442 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1922/23
24.II.23 [ 1 Ἀδελφοί μου, μὴ ἐν προσωπολημψίαις ἔχετε τὴν πίστιν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ τῆς δόξης. 2 ἐὰν γὰρ εἰσέλθῃ εἰς συναγωγὴν ὑμῶν ἀνὴρ χρυσοδακτύλιος ἐν ἐσθῆτι λαμπρᾷ, εἰσέλθῃ δὲ καὶ πτωχὸς ἐν ῥυπαρᾷ ἐσθῆτι, 3 ἐπιβλέψητε δὲ ἐπὶ τὸν φοροῦντα τὴν ἐσθῆτα τὴν λαμπρὰν καὶ εἴπητε· σὺ κάθου ὧδε καλῶς, καὶ τῷ πτωχῷ εἴπητε· σὺ στῆθι ἐκεῖ ἢ κάθου ὑπὸ τὸ ὑποπόδιόν μου, 4 οὐ διεκρίθητε ἐν ἑαυτοῖς καὶ ἐγένεσθε κριταὶ διαλογισμῶν πονηρῶν; 5 Ἀκούσατε, ἀδελφοί μου ἀγαπητοί. οὐχ ὁ θεὸς ἐξελέξατο τοὺς πτωχοὺς τῷ κόσμῳ πλουσίους ἐν πίστει καὶ κληρονόμους τῆς βασιλείας ἧς ἐπηγγείλατο τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν; 6 ὑμεῖς δὲ ἠτιμάσατε τὸν πτωχόν. οὐχ οἱ πλούσιοι καταδυναστεύουσιν ὑμῶν, καὶ αὐτοὶ ἕλκουσιν ὑμᾶς εἰς κριτήρια; 7 οὐκ αὐτοὶ βλασφημοῦσιν τὸ καλὸν ὄνομα τὸ ἐπικληθὲν ἐφ’ ὑμᾶς; 8 εἰ μέντοι νόμον τελεῖτε βασιλικὸν κατὰ τὴν γραφήν· ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, καλῶς ποιεῖτε· 9 εἰ δὲ προσωπολημπτεῖτε, ἁμαρτίαν ἐργάζεσθε, ἐλεγχόμενοι ὑπὸ τοῦ νόμου ὡς παραβάται. 10 ὅστις γὰρ ὅλον τὸν νόμον τηρήσῃ, πταίσῃ δὲ ἐν ἑνί, γέγονεν πάντων ἔνοχος. 11 ὁ γὰρ εἰπών· μὴ μοιχεύσῃς, εἶπεν καί· μὴ φονεύσῃς· εἰ δὲ οὐ μοιχεύεις, φονεύεις δέ, γέγονας παραβάτης νόμου. 12 οὕτως λαλεῖτε καὶ οὕτως ποιεῖτε ὡς διὰ νόμου ἐλευθερίας μέλλοντες κρίνεσθαι. 13 ἡ γὰρ κρίσις ἀνέλεος τῷ μὴ ποιήσαντι ἔλεος· κατακαυχᾶται ἔλεος κρίσεως.]
1 Meine Brüder, habt den Glauben an unseren Herrn der Herrlichkeit, Jesus Christus, nicht so, dass zugleich Menschenrücksicht genommen wird. 2 Wenn nämlich in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Fingerringen, prächtig gekleidet, eintritt, es tritt aber auch ein Armer ein, schmutzig gekleidet, 3 und nun wendet ihr euch an den, der das prächtige Kleid trägt, und sprecht: Setze du dich bequem hieher!, und zu dem Armen sprecht ihr: Du kannst dort stehen oder dich hier vor meinem Fußschemel niederlassen, 4 seid ihr da nicht haltlos und urteilt nach schlechten Erwägungen? 5 Höret, meine geliebten Brüder! Hat Gott nicht erwählt die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und zu Erben des Reiches, das er verheißen hat denen, die ihn lieben? 6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan! Sind es nicht die Reichen, die euch Gewalt antun und euch vor Gericht schleppen? 7 Sind sie es nicht, die den großen Namen lästern, der über euch ausgesprochen ist? 8 Wenn ihr wirklich das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift:
Du |444 sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst!, so tut ihr wohl daran; 9 wenn ihr aber Menschenrücksicht nehmt, so begeht ihr Sünde und seid vom Gesetz als Übertreter erwiesen. 10 Denn wer das ganze Gesetz hält, verfehlt sich aber in einem Punkt, der ist schuldig in allen Punkten. 11 Denn der sprach: Du sollst nicht ehebrechen!, sprach auch: Du sollst nicht töten! Wenn du nun nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein Übertreter des Gesetzes geworden. 12 So redet und so tut wie (es sich denen geziemt), die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn das Gericht ist erbarmungslos über den, der nicht Erbarmen betätigt. Erbarmen rühmt sich wider das Gericht.
Der Nachdruck und der Sinn dieses Abschnitts liegt in den letzten Versen V. 10-13, vorbereitet durch V. 8-9. Was vorangeht, V. 1-7, und in seiner ganzen konkreten Anschaulichkeit natürlich stärker hervortritt, ist der Anlass zu dem, was Jakobus sagen will, nicht dieses selbst. Es ist aber auch nicht zufällig, sondern wichtig und dringend zu beachten, dass er es gerade bei diesem Anlass sagt. Indem er V. 13 gerade den Begriff Erbarmen in den Mittelpunkt rückt, greift er zurück auf die sozial (religiös-sozial!) orientierte Kritik, die er zu Anfang an seinen Lesern geübt. Er gibt zu verstehen, dass diese Kritik nicht etwa darum überhört oder doch leicht genommen werden soll, weil er sie zunächst nur brauchte, um eine noch wichtigere Mitteilung daran anzuknüpfen.
Das Besondere steht nicht als etwas Besonderes neben dem Allgemeinen, sondern das Allgemeine, Grundsätzliche steht ganz und gar in dem Besonderen, Bestimmten, und nur da ist es zu hören. Gerade das, gerade diese soziale Kritik sollen sie sich
zu Herzen nehmen, |446 doch nun gerade bei diesem Anlass klarzumachende Bedeutung jener wichtigeren Mitteilung.
Diese ist wohl am konzentriertesten formuliert in V. 11: «Der da sprach: du sollst nicht ehebrechen, sprach
auch: du sollst nicht töten!» Was heißt das? Das heißt: die Ordnung Gottes ist nicht eine Summe von Einzelheiten, sondern eine Einheit, ein Ganzes. «Iustitia Dei quasi individuum corpus lege continetur» (Calvin).
263 Gottes Recht tritt uns in ihr als ein untrennbarer Leib entgegen. Es gibt ihm gegenüber keine Möglichkeit, zwischen den einzelnen Momenten, in denen Gottes Recht sich in ihr ausspricht, auszuwählen, das eine gegenüber dem anderen zurückzustellen, das eine ernster, das andere weniger ernst zu nehmen. Gottes Ordnung ist in jedem einzelnen Punkt entweder ganz respektiert oder aber ganz, in allen seinen anderen Teilen, Punkten und Momenten, verletzt, weil hinter jeder ihrer Einzelheiten gleich heilig und gleich unverbrüchlich das
ganze Recht Gottes steht.
