nicht weil kein Geber, aber weil kein Empfänger da ist. Es ist wahr, dass die Frage, welcher Mensch nun sachgemäß und welcher unsachgemäß zu Gott sich stellt, welcher glaubt und welcher zweifelt, von Gott beantwortet wird, dass diese Antwort sehr, sehr anders auszufallen pflegt, als wir es erwarten, und dass angesichts dieser letzten Instanz und ihres höchst verborgenen Urteils die Bedeutung der Unterschiede von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit innerhalb der menschlichen Sphäre, die wir wahrzunehmen meinen, auf ein Minimum zusammenschrumpft. Aber daraus folgt nicht, dass man den Menschen sagen soll, es sei letzten Endes gleichgültig, wie sie sich zu Gott stellten, glaubend oder zweifelnd. Es ist nicht gleichgültig, sondern im Gegenteil gerade darum so ernst, wie wir uns entscheiden, weil Gott selbst der Richter ist, dessen Urteil niemand zuvorkommen kann. Es ist Verantwortung auf des Menschen Tun gelegt, auch auf sein innerliches, religiöses Tun, das will Jakobus in diesen Versen sagen. Es fällt mit unserem Tun auch in dieser feinen, tief in der Seele verborgenen Beziehung immer auch eine Entscheidung über uns, nicht nach dem Ermessen Dieser und Jener, die uns beurteilen – das ist wahr –, auch nicht nach unserem eigenen Ermessen, so dass wir je sagen könnten, uns entschieden zu haben – das ist auch wahr –, aber nach des Gottes Ermessen, auf den auch dieses Tun sich bezieht – und das ist das Allerwahrste, das man nicht vergessen darf, weil das Andere auch wahr ist. Man denke daran, dass auch Paulus die Forderung «Schaffet (κατεργάζεσθε), dass ihr selig werdet» – «mit Furcht und Zittern» sogar – nicht beseitigt und nicht abgeschwächt, sondern begründet hat mit der nur scheinbar entgegengesetzten Erkenntnis: «Denn Gott ist’s, der in euch wirkt das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen» (Phil. 2,12f.).
282 Wer zweifelt, der empfängt nichts vom Herrn. Und dann? Ja dann stehen wir dem V. 5 Anfang vorausgesetzten Einwand allerdings wehrlos gegenüber, dann ist der V. 3-4 beschriebene Weg von der Bewährung zur Beharrlichkeit zum vollkommenen Werk allerdings gründlich in Frage gestellt, dann ist und bleibt der Mensch ein λειπόμενος σοφίας (V. 5) oder, wie es jetzt V. 8 heißt, ein «Mann mit doppelter Seele, haltlos auf allen seinen Wegen».
Aber auch hier müsste es nicht einfach bei dem Gegebenen bleiben, könnte es mindestens ein Mehr, ein Wachsen von Ordnung, Zucht und Zielbewusstsein geben, das dann wiederum Verheißung und Hinweis sein könnte auf die ewige Wiederherstellung der von Gott gewollten Ordnung unseres Daseins. Aber zu diesem Wachsen wäre wieder die Weisheit von oben nötig und zu dieser Weisheit Gott und zur Gabe Gottes die Bitte darum und zu der Bitte der Glaube, und da sitzt der Wurm des Zweifels und nagt dem Baum die Wurzel ab. Und so bleibt es bei dem Gegebenen, ohne darauffallendes Oberlicht, ohne Verheißung und Hoffnung: «haltlos auf allen seinen Wegen». So die Gerichtsdrohung des Jakobus an die zwölf Stämme, an das schlafende Gottesvolk. Er hat ihr durch keine Heilsweissagung ihren Stachel nehmen zu müssen geglaubt. Die Drohung ist in diesem Abschnitt das letzte Wort, wie im ersten Abschnitt die Forderung das letzte war. Dass er zur Buße rufen, die schon Bekehrten zur Buße rufen will, das ist jetzt schon deutlich.
247 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1928/29
Jakobus 1,5-8
Wenn aber einer von euch im Rückstand ist an Weisheit,
der erbitte es (was ihm fehlt) von dem Gott, der da gibt allen ohne Weiteres
und ohne zu beschämen, und ihm wird gegeben werden.
Er bitte aber im Glauben und nicht als Zweifler.
Denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge,
27 einer vom Winde bewegten und erregten,
ein solcher Mensch meine also nicht,
dass er vom Herrn etwas empfangen werde,
der Mann mit der doppelten Seele (der er ist),
haltlos auf allen seinen Wegen!
Wie sich der Abschnitt V. 2-4 durch das Wortspiel mit χαράν an den Gruß V. 1 anschließt, so wird nun in V. 5 mit λείπεται das λειπόμενοι von V. 4 wieder aufgenommen. Man wird aus dieser Art der Anknüpfung weder schließen dürfen, dass wir es mit einer streng angeschlossenen Fortführung der Gedanken von V. 2-4 zu tun bekommen, noch, dass der Zusammenhang offenbar nur ein zufälliger literaler sein werde. Es kann doch auch so sein, dass der Verfasser einen besonders merkwürdigen, vielleicht etwas fraglichen Punkt im Vorangehenden stichwortartig aufnimmt und dann in verhältnismäßiger Freiheit und doch nicht, ohne faktisch eine Erläuterung auch des Vorangegangenen zu bieten, ein neues Thema aufgreift. Und so scheint es sich nun hier in der Tat zu verhalten. V. 5 klingt doch genau wie eine allerdings sofort weiterführende Antwort auf einen Ausruf des Erstaunens angesichts des unmittelbar vorher Gesagten. Ἐν μηδενὶ λειπόμενοι hieß es da. Ja werden wir denn je auch nur diese uns gezeigte Möglichkeit realisieren? Wer würde denn je als τέλειος und ὁλόκληρος auch nur in dem aufgezeigten Sinne dastehen? Wer glaubt denn in der Tat, und wer handelt denn im Glauben? Wer bleibt da nicht im Rückstand? Und wenn nun das, unser Vollkommensein im |249 Glauben, der Erkenntnisgrund der christlichen Freude, das signum electionis sein soll und wenn es gerade damit so steht, dass man auf den Imperativ des Jakobus vielleicht nur mit einem Seufzer reagieren kann, wo bleibt dann das «Freuet euch!», sind wir dann nicht der bösen Wirklichkeit unseres Lebens gegenüber doch wieder in die Unsicherheit geworfen, in der jene Freude gar nicht aufkommen kann? Wenn einer von 28 euch im Rückstand ist ...?
Ich halte es für ratsam, das εἰ «wenn» V. 5 nicht hypothetisch zu verstehen, sondern im Sinn von «sofern» und darum auch das τις «Einer, Jemand» sozusagen als ironisch. Jakobus meint nicht, dass es solche gebe, auf die dieses εἰ δέ τις etwa nicht zutreffe und die es darum nicht nötig hätten, auf die nun folgende Weisung zu hören, sondern er setzt den Fall, in dem sich Alle befinden, meint also mit dem τις ὑμῶν den Herrn Jedermann. Λείπεσθαι bezeichnet nicht ein gänzliches Fehlen und Nicht-Vorhandensein, sondern eine Schwäche, ein teilweises Zurückbleiben.
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Aber das bedeutet in diesem Fall keinerlei Beruhigung, denn eben Vollkommenheit war ja im Vorangehenden mit dem ganzen Nachdruck eines Entweder-Oder gefordert. Wenn jemand im Rückstand ist, dann glaubt er gar nicht wirklich, dann steht er gar nicht in jenem Widerspruch zur Versuchung, in dem wirklich stehend man sich mitten in der Versuchung freuen könnte. Was soll aus uns werden, wenn wir uns nun eben gerade in diesem Rückstand befindlich erkennen müssen?
