1914

Nochmals die letzte Sitzung der aargauischen reformierten Synode

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NOCHMALS DIE LETZTE SITZUNG DER
AARGAUISCHEN REFORMIERTEN SYNODE

1914

Einleitung s. oben S. 3–5.

Nochmals die letzte Sitzung der
aargauischen reformierten Synode

Die Herren F. und Pfarrer Rich. Preiswerk sind mit meinem Bericht nicht einverstanden gewesen. Er sei «einseitig», die Sache sei nicht so schlimm und ich hätte lieber vorher selber etwas tun als nachher schimpfen sollen. Das letztere Argument klingt wirkungsvoll, aber damit könnte man noch manche Kritik zum Schweigen bringen. Ob es in diesem Fall mit Recht angewandt wurde, das dürfte davon abhängen, ob eine praktische Möglichkeit vorlag, selber etwas zu tun resp. zu erreichen in der von meinem Antikritiker gewünschten Weise. Ich bestreite das. Ganz abgesehen davon, dass die bewusste Sitzung der «Rechten und der Mitte» unbegreiflicherweise auf einen Tag der Karwoche angesetzt war, weiß Herr Pfr. Preiswerk doch wohl so genau als ich, dass weder in der Vorversammlung noch im Plenum mit der Aufstellung einer Kampfkandidatur ein Erfolg zu erzielen gewesen wäre. Folgt daraus, dass ich mich auch nachher schweigend in das Unabänderliche hätte fügen sollen? Darf man nur dann kritisieren, wenn man selber der starke Mann ist, die Sache besser zu machen? Es wundert mich überhaupt, was das für einen Wert haben soll, statt von der Sache soviel von K. B. und von dem, was er hätte tun und lassen sollen, zu reden. Die Sache, auf die es ankommt, die Frage, die ich einmal so deutlich als möglich aufwerfen wollte, ist die, was das eigentlich für ein Geist sei, der in der aargauischen Synode regiert, der Geist, der aus den Reden der Herren X. Y. Z. (ich will ihre Namen nicht noch einmal preisgeben) spricht, die Gesinnung, die sich in der zweimaligen Verunmöglichung des Eintretens auf die Spielbanksache, in der gedankenlosen Parole: «Die Bisherigen» äußerte. Diese Art wollte ich an den Pranger stellen in einer Weise, dass man im Aargau einmal unmissverständlich merken solle, sie sei nicht für jedermann so herrlich und selbstverständlich. Die bewussten Vorgänge, in denen sie sich in der letzten Zeit äußerte, habe ich wirklich weniger an sich, als eben als Äußerungen und Symbole jenes Geistes zum Gegenstand meiner Kritik gemacht. Das werden doch wohl eine Anzahl Leser |34 instinktiv oder sonst so aufgefasst haben. Das Unerfreuliche, das hinter diesen Vorgängen steht, bleibt dasselbe, gleichviel, ob man für sie selber ein bisschen mehr oder weniger historisches Verständnis aufbringt, sie ein bisschen schärfer oder milder beurteilt. Zwar muss ich besonders der harmlosen Beleuchtung, in die Herr Pfr. Preiswerk die Behandlung der Spielbanksache jetzt rückt, energisch widersprechen. Wenn der Wille da gewesen wäre, sich gegen die Spielsäle und für die Initiative auszusprechen, so hätte sich auch ein Weg dazu gefunden, trotzdem die Sitzung eine sogenannte konstituierende war. So etwas ist doch nicht ein ernsthaftes Hindernis, wenn man will. Aber man wollte einfach nicht: wenn man gewollt hätte, so hätte über diese selbstverständliche Sache weder eine lange, noch eine kurze, sondern überhaupt keine Verhandlung stattgefunden, man hätte einfach beschlossen und wäre rechtzeitig nach Hause gekommen und vor allem mit ruhigem Gewissen. Aber man wollte nicht, das ist’s, und da war jenes formale Gründlein gut genug. Ist es wirklich auch für Herrn Pfr. Preiswerk gut genug? Doch wie gesagt: Das mag auf sich beruhen. Die Initiative wird ihren Weg gehen auch ohne den Segen der aargauischen Synode. Nicht um diese Dinge handelt es sich für mich, sondern um den sonderbaren herrschenden Geist in unserer Kirchenversammlung. Schade, sehr schade, dass meine Antikritiker auf diese Hauptfrage nicht eingetreten sind!

Aber, bedeutet man mir, man könne diesem Geist auch anders begegnen als auf meine Weise. Zugegeben, man kann auch anders, und ich übe mich gelegentlich auch in andern Tonarten. Aber dass die sanfte, diplomatisch gemessene, alles psychologisch und historisch verstehende oder verzeihende Art die allein rechte sei, das kann ich wieder nicht zugeben. Es gibt Zeiten in der Kirchengeschichte, in denen eine ruhige, alle Gegensätze in sich verwischende und vereinigende Entwicklung normal war, und wieder andere, in denen um der innern Wahrhaftigkeit willen das nötig wurde, was ich vielleicht mehr onomatopoetisch als streng sachlich mit dem Worte «Krach» bezeichnet habe. Auf Grund meiner Eindrücke bin ich der Überzeugung, dass gegenwärtig im Aargau das offene ehrliche Hervortreten gewisser unversöhnlicher Gegensätze heilsamer wäre als das ewige Ausgleichen und Vereinigenwollen um jeden Preis. Was ich mit dieser meiner Ansicht kirchenpolitisch anfangen soll, das weiß ich freilich |35 vorläufig nicht – und es kümmert mich nicht einmal. Aber das weiß ich: Gegenüber dem hohlen, gefühls- und redeseligen religionsähnlichen Optimismus, den ich meine, ist der Frontalangriff besser am Platz als alles Andere. Mag sein: «Der Alte ist milder» [Lk. 5,39] – aber dass gerade Herr Pfarrer Rich. Preiswerk für diese meine Methode diesem Feind gegenüber so wenig Verständnis zeigt, sie als Rumor und Händelsucht absucht1, das wundert mich eigentlich. Die Aargauer werden es ihm Dank wissen, dass er mich so kräftig abgeschüttelt hat, aber ob er damit der Sache, in der ich mich trotz allem mit ihm eins weiß, einen Dienst erwiesen hat, das wird nun abzuwarten sein.

Sachfußnoten

1
Versehentlich statt: «abtut».↩