Das ist die entscheidende Mitteilung, die Jakobus in diesem Abschnitt zu machen hat. Er reiht sich lose, aber durch den Begriff «das Gesetz der Freiheit» (V. 12) auch äußerlich ganz deutlich an den vorhergehenden Abschnitt an. War dort die «Tat» gefordert, der Einsatz der Existenz als entscheidende Bedingung eines wirklichen Aufnehmens des göttlichen Logos, so wird hier die geforderte «Tat» charakterisiert als Antwort auf ein Entweder-Oder, das dem Menschen nicht nur da und dort, sondern auf der ganzen Linie gestellt ist, der Einsatz der Existenz als ein Opfer der menschlichen Logik zu Gunsten der Logik des göttlichen Wortes, das nur ganz oder gar nicht gebracht werden kann. Die Christen sollen wissen, dass das Gesetz, nach dem sie gerichtet werden, ja in jedem Augenblick schon gerichtet sind, das «Gesetz der Freiheit» ist. Hieß das 1,25, dass der Mensch nur selig wird, indem er sich selbst gefangen gibt, aus einem Zuschauer grundsätzlich ein Beteiligter wird, so heißt es hier offenbar, dass er nur dann im Gericht besteht, wenn er sich ganz gefangen gibt, wenn seine Bereitschaft zum Gehorsam durch und durch qualifiziert ist, wenn er das Gute, Notwendige, Rechte nicht qualitativ beurteilt, keinen Unterschied macht zwischen mehr oder weniger ernsten und dringlichen Pflichten und Aufgaben, wenn ihm sein ganzes Leben zur ernsten und dringlichen Pflicht und Aufgabe wird.
448 Die «Freiheit» des Gesetzes, das uns richtet, ist ja in diesem Zusammenhang die Freiheit Gottes, seine Freiheit, ganz über uns zu verfügen, alle andere Freiheit aufzuheben, also das Recht Gottes über uns. Mit ihm steht und fällt die Möglichkeit, die es für uns gibt, im Gericht seines Wortes zu bestehen oder, was dasselbe ist, nach 1,21 das Wort zu empfangen zur Rettung unserer Seele. Gottes Recht über uns und an uns muss aufgerichtet werden, dann bestehen wir im Gericht, dann wird unsere Seele gerettet. Die Erkenntnis dieser Freiheit, die unsere Gefangenschaft bedeutet, ist das erzeugende Prinzip der Ethik. Alle Gottesordnungen haben den Sinn, diese Freiheit, dieses Recht Gottes an uns geltend zu machen. So sind sie in ihrer Relativität alle voll heimlicher Absolutheit, keine geringer als die andere, keine hinter die andere zurückzustellen. «Wenn du zwar nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein Übertreter des Gesetzes geworden.» Auch Jakobus reflektiert nicht darüber, was denn aus unserem Gewissen wird, wenn es sich rings von absoluten Forderungen umstellt sieht, die doch wahrlich in unserem Leben nicht nur gelegentlich, sondern beständig zu kollidieren pflegen. Auch Jakobus denkt nicht von den Bedürfnissen unseres Lebens aus, Gewissen sich zurechtzufinden sucht, um uns unser Recht zu erhalten. Er weiß, was das Wort von dem einen Gott, der beide Gebote gibt, für uns praktisch bedeutet, nämlich unsere Niederlage. Aber das ist für ihn kein Anlass, dieses Wort etwa nicht auszusprechen; es muss gelten, das «individuum corpus iustitiae Dei» muss erkannt werden, was auch darüber aus uns wird. Der Sinn der Ethik ist eben nicht jenes Ziel des Gewissens: unser Recht, sondern das Ziel der Offenbarung: Gottes Recht aufzurichten, wobei es nicht anders sein kann, als dass alle Menschen Unrecht bekommen. Er ist ja auch hier der Bußprediger, der die Majestät Gottes einschärft, indem er uns erinnert, was wir tun sollen. Er will seinen Lesern nicht zeigen, wie sie mit gutem Gewissen zeitlich, sondern wie sie mit schlechtem Gewissen ewig leben können. Ewiges Leben oder, wie er sagt, Errettung der Seele, Bestehen im Gericht, das gibt es nur durch Empfang des Wortes. Darum führt er sie so unerbittlich dahin, wo das Wort allein empfangen werden kann, vor den Anspruch,
den – |450 nicht die Bedürfnisse ihres Lebens, sondern den Gott an sie stellt. Das und nur das ist die Situation, in der Christus reden kann, von dem die Leser wohl, diese Situation nicht kennend, nur schon zu viel gehört haben. Jakobus redet nun nicht von Christus. Er begnügt sich, die Leser dahin geführt zu haben, wo Christus selbst, der ihnen nicht unbekannt ist, reden, wieder reden kann. Er bricht ab, nachdem er den Punkt der göttlichen Ordnung genannt hat, den sie übersehen zu dürfen gemeint hatten und von dem Leben oder Sterben im Gericht für sie abhängen. Das ganze gehaltene Gesetz hilft ihnen nicht, wenn ihnen das Eine fehlt: Erbarmen. Denn dieses Eine ist wie jedesmal gerade das Eine, dem wir ausweichen, das Ganze, das «individuum corpus iustitiae Dei». Und nun knüpft diese Mitteilung an an einen sehr konkreten Anlass, und der Anspruch Gottes wird ein ganz bestimmter. Davon redet der größere erste Teil unseres Abschnitts. Der V. 2-4 geschilderte, für die Leser offenbar typische Vorgang spricht für sich selber. Die Kirche ist dem Betrug des Mammons immer in ganz besonderer Weise ausgesetzt gewesen und zwar wohlverstanden umso mehr, je weniger sie etwa auf Staatsgesetz und Gewöhnung, je mehr sie auf Freiwilligkeit beruht wie die Gemeinden der Anfangszeit. Wenn wir heute wieder in eine Ära der Freikirchen hineingehen sollten, so könnten diese Verse wieder sehr aktuell werden. Sie sind schon aktuell genug. Wir wollen von der Einrichtung von reservierten Plätzen für die besseren Christen, die es in manchen Kirchen noch immer gibt, nicht weiter reden; sie ist natürlich genau das, was hier beschrieben ist.
Synekdochisch hat Jakobus hier sicher auch noch andere Dinge angerührt als diese verhältnismäßig geringfügige Äußerlichkeit. Dass die Klasse der Besitzenden als solche, natürlich in ihrer Eigenschaft als Klasse der kräftigen Steuerzahler und Almosengeber, einen ganz bestimmten starken Einfluss hat und ausübt nicht nur auf die äußeren Einrichtungen, sondern auf den Geist, auf die Predigt, auf die gepredigte Moral vor Allem der Kirche, dass die Pfarrer und wenn nicht die Pfarrer, dann sicher die Gemeindevorsteher, und wenn sie nicht,
dann
|452 sicher instinktiv die Mehrheit der Gemeinde dieser Klasse einen ganz bestimmten starken
Respekt entgegenbringt und ein Evangelium nicht wünscht, das eventuell den Konflikt gerade mit dieser Klasse bedeuten würde, das ist’s, worauf hier implicite der Finger gelegt ist. Ich glaube nicht, dass die Ausnahmen von dem Bilde, das Jakobus hier entrollt, sehr dicht gesät sind und je sehr dicht gesät sein werden.