Es besteht wahrlich nach V. 4 Anlass zu dieser Frage. Und nun beachte man, wie nahe es gelegen hätte, an dieser Stelle und auf diese Frage paulinisch-lutherisch zu antworten: Ja, die Erinnerung an Gottes Gebot kann uns schließlich nur den Dienst leisten, uns aufs Neue klar zu machen, dass wir sündige Menschen sind, unfähig zu allem Guten und ausschließlich auf Christus und unsere Rechtfertigung durch ihn und in ihm angewiesen, dass uns also nichts übrig bleibt, als an den zu glauben, der den Gottlosen gerecht macht [Röm. 4,5]. Aber wenn wir auch vielleicht völlig beruhigt sein können darüber, dass Jakobus das alles in seiner Weise auch gewusst hat, so müssen wir es uns nun doch gefallen lassen, dass er ganz anders antwortet. Er scheint zu Menschen zu reden, die das Alles vielleicht so oft gehört haben, |259 dass sie es längst missverstanden haben. Menschen, denen es nicht daran fehlt, dass sie nicht wüssten, wie wahr das alles an sich ist, wohl aber daran, dass sie nicht mehr wissen, dass das alles nur in seiner Beziehung zum wirklichen Leben, also gerade 29 mitten in der Versuchung wahr sein kann. Hier muss doch das alles gelten, wenn es überhaupt gilt, in der Dialektik des Lebens und als die Dialektik des wirklichen Lebens muss sich jene Dialektik von Gesetz-Sünde-Gnade-Glaube bewähren, wenn sie nicht menschliche Schaumschlägerei sein soll. Hier muss es gelten: Freuet euch – freuet euch, dass wir einen gnädigen Gott haben! Man wird nicht sagen können, dass Paulus das Anliegen dieses Hier! nicht in allen Seiten auch und gebührend zur Aussprache gebracht habe. Man kann nur sagen: dieses Anliegen ist das besondere spezielle Anliegen des Jakobus. Und darum sehen wir ihn an unserer Stelle seinem einmal eingeschlagenen Weg treu bleiben und nicht in jenen Gedankengang hineingeraten.
Als Mangel an Weisheit, d. h. an einem vom Zentrum der Gottesfurcht aus das dem Glauben gemäße Handeln ergreifenden praktischen Lebensverstand beschreibt er darum auch den in Frage stehenden Rückstand.
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Es fehlt – und dieses Fehlen bedingt dann das Ausbleiben der Freude in der Versuchung – an der Fähigkeit des δοκιμάζειν τί τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ Röm. 12,2. Von dort, von dem paulinischen Zielpunkt Röm. 12,1f. aus, argumentiert eben Jakobus zum vornherein. Auf der Röm. 12 gewonnenen Ebene und nicht in Form eines ausdrücklichen Rückgriffs auf die Gedankenwelt von Röm. 1-11 gibt er denn auch Antwort auf die durch jenen Mangel aufgeworfene Frage:
Wem es fehlt an jener Sicherheit des praktischen Urteils, in der der Glaube als Gehorsam seine Vollkommenheit beweisen muss, der «erbitte, was ihm fehlt von dem Gott, der da gibt Allen ohne Weiteres und ohne zu beschämen und ihm wird gegeben werden» [V. 5]. Kein Zweifel, nun ist Jakobus bei einem neuen Thema angelangt, und textgemäße Erklärung wird sich nun, ohne den Weg auf dem er dazu gekommen ist, ganz aus dem Auge zu verlieren, daran halten müssen, dass nun vom rechten Gebet überhaupt, auch abgesehen von jenem speziellen Gegenstand die Rede sein soll.
Die Voranstellung des Partizips διδόντος ist nicht unbeabsichtigt. Sie bewirkt 30 einmal eine sehr wirksame Gegenüberstellung des menschlichen Bittens mit dem gött|263lichen Geben und sie betont zugleich die Eigenschaft Gottes eben als des Gebers. Er ist «das Ideal des Gebens» interpretiert Windisch vielleicht etwas allzu idealistisch.138
Also auf Gott verweist in Beantwortung jener Frage auch Jakobus und nicht etwa auf eine auch abgesehen von Gottes souveränem Tun im Blick auf den bewussten Mangel in Anwendung zu bringende Technik. Die Grenzen der Menschheit148 sind sichtbar. Die Furcht des |265 Herrn ist der Weisheit Anfang [Spr. 9,10]. Von oben, von dem Vater der Lichter sieht Jakobus V. 17 alle gute Gabe, alles vollkommene Geschenk herniedersteigen. Also ist das, auch in dem Augenblick, wo er allerdings und bezeichnend für ihn von der menschlichen Tat des Gebetes sprechen will, sein erstes Anliegen, Gott groß zu machen gegenüber dem Beten des Menschen, zu dem er auffordern will: Er ist der Gebergott, der Gott, dessen Wesen geradezu in dem Zu-uns-Kommen seiner Gabe sichtbar wird. Und er ist der gebende Gott im Unterschied zu allen, auch den besten und gütigsten menschlichen Gebern. Diese Unterschiedenheit und Auszeichnung Gottes will er klar machen in den drei Näherbestimmungen: er gibt Allen, er gibt ohne Weiteres, er gibt ohne zu beschämen.
