1914

Was uns die Bibel ist

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WAS UNS DIE BIBEL IST

1914

Schöftland ist etwa 7 km südöstlich von Safenwil gelegen. Dort war Robert Epprecht (1889–1976) Pfarrer, mit dem Barth u. a. in der Initiative gegen die Glücksspielhäuser verbunden war. Zum Bibel- und Missionsfest am Himmelfahrtstag, 21. Mai 1914, trugen laut Barths Eintrag in seinem Pfarrerkalender bei: «Epprecht, ich über Bibel, Leonhardt über Mission, Haller».

Aus einem Bericht im «Monatsblatt für das reformierte Volk des Aargaus 📖»1 erfahren wir, dass – nach dem Begrüßungswort des Ortspfarrers – Barth «in anschaulichem Gleichnis» vorführte, «wie die Bibel uns die nie versiegende Quelle des Lebens wird», wobei sich die «heilsame Wirkung des Wortes Gottes […] erst im gehorsamen Tun, nicht in Gemütsbewegungen und Gefühlswallungen» vollende. «Ein Basler Missionar [Karl Leonhardt], im Dienst an den Heiden ergraut, aber noch in voller Rüstigkeit auf seinem Posten als Missionsprediger des Aargau, erzählte hierauf, wie gegenwärtig in China eine Erntezeit für unsere Arbeit anbricht, die es […] zu benützen gilt.» Der Schlussredner, Pfarrer Traugott Haller aus Kölliken, zeigte die «Missionsarbeit der Christenheit» als «die erfreulichste Erscheinung der Gegenwart und ihre großartigste Unternehmung»: «Auch hier sehen wir eine Lebensquelle in Bewegung und wenn wir hineinsteigen, erfahren wir ihre belebende Kraft.»

Was uns die Bibel ist

(Bibel[-­] u[nd] Missionsfest in Schöftland 21. V 14)

Ohne Bibel wir hier nicht beieinander; nicht Kirche, nicht Mission, nicht so manche Stunde der Erbauung. Aber ich will nicht von dem Buch reden auf das K[irche], M[ission] u. E[rbauung] sich gründen, so wichtig das ist

37 Darf ich ein Gleichnis brauchen: Teich Bethesda, Wasser bewegt, der erste der hineinsteigt [vgl. Joh. 5,2–9]. Das ist die Bibel[.] Eine Quelle: der spitzfindig zu erstudierenden Lehren? Nein, darüber streiten sich die Pharis[äer] u. Schriftgelehrten u. versäumen die Hauptsache. Sondern der tiefsten Gotteskräfte, die die M[enschen] immer wieder gesund u. stark u. froh machen. Erzählt uns von Helden, und von ihrem König[,] groß nicht durch Macht u. Reichtum, aber durch ihre Gemeinschaft mit Gott. So werden sie uns selbst zu einer Offenb[arun]g Gottes

Das Wasser regt sich: es giebt Zeiten, wo diese Quelle bes[onders] lebhaft fließt. Die Helden der Bibel werden wieder lebendig u. mit ihnen die Gotteskräfte. Paulus in Luther, Mose in Calvin. Der Gekreuzigte in unzähligen Duldern. Die Bibel ist die lebendigste Macht, die die Welt immer wieder revolutioniert. Denn mit dem Allen erwacht immer auch etwas Neues: Bibel leitet an zum tiefern Erfassen der Wahrheit, zum Protest gegen das Unrecht, zum Stellen neuer Aufgaben, zum Tragen u. Überwinden alles Leides. So auch im persönl[ichen] Leben.

Sind wir bereit dazu? Vielleicht ist uns die B[ibel] nur ein altes Buch oder ein erbaulicher Schmuckgegenstand, vielleicht lesen wir darin, ohne Erfolg zu spüren. Dann hilft sie uns nicht, und wenn wir in der größten Zeit lebten.

Es braucht nicht viel: einen aufrichtigen Sinn, den Willen sich helfen zu lassen, die Fähigkeit die gebotene Hand zu ergreifen

Wo Beides ist[,] das Quellen unter dem Einfluß des Gottesgeistes und die Bereitschaft[,] erleben wir die Offenbarung, da fließen die Gotteskräfte aus der alten Zeit herüber in unsre Lage[,] unser Leben[,] unsre Verhältnisse.

Was sind das für Gotteskräfte

Die Liebe zu Gott, zum Höchsten, der sich stufenweise kundgetan als der Allmächtige, als der König Israels, als der liebende Vater aller Menschen.

Das ist das Beste für uns: Richtung, Licht, Kraft

Die Liebe zu den Brüdern. Auch sie enthüllt sich allmählich als das Wesentliche des Lebens: Familie, Volk, Glaubensgenossen, alle Menschen. Innerlich u. äußerlich. Teilweise Hilfe. Alles neu. Und das Alles aus Gott [vgl. 2.Kor. 5,17f.]

38 Der Führer durch Enttäuschung u. Schwachheit: Jesus

Gotteskräfte in der Natur. Hinein in unser Leben u. in unsre Verhältnisse! Die Bibel giebt sie.

Was braucht es dazu: neue Regungen des Gottesgeistes, der die Bibel reden macht. O daß das Feuer …2

Und bereit sein ist Alles …3

Sachfußnoten

1
Jg. 24, Nr. 6 (Juni 1914), S. 42f. 📖↩
2
Vgl. den Anfang der 2. Strophe des Chorals: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von Karl Heinrich von Bogatzky: «O dass dein Feuer bald entbrennte …» (GERS [1891] 162; EG 241; vgl. RG [1998] 797) 🎵.↩
3
Anspielung auf Hamlets «The readiness is all»: W. Shakespeare, The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark, 5. Akt, 2. Szene 📖.↩