265
Die schlechthinige Abhängigkeit
266, um die es sich hier handelt – sie ist übrigens in der reformierten Kirche noch kräftiger in die Erscheinung getreten als in der lutherischen –, ist so fein und vor Allem so selbstverständlich, so leicht zu rechtfertigen mit vernünftigen, moralischen und religiösen Gründen, dass man sie gewissenorts jahrhundertelang gar nicht empfunden, sondern ganz naiv als eine Art Gottesordnung verehrt hat. Sie gehört vielleicht zu dem irdischen Gesicht, das die Kirche tragen wird, solange es überhaupt eine Kirche gibt.
Doch lassen wir das. Man kann wirklich im Ernst fragen, ob es anders möglich ist, als dass die Dinge so laufen wie V. 2-9 geschildert. Die Leser des Jakobusbriefes scheinen lieben wie dich selbst» (V. 8), und hier hat Jakobus eingesetzt mit der Mitteilung, die er ihnen bei diesem Anlass machen wollte. Jakobus macht keinen Versuch, ihnen diese merkwürdige Begründung etwa auszureden, er ironisiert nicht einmal, dass ausgerechnet das nun Nächstenliebe sein solle, dass man gegen vornehme Leute entsprechend entgegenkommend ist, er bestätigt vielmehr: καλῶς ποιεῖτε, ihr tut wohl daran, nur zugefahren in dieser Nächstenliebe! Er begnügt sich damit, dieses von
seinen |454 Lesern angerufene Gebot der Nächstenliebe mit einem gewissen drohenden Klang das «königliche Gesetz» zu nennen. Es ist das Gesetz des βασιλεύς, des Herrschers und Alleinherrschers, das sie angerufen haben, das Gesetz der Freiheit, seiner Freiheit, das sollen sie wohl bedenken!
Er stellt aber schroff daneben: προσωπολημπτεῖτε (V. 9), ihr nehmt Menschenrücksichten und damit begeht ihr Sünde. So tritt der Fall ein, der V. 10-13 in Erwägung gezogen ist: man wählt aus Gottes Ordnung aus, was einem gerade passt, gehorcht in dem einen Punkt und vergisst, dass Ungehorsam in jedem einzelnen
anderen Punkt Ungehorsam gegen das Ganze ist. Aber die Nächstenliebe, die V.8 neben dem bösen Punkt der προσωπολημψία steht, ist ja nur eine Ausrede. Es handelt sich in Wahrheit um das, was in V.1 daneben steht, die πίστις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ τῆς δόξης. Sie ist’s, die die Leser in und mit Menschenrücksichten haben zu können meinen. Sie ist der starke, gute Punkt, auf den sie sich dem schwachen, bösen Punkt gegenüber verlassen. Der Glaube soll sich vertragen mit, ja soll die Rechtfertigung sein der unter ihnen selbstverständlichen Anerkennung einer christlichen
Plutokratie, der bürgerlichen Gesichtspunkte, unter denen sie nicht nur leben – das ist hier als
noch selbstverständlicher vorausgesetzt –, sondern auch Gott dienen in ihren Versammlungen. Der Glaube kann viele irdische Fatalitäten bedecken, gerade weil er das prinzipiell Unirdische ist. Wie fein lässt sich aller äußere Mammonsgeist rechtfertigen durch den Verweis auf den
|456 Gottesgeist des inneren Lebens
267, alle irdische Ungerechtigkeit durch den Verweis auf die ausgleichende Gerechtigkeit im Himmel. Wie lässt sich besonders auch alle in der ungleichen Lage der Menschen begründete unausrottbare Anklage erledigen durch den Verweis auf die Gleichheit und Freiheit der Menschen vor Gott. Kurz, wie fein lässt sich gerade die letzte, tiefste, wahrste uns Menschen gegebene Antwort dazu verwenden, die Fragen und Rätsel unseres Daseins, die uns um unserer Seele Seligkeit willen Fragen und Rätsel sein und bleiben sollen, abzustumpfen, zu verharmlosen, ja schließlich abzutöten. Was ist einfacher, als einen so unvermeidlichen Zustand wie den V. 2-4 geschilderten, den man ja zunächst wirklich nicht anders denn als «Menschenrücksicht» bezeichnen kann, tiefsinnig zu begründen damit, dass er durch den Glauben unvermeidlich, dass er eine
gottgewollte Abhängigkeit sei. Und dann kann und darf man ihn ja wirklich nicht mehr als «Menschenrücksicht» bezeichnen. Dann heißt Unrecht Recht, Mammonsgeist Gottesgeist, Menschenfurcht Ehrfurcht, dann ist das irdisch Praktische himmlisch verklärt, und die Ruhe ist da. Jakobus stört diese Ruhe seiner Leser, nicht durch einen prinzipiellen Angriff in der Art des Paulus, sondern durch diesen einfach anti-praktischen, anti-vernünftigen, anti-wohlgeordneten Einwand, der ihm heute sicher den Vorwurf eingetragen hätte, er bringe Parteipolitik auf die Kanzel, den Einwand, man könne den Glauben nicht haben in und unter Menschenrücksicht (V. 1), es sei «haltlos» und beruhe auf schlechten Erwägungen, was sie für praktisch halten (V. 4), Menschenrücksicht sei Sünde (V. 9). Der eine faule Punkt werde durch den anderen gesunden nebenan
nicht gerechtfertigt, sondern mache auch diesen unwirksam:
458 «Denn ist denn Menschenrücksicht Sünde, wie V. 9 so schroff behauptet wird? Beachten wir, wie Jakobus darauf antwortet. Der Anfang der Antwort liegt schon in V. 1, wo er den Glauben nennt den Glauben an unseren Herrn der Herrlichkeit, Jesus Christus! Gehen ihnen nicht da schon die Augen und Ohren auf? Sollten sie nicht da schon merken, dass der Glaube, den sie so friedlich mit Menschenrücksicht vereinigen, ja mit dem sie diese wohl gar begründen wollen, in Wirklichkeit, wenn er eben Glaube ist, das Dynamit ist, das ihre ganze christliche Wohlanständigkeit und sogenannte Nächstenliebe in die Luft sprengen muss?
Es ist für Jakobus außerordentlich bezeichnend, dass dies neben 1,1 die einzige Stelle ist, wo er ausdrücklich von Jesus Christus redet. Und wenn die Worte nach der Hypothese von
Spitta der Zusatz eines christlichen Bearbeiters einer jüdischen Grundschrift sein sollten
268, so ist es außerordentlich merkwürdig, dass dieser Bearbeiter gerade
diese Stelle gewählt hat, um gerade
diesen Zusatz zu machen. Wieviel erbaulichere Stellen hätte er gefunden, und er wählt gerade diese. Aber ob Autor oder Bearbeiter, die Worte stehen nun gerade in
diesem Zusammenhang und kontrastieren eindringlich, beunruhigend vom ersten Satz an das, was im christlichen Gottesdienst geschieht, mit dem, was sein Inhalt und Gegenstand ist. Hier die Herren, die es kraft ihrer goldenen Ringe und prächtigen Kleider sind. Hier der «Herr der Herrlichkeit», der himmlische König im Glanz der unvergänglichen
δόξα, die ihm, dem Sieger über den Tod von Gott gegeben ist. Auf einen Augenblick ragt in die jakobeische Mahnrede das Andere hinein, von dem Jakobus sonst schweigt, auf keinen Fall ohne Absicht schweigt, die Botschaft des Evangeliums selbst, an die er sonst immer nur hart heranführt, um dann gleich wieder umzukehren zu seinem Propheten- und Wächteramt, das Andere, das ja seine Leser so gut, nur
zu gut kennen. Hier
muss es auftauchen. Warum hat es denn einen Sinn, Menschenrücksicht und Mammonsgeist auch in ihrer christlichen Gestalt Sünde zu nennen? Und nachher das «Gesetz der Freiheit» zu verkündigen, durch das die Christen
gerichtet wer
|460den? Sollte nicht doch etwa jenes die keifende Unzufriedenheit des Lehrers einer Proletarierreligion sein, der seinen Lesern, harmlosen Kleinbürgern, einen «religiös motivierten Klassengeist einflößen» will? So
Windisch.