Wem gibt Gott? Allen heißt es ohne Einschränkung. Die Grenzen der Menschheit, die Notwendigkeit, dass wir Gott bitten müssen um das, was uns fehlt, einmal eingesehen, kommen Niveauunterschiede zwischen der Würdigkeit verschiedener Menschen nicht mehr in Betracht. Gott erkennen heißt den erkennen, bei dem es kein Ansehen der Person gibt, der keine Lieblinge hat, der aber auch für jeden da ist. Auch was V. 7 folgt, kann keine Einschränkung dieses «Allen» bedeuten. Wer sich betend an Gott wendet, der soll schlechterdings nichts Anderes wissen und bedenken, als dass Gott Allen gibt, dass er erhört, auch bevor wir ihn anrufen, dass er gibt über Bitten und Verstehen.150a Dann wird er recht beten, 31 wie Jakobus es nachher fordert. Dann wird er sehen, dass es wahr ist: Gott gibt Allen. Gott gibt Allen, das ist die selbstverständliche Schranke, deren Fehlen den Satz sinnlos |267 machen würde. Das fragt sich, wenn Gott uns nicht gibt, ob wir uns denn wirklich an Gott, der Allen gibt, gewendet, ob wir recht, d. h. ob wir denn wirklich zu ihm gebetet haben.
Und wie gibt Gott? Er gibt ἁπλῶς, «ohne Weiteres», rückhaltlos, ohne Hintergedanken, ohne etwas Anderes zu wollen, als eben zu geben. Ich habe es. Dir fehlt es. Da ist es. Es fehlt also jede Gegenseitigkeit der Bedingtheit des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch. Da ist eben nicht religio, sondern creatio ex nihilo, göttliche Freiheit, die ganz freie Barmherzigkeit, ganz Mitteilung ist. Da fehlt jeder Anlass zu dem Anspruch, sich etwas verdienen zu wollen, und zu der Sorge, es könnte, was uns fehlt, von Gott her etwa wirklich ausbleiben. Wieder kann nur das in Frage kommen, ob wir uns denn wirklich an Gott, an diesen Gott schon gewendet haben mit unserer Bitte. Dieses Wie des göttlichen Gebens wird noch konkreter umschrieben mit dem μὴ ὀνειδίζοντος, wörtlich: «ohne Schelten». Er gibt, ohne den, dem er gibt, dadurch zu beschämen, dass er ihm sein Empfangenmüssen als einen Mangel vorhält.
269Die Gabe von oben unterscheidet sich gerade dadurch von jeder Gabe, die wir einander machen, dass sie so gar nicht «von oben herab» kommt. Die Aussage ist gerade bei der ganzen Einstellung des Jakobus auffallend kühn. Denkt er denn nicht daran, dass Gottes Güte uns doch fraglos zur Buße leitet (Röm. 2,4) und also freilich beschämt, als Sünder richtet, werden wir sogar sagen müssen? Ja, ist zu sagen, das geschieht freilich und muss geschehen, wie ja auch zu dem ἁπλῶς zu sagen ist, dass wir zweifellos durch die freie Barmherzigkeit Gottes unsererseits in Anspruch genommen werden, aber eben nicht an das sollen wir, wenn wir beten, denken, was wir tun, können, sind, als was wir fraglos vor Gott dastehen, gerade wenn wir seine Güte erfahren, nicht an den Deus absconditus, der uns freilich auch begegnet, wenn Gott uns offenbar wird, sondern an den Deus revelatus 32 als solchen, der uns nicht verwirft, sondern aufnimmt, der uns also auch nicht anklagt, sondern als der Gebergott ohne Gleichen eben freispricht, unsere Sünde nicht ansieht, sondern bedeckt. Dass er sie nicht bedeckt, ohne dass sie nun erst wirklich aufgedeckt wird, das ist auch wahr, das ist das nicht zu übersehende Gesetz im Evangelium, das ist aber nicht zuerst und nicht zuletzt wahr, das ist nicht das Evangelium selbst und als solches. Man wird dieses so ganz amoralische μὴ ὀνειδίζων V. 5 wie die Aufforderung zur Freude in der Versuchung V. 2 als einen Punkt bezeichnen müssen, an dem Jakobus offenbar mit unausgesprochenen Voraussetzungen arbeitet, wo er uns ohne Seitenblick auf Paulus einfach unverständlich bleiben müsste. Also: wer sich ernstlich an Gott wendet – wiederum kommt Alles darauf an – der wendet sich nicht an einen, der uns verklagt, der uns unsere Sünde vorhält, sondern an den, der sie übersehen will. Was es heißt, dass er allerdings als Verklagter vor ihm steht, das wird er dann erst wirklich erfahren.