269 Und dieses, die steile Rede vom «Gesetz der Freiheit», die tolle Caprice eines allzu radikalen homo religiosus, der mit seinem Absoluten wunderlich in das Gehege der moralischen Selbstverständlichkeit hereinbricht, mehr zerstörend als aufbauend?
Nein, so soll man Jakobus nicht loswerden können. Wer er auch sei und was ihn auch treibe, der Glaube selbst in seiner Wirklichkeit ist das große Unmöglich!, das sich dem, was die Kirche tut, entgegenwirft. Warum? Weil er Glaube ist an das, was Gott getan hat. Denn das liegt doch wohl in dem Hinweis auf den «Herrn der Herrlichkeit».
Offenbarung begründet den Protest gegen die falsche Einschätzung dessen, was in der Welt groß ist, Offenbarung auch jenes bei diesem Anlass entwickelte Prinzip der Ethik, dass wir so zu reden und zu handeln haben, wie es sich denen geziemt, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Sünde zu überführen, weil die Sünde ihm so selbstverständlich ist, so ganz eingewickelt in Christentum, da muss er daran erinnert werden, dass das Christentum, der Glaube auf Offenbarung beruht, auf Gottes Tat. Gott, wesentlich verstanden, also nicht nur als Objekt des Glaubens, sondern als Subjekt der Offenbarung – und das wird gesagt,
wo |462 Jesus Christus gesagt wird –, Gott, die Rücksicht auf ihn schließt προσωπολημψία aus.
In dem Augenblick, wo Gott erkannt ist, ist der Handel aus, und wäre er noch so praktisch und unvermeidlich. Denn Gott ist das Gift des Mammons, das Gift der Respektlosigkeit vor ihm, die Offenbarung seiner Lüge. Lohnte es sich, gerade hier dieses schwerste Geschütz aufzufahren?, möchte man fragen. Jakobus ist offenbar dieser Meinung. Der synoptische Jesus mit seinem Spruch von den beiden Herren offenbar auch [vgl. Mt. 6,24]. Was Jakobus weiter sagt zur Begründung seiner Voraussetzung, dass Menschenrücksicht, diese Menschenrücksicht Sünde sei, das sind nur Anwendungen dieses ersten, furchtbarsten Argumentes, das er in V. 1, noch bevor er sein Bild entrollt, die Situation beleuchten lässt, wie wenn ein Blitz zuckte.
Διεκρίθητε ἐν ἑαυτοῖς, sagt er V. 4. Es ist dasselbe Wort, mit dem er 1,6 den
ἀνὴρ δίψυχος beschrieben.
Darum geht es. Gott ist erkannt und
nicht erkannt, ernst und
nicht ernst genommen in der Kirche, das bedeutet jener unvermeidliche Zug in ihrem irdischen Gesicht. Sie weiß so viel, sie kennt den Herrn der Herrlichkeit so gut – und kennt ihn doch gar nicht. Ist die Kirche nicht ein einziges großes Quidproquo mit ihrem Respekt vor Gott und dem Mammon zugleich?
Kann sie sich wundern, wenn sie auch von der Welt so aufgefasst und darum nicht ernst genommen wird?
Kann sie denn ernst genommen werden in ihrem
διακρίνεσθαι, in ihrer haltlosen Unsicherheit,
wem sie eigentlich zu dienen habe? V. 5 vollzieht die große Umwertung aller Werte
270 – wir erinnern uns an den Abschnitt 1,9-11 –, die in Kraft treten sieht, wer den Herrn der Herrlichkeit nicht
nur nennt, |464 sondern kennt. Die Armen sind die Reichen. Denn im Glauben stehen die Dinge anders als in der Welt. Gottes Erwählung ist die Umkehrung alles Bestehenden. Denken Sie an alles zu 1,9-11 Ausgeführte. Aber das könnte ja wieder als eine bloße Idee gedeutet werden, als eine bloß innerliche, religiöse, jenseitige Wahrheit. Und dann bliebe trotzdem der Reiche auf seinem bequemen Sitz, der Arme auf dem Fußboden, bliebe trotzdem der heillose Einfluss und Respekt, an dem die Kirche krank ist. Ebenso steht es bei den Lesern des Jakobus.
Und das eben nennt er Sünde. Ihr wisst, wie es steht um die Erwählung. Ihr wisst den Sieg des Glaubens über die Welt [1. Joh. 5,4]. Und ihr tut den Armen Unehre an! Ihr verleugnet also, was ihr wisst, ihr nennt es eine schöne, aber unpraktische Idee. Es mag wahr sein, aber es darf nicht gelten. Es mag in der Bibel stehen, aber es wird durch Theologie unschädlich gemacht. Nur nie ernst machen mit dem, was man scheinbar für so ernst hält! Nur immer Gründe gesucht und gefunden, um Gottes Willen wohl im Himmel, aber nur nie auf Erden geschehen zu lassen [vgl. Mt. 6,10]! Nur nie etwas Unpraktisches, als ob leben, wie man glaubt, je praktisch sein könnte! Das eben ist das διακρίνεσθαι von V. 4 und V. 6-7 beleuchten die andere Seite. Wer ist Mammon? Was sind seine Werke? Was richtet das Geld aus? Wisst ihr es noch nicht? Lasst ihr euch immer noch blenden, als ob es nicht der Feind der Wahrheit, der Feind des guten Namens, auf den ihr getauft seid, wäre, mit dem ihr da zu schaffen habt? Wisst ihr, wessen Partei ihr Sünde.
Die Christen treten aus der Analogie des göttlichen Tuns ihnen selbst gegenüber heraus, sie gefährden ihre Aussicht auf das ihnen verheißene (aus Erbarmen, aus Erwählung verheißene!) Erbe. Und die eine Sünde macht Alles zur Sünde, so gewiss ein Gott ist, derselbe in allen seinen Geboten. Man kann nicht glauben und Menschenrücksicht üben. Das Eine tötet notwendig das Andere.
In V. 8 mündet die Erörterung dieses Anlasses in das Grundsätzliche, das wir vorweggenommen haben. Aber zuletzt (V. 13) taucht auch der Anlass nochmals auf. Was Jakobus von seinen Lesern will, das ist Erbarmen, ἔλεος. Nicht steife Rechtschaffenheit. Sie bringt ins Gericht. Erbarmen ist das Eingehen auf Gottes Ansicht von der Welt, so gut Menschen das können. Dann triumphiert Gottes Erbarmen und rettet uns.
443 Erklärung des Jakobusbriefes
W.S. 1928/29
Jakobus 2,1-13
Meine Brüder nicht unter Menschenrücksichten habt
den Glauben an unsern Herrn der Herrlichkeit Jesus Christus! Wenn nämlich eintritt in eure Versammlung ein Mann mit
goldenen Fingerringen, prächtig gekleidet; es tritt aber auch ein Armer ein, schmutzig gekleidet,
und nun wendet ihr euch an den, der das prächtige Kleid trägt,
und sprecht: Du setze dich bequem hieher!
und zu dem Armen sprecht ihr: Du kannst dort stehen
oder dich hier vor meinem Fußschemel niederlassen,
seid ihr da nicht haltlos
und urteilt nach schlechten Erwägungen?
Höret, meine geliebten Brüder!
Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt
zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches,
das er verheißen hat denen, die ihn lieben?
Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan!
Sind es nicht die Reichen, die euch Gewalt antun
und schleppen euch vor die Gerichte?
Sind sie es nicht, die den großen Namen lästern,
der über euch ausgesprochen ist?
Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!
so tut ihr wohl;
wenn ihr aber Menschenrücksicht nehmt, so tut ihr Sünde
und seid vom Gesetz als Übertreter erwiesen.
Denn wer das ganze Gesetz hält,
verfehlt sich aber in einem, ist ein Übertreter in allem.
445 Denn der sprach: Du sollst nicht ehebrechen!,
sprach auch: Du sollst nicht töten!
Wenn du nun nicht ehebrichst, tötest aber,
bist du ein Übertreter des Gesetzes.
So redet und so handelt,
wie (es sich denen geziemt), die durch das Gesetz der Freiheit
gerichtet werden sollen, denn das Gericht ist erbarmungslos
über den, der nicht Erbarmen betätigt.
Erbarmen rühmet sich wider das Gericht!
91 Der Nachdruck und der Sinn dieses Abschnittes liegt in der lehrhaften zweiten Hälfte V. 8-13. Was V. 1-7 vorangeht und in seiner drastischen Anschaulichkeit den Blick viel stärker auf sich zieht, ist der Anlass zu dem, was Jakobus sagen will. Es ist aber wichtig zu beachten, dass er es gerade bei diesem Anlass sagt. An die Aussprache einer sozial orientierten Kritik der Gemeinde (es ist nicht auszumachen, ob es sich dabei um eine bestimmt adressierte Vorhaltung oder um die Rüge einer allgemein bestehenden Sitte handelt) schließt sich V. 8ff. die, man möchte sagen: zentralere Mitteilung über die Ganzheit des Gesetzes. Aber wenn V. 13 nicht mit Dibelius als ein den Zusammenhang völlig durchbrechender oder höchstens durch den Begriff κρίσις mit dem Vorhergehenden verbundener Einzelspruch zu verstehen ist262, so kehrt Jakobus mit diesem Abschluss vom Erbarmen deutlich zu dem scheinbar nur das Sprungbrett für V. 8ff. bildende ersten Thema V. 1-7 zurück und gibt ihm damit doch eine höhere und eigene Bedeutung.
Das Besondere steht nicht weniger wichtig neben dem Allgemeinen, was er sagen will, sondern dieses Allgemeine steckt ganz und unlösbar eben in jenem Besondern und ist nur da zu hören – zu hören, indem auch und gerade jenes Besondere gehört wird.
447
Das Allgemeine, was Jakobus sagen will, ist am konzentriertesten ausgesprochen in V. 11: «Der da sprach: Du sollst nicht ehebrechen! spricht auch: Du sollst nicht töten!» Was heißt das? Das heißt: das Gesetz, die Ordnung Gottes ist nicht eine Summe von Einzelheiten, sondern eine Einheit, ein Ganzes. «Justitia Dei quasi individuum corpus est» (Calvin).263
Gottes Recht tritt uns wirklich als corpus, als ein einziger untrennbarer Leib entgegen. Da ist keine Möglichkeit, zwischen einzelnen Momenten seiner Forderung auszuwählen, eines gegenüber dem andern zurückzustellen, eines weniger ernst zu nehmen als das andere. Gottes Recht ist in jedem einzelnen Punkt entweder ganz respektiert oder zugleich in allen seinen andern Punkten verworfen.
Das ist die entscheidende Mitteilung, die Jakobus in diesem Abschnitt zu machen hat. Er reiht sich lose, aber durch 92 den Begriff des «Gesetzes der Freiheit» V. 12 doch auch äußerlich erkennbar, an den vorhergehenden Abschnitt an. War dort die «Tat» gefordert, der Einsatz der Existenz als die entscheidende Bedingung zur wirklichen Aufnahme des göttlichen Logos, so wird hier diese Tat charakterisiert als Antwort auf ein Entweder-Oder, vor das der Mensch nicht nur da oder dort, sondern auf der ganzen Linie seiner Lebensentscheidungen gestellt ist, jener Einsatz als ein Opfer, das nur ganz oder gar nicht gebracht werden kann. Das Gesetz, an dem unser Tun gemessen wird, ist das Gesetz der Freiheit V. 12. Hieß das 1,25, dass der Mensch nur selig wird, indem er sich selbst gefangen gibt, so heißt es hier offenbar, dass er nur dann im Gericht besteht, wenn er sich ganz gefangen gibt.