Aber nun geht Jakobus auf seiner bezeichnenden Linie weiter. Nicht Glaube etwa, sondern Gebet im Glauben V. 6 ist die Folgerung aus dem Blick auf das Wesen Gottes als des Gebergottes.
271 Warum hat er so eindringlich an diese Art Gottes erinnert? Hier hat ihn Zwingli kongenial verstanden: «ut mentes alliciat ut ad hunc unum in omni necessitate adcurrant»151
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275 Man darf V. 6ff. wie schon angedeutet, nicht als Einschränkung des V. 5 von der Art Gottes gegebenen Bildes verstehen. Sie bringen die Näherbestimmung zu dem αἰτείτω V. 5, das zum Entwerfen dieses Bildes Anlass gegeben hatte. Es gibt ja nicht nur die Möglichkeit, dieses αἰτεῖν überhaupt zu vergessen, sondern nach 4,3 auch die Möglichkeit eines κακῶς αἰτεῖν. Es gilt jene Grenzmöglichkeit mit Ernst zu ergreifen. Also: «Er bitte aber im Glauben und nicht als Zweifler.» Jakobus hat gesagt, was oder wen er meint, wenn er «Gott» sagt. Eben das Gesagte charakterisiert nun aber notwendig auch die menschliche Zuwendung zu diesem Gott, das Suchen dieses Gottes und seiner Gabe im Gebet. Man muss sich vor Augen halten, dass Jakobus, wenn er vom Gebet redet, im Unterschied etwa von Paulus Röm. 8,26f. eindeutig das menschliche Tun des Betens vor Augen hat. Sätze wie den, dass es das unaussprechliche Seufzen des Geistes Gottes selber sei, [was] unser Gebet zum ernsten, wirklichen Gebet macht, dürfen wir bei ihm nicht zu finden erwarten. Er reflektiert nicht darüber, woher denn der Glaube kommt und wie man also dazu kommt, im Glauben zu beten auch dann, wenn man wie V. 5 doch vorausgesetzt an Weisheit im Rückstand und also nach V. 4 ein im Glauben Unvollkommener ist. Er hat ja soeben auf Gott verwiesen als auf den Geber der Weisheit und damit des vollkommenen Glaubens.
Nun wendet er sich dem auf Gott verwiesenen Menschen zu und fordert von ihm die [der] Verweisung entsprechende Sachlichkeit. Im Glauben beten heißt dem entsprechend mit Gott reden, wie soeben über Gott zu ihnen geredet worden ist. Wer sich das hat sagen lassen, dass Gott der Gebergott ist, der redet im Glauben mit ihm, der redet wirklich mit Gott, der betet also recht, dem wird gegeben werden, der hat schon, worum er bittet, eben indem er recht bittet.
277 Was das heißt «im Glauben bitten», worin jene dem über den Gebergott Gesagten entsprechende 34 menschliche Sachlichkeit besteht, das wird deutlich gemacht an dem Gegensatz: «nicht als Zweifler» und dieser selbst durch die Beschreibung: «Der Zweifler gleicht einer vom Wind erregten und bewegten Meereswelle». Man darf hier nicht etwa fragen nach der sachlichen Entsprechung dessen, was im Bilde der die Welle bewegende und erregende Wind genannt wird. Das tertium comparationis ist das Erregt- und Bewegtsein, die eigentümliche Passivität hier des Wassers, dort des zweifelnden, des nicht im Glauben bittenden, des religiös unsachlichen Menschen. «Zweifeln» διακρίνεσθαι heißt im Verhältnis zu Gott: sich Gott fragend gegenüberstellen, wo der Mensch doch selber der Gefragte ist, der zu antworten hat. Wer zweifelnd betet, wessen Beten nicht Antwort auf das ihm von Gott Gesagte, sondern Frage in Bezug auf Gott, als wäre ihm nichts gesagt, ist, der – so sagt nun das Bild von der Meereswelle – der ist nicht frei, nicht aktiv, der ergreift nicht, was ihm vor die Füße gelegt ist, sondern ist Gottes und sein eigener Zuschauer.