449 Die Freiheit des Gesetzes, das uns richtet, ist ja die Freiheit Gottes. Die Freiheit Gottes aber ist seine Freiheit, ganz über uns zu verfügen, alle andere Freiheit aufzuheben. Sie ist also das Recht Gottes über und auf uns. Indem dieses Recht aufgerichtet wird, werden wir solche, die im Gericht bestehen, deren Seelen gerettet werden (1,21). Alle einzeln ergehenden Gottesordnungen wie die V. 11 erwähnten haben den Sinn, diese Freiheit, dieses Recht Gottes über und auf uns geltend zu machen. Sie sind in ihrer Einzelheit voll Einheit, in ihrer Relativität voll heimlicher Absolutheit, keine geringer als die andere, keine hinter der andern zurückzustellen. «Wenn du zwar nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein Übertreter des Gesetzes.» Jakobus reflektiert nicht darüber, was denn aus unserm Gewissen wird, wenn es sich – man muss sich ja die V. 11 angedeutete Linie der konkreten Mandata verlängert, und zwar ins beinahe Unendliche verlängert denken – rings von solchen absoluten Forderungen umstellt sieht, die doch in dem engen Raum unserer Lebenswirklichkeit nicht nur gelegentlich, sondern beständig zu kollidieren pflegen. Auch Jakobus denkt eben wohl im Blick auf das menschliche Leben, interessierter an seinen Einzelheiten, als man das etwa von Paulus sagen könnte, aber darum doch nicht von den Bedürfnissen des menschlichen Lebens aus, zwischen denen das Gewissen sich zurechtzufinden sucht, um uns selbst im Recht 93 zu erhalten. Ihm geht es ganz und allein um die Aufrichtung des «individuum corpus iustitiae Dei», durch die der Mensch nicht anderswohin als eben ins Unrecht versetzt werden kann. Wenn er das auch nicht ausspricht, so wird man doch nicht leugnen können, dass dies, das «Quid sum miser tunc dicturus?»264, die unwillkürliche und doch wohl nicht unbeabsichtigte Wirkung gerade seiner Bußpredigt an Stellen wie 2,11 tatsächlich ist. Er zeigt uns und er hat doch wohl schon seinen ersten Lesern gezeigt, nicht, wie man mit gutem Gewissen zeitlich, sondern wie man mit schlechtem Gewissen ewig leben kann. Ewiges Leben, oder wie er sagt: Errettung der Seele, Bestehen im Gericht, das gibt es nur durch das Aufnehmen des Wortes. Darum führt er unerbittlich dahin, wo Empfangen des Wortes allein stattfinden kann, nämlich zum Hören des göttlichen Anspruches. Das |451 und nur das ist die Situation, wo Christus zum Menschen reden kann. Jakobus führt die Rede Christi selber nicht an. Er begnügt sich, dahin zu führen, wo er gehört werden kann. Er bricht V. 13 ab, nachdem er den einen Punkt genannt hat, den seine Leser in der Ordnung Gottes übersehen haben und von dem für sie Leben und Sterben abhängt, weil diese Ordnung ein Ganzes ist. Das Halten des ganzen Gesetzes hülfe ihnen nichts, wenn ihnen das Eine fehlte: Erbarmen. Denn der Anspruch Gottes ist für sie wie für alle Menschen, an die er ergeht, ein bestimmter. Diese Bestimmtheit wird sichtbar in der Darstellung und Erläuterung des konkreten Anlasses, der jene allgemeine Mitteilung verursacht hatte und durch den sie erst Farbe und Ton bekommt. Davon redet der größere erste Teil unseres Abschnittes. Der V. 2-4 geschilderte, für die Verhältnisse, im Blick auf die Jakobus redet typische, wahrscheinlich auch etwas typisierte Vorgang spricht für sich selber. Die Kirche ist wohl dem Betrug des Mammons immer ganz besonders ausgesetzt gewesen, und zwar in den Zeiten und Verhältnissen, wo sie wie in der Urzeit auf Freiwilligkeit beruhte, nicht weniger als da, wo sie das Staatsgesetz und die Gewohnheit für sich hatte. Eher mehr, wird man vielleicht sagen müssen. Der Reiche und der Arme, deren verschiedene Aufnahme in der Synagoge, d. h. hier im christlichen Kultraum und zwar zu Beginn oder 94 während des Gottesdienstes, hier beschrieben wird, scheinen, wie V. 5 in Bezug auf den Armen und V. 6 in Bezug auf den Reichen vielleicht beweisen, nicht Angehörige, sondern aufgeschlossene oder auch bloß neugierige Besucher der christlichen Gemeinde zu sein. Aber die Frage ist wenig wichtig. Jakobus weist hin auf die heute noch nicht ganz unbekannte Möglichkeit, reiche und arme Teilnehmer des christlichen Gottesdienstes durch Zuweisung besserer oder weniger guter Plätze offiziell oder nach Gewohnheitsrecht verschieden zu behandeln.
Synekdochisch sind damit doch wohl auch noch andere Dinge angerührt als diese verhältnismäßig belanglose Äußerlichkeit. Dass die Klasse der Besitzenden als solche, natürlich in ihrer Eigenschaft als in der Welt angesehene Leute, als Steuerzahler und Almosengeber einen ganz bestimmten starken Einfluss ausübt nicht nur auf die äußern Einrichtungen, sondern auch auf den Geist, auf die Predigt, vor Allem auf die gepredigte Moral der Kirche, dass die Pfarrer und wenn nicht die Pfarrer dann sicher die Kirchenvorsteher und wenn auch diese |453 nicht, dann sicher instinktiv die Mehrzahl der die Gemeinde sonst tragenden und vertretenden Kirchenglieder dieser Klasse einen bestimmten starken selbstverständlichen Respekt entgegenbringt und eine Predigt des Evangeliums nicht wünscht, die eventuell einen Konflikt der Botschaft der Kirche mit den Interessen und Anschauungen dieser Klasse in sich tragen und offenbaren könnte, das ist’s, worauf hier implicite auch der Finger gelegt ist. Die wirklichen Ausnahmen von dem hier gezeichneten Bilde dürften noch heute nicht allzu dicht gesät sein.
Die schlechthinige Abhängigkeit266
, um die es sich hier handelt, ist so fein und vor Allem so verständlich aus gewissen primitiven Daseinsinteressen sowohl einer Staats- wie einer Freikirche, sie ist mit vernünftigen, moralischen und sogar religiösen Gründen so leicht zu rechtfertigen, dass man sie noch im Protestantismus und gerade im Protestantismus gewissenorts jahrhundertelang überhaupt nicht als abnormal empfunden, sondern ganz naiv als eine Art Gottesordnung verehrt hat. Und man kann ja allen Ernstes fragen, ob die Dinge nicht unter allerlei Milderungen und Verhüllungen immer und in allen Kirchen grundsätzlich so laufen werden wie V. 2-4 angedeutet, 95 solange die Menschen eben auch in der Kirche, auch in der noch so oft und noch so gründlich gereinigten Kirche Menschen sind.
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Aber Jakobus zeigt sich auch hier nicht an den menschlichen Lebensbedürfnissen, sondern an den Erfordernissen Gottes orientiert. Muss das geschehen, was hier geschieht, dann kann es keinesfalls unentschuldigt geschehen. Der Frage, die hier aufzuwerfen ist und der von ihr ausgehenden Beunruhigung wird sich die Kirche – und wenn sie tausendmal nicht anders könnte – nicht entziehen können. Jakobus nennt das, was da geschieht, eine προσωπολημψία V. 1, ein προσωπολήμπτειν V. 9, ein Rücksichtnehmen auf bestimmte Menschen im Blick auf ihre Erscheinung, ihre Gestalt, ihre Bedeutung in der Welt, in der das πρόσωπον entscheidet. Ihr stellt er in V. 1 gegenüber den «Glauben an unsern Herrn der Herrlichkeit Jesus Christus». Seine Leser meinen diesen Glauben in und mit προσωπολημψία haben zu können. Gegen dieses ἔχειν ἐν richtet sich der Angriff des Jakobus. Προσωπολήμπτειν wird V. 9 mit dürrem Wort Sünde, Übertretung genannt. Der Ungehorsam in dem einen Punkt wird durch den Gehorsam im andern nicht gut gemacht, stempelt vielmehr auch diesen zum Ungehorsam.
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Hier wird die Beziehung des ersten zum zweiten Teil unseres Abschnittes sichtbar: im Blick auf dieses unmögliche Nebeneinander wird es nachher heißen: «Wer das ganze Gesetz hält, verfehlt sich
aber |459 in Einem, ist ein Übertreter in Allem» (V. 10). «Denn was nützt es, meine Brüder, wenn jemand meint, Glauben zu haben, aber Werke nicht hat? Kann ihn etwa der Glaube retten?», wird Jakobus nachher (V. 14) ganz in der gleichen Linie weiterfahren. Aber ist denn jene Menschenrücksicht Sünde, wie V. 9 so schroff behauptet wird? Man wird den Anfang und das entscheidende Wort der Erklärung des Jakobus zu dieser Frage schon in V. 1 suchen müssen, einfach in der Konfrontation dessen, was die Leser tun mit dem, was sie, indem sie das tun, auch meinen haben zu können, mit dem «Glauben an unsern Herrn der Herrlichkeit Jesus Christus.»