Er will sich als Unbeteiligter, mit gekreuzten Armen an Gott wenden, nicht bedenkend, dass Gott ja eben der Gebergott ist, den man sich nicht als ein diskutables Objekt vom Leibe halten, aus dem man nicht ein Problem machen, dem man nur im Entscheidungsakt der Anerkennung seines Gebens, dem man nur als williger und freudiger Empfänger begegnen kann. Gott stehen wir nur dann wirklich gegenüber, wenn wir ihm begegnen als dem in seinem innersten Wesen uns Entgegenkommenden, auf uns Zukommenden. Wir können auch unser Fragen nach Gott, wenn es ein wirkliches Fragen nach ihm ist, nicht anders meinen denn als ein Antworten auf das, was er als der Gebergott uns gefragt hat, ehe wir uns zum Gebet aufmachten.
279Διακρίνεσθαι ist das Nebeneinander von Ja und Nein. Des Ja, das sich an Gott wenden möchte, des Nein, das sich nicht wirklich an Gott wenden will. Zweifel ist also bei Jakobus wie noch anderes, was er bei seinen Lesern zu tadeln findet, eine Frömmigkeit, die es nicht wagt, 35 zu sich selbst zu stehen, ein Tun, das im Augenblick, wo es wirkliches Tun werden sollte, in sich zusammensinkt und zum Nicht-Tun wird. Und nun wissen wir, was er mit dem «Bitten im Glauben» meint: Es ist der Glaube als entschlossene Tat des Menschen, der Schritt des Gehorsams, mit dem der Mensch – gewiss im Bewusstsein der Fragwürdigkeit, der gänzlichen Ungesichertheit alles menschlichen Tuns – nicht aus dem Bereich des Menschlichen heraustritt (das geschieht auch im Gebete nicht), wohl aber innerhalb dieses Gebietes sich dem Gott zuwendet, daraufhin dass Gott sich ihm zugewendet hat, dem Gott, der ihm mit seiner Gabe schon unendlich zuvorgekommen ist, dessen Gabe er aber nicht empfangen kann, sofern er diesen Schritt nicht tut, sondern wie die vom Wind erregte und bewegte Meereswelle wartet darauf, ob etwas käme und ihn mitnehme. Wer es so halten und haben will, sagt nun V. 7, «ein solcher Mensch meine nicht, dass er vom Herrn etwas empfangen werde». «Fides non opinatur; is qui opinatur frustra opinatur», bemerkt Bengel zu diesem μὴ οἰέσθω.153
283 Zweifeln wir, dann stehen wir allerdings dem V. 5 vorausgesetzten Einwand hilflos gegenüber, dann ist 37der V. 3-4 beschriebene Weg gründlichst in Frage gestellt, dann ist der Mensch allerdings λειπόμενος σοφίας V. 5 oder, wie es jetzt V. 8 heißt: «ein Mann mit doppelter Seele haltlos auf allen seinen Wegen.» Wir haben es mit einer Apposition zu ἄνθρωπος ἐκεῖνος V. 7 zu tun. Zweierlei wird vom Zweifler gesagt: er ist ein ἀνὴρ δίψυχος. Der 4,8 wiederkehrende und in der nachapostolischen Literatur häufige Ausdruck spricht für sich selber.143
Wo gezweifelt wird, sagt Jakobus V. 7, da hilft alles Bitten nichts, da steht der Mensch dann allerdings V. 8: «im Rückstand an Weisheit» da, wie es V. 5 als Möglichkeit erwogen wurde, ganz anders als es V. 3-4 ins Auge gefasst war. V. 8 ist also nicht als Fortsetzung der V. 6 gegebenen Schilderung des Zweiflers aufzufassen, sondern als die der Aufforderung zum Gebet, aber eben zum rechten Gebet angeschlossene Gerichtsdrohung, als Beschreibung des ἐκεῖνος V. 7, der nicht erwarten darf, etwas vom Herrn zu empfangen. Es ist doch mehr eine Strafe als ein Vergehen, ein δίψυχος und ἀκατάστατος zu sein. So sieht es innerlich und äußerlich aus im Leben des Menschen, so sehr im Kontrast zu dem V. 2-4 Beschriebenen, wenn er sich den V. 5 gezeigten Weg selbst verbaut, indem er nicht glaubt, wo Glaube geboten ist. Nun ist freilich Seufzen am Platz angesichts von V. 4, wie es V. 3 vorausgesetzt zu sein scheint. Aber das ist dann nicht 38 das tiefe Seufzen des Glaubens von Röm. 7 Ende, das den Tod schon überwunden hat, sondern das unerlöste Seufzen des wehmütigen oder auch leichtfertigen Verzichtes gegenüber einem wieder einmal vorgezeigten Ideal, angesichts dessen man sich klar macht, dass Wollen und Vollbringen |285 zweierlei ist. Das ist der δίψυχος. Es handelt sich bei seiner Zerrissenheit nicht um den großen heilsamen Gegensatz des Menschen zu Gott, in dem der Mensch nur in Christus nur dann zerbricht, wenn er im Neuwerden begriffen ist, sondern es handelt sich eben um das Zwiegespann, um die zwei Seelen, um den unendlichen und schließlich ganz unfruchtbaren Gegensatz im Menschen selber, zwischen Sollen und Sein, zwischen Geist und Natur oder wie man das beschreiben will. Indem er V. 5 an die göttliche Weisheit und an das Gebet darum erinnert hatte, hatte Jakobus ausgesprochen, dass V. 3-4 eben nicht ein schönes Ideal vorgezeigt, sondern der Wandel des Gerechten vor Gott beschrieben worden war, der freilich auch ein Kampf, aber nun eben der verheißungsvolle Jakobskampf mit Gott [Gen. 32,25-32] und nicht der aussichtslose Kampf des Menschen mit sich selbst ist. In diesem Kampf, im Ringen der zwei Seelen in unserer Brust ist für das große Freuet euch! von V. 2 kein Raum. Nur für das himmelhohe Jauchzen, dem ein zu Tode betrübt Sein nur zu schnell folgen wird.155 In diesem Kampf begriffen wird dann auch der Charakter unserer äußern Lebensführung nur der der Unbeständigkeit, der Diskontinuität sein. Nur!, sage ich, denn man wird sich ja nicht täuschen darüber, dass sowohl jener unfruchtbare immanente Gegensatz im Menschen selbst als diese Diskontinuität der Lebensführung die natürliche Situation des Menschen ist, die auch da, wo der Mensch um Weisheit bittet und im Glauben bittet, nicht einfach aufgehoben ist. So gewiss Glaube gerade nach Jakobus immer wieder Gegenstand der Entscheidung, und zwar auch Gegenstand ernsthaftester menschlicher Entscheidung ist, so gewiss sind wir auch immer wieder δίψυχοι und ἀκατάστατοι. Aber diese unsere menschliche Situation wird verheißungsvoll, wenn sie eine im Glauben bewegte, wie jener Teich von Bethesda 39 von oben bewegte Situation wird [vgl. Joh. 5,2ff.].
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Es kann in ihr ein Besseres, ein Wachsen von Ordnung, Zucht und Klarheit geben, das dann wiederum Verheißung sein könnte der ewigen von Gott gewollten und von Gott herzustellenden Ordnung unseres Daseins. Und darum ein Anlass zur Freude V. 2. Aber zu solchem irdischen, aber vom Himmel her bewegten Wachsen wäre wesensmäßig die Weisheit von oben nötig und zu dieser Weisheit Gott selber und zur Gabe Gottes die Bitte darum und zu der Bitte der Glaube, und wenn da der Wurm des Zweifels sitzt und die Wurzel des Ganzen abnagt, dann bleibt es bei der menschlichen allzu menschlichen Situation, ohne darauf fallendes Oberlicht, ohne Hoffnung und ohne Verheißung und darum auch wirklich ohne Anlass zur Freude. – So die Gerichtsdrohung des Jakobus an die zwölf Stämme, an das schlafende Gottesvolk. Er hat ihr durch keine Heilsweissagung ihren Stachel nehmen zu müssen geglaubt. Die Drohung ist in diesem zweiten Abschnitt das letzte Wort, wie im ersten die Forderung das letzte war. Dass er zur Buße rufen, und zwar die schon Bekehrten zur Buße rufen will, das ist jetzt schon deutlich.