Es ist für Jakobus außerordentlich bezeichnend, dass dies außer 1,1 die einzige Stelle ist, an der er ausdrücklich von Jesus Christus redet. Und wenn diese Worte nach der Hypothese 96 von Spitta wirklich der Zusatz des christlichen Bearbeiters einer jüdischen Grundschrift sein sollten268
, so wäre es außerordentlich merkwürdig, dass dieser Bearbeiter gerade diese Stelle gewählt hätte, um sie gerade mit diesem Zusatz zu versehen. Man möchte Jakobus oder man möchte diesen christlichen Bearbeiter fragen, ob er zur Nennung des höchsten christlichen Namens nicht eine passendere Stelle, eine Stelle irgendwie zentraleren Inhalts hätte wählen können. Aber ob Autor oder Bearbeiter, diese Worte stehen nun einmal gerade in diesem Zusammenhang und kontrastieren eindringlich, beunruhigend vom ersten Satze an das, was im christlichen Gottesdienst geschieht mit dem, was sein Inhalt und Gegenstand ist. Gerade hier ragt auf einen Augenblick in die scheinbar so moralische Mahnrede des Jakobus das Andere hinein, von dem er sonst schweigt, und zwar sicher nicht ohne Sinn und Absicht schweigt, die Botschaft des Evangeliums selber, an die er sonst immer nur hart heranführt, um dann gleich wieder zurückzukehren zu seinem Amt als Prophet und Wächter des unverbrüchlichen Gesetzes Gottes. Warum hat es einen Sinn, das, was die Leser tun, das selbstverständliche Rücksichtnehmen auf die Reichen, das sich so leicht als eine bloße Äußerlichkeit entschuldigen und, wer weiß, auf dem Umweg über den Gedanken der göttlichen Ordnung |461 sogar rechtfertigen ließ, Sünde zu nennen? Und nachher das Gesetz der Freiheit als das Gesetz der Ganzheit zu verkündigen, durch das die Christen gerichtet werden sollen? Sollte nicht doch etwa jenes die keifende Unzufriedenheit des Lehrers einer Proletarierreligion sein, der seinen Lesern, harmlosen Kleinbürgern, einen religiös motivierten Klassengeist einflößen will, wie Windisch zu dieser Stelle sagt.269
Und dieses, die schroffe Rede von dem Entweder-Oder des Gesetzes der Freiheit, die tolle Caprice eines allzu radikalen homo religiosus, der mit seinem Absoluten, mehr zerstörend als aufbauend, jedenfalls recht wunderlich in das Gehege der moralischen Selbstverständlichkeit hineinbricht? Wer oder was legitimiert den Angriff auf christlich-kirchliche Zustände, die solange auch die Christen nur Menschen sind und solange die Welt 97 Welt ist, wohl kaum je durchgreifend zu ändern sind, den unbarmherzigen Angriff auf die Unvollkommenheit, in der auch der Christ, indem [er] einem Gebot Genüge tut, sich immer als Übertreter eines (und wahrscheinlich nicht nur eines) andern Gebotes erkennen müssen wird?
Könnte man nicht den ganzen Jakobus loswerden mit diesem Einwand? Wir sollen ihn aber nicht loswerden! Wir berufen uns auf unsern Glauben als auf das Tun, das doch auf alle Fälle, wie es auch mit dem Übrigen stehen möge, sicher wohlgetan, recht und in der Ordnung sei. Gerade mit dieser Berufung schlägt uns Jakobus, indem er an die intentionale Bedeutung des Glaubens, an den Gegenstand des Glaubens, an den im Glauben begriffenen, nein uns begreifenden «Herrn der Herrlichkeit», an Gottes Offenbarung erinnert.
Offenbarung begründet jenen harten Protest gegen die Rücksichtnahme dessen, was in der Welt, gewiss auch in [der] christlichen Welt groß und ansehnlich ist. Offenbarung begründet auch jenes in der Tat unheimliche Prinzip der Ethik, das Jakobus gerade bei diesem geringfügigen Anlass zu entwickeln für richtig hält: dass wir zu reden und zu handeln haben als solche, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Wie soll die in lauter Christentum eingewickelte Sünde als solche [anders] rekognosziert werden als dadurch, dass daran erinnert wird, dass alles Christentum gemessen ist an dem Herrn, den die Christen haben, der die Christen haben will und dem sie sich nicht auf |463 Grund der freilich wahren Wahrheit entziehen können, dass sie auch nur Menschen sind, ohne eben mit diesem Sich-entziehen-Wollen aufzuhören, Christen zu sein? Die Rücksicht auf Gott – Gott wesentlich verstanden, also nicht nur als Objekt des Glaubens sondern – und das wird gesagt, wo Jesus Christus gesagt wird – als Subjekt der Offenbarung, die uns angeht, als unser Herr – die Rücksicht auf Gott schließt die Rücksicht auf Menschen, auf menschliche Größe und Würde aus.
In dem Augenblick, wo Gott erkannt ist, ist es mit dem Respekt vor den πρόσωπα der Welt vorbei. Seine Offenbarung offenbart ihre Lüge. Der Christ kann sie nicht mehr ernst nehmen. Die christliche Gemeinde kann sie nicht durch ein Verhalten, wie das 98 V. 2ff. geschilderte als Wahrheit sanktionieren. Lohnte es sich, möchte man fragen, angesichts der V. 2ff. geschilderten Vorgänge, also angesichts gerade des Rücksichtnehmens auf die sozialen Unterschiede, dieses schwerste Geschütz aufzufahren? Jakobus ist offenbar dieser Meinung, und der synoptische Jesus mit seinem Wort von den beiden Herren, denen man nicht zugleich dienen kann, offenbar auch [vgl. Mt. 6,24]. Was Jakobus weiter sagt zur Begründung seiner Voraussetzung, dass gerade diese Menschenrücksicht Sünde sei, sind nur Anwendungen dieses ersten und entscheidenden Argumentes, das er V. 1, noch bevor er das Bild, auf das er zielt, entrollt, alles Folgende beleuchten lässt.
«Seid ihr da nicht haltlos und urteilt nach schlechten Erwägungen?», fragt er V. 4. Man beachte das Wiederauftauchen des διακρίνεσθαι von 1,6! Es geht auch hier um das Problem des ἀνὴρ δίψυχος. Gott ist erkannt und nicht erkannt, ernst und nicht ernst genommen in der Kirche, das bedeutet jener mammonistische Zug im Gesicht der Kirche. Daran kann alle Unvermeidlichkeit, mit der sie sich entschuldigen möchte, nichts ändern. Ist sie nicht auch δίψυχος, ein großes Quidproquo, sofern sie wirklich vor zwei Herren Respekt hat, vor dem Herrn der Herrlichkeit und dann doch auch noch vor dem Mammon als dem Herrn dieser Welt? Folgt sie damit nicht Erwägungen, die, wie praktisch und selbstverständlich sie an sich sein mögen, als ihre Erwägungen schlecht sind. Und nun weisen V. 5ff. – wir denken an den Abschnitt 1,9-11 zurück – hin auf die große Umwertung aller |465 Werte267
, die in der Welt in Kraft treten sieht, wer den Herrn der Herrlichkeit nicht nur nennt, sondern als solchen kennt. Im Glauben stehen eben die Dinge in der Welt anders als im Unglauben, darum müssen sie auch in der Gemeinde des Glaubens anders stehen. Gottes Erwählung ist die Umkehrung alles Bestehenden. Alles zu 1,9-11 Gesagte wäre hier in Erinnerung zu rufen. Es wäre allzu bequem und einfach und gutbürgerlich, wenn diese Umkehrung als eine bloß innerliche, religiöse, jenseitige verstanden werden dürfte. Dann würde eben trotzdem der Reiche [auf]99 auch die Leser des Jakobus gewusst, und gerade indem sie sich dabei beruhigten, dass ja im Himmel, innerlich, vor Gott selbstverständlich Alles in Ordnung sei oder später in Ordnung kommen [würde]
Und das eben nennt Jakobus Sünde, διψυχία. Wohlverstanden: eben dieses Irdische, Menschliche, Vorläufige, das seine Leser unerschüttert gelten lassen und behaupten wollten, in und mit dem sie unverzagt sehr wohl auch den Glauben an den Herrn der Herrlichkeit haben zu können meinten. Als ob sie den Glauben innerlich und nicht äußerlich, im Gedanken an Gott und nicht auch im Blick auf den in ihre Synagoge hereintretenden Armen und Reichen, im Blick auf den Himmel und das Neuwerden aller Dinge und nicht auch mitten in der Vorläufigkeit hätten haben müssen, wenn sie ihn wirklich hatten. Das ist’s ja eben, dass sie sehr wohl wissen, was es ist um Gottes Erwählung, dass sie an dem Sieg des Glaubens über die Welt [1.Joh. 5,4] sicher nicht im geringsten zweifeln, und eben dieses Wissen verleugnen sie durch das, was sie tun, eben dieses Wissen behandeln sie, wie man eine schöne, aber unpraktische und darum belanglose Idee behandelt. Das eben ist das διακρίνεσθαι von V. 4.
Und eben darum lässt sich nun Jakobus V. 5ff. keinen Augenblick darauf ein, vergeistigend vom reichen und armen Mann zu reden. Wo |467 von dieser Sache vergeistigend geredet wird, da hat Europa Ruhe271, und Alles kann weitergehen wie bisher. Darum redet Jakobus jetzt nicht minder unzweideutig und unvergeistigt vom Reichen und Armen als solchen, sagt ausdrücklich von den Armen in der Welt: sie sind’s, die Gott erwählte als Reiche im Glauben und Erben des Rei- ches, das er denen verheißen, die ihn lieben, und wiederum von den Reichen als solchen: sie verfolgen euch, sie schleppen euch vor die Gerichte, sie lästern den großen Namen, der über euch ausgesprochen ist. Man entzieht sich dem eigentümlichen Ernst, mit dem nun eben Jakobus redet, man hat nur die Möglichkeit, ihn gar nicht zu verstehen, wenn man ihn hier nicht wörtlich verstehen, wenn man nun auch in diese Worte, in denen von Vorbehalt keine Rede ist, einen Vorbehalt hineinlesen will, wie man ihn 100 in das Gleichnis vom armen Lazarus [Lk. 16,19-31] und in die andern nun einmal unerbittlich in diese Richtung weisenden Worte des Neuen Testaments unermüdlich hineinzulesen pflegt. Jakobus sagt freilich bei allem Radikalismus, mit dem er diese Umkehrung verkündigt, etwas sehr Bestimmtes. Er sagt V. 5 nicht: die Armen, alle Armen sind als solche Erwählte Gottes. Sondern er sagt: die Gott erwählt, sind unter allen Umständen die Armen, in ihrer Eigenschaft als solche, nicht auf Grund irgend einer Tugend, auch nicht auf Grund dessen, dass sie ihn lieben, zu solchen werden sie ja vielmehr erwählt. Solche, die ihn lieben, und also «Reiche im Glauben und Erben des Reiches» sind sie, weil Gott sie in ihrer Eigenschaft als Arme erwählt hat. Sollte Gott gar keine Reichen erwählen? Jakobus schweigt. Und was sollten wir in seinem Sinn Anderes antworten können als: sicher nicht in ihrer Eigenschaft als Reiche. Er sagt ja auch V. 6-7 nicht: Gott verwirft die Reichen, sondern: die Reichen sind die, die euch verfolgen usw. Aber eben das sagt er auch ohne allen Vorbehalt. Größe in der Welt und vor der Welt, wie sie die Reichen in besonders bezeichnender Weise besitzen, diese Größe ist als solche ein Attentat, das Attentat auf das, was die Christen groß macht. Von der Macht des Mammons ist grundsätzlich nur Feindschaft gegen Christus zu erwarten. In seiner Eigenschaft als Reicher |469 wird keiner ins Himmelreich kommen. Sein Reichtum kann ihm eben nur vergeben werden. Das Wunder von dem durchs Nadelöhr gehenden Kamel müsste dann geschehen [vgl. Mt. 19,24 par.]. Dem Armen aber muss seine Armut nicht vergeben werden. Gerade das, was ihm in der Welt fehlt, was seinem πρόσωπον hier und jetzt abgeht, macht ihn Gott lieb. Man beachte: Nicht werden den feindseligen Taten des Reichen V. 6-7 etwa die tugendhaften und gläubigen Taten des Armen gegenübergestellt, sondern eben nur das ist V. 5 gesagt, aber das ist da gesagt: Die Gott erwählt, sind die Armen als solche. Wer erwählt wird, wird als Armer erwählt, in seiner Armut besteht seine Affinität zum Reichtum im Glauben. Dass er erwählt wird, das steht auch ihm gegenüber bei Gott, aber bei dem Gott, der sicher der Gott der Armen und nicht der Reichen ist, so gewiss er eben der ewige Gott und nicht der Gott dieser Welt ist.
Die Christen treten 101 aus der Analogie des göttlichen Tuns, auf Grund dessen sie sind, was sie sind, heraus, sie gefährden ihre eigene Aussicht auf das ihnen verheißene (aus Gnaden verheißene, auf Grund von Erwählung verheißene) Erbe, wenn sie es so halten wie sie es nach V. 2-4 halten. Aus ihrer Erwählung folgt – V. 8 – das «königliche Gesetz»: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Wenn ihr dieses Gesetz haltet, dann tut ihr wohl, d. h. dann bleibt ihr in der Analogie dessen, was Gott an euch getan hat. Gott hat den liebebedürftigen Menschen als solchen geliebt, das eben bedeutet die Affinität des Armen zu seiner Liebe. Diesen Armen Unehre antun V. 5, dagegen den Reichen als solchen auszeichnen, das ist unkirchliches, der göttlichen Erwählung nicht entsprechendes Tun, das ist eben Sünde V. 8.
Hier mündet nun die Erörterung des Jakobus in die des Grundsätzlichen, die wir in unserer Erklärung vorweggenommen haben. Aber in V. 13 taucht unverkennbar der Anlass selbst noch einmal auf: Was Jakobus von den Lesern will, das ist Erbarmen. Alles Andere bringt ins Gericht? Warum? Weil es ein Nicht-Bedenken der göttlichen Erwählung bedeutet. Erbarmen ist das Eingehen auf Gottes Ansicht von der Welt. In einem menschlichen Tun, das auf das göttliche des Erbarmens Antwort gibt, triumphiert dieses selbst und rettet uns.